Zur Glaubwürdigkeit Heinrich Schaumanns' Mordgeschichte in Wilhelm Raabes Werk 'Stopfkuchen'


Seminararbeit, 2006

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Fragestellung

2. Für die Glaubwürdigkeit Heinrich Schaumanns Mordgeschichte
2.1 Biographische Parallelen zu Wilhelm Raabe
2.2 Das Knochen - Motiv
2.3 Die Entwicklung des Roman-Helden

3. Gegen die Glaubwürdigkeit Heinrich Schaumanns Mordgeschichte
3.1 Anspielungen auf den Zeitgenossen Heinrich Schliemann
3.2 Das Baron-Münchhausen-Motiv
3.3 Brüchige Beweisführung Schaumanns
3.4 Valentines Anspielungen

4. Motive Wilhelm Raabes zu der Darstellung Heinrich Schaumanns
4.1 Subjektive Motive Raabes
4.2 Kritik am Philistertum

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Erklärung

1. Fragestellung

Die Frage nach der Glaubwürdigkeit Schaumanns, die lange Zeit als gegeben betrachtet wurde, wird in der neueren Forschungsliteratur zunehmend in Frage gestellt. Diese Arbeit soll die von Heinrich Schaumann aufgeklärte Mordgeschichte hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit analysieren, und aufdecken, inwiefern die Titelfigur hier objektiv und glaubhaft vorgeht. Die Arbeit gliedert sich in vier Teile. Zuerst sollen Argumente dafür gesucht werden, dass die Version Schaumanns der Wahrheit entspricht und er für eine glaubwürdige Roman-Figur gehalten werden kann. Hierbei ist es wichtig zu sehen, dass viele Details aus Schaumanns Leben dem Raabes übereinstimmen. So stellt sich die Frage, ob Raabe hier ein Abbild seiner Selbst konstruieren wollte. Dies würde sicherlich bedeuten, dass er sich nicht selbst als einen „Lügner“ darstellen würde. Auch werden das Knochen-Motiv und die Entwicklung Stopfkuchens erläutert werden müssen, um die erste Fragestellung ausreichend zu klären. Des weiteren sollen Argumente gegen die Glaubwürdigkeit der Mordversion gefunden werden. Hier wird besonders auf die Anspielungen auf den Zeitgenossen Raabes Heinrich Schliemann eingegangen, der schon aufgrund seines Namens mit Heinrich Schaumann verglichen werden muss, aber auch sonst eine Reihe interessanter Analysepunkte bietet. Außerdem soll hier auf das Münchhausen-Motiv, sowie auf die eher brüchige Beweisführung Schaumanns eingegangen werden. Auch die Meinung Valentines, die sich, wenn es um die Mordgeschichte geht, eher von Stopfkuchen distanziert, soll nicht unberücksichtigt bleiben. Um klären zu können, inwiefern Schaumann als glaubwürdige Figur gelten kann, muss man außerdem die Intentionen des Autors betrachten. So werden folgend Raabes subjektive Motive herauskristallisiert und auf die Kritik am Philistertum gesondert eingegangen. Abschließend werden die ausgeführten Argumente gewertet und ein Fazit gezogen. Hier soll sodann die Frage der Glaubwürdigkeit der Mordgeschichte geklärt werden.

2. Für die Glaubwürdigkeit Heinrich Schaumanns Mordgeschichte

In der Forschung wurde lange Zeit die Glaubwürdigkeit Schaumanns als gegeben betrachtet. Es gibt eine Reihe von Indizien, die uns dazu veranlassen, Schaumann als einen seriösen Berichterstatter anzusehen. Im Folgenden sollen diese aufgeführt und analysiert werden.

2.1 Biographische Parallelen zu Wilhelm Raabe

Um die Glaubwürdigkeit Schaumanns zu beweisen, ist es wichtig aufzuzeigen, wie dieser im Roman dargestellt wird. Ein wichtiger Analysepunkt ist hier die Tatsache, dass das Leben Schaumanns in vielen Lebensabschnitten dem von Wilhelm Raabe[1] gleicht. Beide erleben eine weniger befriedigende, einsame Kindheit. Raabe verliert schon früh seinen Vater, Schaumann verbringt seine Kindheit und Jugend als Außenseiter. Beide haben Schwierigkeiten in der Schule und nach dem mehr oder weniger geglückten Abitur keine rechten Vorstellungen über ihre weitere berufliche und private Zukunft. Raabe versucht sich zum Beispiel in Jura, Medizin und Theologie um über Umwege der Schriftstellerei zu verfallen. Schaumann geht ebenfalls zum Studieren davon, bricht sein Studium aber ab, und kehrt in seine Heimat zurück. Nach seinen Studierversuchen in Berlin beginnt Raabe im November 1954 mit seinem ersten Roman „Die Chronik der Sperlingsgasse“[2] und beginnt hier seinen ganz persönlichen Lebensweg. So auch Schaumann, der ebenfalls nach missglücktem Studium ein Leben auf der „Roten Schanze“ vorzieht, wo er seinen ganz eigenen Lebensstil leben kann. Beide haben Erfolg auf ihrem persönlich gewählten Lebensweg; Raabe als Schriftsteller und Schaumann als Hofverwalter. Diese Parallelen lassen vermuten, dass die Bedeutung des Romans für Raabe eher persönlich als kommerziell war. Dies bezeugen auch hinterlassene Briefe des Autors. In einem Brief vom 17. November 1890 schrieb Raabe an Edmund Sträter:

„…und nachher sagen Sie es vielleicht den Leuten, wer da eigentlich unter der Hecke lag und die rothe Schanze erobert hat und heute von ihr auch so die Welt um sich liegen sieht! Dies ist mein wirklich subjektives Buch…“[3]

Ebenso in einem Brief vom 13. März 1892 an Paul Heyse, in dem Raabe seine ganz eigene Symbolik des Romans offenbart:

„Nehmen sie die rothe Schanze als die deutsche humoristische Weltanschauung und den dicken Schaumann als den dürren Raabe, so haben Sie eine ganz feine Symbolik!“[4]

Diese aufgeführten Aspekte lassen darauf schließen, das Raabe hier im Kern ein Abbild seiner Selbst liefert. Da sich ein Autor wohl kaum selbst als einen „Lügner“ darstellt, muss davon ausgegangen werden, dass die Mordgeschichte so, wie sie Raabe Schaumann erzählen lässt, in sich schlüssig ist.

2.2 Das Knochen- Motiv

Die Metaphorik des Ausgrabens spielt im Stopfkuchen eine wichtige Rolle. Schaumanns Faszination gilt der Archäologie. Hier passt er sich, im Gegensatz zu seinen sonstigen Lebenseinstellungen, seiner Zeit an. Wir können im 19. Jahrhundert durchaus eine Entwicklung der zeitgenössischen Forschung, sowie eine aufblühende Lokal- und Heimatforschung festmachen. Schaumann, der sonst als Außenseiter auf der Roten Schanze lebt, passt sich hier einem Zeitphänomen an. Dieser Umstand alleine sorgt dafür, dass wir uns dieses von Raabe gewählte Motiv genauer anschauen müssen. Auch wenn Schaumann sonst ein Außenseiter ist, dem kaum Gehör verschafft wird, so muss man diese seine Liebhaberei ernst nehmen. Nicht nur Knochen werden von Schaumann ausgegraben. Er gräbt in seiner Vergangenheit; in seiner Jugend. Zwischen den gefundenen Mammutknochen aus der Vergangenheit und den gefundenen Kuhknochen aus der Gegenwart liegt der Mord an Kienbaum. Diesen gräbt er wieder aus um ihn dem gesamten Dorf noch einmal vorzuhalten. Diese „Knochen der jüngeren Vergangenheit“[5] sind also zentraler Mittelpunkt in seinem Leben. Er interessiert sich für die Geschichte, also für historische Ereignisse oder Tatsachen, die tatsächlich so geschehen sind. Also müsste man meinen, dass er keinen Grund hat, sich eine Geschichte auszudenken und diese zu verbreiten, wenn sie sich nie wirklich so ereignet hat. Warum Raabe für Schaumann dieses Interessengebiet wählt, erklärt er selbst in einer Aussage über den zeitgenössischen Archäologen Heinrich Schliemann, auf den noch in Kapitel 3.1. näher eingegangen werden soll: „Der, ich meine den Mann von Hissarlik, hat übrigens auch Knochen der Vorwelt aufgegraben und die Philister von Brummersumm auf den Spieß laufen lassen…“[6] Mit seinem Interesse für frühzeitliche Überreste und seine Begeisterung für den Siebenjährigen Krieg stellt er Gegenwärtiges in ein historisches Bezugsfeld. Katharina Grätz assistiert Schaumann „Verknüpfungsfähigkeit“[7], welche ihn wiederum dazu befähigen sollte, eine Mordgeschichte logisch zu hinterfragen und schlüssig zu rekonstruieren. Abschließend kann man sagen, dass das Knochen-Motiv ein Indiz für Schaumanns Glaubwürdigkeit ist.

[...]


[1] vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Raabe. Stand: 02.10.2006. 15:44h.

[2] vgl. Wilhelm Raabe: Die Chronik der Sperlingsgasse. Stuttgart 1997.

[3] vgl. Wilhelm Raabe: Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte. Stuttgart 2004. S. 227.

[4] vgl. Karl Hoppe: Wilhelm Raabe. Beiträge zum Verständnis seiner Person und seines Werkes. Göttingen 1967.

S. 53.

[5] vgl. Wilhelm Raabe: Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte. Stuttgart 2004. S. 94.

[6] vgl. Wilhelm Raabe: Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte. Stuttgart 2004. S. 214.

[7] vgl. Katharina Grätz: Alte und neue Knochen in Raabes „Stopfkuchen“. In: Jahrbuch der Deutschen

Schillergesellschaft. Jahrgang 1998. S. 264.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zur Glaubwürdigkeit Heinrich Schaumanns' Mordgeschichte in Wilhelm Raabes Werk 'Stopfkuchen'
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Proseminar "Wilhelm Raabe"
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V71897
ISBN (eBook)
9783638686426
ISBN (Buch)
9783638747523
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Glaubwürdigkeit, Heinrich, Schaumanns, Mordgeschichte, Wilhelm, Raabes, Werk, Stopfkuchen, Proseminar, Wilhelm, Raabe
Arbeit zitieren
Natascha Weimar (Autor), 2006, Zur Glaubwürdigkeit Heinrich Schaumanns' Mordgeschichte in Wilhelm Raabes Werk 'Stopfkuchen', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71897

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