Es ist heutzutage kaum zu bestreiten, dass das ganze Europa mehrsprachig ist. Deutschland bildet da keine Ausnahme: Es bestehen zahlreiche Mischehen, Emigrantenfamilien pflegen ihre Landessprachen. Einwanderer und ihre Kinder, die nach Deutschland kommen, müssen sich den neuen Bedingungen anpassen, auch in sprachlicher Hinsicht. Das Kontingent der Schüler an deutschen Schulen ist alles andere als homogen. In dieser Situation stellen sich Eltern und viele Lehrer die Frage, wie man solchen Kindern gegenüber sprachlich verhält und wie man mit der Muttersprache der Kinder umgeht. Nicht selten sind Fälle, bei denen Eltern in Deutschland auf die zweisprachige/mehrsprachige Erziehung der Kinder verzichten, um gleichsam die deutsche Sprache bei den Kindern nicht zu „benachteiligen" oder zu „stören“. Eine zweisprachige Kindererziehung ist bis heute mit vielen Vorurteilen verbunden. Das Ziel dieser Arbeit ist es deshalb, bilinguale Spracherwerbsprozesse zu erklären und zu veranschaulichen, dass Zweisprachigkeit nicht schädlich ist, wenn man das Kind richtig fördert.
Um an das Problem der Zweisprachigkeit heranzugehen, wird die Arbeit nach dem folgenden Plan aufgebaut: man fängt mit allgemeinen Spracherwerbs- und Sprachentwicklungstheorien (Kapitel 2). Das ist unerlässlich, denn Spracherwerbsprozesse verlaufen bei ein- und mehrsprachigen Kindern identisch. Hier werden Prozesse der Lauterzeugung und Wortschatz- und Grammatikentwicklung behandelt. Auch ein kurzer Überblick der allgemein geltenden Spracherwerbstheorien ist vorhanden (Behaviorismus, Nativismus, kognitive Theorie und die Theorie der Interaktion). Danach werden der bilinguale Spracherwerb und seine Spezifika genauer betrachtet (Kapitel 3). Grundbegriffe und das Wesen der Zweisprachigkeit werden erläutert, eine allgemeine Charakteristik des zweisprachigen Individuums wird gegeben. In den darauf folgenden Kapiteln (Kapiteln 4-7) wird auf die mit der Zweisprachigkeit verbundenen Erscheinungen eingegangen. Darunter sind Überlegungen über die Intelligenz der Bilingualen (Kapitel 4), modernen Gehirnforschungen im Bereich Bilingualität (Kapitel 5), Besonderheiten der bilingualen Erziehung von frühem Kindesalter bzw. von der Geburt an (Kapitel 6), Begleiterscheinungen der Zweisprachigkeit - Interferenz und Code-switching (Kapitel 7).
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Spracherwerb allgemein
Lauterzeugung
Die Entwicklung des Wortschatzes
Spracherwerbstheorien. Kurzer Überblick
3 Bilingualer Spracherwerb: Definitionen und Grundbegriffe
3.1 Allgemeine Charakteristik von Bilingualen
3.2 Sprachmoden
4 Zweisprachigkeit und Intelligenz
5 Neurowissenschaftliche Untersuchungen im Bereich „frühbilinguale Entwicklung“
6 Spracherwerb im frühen Kindesalter
7 Interferenz und Code Switching
8 Untersuchungen/Beobachtungen an zweisprachigen Kindern
9 Beispielsanalysen
9.1 Aufnahme 1. Vivien
9.2 Aufnahme 2. Christine.
9.3 Aufnahme 3. Nastja
9.4 Aufnahme 4. Violetta
9.5 Aufnahme 5. Max
9.6 Auswertung der Analysen.
10 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, bilinguale Spracherwerbsprozesse bei Kindern theoretisch zu erklären und anhand praktischer Fallbeispiele zu veranschaulichen, dass eine zweisprachige Erziehung nicht schädlich ist, sondern bei korrekter Förderung die kognitive Entwicklung des Kindes positiv beeinflusst.
- Theoretische Grundlagen des allgemeinen und bilingualen Spracherwerbs
- Zusammenhang zwischen Zweisprachigkeit und Intelligenzentwicklung
- Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zur frühkindlichen Mehrsprachigkeit
- Phänomene des Sprachkontakts: Interferenz und Code Switching
- Empirische Fallanalysen von Kindern aus russischsprachigen Familien
Auszug aus dem Buch
3 Bilingualer Spracherwerb: Definitionen und Grundbegriffe
Um Missverständnisse und Unstimmigkeiten im weiteren Verlauf der Arbeit zu vermeiden, sind in diesem Kapitel einige Grundbegriffe zu erläutern. Das ist notwendig, weil manche Termini und sprachwissenschaftliche Ausdrücke nicht eindeutig sind und von verschiedenen Forschern unterschiedlich definiert werden.
Man stößt auf z.B. Schwierigkeiten, wenn man Begriffe „bilingual“ bzw. „zweisprachig“ zu bestimmen versucht. Zweisprachigkeit könnte kollektiv sein und sich auf eine Bevölkerungsgruppe oder ein Land beziehen (z.B. Kanada). In dieser Arbeit steht aber der individuelle Bilingualismus im Mittelpunkt und bezeichnet ganz allgemein die Fähigkeit eines Individuums, sich in zwei Sprachen zu verständigen. Sprachforscher sind leider nicht darüber einig, wie stark die beiden Sprachen bei einem Bilingualen ausgeprägt sein sollten. Macnamara (1969) schlägt vor, denjenigen für bilingual zu halten, der „in der Lage ist, eine zweite Sprache in einem nur minimalen Ausmaß zu sprechen, zu schreiben, zu verstehen oder zu lesen.“ [Fthenakis u.a. 1985:15] Nach dieser Definition ist mittlerweile fast die ganze Welt zwei- oder sogar mehrsprachig. Jeder von uns besitzt eine Kompetenz, um einen Fremden zu begrüßen, ja/nein zu sagen, einige Wörter aus der Sprache der „Nachbarn“ zu schreiben bzw. zu lesen.
Viel sinnvoller erscheinen Definitionen von Wissenschaftlern, die großen Wert auf das Ausmaß der Beherrschung legen. Z.B. Zweisprachig sei der jenige, der vollständige sinnvolle Äußerungen in der anderen Sprache produzieren kann – „…at the point where the speaker of one language can produce complete , meaningful utterances in the other language“ [Haugen, 1953:66]
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz der Mehrsprachigkeit im heutigen Europa ein, benennt zentrale Vorurteile gegenüber zweisprachiger Erziehung und definiert das Ziel der Arbeit sowie den methodischen Aufbau.
2 Spracherwerb allgemein: Dieses Kapitel erläutert die Phasen des natürlichen Spracherwerbs von der Lauterzeugung bis zum komplexen Satzbau und gibt einen Überblick über klassische Spracherwerbstheorien.
3 Bilingualer Spracherwerb: Definitionen und Grundbegriffe: Hier werden zentrale Fachbegriffe wie „Bilingualismus“, „Muttersprache“ und „Frühbilingualität“ differenziert und definiert, um eine wissenschaftliche Basis für die Arbeit zu schaffen.
4 Zweisprachigkeit und Intelligenz: Das Kapitel setzt sich kritisch mit historischen und modernen Studien auseinander, die den Zusammenhang zwischen zweisprachigem Aufwachsen und der kognitiven Leistungsfähigkeit bzw. Intelligenz des Kindes untersuchen.
5 Neurowissenschaftliche Untersuchungen im Bereich “frühbilinguale Entwicklung”: Hier werden Erkenntnisse aus der Gehirnforschung vorgestellt, die zeigen, wie sich die funktionelle Organisation des Gehirns bei früh- im Vergleich zu spätbilingualen Personen unterscheidet.
6 Spracherwerb im frühen Kindesalter: Dieses Kapitel beleuchtet spezifische neuronale Prozesse und soziale Rahmenbedingungen beim Spracherwerb von Kleinkindern sowie die Problematik der Sprachverweigerung.
7 Interferenz und Code Switching: Der Text beschreibt die Auswirkungen des Sprachkontakts im Gehirn, erklärt die Entstehung von Interferenzen sowie die Funktionen des Code Switchings als bewusste Kommunikationsstrategie.
8 Untersuchungen/Beobachtungen an zweisprachigen Kindern: Hier werden etablierte wissenschaftliche Studien von Kielhöfer/Jonekeit sowie Annick de Houwer vorgestellt, die als methodisches Muster für die eigenen Analysen dienen.
9 Beispielsanalysen: In diesem praktischen Hauptteil werden fünf konkrete Fälle von Kindern aus russischsprachigen Familien transkribiert und linguistisch hinsichtlich Aussprache, Wortschatz und Grammatik analysiert.
10 Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel fasst die wesentlichen Ergebnisse der Arbeit zusammen und bestätigt, dass bilinguale Erziehung bei entsprechender Förderung keine Entwicklungsstörung darstellt.
Schlüsselwörter
Zweisprachigkeit, Bilingualismus, Spracherwerb, Frühbilingualität, Interferenz, Code Switching, Erstsprache, Zweitsprache, Kognitive Entwicklung, Sprachkontakte, Muttersprache, Familiensprache, Sprachverweigerung, Sprachförderung, Psycholinguistik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Prozessen des bilingualen Spracherwerbs bei Kindern, die mit zwei Sprachen gleichzeitig oder zeitversetzt aufwachsen, und untersucht deren sprachliche Entwicklung sowie die kognitiven Auswirkungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Spracherwerb an sich, die Definition und Klassifizierung von Bilingualität, die Rolle der Intelligenz bei zweisprachigen Kindern, neurophysiologische Grundlagen der Gehirnorganisation sowie die Begleiterscheinungen Interferenz und Code Switching.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist es, Vorurteile abzubauen und aufzuzeigen, dass Zweisprachigkeit bei richtiger Förderung und natürlichem Kontext nicht schädlich ist, sondern die sprachliche und kognitive Entwicklung des Kindes aktiv unterstützen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin kombiniert eine fundierte theoretische Literaturanalyse mit einer empirischen Beobachtungsstudie, in der sie Aufnahmen von fünf zweisprachigen Kindern aus russischsprachigen Familien transkribiert und linguistisch auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Kapitel zu Spracherwerbstheorien und Bilingualismus sowie praktische Kapitel, in denen konkrete Beobachtungsstudien und transkribierte Gespräche mit Kindern präsentiert und analysiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Bilingualismus, Frühbilingualität, Spracherwerb, Interferenz, Code Switching und kognitive Entwicklung.
Warum ist die Unterscheidung zwischen „Spracherwerb“ und „Sprachlernen“ so wichtig?
Die Arbeit betont, dass „Erwerb“ ein natürlicher, ungesteuerter Prozess ist, der für frühbilinguale Kinder charakteristisch ist, während „Lernen“ ein unterrichtlich gesteuerter Vorgang ist. Dieser Unterschied ist entscheidend für das Verständnis, warum Kinder Sprachen unterschiedlich schnell und mühelos beherrschen.
Welche Rolle spielt das Alter beim Zweitsprachenerwerb?
Nach der Arbeit ist der Zeitpunkt des Erwerbs entscheidend für die neuronale Speicherung. Früher Erwerb ermöglicht eine Integration der Sprachen in ein gemeinsames Netzwerk, während ein späterer Erwerb oft das Anlegen zusätzlicher, kognitiv aufwendigerer Netzwerke im Gehirn erfordert.
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- Tatjana Lewtschenko (Autor), 2006, Spracherwerb bei (früh)bilingualen Kindern, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71911