Eduard Mörikes: Mozart auf der Reise nach Prag (1855) - eine Form der Novelle?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1) Einleitung

2) Interpretationsversuch

3) Form- und gattungsgeschichtliche Aspekte

4) Motivik

5) Synästhesie

6) Zwischenbilanz

7) Ansätze

8) Zusammenfassung

Erklärung

Literatur- und Quellenverzeichnis

1) Einleitung

Der Titel eine Werkes, das frei nach Mörikes Novelle Mozart auf der Reise nach Prag geschrieben wurde, lautet: Der Pomeranzendieb[1]. Auf den Inhalt dieses Textes von Oskar Seidat kann in diesem Zusammenhang nicht weiter eingegangen werden, trotzdem kann der Titel Der Pomeranzendieb als programmatisch für die Beschäftigung mit Mörikes Text gelten.

Die germanistische Forschung ist sich uneins darüber, in welche Schublade dieses Werk zu gehören hat. Muss es denn aber zwingend definiert und eingeordnet werden?

Die Literaturwissenschaft stellte und stellt sich die Frage, ob Eduard Mörike seinen Mozart-Text in der Form einer Novelle konzipiert hat (Indiz: Falkenmotiv) oder aber einen Text verfasst hat, der die Bezeichnung „Novelle“ nicht verdient, weil er nur aus aneinandergereihten Episoden zu bestehen scheint.

Dieser Frage soll anhand eines thesenartigen Interpretationsansatzes nachgegangen werden. Dazu gehe ich folgendermaßen vor: Um die Arbeit lebendig zu gestalten und den Argumentationsgang sichtbar zu machen, nutze ich diesen eigenen Interpretationsversuch, der sich dem Mörike-Text unbelastet von tiefschürfender Theorie nähert. Dieser Versuch soll mit anderen literaturwissenschaftlichen Ergebnissen verglichen und erweitert werden, so dass am Ende dieser Arbeit ein gut abgesicherter Interpretationsansatz stehen könnte. Zur Schaffung einer angemessenen theoretischen Basis für dieses Vorhaben, wird im Verlauf auch auf gattungsspezifische Aspekte der Novelle eingegangen.

2) Interpretationsversuch

Fragestellung: Ist Mozart auf der Reise nach Prag eine typische Novelle?

Edurad Mörikes Mozart auf der Reise nach Prag wurde zuerst 1855 im Morgenblatt für gebildete Leser (hg. v. Cotta) und 1856 (vordatiert) als Buch zu Mozarts 100. Geburtstag veröffentlicht. Im „Morgenblatt“ erschien der Text fortsetzend in vier Teilen, die von Mörike mit fünf Motti versehen wurden. Die Buchausgabe beinhaltet den gesamten Text ohne Zäsuren und die genannten Motti, auf die im Verlauf eingegangen werden wird.

Die Rahmenhandlung des Textes basiert auf Mozarts Reise nach Prag im Herbst des Jahres 1787; sie ist biographisch belegt und rekonstruierbar. Inhaltlich geht es um den Aufenthalt Mozarts und seiner Ehefrau Constanze bei der gräflichen Familie von Schinzberg, von der die Mozarts für einen Tag zur Rast aufgefordert werden – somit ist die Dauer der Handlung auf vierundzwanzig Stunden festgesetzt (erzählte Zeit)[2].

Die Mozarts und die Familie von Schinzberg lernen sich durch ein Ereignis kennen, das sich während eines Spaziergangs Mozarts im gräflichen Schlossgarten zuträgt: Er pflückt in Gedanken eine Pomeranze von einem kleinen Bäumchen und zerschneidet die Frucht. Dabei wird Mozart vom Gärtner beobachtet, der den Vorfall dem Grafen meldet. Nach kurzer Auseinandersetzung wird Mozart ins Schloss geladen, wo die Familie gerade die Verlobung der Nichte Eugenie feiert. Es entwickelt sich eine fröhliche Atmosphäre, die Mozart dazu animiert, aus seiner Oper Don Giovanni vorzuspielen. Die Anwesenden sind begeistert und wissen, dass ihnen etwas Außergewöhnliches zuteil wird. Besonders Eugenie ist ergriffen. Sie ist die Einzige, die Mozarts Genialität spürt, sich aber sogleich seines unausweichlichen und nahen Todes bewusst ist. Der Text endet mit Mozarts und Constanzes Aufbruch nach Prag am kommenden Tage.

Neben Mozart, Constanze und Eugenie sind auch der Graf von Schinzberg, seine Frau, die Tochter Franziska und Sohn Max bedeutende Figuren in Mörikes Text.

Erzählt wird die Geschichte von Mozarts Aufenthalt im Präteritum (Erzählzeit) aus einer heterodiegetischen und auktorialen Erzählperspektive. Diese plurale Perspektive[3] („Von der Mitte zweier großen, noch reichlich blühenden Blumenparterre, ging unser Meister nach den buschigen Teilen der Anlagen zu [...].“[4]) wird durch monologisierende Abschnitte („Durch wie viele Wälder“, sagte Mozart, „sind wir nicht heute, gestern und ehegestern schon passiert! [...].“[5]) aufgelockert.

Wie oben erwähnt, wurde Mörikes Text in Fortsetzung im Morgenblatt für gebildete Leser “in den Nummern 30-33, zwischen dem 22. Juli und dem 12. August des Jahres 1855“[6] abgedruckt. Diesen Textteilen stellt Mörike verschiedene Leitsprüche voran, die den Text zum einen gliedern, zum anderen interpretatorisch stützen sollen. Zum besseren Verständnis werden diese Motti im Folgenden wiedergegeben.

1) Dieser Leitspruch ist dem ersten Abschnitt („Im Herbst des Jahres 1787“ bis „Pappelallee von nicht sechshundert Schritten zum herrschaftlichen Garten führte“[7], vorangestellt:

„Wenn Mozart, statt stets für seine Freunde offene Tafel und Börse zu haben, sich eine wohlverschlossene Sparbüchse gehalten hätte, wenn er mit seinen Vertrauten im Tone eines Predigers auf der Kanzel gesprochen, wenn er nur Wasser getrunken und keiner Frau außer der seinigen den Hofe gemacht hätte, so würde er sich besser befunden haben und die Seinigen ebenfalls. Wer zweifelt daran? allein von diesem Philister hätte man wohl keinen Don Juan erwarten dürfen, ein so vortrefflicher Familienvater er auch geworden wäre.“ Oulibicheff.[8]

2) Der zweite Leitspruch ist dem Textteil („Mozart, nachdem man ausgestiegen“ bis „Bräutigam [...] als dieser zu reden fortfuhr“[9]) übergeordnet:

„Lasset heut am edlen Ort

Ernst und Lust sich mischen,

Geist an Herzen, Ton am Wort

Feierlichst erfrischen.

Froh genießet eurer Lage,

Denn man setzt nicht alle Tage

Sich zu solchen Tischen.“

Goethe[10]

3) Das dritte Motto besteht aus zwei Sprüchen und gehört zum Textteil („Es sind nun siebzehn Jahre her“ bis „Hut [...] der hatte seine Epoche passiert“[11]).

„The poets eye, in a fine frenzy rolling,

Doth glance from heaven to earth, from earth to heaven;

And, as imagination bodies forth

The forms of things unknown, the poet`s pen

Turns them to shapes, and gives to airy nothing

A local habitation, and a name.”

Shakespeare

“Dulce est despire in loco.”

Horaz[12]

4) Der letzte also vierte Erzählabschnitt reicht von („Haben wir Frau Constanze“ bis zur letzten Gedichtzeile und dem Ende des gesamten Textes „Das ich blitzen sehe!“[13]) Das Motto lautet:

„Leicht entzündbare Sinne und ein philosophischer Geist, ein von Zärtlichkeit überfließendes Herz und ein für den Calcul wunderbar organisierter Kopf; auf einer Seite Hang zum Vergnügen, eine Mannigfaltigkeit von Liebhabereien und Neigungen, welche ein sanguinisches Temperament charakterisieren, auf der anderen Seite diese Tyrannei einer ausschließlichen Leidenschaft, diese todbringende Übertreibung der geistigen Arbeit, welches die Attribute der melancholischen Temperamente sind – dieser Art ungefähr war Mozart, der unerklärbare Mensch, weil er der Universalmusiker war, der in allem andern als in seiner Kunst sich als der lebendige Widerspruch und die personifizierte Schwäche zeigte.“[14]

Oulibicheff

In diesem Abschnitt könnte nun über die möglichen Absichten Mörikes spekuliert werden, die er mit dem Voranstellen der o.g. Motti verfolgte.

Zwei weitere Fragen scheinen in diesem Zusammenhang aber viel wichtiger: Weshalb kommt die Buchfassung dieses Mörike-Textes ohne die Unterteilung in vier Abschnitte und die Leitsprüche aus, d.h. warum ist der Buchtext im Ganzen, ohne jegliche Unterbrechung abgedruckt und was hat diese Feststellung mit der Frage zu tun, ob es sich bei Mozart auf der Reise nach Prag um eine klassische Novelle handelt?

Die Unterteilung des Textes in vier Abschnitte könnte darauf hinweisen, dass es sich nicht um eine Novelle im klassischen Sinn handelt, weil der Text in dieser Druckform kein geschlossenes Ganzes ergibt und von Zeitungsfolge zu Zeitungsfolge neue „unerhörte Begebenheiten“ auftauchen. So würde Mozarts Reise nach Prag quasi in Etappen dargestellt und einem kleinen Reisetagebuch oder Roman ähneln, in dem wieder und wieder Erlebtes und Erinnertes protokolliert werden.

Nun sollten aber noch die Leitsprüche überprüft werden. Beim Blick auf die Verfasser der Motti wird eine Reihenfolge deutlich:

1. Motto: Oulibicheff
2. Motto: Goethe
3. Motto: Shakespeare und Horaz
4. Motto: Oulibicheff

[...]


[1] Vgl. hierzu: Seidat, Oskar: Der Pomeranzendieb. Rotenburg a.d. Fulda. o.J.

[2] Vgl. hierzu: Kiefer, Sascha: Mörike als Novellenheld – von Herrmann Hesse bis Peter Härtling. In: Bergold, Albrecht; Wild, Reiner (Hg.): Mörike-Rezeption im 20. Jahrhundert. Tübingen 2005, S. 59.

[3] „Die häufig verwendeten Wir-Formeln [...] [verdeutlichen], dass die Autor-Leser Kommunikation die gemeinsame Verehrung Mozarts voraussetzt.“ Aus: Kiefer, Sascha: Mörike als Novellenheld – von Herrmann Hesse bis Peter Härtling. In: Bergold, Albrecht; Wild, Reiner (Hg.): Mörike-Rezeption im 20. Jahrhundert. Tübingen 2005, S. 59.

[4] Mörike, Eduard: Mozart auf der Reise nach Prag. Stuttgart 2003, S. 18.

[5] Ebd. S. 4.

[6] Mayer, Birgit: Antriebskraft Tod. Eduard Mörike: „Mozart auf der Reise nach Prag“ (1855). In: Freund, Winfried (Hg.): Deutsche Novellen. Von der Klassik bis zur Gegenwart. München 1998, S. 145-154.

[7] Mörike, Eduard: Mozart auf der Reise nach Prag. Stuttgart 2003, S. 3-18.

[8] Mayer, Birgit: Antriebskraft Tod. Eduard Mörike: „Mozart auf der Reise nach Prag“ (1855). In: Freund, Winfried (Hg.): Deutsche Novellen. Von der Klassik bis zur Gegenwart. München 1998, S. 149.

[9] Mörike, Eduard: Mozart auf der Reise nach Prag. Stuttgart 2003, S. 19-34.

[10] Mayer, Birgit: Antriebskraft Tod. Eduard Mörike: „Mozart auf der Reise nach Prag“ (1855). In: Freund, Winfried (Hg.): Deutsche Novellen. Von der Klassik bis zur Gegenwart. München 1998, S. 150.

[11] Mörike, Eduard: Mozart auf der Reise nach Prag. Stuttgart 2003, S. 35 – S. 51, Z.17.

[12] Mayer, Birgit: Antriebskraft Tod. Eduard Mörike: „Mozart auf der Reise nach Prag“ (1855). In: Freund, Winfried (Hg.): Deutsche Novellen. Von der Klassik bis zur Gegenwart. München 1998, S. 150.

[13] Mörike, Eduard: Mozart auf der Reise nach Prag. Stuttgart 2003, S. 51, Z. 18 – S. 71.

[14] Mayer, Birgit: Antriebskraft Tod. Eduard Mörike: „Mozart auf der Reise nach Prag“ (1855). In: Freund, Winfried (Hg.): Deutsche Novellen. Von der Klassik bis zur Gegenwart. München 1998, S. 151.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Eduard Mörikes: Mozart auf der Reise nach Prag (1855) - eine Form der Novelle?
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Mozart in der Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
26
Katalognummer
V71914
ISBN (eBook)
9783638689519
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eduard, Mörikes, Mozart, Reise, Prag, Form, Novelle, Literatur
Arbeit zitieren
Manuela Skala (Autor), 2007, Eduard Mörikes: Mozart auf der Reise nach Prag (1855) - eine Form der Novelle?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71914

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