Erkenntnisse über Erkenntnis - Überlegungen zur Methode in Platons Dialog Politikos


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

29 Seiten, Note: 1,25


Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Methode im Verlauf
2.1. Methodische Überlegungen zum jeweiligen Stand der Diairesen
2.2. Beispiel, Weberei und Messkunst
2.3. Konsequenzen für die Dialogform

3. Bedürfnis nach Referenz
3. 1 Nachvollziehbarkeit und Bedeutung der expliziten methodischen Aussagen
3.2. Maßstab Angemessenheit
3.3. Verändertes Vorgehen

4. Methode und Dialog als Ganzes
4.1. Zum Stellenwert der Methode
4.2. Zur Frage nach methodischer Einheit
4.3. Erkenntnisse über Erkenntnis

5. Schlussüberlegung

1. Einleitung

Platons Dialog Politikos, in welchem der Fremde im Gespräch mit Sokrates dem Jüngeren, dem Tiel entsprechend, explizit den Staatsmann zum Thema der Untersuchung macht, soll Gegenstand dieser Arbeit sein. Augenscheinlich besteht im Verlauf des Dialoges eine Distanz zwischen dem Thema, insofern man als dieses den Staatsmann annimt, und dem tatsächlichen Gesprächsverlauf. Diese Distanz äußert sich in einer gewissen thematischen Weitläufigkeit und in Exkursen, welche, zumindest auf den ersten Blick, nicht in direktem Zusammenhang mit dem eigentlichen Thema stehen. Mehr oder weniger direkt beziehen sich diese Exkurse und vom Thema abweichende Bemerkungen im Allgemeinen jedoch auf methodische Fragestellungen und auf das Vorgehen bei der im Dialog vorgenommenen Untersuchung als solches.

In diesem Sinne soll in dieser Arbeit der Methode im Dialog Politikos nachgegangen werden, um zu untersuchen, inwieweit sie selbst zum Thema des Dialoges wird, und um diese Thematisierung kritisch zu hinterfragen. Vor diesem Hintergrund soll dann der Versuch unternommen werden, den Stellenwert der Methode im Dialog Politikos allgemeiner einzuschätzen, und somit auch deren Zusammenhang mit dessen eigentlichem Thema, dem Staatsmann.

Hierzu soll zuerst der diairesischen Methode nachgegangen werden, welche vor allem zu Beginn des Dialoges eine Rolle spielt. Hierbei wollen wir aufzeigen, auf welche Art und Weise der Dialog sich hierbei selbst hinterfragt. Daraufhin soll untersucht werden, wie diese expliziten methodischen Ausführungen einzuschätzen sind, und an welcher Stelle sie zu hinterfragen sind. Unser Ziel besteht somit darin, am Ende eine Aussage über den Stellenwert der Methode im Dialog treffen zu können, welche möglichst in Anbetracht des Dialoges in seiner Gesamtheit, einschließlich seiner inhaltlichen Ausführungen, formuliert werden soll.

Hierzu wollen wir nun auf unserem Weg zu einer besseren Einschätzung des Stellenwertes der Methode zuerst untersuchen, inwiefern der Dialog selbst sein Vorgehen zum eigentlichen Thema macht.

2. Methode im Verlauf

Die Selbstreflexion des Textes über seine Methode lässt sich nicht von der Aneinanderreihung begrifflicher Einteilungen und Unterscheidungen, den Diairesen, trennen. Im Verlauf des Textes wird soeben Unterschiedenes meist zugleich wieder kritisiert, wodurch immer wieder methodische Aussagen getroffen werden, welche als Erkenntnisse aus dem bis dahin Erörterten dargestellt werden.

Somit wollen wir den Dialog in seinem Verlauf auf der Suche nach methodentheoretischen Ausführungen nicht außer acht lassen, sondern vielmehr versuchen, diesen schematisch im Überblick darzustellen, da beides in engem Zusammenhang steht. Die methodischen Überlegungen beziehen sich somit oft explizit auf den jeweiligen Stand des Dialoges. Die Frage nach der Schlüssigkeit dieser Selbstkorrekturen und methodischen Ausführungen soll dann in einem nächsten Schritt erfolgen.

2.1. Methodische Überlegungen zum jeweiligen Stand der Diairesen

Zu Beginn des Dialoges wird bei der Bestimmung der geplanten Vorgehensweise der Bezug zum Sophistes, welcher vor dem Politikos steht, hergestellt (258c)[1]. Hier soll auf dieselbe Art und Weise vorgegangen werden wie dort, wobei jedoch ein anderes Ergebnis erlangt werden soll, indem ein anderer Weg eingeschlagen werde.

Wichtig ist, dass diese Stelle als Beginn einer langen Reihe von Diairesen zu sehen ist, die auf sie folgen wird. Hier tritt die Erkenntnis als Ausgangspunkt auf[2], den es einzuteilen gilt. Es soll somit auf ähnliche Weise ein anderer Weg als beim Sophistes gefunden werden, hierbei treten bereits die in diesem Zusammenhang bedeutsamen Begriffe „Pfad“, „Idee“ sowie „Begriff“ auf (258c).

Die methodischen Vorstellungen, die hier geäußert werden, werfen bereits eine zentrale Frage auf, welche wir im Folgenden nicht aus den Augen verlieren wollen: nach welchem Kriterium soll sich die Einteilung eines Begriffes in zwei Begriffe richten? Es ist hier die Rede vom „Pfad der Staatskunst“, welchen es aufzufinden gelte, und welchem man „eine eigne Idee einprägen“ müsse (258c).

Nun beginnt eine Reihe von Einteilungen, welche zunächst ohne größere methodentheoretische Erläuterungen fortschreitet. Es wird jeweils ein Begriff in zwei Begriffe aufgeteilt und einem dieser beiden Begriffen wird dann der Staatsmann zugewiesen, woraufhin dieser Begriff wiederum in zwei Begriffe aufgeteilt wird usw. So wird aus der Erkenntnis die handelnde Erkenntnis und die einsehende Erkenntnis, aus dieser wiederum die beurteilende Kunst und die gebietende Kunst, aus dieser dann die gebietende Kunst über Unbeseeltes sowie über Beseeltes, welche in die über Einzelnes und über die Herde eingeteilt wird (259c-261e).

An diesem Punkt wagt zum ersten Mal Sokrates der Jüngere, welcher bis dahin als recht passiver Gesprächspartner des Fremden auftritt, einen eigenen Impuls, indem er die Herdenzucht in die Auferziehung der Menschen und in die der Tiere einteilt (262a). Dieser Versuch jedoch wird von dem Fremden abgelehnt. An dieser Stelle interessiert uns die theoretische Reflexion an sich, zu welcher diese anscheinend missglückte Diairese im Dialog führt. Später wollen wir dann auf diese Stelle zurückkommen, um danach zu fragen, inwiefern die erfolgte Ablehnung des Vorschlags gerechtfertigt ist.

Der Fremde stellt in seiner theoretischen Reflektion den Begriff in den Vordergrund, auf welchen es bei den Unterscheidungen allein ankomme. Die theoretischen Überlegungen werden hierbei in den Bereich einer Sprachkritik gerückt, in dem kurz zuvor (262a) die Warnung an Sokrates d. J. ergeht, die Worte nicht allzu ernst zu nehmen. Es geht also bei der Einteilung in zwei Begriffe nicht um deren unterschiedliche Bezeichnungen, sondern um deren Bedeutung. Noch deutlicher wird dies in der darauf folgenden Ausführung des Fremden zur Unterscheidung von Art und Teil (263b), welche nochmals erläutert, dass es bei den Unterscheidungen nicht darauf ankomme, das Ziel, und somit den Politiker zu betrachten, sondern nach Arten einzuteilen: Ein Teil ist damit nicht automatisch sogleich eine Art.

Die Unterscheidung von Wort und Begriff zeigt sich hier an einem konkreten Fall, indem eine Bezeichnung keine spezifische Bedeutung mit sich bringen muss, sondern lediglich Teil eines Überbegriffes sein kann. Hat ein Teil somit seinen eigenen Begriff, handelt es sich auch um eine Art, sonst nicht.

Nach dem Aufweisen des Fehlers wird nun wieder mit den Diairesen fortgefahren, undzwar indem die Herdenzucht in die Schwimmtierzucht und in die Landgängerzucht eingeteilt wird, und diese wiederum in Geflügelte und in zu Fuß gehende Landtiere (264b-265b). Ohne bedeutende methodische Anmerkungen werden nun zwei unterschiedliche Wege geschildert.

[...]


[1] Sämtliche Stellenangaben dieser Art bezeichnen, nach der üblichen Zitierweise, Stellen in den Schriften Platons nach der Gesamtausgabe von Henricus Stephanus.

[2] Als Begründung hierfür dient der Beschluss, den Staatsmann als einen „Kundigen“ zu setzen, (vgl. 258b)

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Erkenntnisse über Erkenntnis - Überlegungen zur Methode in Platons Dialog Politikos
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Philosophisches Seminar)
Note
1,25
Autor
Jahr
2006
Seiten
29
Katalognummer
V71951
ISBN (eBook)
9783638689823
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Überlegungen zur Methode im Dialog Politikos, das Bedürfnis nach Referenz seiner explizit methodologischen Aussagen und die Methode und der Dialog als Ganzes
Schlagworte
Erkenntnisse, Erkenntnis, Methode, Platons, Dialog, Politikos
Arbeit zitieren
Andreas Schuster (Autor), 2006, Erkenntnisse über Erkenntnis - Überlegungen zur Methode in Platons Dialog Politikos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71951

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