„Vor Sonnenaufgang“ von Gerhart Hauptmann. Analyse der Beziehung zwischen Helene und Loth


Hausarbeit, 2007
21 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Beziehung zwischen den Figuren Helene und Loth in Gerhart Hauptmanns sozialem Drama „Vor Sonnenaufgang“
2.1. Zum Drama allgemein
2.2. Charakteristik Loth
2.2.1. Meinungen zu Loth, dem Boten aus der Fremde
2.2.2. Äußere Erscheinung
2.2.3. Soziale Lage
2.2.4. äußeres Verhalten und psychische Dispositionen
2.2.5. Der sprechende Name
2.3. Charakteristik Helene
2.3.1. Äußere Erscheinung
2.3.2. Soziale Lage
2.3.3. Äußeres Verhalten und psychische Dispositionen
2.4. Die Beziehung zwischen Helene und Loth
2.4.2. Die Liebenden im vierten Akt
2.4.3. Helenes Selbstmord

3. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich hab dich […] und immer nur dich […] geliebt – geliebt zeit meines Lebens […] und werde nur dich allein zeit meines Lebens lieben“[1]. Das schwört Loth Helene im vierten Akt des sozialen Dramas „Vor Sonnenaufgang“ von Gerhart Hauptmann. Wie kommt es zu diesem Schwur?

Der Sozialreformer Loth reist in das bäuerliche Witzdorf und trifft dort unverhofft seinen Jugendfreund Hoffmann an. Hoffmann hat in eine reich gewordene Bauernfamilie eingeheiratet, deren Reichtum durch Kohlevorkommen entstanden ist. Loth ist in diese Gegend gekommen, um eine Studie über die Bergarbeiter zu verfassen. Er wohnt bei Hoffmann und lernt dort die misslichen Verhältnisse dieser Gegend kennen, die durch Alkoholsucht und sexuellen Trieb geprägt sind. Loth verliebt sich in Hoffmanns Schwägerin Helene, die mit ihren Lebensumständen unzufrieden ist. Loth und Helene machen sich Liebesgeständnisse, als bei Helenes Schwester Martha die Geburtswehen einsetzen und Doktor Schimmelpfennig ins Haus kommt. Schimmelpfennig ist ein weiterer Jugendfreund Loths. Er klärt Loth auf, dass auch in Helenes Familie der Alkoholismus tief verankert ist. Loth, der den Anspruch der geistigen und körperlichen Gesundheit an seine Braut und deren Familie stellt, verlässt Helene und hinterlässt einen Abschiedsbrief. Als Helene diesen liest, tötet sie sich selbst mit dem Hirschfänger ihres Vaters.

Wie kommt es dazu, dass sich der Abstinenzler Loth in die Tochter des alkoholsüchtigen Krause verliebt? Wie entwickelt sich diese Liebe und wie kommt es zu dem tragischen Ende? Diesen Fragen möchte ich mich in meiner Hausarbeit widmen.

Ich werde mich hierbei zuerst kurz zu dem Drama allgemein äußern, dann die beiden Protagonisten Helene und Loth charakterisieren und anschließend ihre Beziehung analysieren.

Die Charakterisierung von Helene und Loth hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, da ich eine Arbeit über die Beziehung der Protagonisten schreiben möchte. Deswegen werde ich Helene und Loth nur in dem Rahmen charakterisieren, den ich für die Fragestellung meiner Arbeit benötige.

Ich werde textanalytisch und interpretierend vorgehen und meine Ergebnisse mit der zahlreichen Sekundärliteratur vergleichen.

2. Die Beziehung zwischen den Figuren Helene und Loth in Gerhart Hauptmanns sozialem Drama „Vor Sonnenaufgang“

2.1. Zum Drama allgemein

Im Januar 1889 las Gerhart Hauptmann „Papa Hamlet“, welches unter dem Pseudonym Bjarne P. Holmsen von Arno Holz und Johannes Schlaf verfasst wurde. Zu dieser Zeit traf er Holz und Schlaf auch persönlich, worauf ein Eintrag vom 24. Januar 1889 in seinem Notizkalender hinweist: „Nach interessanten Tagen in Hamburg wieder eingetroffen. Mit Holz, Schlaf und Schmeo jeden Tag zusammengewesen“[2]. Im April, Mai und Juni desselben Jahres entsteht „Vor Sonnenaufgang“ und erscheint schließlich im August.

Die Aufführung des Dramas hat Hauptmann Theodor Fontane und dem Theaterleiter der Freien Bühne Berlin, Otto Brahms, zu verdanken. Fontane bezeichnete „Vor Sonnenaufgang“ als echtes Freies Bühnenstück, schrieb Hauptmann aber zugleich „Wenn Sie aber diese Kühnheiten auf die Bühne stellen, was werden da wohl die Madams im Ersten Rang dazu sagen?“[3].

Die skandalöse Premiere fand am 20. Oktober 1889 als Vormittagsaufführung der Freien Bühne Berlin im Lessingtheater statt.

Paul Schlenter, ein Augenzeuge der Erstaufführung berichtete, dass sich das Publikum im dritten Akt auf Seiten Hoffmanns stellte, Loth ausgelacht und der Autor Hauptmann mit Loth identifiziert wurde. Alles in allem war es ein Stück und eine Premiere, wie sie das Berliner Publikum noch nie erlebt hatte. Die Eskalation drohte, als während der Schilderung der schweren Geburt im fünften Akt ein Arzt aus dem Publikum mit der Geburtszange in der Hand nach vorne sprang.

Die historischen Entwicklungen, die den Themen des Stücks zugrunde liegen, sind indes klar. So erschien Hippolyte Taines Milieutheorie, die den Menschen in race, milieu und moment determinierte, Anfänge des wirtschaftlichen Sozialismus waren zu spüren und Darwins Vererbungslehre in Überarbeitung von Ernst Haeckel war bereits erschienen.

2.2. Charakteristik Loth

2.2.1. Meinungen zu Loth, dem Boten aus der Fremde

Die Meinungen zu der Hauptfigur Alfred Loth gehen schon zu Hauptmanns Zeiten weit auseinander. Johannes Schlaf zum Beispiel äußerte folgendes: „Sie führen uns endlich einmal einen kerngesunden, fest auf seinen beiden Füßen stehenden Menschen in einem durchaus gesunden Konflikt vor, den er in gesunder, natürlicher Weise überdauert“[4].

Eine völlig gegensätzliche Auffassung zu Alfred Loth hat hingegen Alfred Ploetz, ein Freund Hauptmanns auf den ich später noch einmal eingehen werde: „Der [Loth] erscheint mir zu einfach, klar und konfliktlos, um wahr zu sein“.[5]

Fest steht, dass Loths Ankunft eine Kette von Reaktionen auslöst. Dies ist Kennzeichen des im Naturalismus entwickelten Boten aus der Fremde, welcher Erzählanlässe in einem Stück schafft. Jedoch ist Loths Studie n i c h t das Thema des Stücks. Loth taucht plötzlich, unverhofft und ohne Vorwarnung auf und genauso schnell verschwindet er wieder.

2.2.2. Äußere Erscheinung

Loths Aussehen wird bereits im ersten Akt des Dramas detailgetreu im Nebentext beschrieben. Die detailgetreue Wiedergabe von Dingen und noch dazu im Nebentext ist ein weiteres typisches Element des Naturalismus.

„Loth ist mittelgroß, breitschultrig, untersetzt, in seinen Bewegungen bestimmt, doch ein wenig ungelenk; er hat blondes Haar, blaue Augen und ein dünnes, lichtblondes Schnurrbärtchen, sein ganzes Gesicht ist knochig und hat einen gleichmäßig ernsten Ausdruck. Er ist ordentlich, jedoch nicht weniger als modern gekleidet. Somnmerpale- tot, Umhängetäschchen, Stock.“[6].

Weitere Beschreibungen von Loths Aussehen, gibt es im Drama nicht. Dies ist alles, was der Leser darüber erfährt.

2.2.3. Soziale Lage

Alfred Loth ist ein Volkswirt und Sozialreformer. Er wurde in Warnemünde geboren. Er kommt nach Witzdorf um für eine Studie die Grubenarbeiter zu beobachten. Loth erklärt mehrmals, dass die Arbeiter selbst ihn interessieren „Man könnte vielleicht Mittel finden, den Grund warum diese Leute immer so freudlos und gehässig sein müssen, wegzuräumen; man könnte sie vielleicht glücklicher machen“[7]. Die Studie soll zu einer deskriptiven Arbeit führen, die die Lage der Bergarbeiter und die Verhältnisse, in denen sie leben, behandelt.

Loth hat finanzielle Probleme, so muss er sich von Hoffmann 200 Mark leihen.

Der Sozialreformer hat eine zeit lang die Universität besucht, jedoch wurde er mit 21 von ihr ausgeschlossen und war zwei Jahre in Gefängnishaft. In dieser Haft hat er ein volkswirtschaftliches Buch geschrieben. Der Grund für seine Verhaftung wird unter dem Stichwort „die Leipziger Geschichte“ erwähnt. Er selbst bezichtigt den Staatsanwalt der unwahren Anklage: „Ich konnte nicht gut bereuen, weil ich ohne Schuld verurteilt worden bin.“[8]. Die gegen ihn gerichtete Anklage lautete, dass er den Verein Vancouver Island zum Zwecke einer parteilichen Agitation ins Leben gerufen und Geld zu parteilichen Zwecken gesammelt hätte. Loth aber wollte mit diesem Verein seinen siedlerischen Ambitionen nachgehen. Barnstorff bringt das Problem der Verhaftung Loths auf den Punkt: „Die Regierung hat eine Handlung zu einem Verbrechen gestempelt, obgleich sie keinen rechtstüchtigen Vorsatz enthielt; denn Loth hatte einen Verein gegründet und Geld gesammelt, doch nicht zu revolutionären sondern zu siedlerischen Zwecken.“[9].

Seine weiteren Beschäftigungen werden von Hoffmann im ersten Akt angedeutet: „[…] Redakteur der Arbeiterkanzel, des obskursten aller Käseblättchen – Reichstagskandidat des süßen Pöbels!“[10].

In Witzdorf wird Loth als Hergereister betrachtet und von einigen Personen als „Herr Doktor“ angesprochen. Das weißt auf seine hohe Bildung hin.

Loth ist allein stehend. Er war bereits einmal verlobt, jedoch ist das Eheversprechen wegen seiner Gefängnishaft nicht eingelöst wurden. „[Das Junggesellendasein Loths] erklärt sich teils aus seiner Tätigkeit als jederzeit verfügbarer Sozialarbeiter und Publizist, teils aus der in dieser Tätigkeit gewonnenen Erkenntnis, dass er wegen der zu erwartenden Kinder nur eine an Körper und Geist gesunde Frau heiraten könne.“[11].

[...]


[1] Hauptmann, Gerhart: Vor Sonnenaufgang. Soziales Drama. 38. Auflage. Berlin: Ullstein Taschenbuch 2005. S. 95.

[2] Maschatzke, Martin: Gerhart Hauptmann. Notizkalender 1889 – 1891. Frankfurt am Main [u.a.]: Propylän – Verlag 1980. S. 11.

[3] Seyppel, Joachim: Gerhart Hauptmann. Berlin: Morgenbuch Verlag 1993 (= Köpfe des 20. Jahrhunderts Band 121). S. 19.

[4] Maschatzke, M: Notizkalender 1889 – 1891. S. 157.

[5] Ebd. S. 165.

[6] Hauptmann, Gerhart: Vor Sonnenaufgang. S. 7.

[7] Hauptmann, Gerhart: Vor Sonnenaufgang. S. 25.

[8] Ebd. S. 14.

[9] Barnstorff, Hermann: Die soziale, politische und wirtschaftliche Zeitkritik im Werke Gerhart Hauptmanns. Jena: Frommann 1938 (= Jenaer germanistische Forschungen 34). S. 128.

[10] Hauptmann, Gerhart.. S. 15.

[11] Leppmann, Wolfgang: Gerhart Hauptmann. Leben, Werk und Zeit. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1989. S. 124.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
„Vor Sonnenaufgang“ von Gerhart Hauptmann. Analyse der Beziehung zwischen Helene und Loth
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Germanistische Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Das deutsche Drama um 1900
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V71973
ISBN (eBook)
9783638633758
ISBN (Buch)
9783638909792
Dateigröße
1247 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beziehung, Figuren, Helene, Loth, Gerhart, Hauptmanns, Drama, Sonnenaufgang“
Arbeit zitieren
Doreen Kötschau (Autor), 2007, „Vor Sonnenaufgang“ von Gerhart Hauptmann. Analyse der Beziehung zwischen Helene und Loth, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71973

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