Das Verständnis für die islamische Kunst leidet in Europa unter vielen Vorurteilen. Eine gängige Meinung ist, dass die islamische Kultur keinen Vorschritt wie die europäische Zivilisation erbracht hat. Man begegnet auch der Ansicht, dass die Kunst des Islams, weil sie weitgehend auf realistische Nachbildung verzichtet, keine Gehalte aufweist. Die auffallende Enthaltsamkeit dieser Kunst ist ein Resultat einer Vorstellung, dass die Wirklichkeit die unsichtbare, sich überall manifestierende Macht des einen Gottes ist, die nicht zu fassen ist. Bei der islamischen Kunst geht es nicht um die Darstellung der alltäglichen Realität in ihren verschiedenen subjektiven Ansichten sondern um die Anstrebung eines kontemplativen Zustandes, aus dem sich dem Menschen jene Einheit der Schöpfung erschließt, die im Bild selbst nicht darstellbar ist.1 Das Ziel meiner Hausarbeit ist die Vorurteile gegenüber der islamischen Kunst abzubauen und ein besseres Verständnis für diese Kunst zu schaffen. Ich konzentriere mich Hauptsächlich auf der Architektur, da ich der Meinung bin, dass das eigentliche Wesen der islamischen Kunst anhand ihrer Architektur ermessen werden kann. In der Architektur sind auch die für die traditionelle islamische Kultur charakteristischen Haltungen und Formen am meisten greifbar. Die islamische Architektur wurde durch eine Vielzahl von Einflüssen geprägt, zu denen vor allem die Geschichte, Religion und kulturelle Unterschiede gehörten. Um die Architektur des Islam zu analysieren ist es zunächst notwendig diese Einflussbereiche zu erläutern. Im zweiten Kapitel werde ich also die geschichtliche Entwicklung der islamischen Architektur schildern. Das dritte Kapitel ist den kulturellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen gewidmet. Des Weiteren behandle ich die Thematik des islamischen Raumdenkens und in den Kapiteln fünf und sechs beschreibe die architektonischen Formen des Palast- und Gartenbaus. Daraufhin widme ich mich dem islamischen Bilderverbot und stelle die drei wichtigsten Ausdrucksformen der bildenden Kunst Islams vor: die Kalligraphie, das Ornament und die Arabeske.
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1 Bianca, Stefano: Hofhaus und Paradiesgarten. Architektur und Lebensformen in der islamischen Welt. C.H. Beck: München, 1991. S. 253
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Die geschichtliche Entwicklung der islamischen Architektur ( 661-1500)
3. Kulturelle und Gesellschaftliche Voraussetzungen
4. Der Raum
4.1. Das Zelt
4.2. Das Haus
4.3. Die Siedlung („Kasbas“)
Die Stadt
5. Residenzen und Paläste
6. Der Garten
7. Bilderverbot
7.1. Die Kalligraphie
7.2. Das Ornament
8. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Das Hauptziel dieser Hausarbeit ist es, bestehende Vorurteile gegenüber der islamischen Kunst abzubauen und ein fundiertes Verständnis für deren Wesen zu schaffen. Die Arbeit geht der Forschungsfrage nach, inwiefern sich die spirituellen und kulturellen Grundhaltungen des Islam in der architektonischen Gestaltung widerspiegeln.
- Historische Entwicklung der islamischen Architektur von 661 bis 1500
- Kulturelle und gesellschaftliche Voraussetzungen des islamischen Bauens
- Analyse des islamischen Raumverständnisses und der Wohnkultur
- Die symbolische Bedeutung von Gärten und Wasser als Paradiesmetaphern
- Das Bilderverbot und seine Auswirkungen auf die Ausdrucksformen der Kunst
Auszug aus dem Buch
4. Der Raum
Das islamische Raumdenken zeigt ein starkes Nebeneinander von zeitlicher und zeitloser Dimension, von Weihe und Alltag. Es kennt auch keine Absoluten Scheidungen zwischen sakralen und profanen Bereichen. Um jedoch unerwünschte Vermischungen zwischen den beiden Sphären zu vermeiden, waren genaue Differenzierungen notwendig. Deshalb wurde der Raum qualitativ strukturiert und nach Kriterien der Reinheit unterteilt. Es wird zwischen Durchgangsräumen (Gassen, Märkte) und ruhenden Räumen (Moschee, Wohnhaus) unterschieden. Die ruhenden Räume werden durch ausgeklügelte räumliche und rituelle Vorkehrungen geschützt. Bei der Moschee sind es die Übergänge von Tor zur Schwelle, die das Ablegen von Schuhen und gegebenenfalls auch die rituelle Waschung voraussetzten. Beim Wohnhaus sind es die uneinsehbare (unsichtbare?) Außenmauer, der oft verwinkelte Zugangsweg mit mehreren Tordurchgängen und Schwellen sowie bestimmte Eintrittszeremonien. Innerhalb des Hauses selbst werden ruhende Räume von den Zirkulationsflächen abgesondert. Die islamische Raumordnung beruht also auf einem System von Ausschlüssen, das kleinere Kammern innerhalb von größeren Räumen herstellt und geschützte Räume aus der Außenwelt auszusondern sucht. Diese Kammern, ob nun Quartier, Haus oder Einzelraum lassen sich in umfassendere Zusammenhänge unterschiedlichster Art eingliedern, ohne dabei ihre Intimität zu verlieren. Diese Art der Raumorganisation ist Ausdruck ungeschriebener ritueller Bräuche, die oft ihren Ursprung in der Lebensweise der Nomaden haben. Das System der geschützten Raumnischen ist innerhalb der städtischen Wohnkultur des Islam zur höchsten Verfeinerung getrieben worden, ohne die grundsätzlichen, auf einem archaischen Raumgefühl beruhenden, Qualitäten zu verlieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Darstellung der Vorurteile gegenüber islamischer Kunst und Erläuterung des Ziels, diese durch die Analyse der Architektur abzubauen.
2. Die geschichtliche Entwicklung der islamischen Architektur ( 661-1500): Überblick über die zeitliche Entwicklung, beginnend mit den Umaiyaden bis hin zu den Mamluken, Osmanen und der Moghul-Dynastie.
3. Kulturelle und Gesellschaftliche Voraussetzungen: Erörterung der islamischen Haltung zum Sakralen und der zentralen Bedeutung der Kaaba als spiritueller Mittelpunkt.
4. Der Raum: Untersuchung des islamischen Raumdenkens, das zwischen profanen und sakralen Bereichen unterscheidet und auf geschützten Innenräumen basiert.
Die Stadt: Kurze Betrachtung der orientalischen Stadtstruktur, die als Zusammenschluss autonomer Wohnquartiere fungiert.
5. Residenzen und Paläste: Analyse der Trennung zwischen Palast und Bürgerstadt sowie der architektonischen Gestaltung herrschaftlicher Anlagen.
6. Der Garten: Darstellung des Paradiesgartens als symbolischer Ort, der das Göttliche auf Erden durch geometrische Ordnung und Wasser wiederspiegelt.
7. Bilderverbot: Erklärung, warum die islamische Kunst realistische Abbildungen vermeidet und sich stattdessen auf kontemplative Ausdrucksformen konzentriert.
7.1. Die Kalligraphie: Erläuterung der hohen Bedeutung des geschriebenen Korantextes als dekoratives und spirituelles Element.
7.2. Das Ornament: Analyse der dekorativen Muster, die durch Rhythmus und Unendlichkeit die Vollkommenheit der göttlichen Schöpfung darstellen.
8. Schlussbetrachtung: Zusammenfassendes Fazit über die Notwendigkeit, der islamischen Kunst vorurteilsfrei und respektvoll zu begegnen.
Schlüsselwörter
Islamische Architektur, Architekturgeschichte, Raumdenken, Paradiesgarten, Bilderverbot, Kalligraphie, Ornament, Arabeske, Umaiyaden, Abbasiden, Mamluken, Osmanen, Muqarnas, Iwan, Sakrale Kunst
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die islamische Architektur als zentralen Ausdruck der islamischen Kultur und versucht, europäische Vorurteile gegenüber dieser Kunstform zu entkräften.
Welche Themenfelder stehen dabei im Fokus?
Neben der historischen Abfolge der islamischen Dynastien analysiert die Arbeit vor allem die kulturellen Voraussetzungen, Raumkonzepte, Palast- und Gartenbauten sowie die künstlerischen Ausdrucksformen unter dem Bilderverbot.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein tieferes Verständnis für das Wesen der islamischen Kunst zu schaffen, indem architektonische Formen und künstlerische Gestaltungsmittel in ihren kulturellen und religiösen Kontext gesetzt werden.
Welche methodische Vorgehensweise wählt die Autorin?
Es handelt sich um eine kunst- und kulturwissenschaftliche Analyse, die verschiedene historische Epochen, Bautypen und Ornamentstile anhand vorhandener Fachliteratur beleuchtet.
Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die chronologische Entwicklung, das Konzept des geschützten Raumes, die Symbolik von Palast und Garten sowie die Bedeutung von Schrift und Ornament als Antwort auf das Bilderverbot.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die Architekturtraditionen des Ostens (Iwan, Muqarnas), das islamische Raumdenken sowie die Kalligraphie und das Ornament als spirituelle Ausdrucksmedien.
Warum ist das Bilderverbot für das Verständnis der Architektur so wichtig?
Das Bilderverbot zwingt die Kunst dazu, nicht die materielle Welt abzubilden, sondern durch Geometrie, Kalligraphie und Ornament eine kontemplative Stimmung zu erzeugen, die auf die Einheit der Schöpfung verweist.
Welche Bedeutung haben Gärten in der islamischen Architektur?
Sie dienen als symbolische Darstellung des Paradieses auf Erden. Durch die Anordnung von Wasser und Pflanzen wird ein Ort geschaffen, der zum Kräftesammeln einlädt und die Ruhe der Zeitlosigkeit vermittelt.
Wie unterscheidet sich die islamische Palastarchitektur von europäischen Vorbildern?
Während bei vielen islamischen Palästen die Außenfassade schlicht gehalten ist, entfaltet sich die wahre Pracht erst im Inneren. Sie sind oft fragiler und darauf ausgelegt, ein verstecktes, paradiesisches Reich für den Herrscher zu schaffen, anstatt demonstrativen Machtanspruch nach außen zu tragen.
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- Justyna Purwin (Author), 2006, Die Architektur des Islam, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72005