Verweist Friedrich Hölderlins "Hyperion oder der Eremit in Griechenland" auf Wolfgang Goethes "Die Leiden des jungen Werther"?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

34 Seiten, Note: 2,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Intertextualität
2.1 Wortgeschichte
2.2 Intertextualitätsbegriff

3. Intertextualitätstheorie
3.1 Formen der Intertextualität
3.2 Funktionen der Intertextualität
3.3 Modell der Intertextualität

4. Friedrich Hölderlins „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“
4.1 Vergleich von Friedrich Hölderlins „Hyperion“ mit Johann Wolfgang Goethes „Die Leiden des jungen Werther“
4.1.1 Die Form
4.1.2 Der Inhalt
4.1.3 Der Naturbegriff
4.2 Intertextualitätsmodell

5. Schlussfolgerung

6.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In Kindlers Neuem Literatur Lexikon heißt es an einer Stelle über Friedrich Hölderlins 1799 erschienenen Briefroman „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“:

Direkte Vorbilder für seinen Roman nennt Hölderlin nicht; neben J. J. Rousseaus Die neue Heloise (1761-1764) und W. Heinses Ardhingello (1787) übte J. W. Goethes Die Leiden des jungen Werther (1774) einigen Einfluss aus.[1]

Auch Friedrich Beissner hebt in seinen Erläuterungen zu Hölderlins Briefroman „Hyperion“ hervor, dass Hölderlin zwar keinen konkreten Vorgänger für seinen Roman nennt, doch durch Johann Wolfgang Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ zu seinem Roman ermutigt worden sein muss.[2]

Innerhalb meiner Hausarbeit möchte ich nun untersuchen, ob es stichhaltige Belege dafür gibt, dass Hölderlins Briefroman nicht nur, wie in den zwei oben erwähnten Zitaten nahe gelegt wird, von Johann Wolfgang Goethes „Werther“ inspiriert oder beeinflusst worden ist, sondern dass Hölderlins Roman „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“intertextuell auf den Prätext „Die Leiden des jungen Werther“ verweist. In diesem Sinne beschränkt sich der hier im Mittelpunkt stehende intertextuelle Bezugshorizont ausschließlich auf das Werk „Die Leiden des jungen Werther“, womit jedoch nicht suggeriert werden soll, dass es keine weiteren Prätexte, d. h. keine anderen literarischen Texte gibt, auf die Friedrich Hölderlins Roman verweist.

Bevor ich mich jedoch dieser Aufgabe widme, werde ich im ersten Teil meiner Hausarbeit die für die Textanalyse notwendigen theoretischen Voraussetzungen einführen. Ich werde also zunächst den Begriff der Intertextualität erläutern und anschließend eine auf Peter Stocker[3] basierende Intertextualitätstheorie skizzieren.

Im zweiten Teil werde ich beide Texte eingehend miteinander vergleichen. Hierbei werde ich so vorgehen, dass ich nach Gemeinsamkeiten Ausschau halte, die einen intertextuellen Verweis „Hyperions“ auf den Prätext „Werther“ nahe legen. In diesem Sinne werde ich mich zunächst mit der Sprache und der literarischen Form und danach mit dem Inhalt beider Romane beschäftigen. Anschließend werde ich überprüfen, ob es sich bei diesen Gemeinsamkeiten in der Tat um spezifische Intertextualitätsformen handelt, vermittels derer Hölderlins Roman auf den Prätext „Die Leiden des jungen Werther“ verweist. Zum Schluss werde ich, unter der Voraussetzung, dass in der Tat ein solcher intertextueller Verweis vorliegt, überprüfen, ob sich ein plausibles Intertextualitätsmodell für Hölderlins „Hyperion“ erstellen lässt und wenn ja, welche Funktion(en) solch ein intertextueller Verweis haben könnte.

2. Intertextualität

Wirft man einen Blick in die literaturtheoretischen Texte zu dem Thema „Intertextualität“ fällt zunächst auf, dass alles andere als Einigkeit über seine Bedeutung herrscht.[4] So schreibt zum Beispiel Plett:

Currently, intertextuality is a fashionable term, but almost everybody who uses it understands it somewhat differently.[5]

Pletts Worte sind m. E. sehr aufschlussreich, da sie auf zwei zentrale Punkte hinweisen: zum einen auf die Popularität des Intertextualitätsbegriffs in der Literaturwissenschaft und zum anderen auf seine unterschiedliche Verwendungsweise. Wenden wir uns zunächst der Popularität des Intertextualitätsbegriffs zu.

2.1 Wortgeschichte

Um zu verstehen, warum der Intertextualitätsbegriff zu solch einem „fashionable term“ in der Literaturwissenschaft avancierte, ist es ratsam, einen Blick auf dessen Entstehung bzw. Wortprägung zu werfen. Das eigentliche Wort „intertextualité“ ist nämlich erst in den späten 60er Jahren von der Kulturwissenschaftlerin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva geprägt worden.[7] In Anlehnung an Michail Bachtins Dialgogizitätstheorie umschreibt Kristeva mit „Intertextualität“ das literarische Phänomen, dass sich Texte auf andere Texte beziehen.[6]

Bevor ich jedoch etwas genauer auf Kristevas Intertextualitätsbegriff eingehe, möchte ich kurz darauf hinweisen, dass es sich bei dem literarischen Phänomen, das Kristeva als erste auf den Namen „Intertextualität“ taufte, um alles andere als ein neues Phänomen handelt. Pfister schreibt: „Schon seit der Antike haben sich Texte nicht nur in einer imitatio vitae unmittelbar auf Wirklichkeit, sondern in einer imitatio veterum auch aufeinander bezogen, und die Rhetorik und die aus ihr gespeiste Poetik brachten solche Bezüge von Texten auf Texte mit zunehmender Detailliertheit, wenn auch ohne Sinn für den Gesamtzusammenhang, auf den Begriff.“[8] Man sollte sich also nicht dazu verleiten lassen, von der Neuheit der Bezeichnung auf die Neuheit des Phänomens zu schließen.

Obwohl sich Kristeva explizit auf Bachtin bezieht, nimmt Kristeva „entscheidende[n] Umakzentuierungen“[9] vor. So führt sie den Terminus „Intertextualität“ ein, obwohl in Bachtins Konzept der Dialogizität intra textuelle Phänomene, also Stimmen innerhalb eines Textes, im Vordergrund standen und postuliert, dass dieses Phänomen ein Wesensmerkmal aller literarischen Texte sei. In diesem Sinne schreibt sie:

Tout texte se construit comme mosaïque de citations, tout texte est absorption et transformation d’un autre texte. A la place de la notion d’intersubjectivité s’installe celle d’ intertextualité, et le langue poétique se lit, au moins, comme double.[10]

Des Weiteren nimmt sie eine Ausweitung des Textbegriffs vor. Im Gegensatz zu Bachtin unterscheidet Kristeva nicht mehr zwischen literarischen und nicht-literarischen Texten, sondern erklärt kurzerhand „alles, oder doch zumindest jedes kulturelle System und jede kulturelle Struktur“[11] zum Text. Das wiederum hat zur Folge, dass „[b]ei solch einer Ausweitung des Textbegriffes […] natürlich kein Text mehr nicht intertextuell [ist], […] Intertextualität kein besonderes Merkmal bestimmter Texte oder Textklassen mehr [ist], sondern mit der Textualität bereits gegeben [ist].“[12]

Als letzte Umakzentuierung nimmt Kristeva die Dekonstruktion sowohl des Autors als auch des individuellen Subjekts vor. Kristeva zufolge steht nicht mehr der Autor als Erzeuger seiner Texte im Mittelpunkt, sondern die Produktivität geht vollständig auf den Text selbst über, der als Teil eines „texte général“ ständig auf andere Texte verweist.

[...]


[1] Radler, Rudolf (Hrsg.) (1990): Kindlers Neues Literatur Lexikon. Band 7. Gs- Ho. München. S. 929.

[2] „Er nennt keinen Vorgänger, dem er folgen möchte, auch nicht unter den wenigen, die damals schon neue Wege gebahnt hatten […] Doch mussten die Leiden des jungen Werthers (1774; in neuer Fassung 1778) ihn zu seiner epischen Kunstform recht ermutigen […]“ (Beissner, Friedrich (1957): Hölderlin. Sämtliche Werke. Dritter Band. Hyperion. S. 429.).

[3] Stocker, Peter (1998).

[4] „Der Begriff [der Intertextualität] erscheint vorerst nicht disziplinierbar, seine Polyalenz irreduzibel.“ (Lachmann, Renate: „Ebenen des Intertextualtitätsbegriffs“. S. 134. In: Stierle, K./Warning, R. (Hrsg.) (1984): Das Gespräch. Poetik und Hermeneutik. 11. München. S. 133-138.). „Wenngleich Intertextualität sich in den letzten Jahren als fester Bestandteil der literaturtheoretische Diskussion und auch der interpretativen Praxis etabliert hat, so zeichnet sich der Begriff dennoch bis heute durch eine erstaunliche terminologische Vielfalt sowie durch konzeptuelle Offenheit aus.“ (Schahadat, Shamma: „Intertextualität: Lektüre – Text – Intertext“. S. 366. In: Pechlivanos, Miltos (Hrsg.) (1995): Einführung in die Literaturwissenschaft. Stuttgart und Weimar. 1995. S. 366-377.). „Dennoch kann heute kaum von einem gesicherten oder ‚disziplinierten’ Begriff ausgegangen werden.“ (Stocker, Peter (1998): S. 16.).

[5] Plett, F. Heinrich (Hrsg.) (1991): S. 3.

[6] Da ich innerhalb dieses Abschnittes nicht auf die Entwicklung des Phänomens bzw. des Begriffs der Intertextualität eingehe, sondern mich mit der Entstehung und Entwicklung des Ausdrucks bzw. des Worts „Intertextualität“ auseinandersetze, habe ich diesem Abschnitt den Titel „Wortgeschichte“ gegeben.

[7] Siehe Kristeva, Julia: „Bakhtine, le mot, le dialogue et le roman.“ In: Critique (1967) H. 239. S. 438-465. Geringfügig revidiert in: Kristeva, Julia (1969): Sémeiotiké: Recherches pour une sémanalyse. Paris. S. 143-173.

[8] Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 1.

[9] Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 6.

[10] Kristeva, Julia (1969): Sémeiotiké: Recherches pour une sémanalyse. Paris. S.146.

[11] Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 7.

[12] Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 8.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Verweist Friedrich Hölderlins "Hyperion oder der Eremit in Griechenland" auf Wolfgang Goethes "Die Leiden des jungen Werther"?
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Hölderlin
Note
2,6
Autor
Jahr
2005
Seiten
34
Katalognummer
V72023
ISBN (eBook)
9783638633871
ISBN (Buch)
9783638644693
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verweist, Friedrich, Hölderlins, Hyperion, Eremit, Griechenland, Wolfgang, Goethes, Leiden, Werther, Hauptseminar, Hölderlin
Arbeit zitieren
Katrin Raschke (Autor), 2005, Verweist Friedrich Hölderlins "Hyperion oder der Eremit in Griechenland" auf Wolfgang Goethes "Die Leiden des jungen Werther"? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72023

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