Zur Sprache der literarischen Übersetzung "Povest' o Petre zlatych kljucej"


Hausarbeit, 2004

34 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die untersuchte Übersetzung

2. Zur Lexik der literarischen Übersetzung
2.1 Polonismen
2.2 Kirchenslavismen
2.2.1 Kirchenslavische Lautverbindungen –ра-; -ре -; -ла -; -ле - im Text der „Povest’“
2.2.2 Kirchenslavische Lautverbindungen –жд- und –шт-
2.2.3 E- im Anlaut

3. Zur Morphologie der literarischen Übersetzung
3.1 Deklination der Substantive
3.1.1 Buchsprachliche Formen
3.1.2 Vokativ
3.1.3 Variabilität der Deklinationsendungen innerhalb einiger Paradigmen
3.2 Deklination der Adjektive
3.2.1 Langformen
3.2.1.1 Genitiv des Singulars
3.2.1.2 Nominativ und Akkusativ Singular
3.2.1.3 Nominativ und Akkusativ Plural
3.2.2 Kurzformen
3.3 Pronomina
3.3.1 Personalpronomina
3.3.2 Enklitika
3.4 Verbalmorphologie
3.4.1 Imperfekt
3.4.2 Der Aorist
3.4.3 Plusquamperfekt
3.4.4 Der Infinitiv
3.4.4 Partizipien des Aktivs
3.4.5 Partizipien des Passivs

4. Zur Syntax der literarischen Übersetzung
4.1 Kirchenslavische syntaktische Strukturen
4.1.1 Der dativus absolutus
4.1.2 Relativsätze mit den Relativpronomina иже, яже, еже
4.1.3 Kirchenslavische Konjunktion яко
4.1.4 Die kirchenslavische Konjunktion ибо
4.1.5 Die kirchenslavische Partikel бо
4.1.6 Finalsätze mit дабы
4.2 Einige spezifisch russische syntaktische Konstruktionen
4.2.1 Wiederholung von Präpositionen und Konjunktionen
4.2.2 Satzverbindungen
4.2.3 Gerundialkonstruktionen

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das 17. Jahrhundert stellt eine wichtige Epoche in der Entwicklung der russischen Literatur dar, eine Epoche, die - literarhistorisch gesehen – durch Säkularisierungsprozesse, d.h. durch Verweltlichung der Literatur geprägt war. Seit dieser Zeit steht die Literatur nicht mehr ausschließlich im Dienste von Kirche und Staat, sondern sie unterhält ein breiteres Lesepublikum. In der zweiten Hälfte des 17. Jhs. entsteht die sog. Unterhaltungsliteratur: Zeitungsübersetzungen wie z.B. „Vesti- Kuranty“, Satiren, originelle russische Prosa wie „Povest’ o gore zlosčastii“ und mannigfache Übersetzungsprosa. Den Veränderungsprozessen unterlag nicht nur die Literatur selbst, sondern auch ihre Sprache. Und nicht zuletzt deshalb steht die Sprache der verschiedenen literarischen Gattungen aus dem 17. Jh., das oft als Jahrhundert des Übergangs zur russischen Literatursprache des „neuen Typs“ (Uspenskji 2002:472; Maier 1997: 13) bezeichnet wird, schon seit Jahrzehnten im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses einiger Linguisten (Kuz'mina 1964; Pennington 1980; Maier 1997). In den oben genannten Veröffentlichungen wird das Hauptinteresse entweder der linguistischen Analyse der Sprache eines aus dem 17. Jh. stammenden Textes als ganzer gewidmet, wie z.B. in der Monographie von Pennington (1980), wo man eine sehr ausführliche Beschreibung der Sprache des von Grigorij Kotošichin 1666/7 verfassten Berichtes „O Rossii v carstvovanie Alekseja Michajloviča“ findet, oder es wird auf der Grundlage von Textmaterial aus dem 17. Jh. nach Entwicklungstendenzen auf einer der Sprachebenen, z.B. auf der Ebene der Syntax (Maier 1997), geforscht. Daneben gibt es ein Buch von Kuz’mina (1964), in dem die Autorin ihr Augenmerk mehr auf die Übersetzungsproblematik und auf den Vergleich von verschiedenen Fassungen der zwei aus dem 17. Jh. stammenden Texten richtet.

Im Mittelpunkt der hier vorliegenden Arbeit steht die Sprache des aus dem 17. Jahrhundert stammenden Übersetzungsromans „Povest’ o Petre zlatych klučej“. Das Ziel dabei ist es, eine möglichst ausführliche Beschreibung der Sprache der „Povest’“ anhand von Beispielen aus dem Textkorpus zu liefern. Angesichts des großen Umfangs der „Povest’“ werden nur einige wesentliche Besonderheiten, die die Sprache der literarischen Übersetzung aufweist, behandelt. In diesem Zusammenhang sollen die lexikalische, die morphologische und die syntaktische Ebene der Übersetzungssprache untersucht werden. Es soll außerdem geklärt werden, welche Merkmale die buchsprachlichen zum größten kirchenslavischer Natur oder die Merkmale der lebendigen russischen Sprache des 17. Jh., im Text der literarischen Übersetzung und auf welchen Sprachebenen sich am stärksten aufweisen lassen. Eine konsequente quantitative Analyse der Belege wurde dieser Arbeit nicht zum Ziel gesetzt.

1. Die untersuchte Übersetzung

Der Titel des in der vorliegenden Arbeit zu analysierten Textes lautet: “Povest’ o Petre zlatych klučej“. Die Erzählung ist eine Übersetzung ins Russische eines französischen mittelalterlichen Ritterromans aus den 50er Jahren des 15. Jhs. Der französische Titel dieses Romans lautet: „L’istory de Pierre de Provance et de la belle Maguelonne“ (Kuz’mina 1964: 136). Das Sujet der Erzählung, in der von zwei liebenden Personen erzählt wird, die durch Schicksalsmacht ohne eigenes Verschulden getrennt und sich dann unter vielfachen Abenteuern, Gefahren und Versuchungen suchen und wieder vereinigt werden, ist traditionell und international (es erinnert an verschiedenste orientalische Märchen). Deshalb war die Erzählung in jener Zeit nicht nur in Frankreich, sondern auch in anderen Ländern Europas sehr populär, so dass der Roman ins Deutsche, ins Tschechische, ins Polnische, ins Ukrainische[1] und ins Russische übersetzt wurde (vgl. Kuz’mina 1964:156-168).

Die erste russische Übersetzung des Romans über Peter und Magilene entstand mehr als 200 Jahre später als der französische Text. Einige russische Abschriften der Erzählung geben das Jahr 1662 als Zeitpunkt der Entstehung der Übersetzung an (Kuz’mina 1964: 169). Im Laufe der Zeit wird “Povest’ o Petre zlatych klučej“ zu einer der populärsten Erzählungen unter dem russischen Adel bis ins 19. Jh. hinein. Insgesamt existieren in Russland heute etwa hundert Exemplare der Abschriften (die letzte aus dem Jahre 1880), die sich in vier Fassungen (Redaktionen) der „Povest’“ einteilen lassen. Laut Kuz’mina (1964: 265-271) unterscheiden sich alle vier Fassungen der Übersetzung inhaltlich kaum. Verändert bzw. aktualisiert wurde in den späteren Fassungen nur die Sprache.

Die in dem Buch von Kuz’mina abgedruckte und im folgenden zu analysierende Abschrift der Erzählung von Peter und Magilene stammt aus dem Jahre 1702. Diese Abschrift ist nach den Angaben der Autorin (1964: 275) das älteste vollständig erhaltene Exemplar der ersten Fassung der russischen Übersetzung.

Die Frage nach der Vorlage für die russische Version des Romans wurde dank gründlichen Untersuchungen einiger Slavisten schon zu Anfang des 20. Jh. beantwortet[2]. Aus der vergleichenden Analyse des polnischen und des russischen Textes mit dem französischen Original steht heutzutage fest, dass als unmittelbare Vorlage für die russische Übersetzung die polnische und nicht die originale französische Version des Romans diente. Für eine Übersetzung aus dem Polnischen sprechen unter anderem folgende Tatsachen: erstens die polnischen Entlehnungen im Text der ersten Fassungen des Romans, die in weiteren Ausgaben durch russische Wörter ersetzt wurden, zweitens die Textelemente der Erzählung, die nur in polnischen und in russischen Versionen und sonst in keinen anderen vorkommen. Beispielsweise kommen die goldenen Schlüssel auf dem Helm der männlichen Hauptfigur des Romans, Peters, und die Namen seiner Eltern nur in polnischen und in russischen Versionen des Romans vor (vgl. dazu Kuz’mina 1964: 178-179).

Der Autor der Übersetzung ist nicht bekannt. Dem Stil der Sprache nach, so Kuz’mina (1964: 178), stammt der Mann höchstwahrscheinlich aus dem Milieu der Übersetzer des Moskauer Gesandtschaftsamtes, des Posol´skij Prikaz .

2. Zur Lexik der literarischen Übersetzung

Im Folgenden soll der Lexik der Übersetzung nachgegangen werden. Dabei werden folgende lexikalische Aspekte darzustellen sein: das Vorhandensein im Text von Lehnwörtern aus dem Polnischen[3], genetischen Kirchenslavismen[4] und deren russischen Dubletten.

2.1 Polonismen

Da eine polnische Version des Romans von Peter und Magilene die unmittelbare Vorlage für die russische Version war, ist zu vermuten, dass ein relativ starker polnischer Einfluss auf der lexikalischen Ebene der Sprache der literarischen Übersetzung bemerkbar sein muss. Tatsächlich es kommen einige polnische Entlehnungen, die sog. Polonismen, im russischen Übersetzungstext der ersten Fassung vor.

Allerdings ist es bei der Bestimmung der Polonismen fraglich, ob die heute als Polonismen empfundenen Wörter auch zu dem Zeitpunkt der Übersetzung als solche empfunden wurden. Denn es ist aus der Geschichte des moskowitischen und des polnisch-litauischen Staates bekannt, dass das Polnische vom 14. bis zum 17. Jh. einen sehr starken Einfluss auf das Russische ausübte. Und gerade zu diesen Zeiten waren gute Polnischkenntnisse in den Kreisen der höheren Moskauer Gesellschaft, zu der ein Teil des Adels, Kirchenmänner, Gelehrte und Schreiber gehörten, keine Seltenheit (vgl. Maier 1997:84). Vinogradov (1963) betont sogar, dass „... знание польского языка к концу XVII в. является принадлежностью образованного дворянина...“[5]. Es ist noch zu bemerken, dass gerade um diese Zeit ein großer Teil der Wörter polnischen Ursprungs durch die dem gesprochenen Russischen recht nahe stehende Kanzleisprache des polnisch-litauischen Staates, die sog. prosta mova[6], ins Russische geschleust wurde. Deshalb können die polnischen Entlehnungen zum Zeitpunkt der Übersetzung des Romans im Russischen schon so gewesen integriert sein, dass sie vom Schreiber nicht mehr als Wörter polnischen Ursprungs empfunden wurden.

Im folgenden werde ich im Text belegten Lexemen meine Aufmerksamkeit widmen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem polnischen Wortgut übernommen wurden. Dabei versuche ich, bei der Lehnwortuntersuchung möglichst viele Aspekte (lautliche, morphologische usw.) zu betrachten, um ein möglichst sicheres Urteil über den polnischen Ursprung eines Wortes fällen zu können. Auf das Problem der Bestimmung der Polonismen im russischen Wortschatz hat Sobik wie folgt hingewiesen: „Die lexikalische Übereinstimmung der polnischen und der russischen Sprache, die durch den nahen Verwandtschaftsgrad der beiden bedingt sind, haben es manchmal unmöglich gemacht, nur mit linguistischen Methoden die Entlehnung als solche zu definieren“ (Sobik 1969: 36).

Eines der ersten Wörter polnischen Ursprungs, das im Text der Übersetzung bemerkt werden muss, ist das Lexem шурмованье: „токмо о шурмованье“ (S. 276), das auf das pol. szermirstwo ’Fechtkunst’ (vgl. Konarski 1913: 343) bzw. das pol. szermovanie (Sobik 1969: 372) zurückgeht. Das Wort шурмованье ist weder in zeitgenössischen russischen Wörterbüchern, noch bei Dal’ (1903-1909) und Sreznevskij (1893-1903), noch in Pavlovskijs deutsch-russischem Wörterbuch (1972) belegt. Vasmer (1964-1973) gibt keine Angaben zu diesem Wort. Laut Sobik (1969: 372) kommt das Wort in seiner graphischen Form шурмованье[7] nur in der Fassung unseres Romans von 1702 vor. Auf die polnische Herkunft dieses Lexems weist in erster Linie das im Polnischen geläufige Suffix -owanie[8] hin (vgl. Sobik 1969:86). Gemäß dem Wörterbuch des Altpolnischen (SS 1977-1981: 550) koexistierten im Altpolnischen zwei Varianten des Wortes mit identischen Bedeutungen, nämlich szermirstwo und szyrmirstwo. Eine gründliche Recherche zeigte, dass diese beiden Wörter selbst Entlehnungen aus dem Mittelhochdeutschen sind. Laut dem Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm (1899: 207) sind im mhd. neben Schirm noch Scherm „...mit der im nhd. ganz ausgestorbenen Bedeutung ’Waffenkampf, Fechtkunst’...“ belegt (Grimm 1899: 208). Die Wiedergabe der pol. Lautes y durch russ. u in der Wurzel von шурмованье kann lauthistorisch nicht erklärt werden, denn pol. y kann entweder als y im Russischen erhalten bleiben oder aber als i wiedergegeben werden (Sobik 1969: 66-67). Es bleibt nur noch vermuten, dass vom Übersetzer das polnische Graphem /y/ direkt in russisches Wort übertragen worden war.

Das Wort шурмованье ging unübersetzt aus dem polnischen Text in den Text der ersten Fassung der russischen Übersetzung über, verschwand aber relativ bald im Zuge der Russifizierung aus den weiteren Fassungen der literarischen Übersetzung (vgl. Kuz’mina 1964: 177, 265).

Gleich auf der ersten Seite der "Povest’" tauchen ein heute noch üblicher Polonismus, рыцерь ’Ritter’< pol. rycerz, und die davon abgeleiteten Lexeme рыцерский ’Ritter-’ (S. 276 oben) und рыцерство ’Ritterlichkeit’ (S. 278) auf . Darauf, dass das Wort рыцерь in den vorpetrinischen Zeiten als ein Fremdwort empfunden wurde, hat schon Kiparsky (1975: 98) hingewiesen. An einer Stelle im Text unternimmt der Übersetzer der "Povest'" einen Russifizierungsversuch, indem er das ihm wahrscheinlich fremd klingende Wort рыцерство durch dessen russische Variante богатырство (S. 283) ersetzt.

Das Wort шляхтич < pol. szlachcic (Adeliger) (S. 280) ist sicher polnischer Herkunft. Pavlovskij (1972: 1751) verweist auf den polnischen Ursprung des Wortes und gibt als Bedeutung für шляхтич „... im allgemeinem jeder polnische Adelsmann...“ an.

Ein weiterer Polonismus, der im Text der Übersetzung belegt ist, ist das Substantiv учин < pol. uczynek (S. 308). Im Wörterbuch des Altpolnischen von Konarsky (1913: 422) stehen für das Wort uczynek mehrere Bedeutungen, nämlich:’Tat, Handlung, Werk’. Bei Pavlovskij (1972: 1679) findet man nur das Verb учинять ’machen, tun’ und bei Sreznevskij (1903: 1336) учинити mit den gleichen Bedeutungen. Bei der Übernahme des pol. Lexems uczynek ins Russische wurde das Deminutivsuffix –ek beiseite gelassen. Bedingt durch die Palatalität des Konsonantes ч im Russischen wurde der polnische Laut [y] im Lexem учин durch [i] ersetzt.

Ein anderes Beispiel für einen Polonismus ist das Wort златоглав < pol. zlotoglow. Das Wort kommt bei Sobik (1969:226) im Verzeichnis der polnischen Lehnwörter der russischen Sprache des 17.- 18. Jhs. vor. Sobik (1969: 62) weist auch darauf hin, dass in seltenen Fällen in den aus dem Polnischen entlehnten Wörtern pol. o durch russ. a wiedergegeben werden kann. Sie erklärt dies durch den Einfluss des Akanje. Im Russischen des 17. Jhs. bezeichnete dieses Wort neben einer Pflanze, der roten Berglilie, noch einen edlen Stoff (SRJa 1977: 9) Im Text der „Povest’“ bittet aber Magilene eine Frau, ihr verschiedene Materialien zu schicken, damit sie sich daraus ein Kleid nähen könne. Deshalb bittet sie ... чтоб накупила она златоглавов...“ (S. 323). Im Polnischen fungiert zlotoglow ausschließlich als Bezeichnung für einen edlen Goldstoff, auf deutsch also ’Brokat’ (vgl. Konarski 1913: 727).

Der Polonismus матка ’Mutter’: „Ох, нещастной мне печальной матке !“ (S. 313) kommt nach Kuz’mina (1964: 176) in der Bedeutung `Mutter` nur in sehr alten kirchenslavischen Texten vor. Nach Sreznevskij (1895: 119) fungiert dieses Lexem in alten Sprachdenkmälern des 14. Jh. schon überwiegend als Bezeichnung der Weibchen bei Tieren und Insekten, z.B.: пчелиная матка ’Mutterbiene’. Auch Sobik weist darauf hin, dass in der russischen Sprache des 17. Jhs. матка in der Bedeutung ‚Mutter’ „..völlig verloren gegangen war...“ (Sobik 1969: 269). Im Polnischen hat sich matka mit der Bedeutung `Mutter` bis heute erhalten.

Zu den Polonismen zählt außerdem das Adjektiv окрутный: „.. о злый я стал, окрутный я стал ныне...“ (S. 304). Im Wörterbuch des Altpolnischen (Konarsky 1911:720) findet man für das Wort okrutny und im Slovar’ russkogo jazyka des 11.-17. Jhs. für окрутный (SRJa 1983: 350) die gleichen und dem Kontext entsprechende Bedeutungen, nämlich: grausam, fürchterlich. Im Verzeichnis des polnischen Lehnguts wird von Sobik (1969: 283) auf die polnische Herkunft dieses Wortes hingewiesen. Nach Sreznevskij (1895: 651) wurde das Wort окрутьнЬ 1388 in der Bedeutung ’жестоко bei der Übersetzung einer polnisch-litauischen Urkunde gebraucht.

Als weiterer Polonismus kann das Substantiv размолва, das auf mittelpol. rozmowa ’Gespräch’ zurückgeht (Sobik 1969: 327), dienen: „... и милую промеж ними размолву ...“ (S. 288). Im heutigen Russischen ist dieses Wort mit einer ganz andere Bedeutung, nämlich ’Verstimmung, Verzanken’ bekannt.

Im Text der russischen Übersetzung kommt das Wort збруя: „... сам в збрую оделся свою...“ (S. 270) mit der Bedeutung ’Harnisch, Rüstung, Bewaffnung’(Sobik 1969:223) vor. Bei Vasmer enthält der Eintrag сбруя einen Hinweis auf die mögliche Entlehnung von polnisch zbroja (Vasmer 1971: 568). Pennington (1980: 396) weist darauf hin, dass das Wort збруя in der Bedeutung `Harnisch` für Menschen nur in polnisch oder westrussisch beeinflussten Texten vorkommt. In russischen Texten des 17. Jh. war die Verwendung der Bedeutung ’Pferdegeschirr’ für збруя genau wie im heutigen Russischen der Normalfall.

Im Text der "Povest’" kommt auch ein phonetischer Polonismus vor, nämlich das Lexem кроль (König) statt der „normalen“ kirchenslavischer Form краль oder statt der vollauten ostslavischen Form король: „... съехалися пограничныя кроли ...“ (S. 329).

Zusammenfassend lässt sich bezüglich der Polonismen im Text der literarischen Übersetzung folgendes sagen: Erstens, die meisten Polonismen wurden zur Zeit der Übersetzung ins Russische übernommen, weil sie für die damalige Zeit völlig neue und unbekannte Realien, die im Roman auftauchten, bezeichneten oder Verhältnisse beschrieben, die für das Russland des 17. Jhs. nicht geläufig waren. So waren z.B. Wörter aus dem Gebiet des Ritterdaseins wie шурмованье und рыцерь kulturgeschichtlich bedingt ganz neu und im Russischen unbekannt, weshalb sie unübersetzt, so wie sie in der polnischen Version standen, in den Text der russischen Übersetzung übergingen.

Zweitens trifft man im Text der Übersetzung außer Wörtern, die noch heute in der russischen Sprache üblich sind und als Polonismen gelten wie z.B.: рыцерь und сенатор (S. 284)[9], auch noch solche Wörter polnischen Ursprungs an wie шурмованье und окрутный, die im Zuge der Russifizierung in den weiteren Fassungen der Übersetzung verschwunden (vgl. Kuz’mina 1964: 265) und im modernen Russischen fast niemandem mehr bekannt sind.

Drittens spiegelt das Vorkommen der ganz wenigen polnischen Lexemen im Text der Übersetzung deutlich den gelungenen Versuch des Übersetzers wider, den Text dem Leser durch die Ersetzung der unbekannten polnischen Begriffe durch russische Äquivalente und neugeschaffene Ausdrücke verständlich zu machen.

2.2 Kirchenslavismen

Die sprachliche Situation zur Zeit der Übersetzung, d.h. um die Mitte des 17. Jhs., war durch eine nicht stabile Situation, d.h., durch eine Situation des Übergangs von kirchenslavisch-russischer Diglossie[10] zur kirchenslavisch-russischen Zweisprachlichkeit gekennzeichnet. (vgl. Uspenskij 2002: 472-474). Parallel dazu erweiterte sich der Anwendungsbereich des Kirchenslavischen. In dieser Zeit entstanden neben traditionell kirchenslavisch verfassten Texten auch solche, die ihrer Gattung nach nicht mehr der sakralen Literatur angehörten, z.B. Satiren, aus verschiedenen Sprachen übersetzte Romane und originale russische Prosa usw. . Diese neu entstandene säkulare Literatur war immer noch an die „... aus dem Kirchenslavischen stammende schriftsprachliche Norm, die der gesprochenen Sprache nicht entsprach...“ (Maier 1997:83), gebunden, aber nicht mehr ganz fest. In dieser Zeit entstanden unter anderem Texte wie z.B. „Žitie protopopa Avvakuma“, die mehr an der alltäglichen Umgangsprache (vgl. Issatschenko 1980: 331) und nicht mehr an der Buchsprache orientiert waren.

Bedingt durch die nahe Verwandtschaft des Kirchenslavischen (Schriftsprache) und des Russischen (Volkssprache), konnten Elemente der gesprochenen Sprache leicht den Eingang in schriftliche Texte finden und dort sich so verankern, dass sie nicht mehr als solche zu empfinden waren. Die Interferenzen zwischen dem Kirchenslavischen und dem Russischen waren also sowohl im Bereich der sakralen Literatur als auch im Bereich der Unterhaltungsliteratur und in der Kanzleisprache der damaligen Zeit wohl unvermeidbar.

Die Sprache der Erzählung weist viele genetischen Kircheslavismen dar, die durch typisch kirchenslavische Merkmale charakterisiert sind.

[...]


[1] Unter „ukrainischer Sprache“ wird bei Kuz’mina wahrscheinlich die „Prosta mova“ verstanden.

[2] Die Autorin verweist in diesem Zusammenhang auf den Seiten 170-174 ihres Buches auf Arbeiten, die der Erforschung der unmittelbaren Vorlage der literarischen Übersetzung gewidmet sind.

[3] Bei der Bestimmung der Polonismen verlasse ich mich vor allem auf die Angaben von Kuz’mina und auf die im Buch von Frau Sobik (1969) untergebrachte Liste jeglicher Polonismen in der russische Sprache des17. –18. Jhs.

[4] Unter genetischen Kirchenslavismen werden hier Entlehnungen aus dem Kirchenslavischen verstanden, die durch bestimmte formale lautliche Merkmahle markiert sind z.B. durch die kirchenslavischen Merkmal „щ“ und „жд“ usw.

[5] Zitiert nach Sobik (1969: 55)

[6] Prosta mova wird in der Fachliteratur oft als das „Westrussische“ (Kiparsky 1975: 98; Issatschenko 1983: 468) bezeichnet

[7] Laut Sobik (1969: 372) ist die Variante mit e im Wurzel also шe рмованье in anderen russischen Texten aus dem 17. Jh. mehrmals belegt.

[8] Zaliznjak (1977: 272) stellt in seinem Wörterbuch nur noch fünf russischen Lexeme mit diesem Suffix vor.

[9] Diese Wörter sind im Polnischen selbst Entlehnungen.

[10] Unter Diglossie ist ein paralleles Bestehen zweier genetisch verschiedener aber nahverwandter Sprachen, hier des Kirchenslavischen (des Schriftsprache) und des Russischen (des Umgangssprache), zu verstehen.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Zur Sprache der literarischen Übersetzung "Povest' o Petre zlatych kljucej"
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Slavisches Seminar)
Veranstaltung
Die Vorgeschichte der modernen russischen Standard-(Literatur)sprache
Note
gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
34
Katalognummer
V72052
ISBN (eBook)
9783638628693
Dateigröße
681 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprache, Povest, Petre, Vorgeschichte, Standard-(Literatur)sprache
Arbeit zitieren
Anna Bolshukhina (Autor), 2004, Zur Sprache der literarischen Übersetzung "Povest' o Petre zlatych kljucej", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72052

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