Vergleich der Funktionen von orientalischen Motiven in "Das Märchen vom Zaren Saltan ..." von Aleksandr Puschkin und in "Der goldene Topf" von E.T.A. Hoffmann


Seminararbeit, 2005
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung: Hoffmann, Puschkin und der Orient

2 Märchen vom Zaren Saltan, von seinem Sohn, dem berühmten, mächtigen Recken Fürst Gwidon Saltanowitsch, und von der wunderschönen Schwanenprinzessin
2.1 Dichotomie Ost/West
2.2 Parallelen mit „1001 Nacht“

3. Der goldene Topf
3.1. Zwei Welten
3.2. Zugang zur Welt des Wunderbaren
3.3. Sinnliches und Sinnenbetörendes
3.4. Orientalische Elemente und Parallelen zu „1001 Nacht“

4. Parallelen und Unterschiede zwischen Puschkin und Hoffmann

Bibliografie
Sekundärtexte

1 Einleitung: Hoffmann, Puschkin und der Orient

In dieser Arbeit sollen das Märchen „Der Goldene Topf“[1] von ETA Hoffmann und Alexander Puschkins „Märchen vom Zaren Saltan, von seinem Sohn, dem berühmten, mächtigen Recken Fürst Gwidon Saltanowitsch, und von der wunderschönen Schwanenprinzessin“[2] miteinander verglichen werden. Dabei liegt das Augenmerk vor allem auf den orientalischen und orientalistischen Elementen und ihrer Funktion in diesen beiden Werken. Als Referenz dienen hauptsächlich die Erzählungen von „1001 Nacht“[3], da es dazu viele Parallelen sowohl bei Puschkin als auch bei Hoffmann gibt.

Alexander Puschkin lebte von 1799 bis 1837. Er entstammt einem alten russischen Adelsgeschlecht, wurde in Moskau geboren und starb in St. Petersburg. Er bewegte sich sowohl am Zarenhof als auch in den revolutionären Zirkeln, die den Dekabristen nahe standen. Es war jedoch typisch für Puschkin, dass er für viele Meinungen und Ideen ein Interesse zeigte, das was ihm nützlich und wahr erschien für sich herauszog, sich aber auf keine politische oder ästhetische Seite endgültig festlegte. Puschkin wird oft als romantischer Dichter bezeichnet. Die ursprünglich westeuropäische Trennung von Klassizismus und Romantismus lässt sich nicht eins zu eins auf die russische Dichtung übertragen, weshalb die tatsächliche Einordnung Puschkins unter diese Kategorien schwer fällt. In seinen späteren Werken, vor allem in seinen Erzählungen, ist eine Tendenz zum Realismus zu erkennen.

Ernst Theodor Wilhelm (Amadeus) Hoffmann wurde 1776 in Königsberg geboren und starb 1822 in Berlin. Er ging aus einer Juristenfamilie hervor, bekam selbst eine juristische Ausbildung und arbeitete die meiste Zeit seines Lebens, neben seiner künstlerischen Tätigkeit, in juristischen Berufen. Musik spielte eine große Rolle im Leben und Schaffen Hoffmanns. Er komponierte und arbeitete sogar eine Zeit lang als Kapellmeister. Außer in Königsberg und Berlin lebte Hoffmann in Posen, Leipzig und Dresden, bewegte sich also hauptsächlich im Osten Deutschlands. ETA Hoffmann gilt als einer der Hauptvertreter der deutschen Romantik.

Wir haben hier also zwei Dichter, die außer ihrer romantischen Konzeption und der Tatsache, dass sie etwa zur gleichen Zeit lebten, nicht viel gemeinsam haben. Der eine ist ein musikbegeisterter Jurist, der andere Aristokrat; der eine schrieb ausschließlich in Prosa, während der andere erst zum Ende seines Schaffens hin die Prosa für sich entdeckte. Puschkin ist noch stark vom Klassizismus geprägt, während Hoffmanns Werk als ausschließlich romantisch bezeichnet werden kann.

Beide schrieben jedoch Kunstmärchen und bedienten sich dabei unter anderem orientalischer und orientalisierender Motive und Verfahren. Für die Erschließung dieser beiden europäischen Dichter und ihrem Verhältnis zum Orient und Orientalismus und damit zu ihrer eigenen Kultur und ihrem Werk könnte es fruchtbar sein sie miteinander unter dem Aspekt orientalischer und orientalisierender Elemente in ihrer Arbeit zu vergleichen.

2 Märchen vom Zaren Saltan, von seinem Sohn, dem berühmten, mächtigen Recken Fürst Gwidon Saltanowitsch, und von der wunderschönen Schwanenprinzessin

Im „Märchen vom Zaren Saltan“[4] wird eine Dichotomie von Ost und West aufgemacht. Das Bemerkenswerte daran ist jedoch, dass sie zwar voneinander unterschieden werden aber auf vielfältige Weise miteinander verbunden sind und manchmal sogar fließend ineinander übergehen. Orientalische oder orientalisierende Elemente haben in diesem Märchen demnach zwei unterschiedliche Funktionen. Zum einen bilden sie Unterscheidungsmerkmale für „den Osten“ und andererseits tragen sie dazu bei, dem Werk das Wunderbare und Märchenhafte zu verleihen.

2.1 Dichotomie Ost/West

Das Märchen beginnt im Reiche des Zar Saltan. Schon die Bezeichnung „Zar Saltan“ ist an sich eine merkwürdige Hybride. „Zar“ ist seit dem 16. Jh. die Bezeichnung für einen russischen Herrscher. Saltan ist jedoch ein Name turksprachigen Ursprungs und hat die gleiche Bedeutung wie das Wort Sultan, nämlich ebenfalls „Herrscher“.[5] Puschkin beendete dieses Märchen im Jahre 1831.[6] In einer früheren Fassung desselben figuriert ein türkischer Herrscher namens „Sultan Sultanovič“. Demnach ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich bei Zar Saltan um einen türkischen Sultan handelt.[7]

Im Reich des Zar Saltan haben sich eines Abends drei Schwestern versammelt um Wolle zu spinnen, ein typisch Beschäftigung für junge russische Mädchen an dunklen Winterabenden. Sie sitzen am Fenster und erzählen einander, was sie tun würden, wenn sie Frau des Zaren werden würden. Die jüngste von ihnen sagt, dass sie dem Zaren einen Recken gebären würde. Zufällig steht Zar Saltan am Fenster und belauscht das Gespräch. Die Antwort der dritten Schwester hat ihm gefallen und er möchte sie zur Frau nehmen. Die anderen beiden nimmt er ebenfalls mit an den Hof und lässt die eine in der Küche arbeiten und die andere als Weberin. Die Tatsache, dass er die beiden älteren Schwestern ebenfalls mit an seinen Hof nimmt und sie im Verlauf der Geschichte einen großen Einfluss auf ihn gewinnen und sogar neben seinem Thron sitzen, deutet auf einen orientalisch-islamischen Kontext hin. Man kann vermuten, dass Saltan diese beiden ebenfalls zu Frauen genommen oder zumindest seinem Harem angegliedert hat.[8]

Die jüngste Schwester gebärt tatsächlich einen Jungen, während der Zar im Krieg ist. Sie schickt ihm eine Botschaft mit der freudigen Nachricht. Ihre Schwestern, zusammen mit der Schwiegermutter, sind jedoch eifersüchtig auf ihre hervorgehobene Stellung beim Zaren. Sie machen den Boten betrunken und vertauschen die Botschaft, in der der Zar nun zu lesen bekommt, dass seine Frau ein abartiges Wesen zur Welt gebracht hat. Valerij Ronkin schreibt in seiner Analyse des „Märchens vom Zar Saltan“[9], der Zar würde sich, aus der Sicht eines russischen Zeitgenossen Puschkins, auf eine „typisch asiatische“ Art und Weise verhalten, als er die Nachricht von der Geburt seines Kindes erhält und den Boten im ersten Zorn hängen lassen möchte. Nachdem er sich jedoch beruhigt hat, schreibt er den „Bojaren“, eine typisch russische Bezeichnung für den Adel, man solle seine Ankunft abwarten und erst einmal nichts unternehmen. Und wieder vertauschen die beiden bösen Schwestern und die Schwiegermutter die Botschaft, in der nun steht, man solle die Zarin und ihr Kind im Meer ertränken. Die Bojaren führen diesen Befehl prompt aus. Sie setzen die Mutter und das Kind in ein geteertes Fass und lassen sie ins Meer. Nachdem sie einige Tage lang auf dem Meer getrieben haben, werden sie auf einer Insel an Land gespült. Nach so langer Zeit ohne Nahrung ist es das Dringendste etwas zu essen. Der Jüngling, zu dem der Sohn der Zarin wunderbarerweise in so kurzer Zeit herangewachsen ist, bricht von einer Eiche einen Ast ab und macht daraus mit Hilfe der seidenen Schnur, an der sein Kreuz hängt, einen Bogen. Das Kind wurde also christlich getauft. Auch später, als die Mutter die Vermählung ihres Sohnes mit der Schwanenprinzessin segnet, bedient sie sich dazu einer Ikone, was ein Brauch der christlich-orthodoxen Glaubensrichtung ist. Die Stadt, die die von dem Jüngling gerettete Schwanenprinzessin auf der zuvor öden Insel als Dank entstehen lässt, ist ebenfalls als eindeutig christlich gekennzeichnet:

goldne Kuppeln sieht er blitzen, Klöster, Kirchen, Turmesspitzen.

Später, als der Sohn seinen Vater endlich in seinem Fürstentum empfängt Plötzlich von Kanonen dröhnt es, und von Glockenläuten tönt es, Wie man sehen kann, ist das Reich von Fürst Gwidon, wie er sich gleich nach seiner Ernennung zum Fürsten der neuen Stadt selbst nennt, seine Mutter und er selbst durch viele christliche Attribute charakterisiert, wobei über die Religion im Reich des Zaren Saltan kein Wort verloren wird.

Die Eiche, die als einziger Baum auf der Insel wächst, wird in der deutschen Übersetzung zweimal und im russischen Original dreimal erwähnt:

Steigt vom Strand ein Hügel auf, eine Eiche steht darauf.

Ragte aus den Fluten weiland nackt und kalt ein Felseneiland; nichts wuchs da als eine Eiche–

In der original puschkinschen Version wird betont, dass der Jüngling den Bogen aus einem Eichenast macht. Trotzdem das Verbreitungsgebiet der Eiche bis an das Schwarze Meer reicht[10], wird sie eher als ein typisch abendländischer Baum empfunden. Für viele europäische Volksstämme war die Eiche ein Kultbaum.[11]

Der Name Gwidon steht ebenfalls repräsentativ für den Westen, denn diesen Namen kennt

Puschkin aus der Erzählung vom Prinzen Bova. Diese Erzählung hat ihren Ursprung in dem im 16. Jh. übersetzten französisch-italienischen Ritterroman, der von den Abenteuern des Bovo d´Anton erzählt. Der Vater von Bova heißt Gwidon. Dieser Name ist die russische Variante des aus den romanischen Sprachen stammenden Namens Guido. In der Erzählung vom Prinzen Bova taucht als sein Widersacher auch Saltan Saltanovič auf.[12]

[...]


[1] http://gutenberg.spiegel.de/etahoff/goldtopf/goldtopf.htm (03.09.2005)

[2] http://gutenberg.spiegel.de/puschkin/maerchen/saltan.htm (01.09.2005)

[3] Tausend und eine Nacht. C.H. Beck. München. 8. Aufl. 2005.

[4] http://gutenberg.spiegel.de/puschkin/maerchen/saltan.htm (01.09.2005)

[5] http://www.rusfam.ru/?part=show&descid=00001930&surname=%FF%FE%EA%F0%FE%EC%ED%E1 (01.09.2005)

[6] http://litrossia.ru/archive/152/history/3827.html (01.09.2005)

[7] http://ronkinv.narod.ru/salt.htm (01.09.2005)

[8] http://ronkinv.narod.ru/salt.htm (01.09.2005)

[9] http://ronkinv.narod.ru/salt.htm (01.09.2005)

[10] http://forstverein.brausebiz.de/dfv/wald/arbeitsmaterialien/Projekt_Schule_im_Wald/pdf/o3_eiche (01.09.2005)

[11] http://de.wikipedia.org/wiki/Eiche (01.09.2005)

[12] http://ronkinv.narod.ru/salt.htm (01.09.2005) http://myfhology.narod.ru/heroes/b/bova-korolevich.html (01.09.2005) http://de.wikipedia.org/wiki/Guido (01.09.2005)

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Vergleich der Funktionen von orientalischen Motiven in "Das Märchen vom Zaren Saltan ..." von Aleksandr Puschkin und in "Der goldene Topf" von E.T.A. Hoffmann
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar: 1001 Nacht - das Werk und seine Wirkung auf die deutsche Literatur
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V72060
ISBN (eBook)
9783638633987
ISBN (Buch)
9783638908474
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergleich, Funktionen, Motiven, Märchen, Zaren, Saltan, Aleksandr, Puschkin, Topf, Hoffmann, Proseminar, Nacht, Werk, Wirkung, Literatur
Arbeit zitieren
Katharina Friesen (Autor), 2005, Vergleich der Funktionen von orientalischen Motiven in "Das Märchen vom Zaren Saltan ..." von Aleksandr Puschkin und in "Der goldene Topf" von E.T.A. Hoffmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72060

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