Interpretation zu Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“


Hausarbeit, 2005

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsüberblick
2.1. Ältere Forschung
2.2. Neuere Forschung
2.3. Entstehung des Berichts

3. Interpretation
3.1 Konflikt zwischen Ost- und Westjudentum
3.2 Konflikt zwischen Irrationalität und Rationalität

4. Fazit

5. Literaturnachweise

1. Einleitung

Wie der Forschungsüberblick zeigen wird, sind bereits eine Vielzahl von Interpretationsansätze zum Bericht für eine Akademie von Franz Kafka verfaßt worden. Susan Sontag stellt sich gegen die meisten dieser Ansätze in ihrem Aufsatz Gegen Interpretation[1]. Sie fordert eine Interpretation weg vom Intellekt (Interpretation als „Rache des Intellekts an der Welt“[2]) und hin zum „sinnliche[n] Erlebnis des Kunstwerks“[3]. Diese Auffassung scheint mir, angesichts der komplexen Deutungsmöglichkeiten in Kafkas Werk, als die vernünftigste, um sich einem Text von Kafka zu nähern. Indem man übermäßige Ansätze zugunsten einer einfachen und realitätsnäheren Deutung aufgibt, offenbart sich der Zugang zum Text.

Um einer Interpretation im Sinne Sontags entgegenzukommen und damit eine Deutung abzulehnen, die „mehr Inhalt aus dem Werk heraus[preßt], als darin enthalten ist“[4], werde ich im dritten Punkt zwei mögliche Ansätze darlegen, die sich mehr oder weniger nah am Text halten. Während die jüdische Perspektive noch den sozialen Hintergrund Kafkas einbezieht, kommt der Ansatz zur Rationalität/Irrationalität fast ausschließlich mit dem Bezug auf Kafkas Bericht für eine Akademie aus.

2. Forschungsüberblick

2.1 Ältere Forschung

Daß Kafkas Werk als Sammelsurium der wildesten Deutungen galt, bestätigt Michael Müller und versucht, Gründe dafür aufzuzeigen[5]. Den Grundstein hätte Max Brod gelegt, der immer wieder Kafkas Erzählungen und Romane unter jüdischer Perspektive gedeutet hat. Er ging als Verwalter des Nachlasses sogar so weit, die Texte nicht im Original sondern mit Aussparungen und Veränderungen herauszubringen. Die erste kritische Ausgabe der Werke Kafkas erschien erst 1982. Des weiteren führt Müller an, daß „Kafka [...] mit seiner zurückhaltenden, fast schüchternen Art im damaligen Literaturbetrieb eine Einzelerscheinung gewesen zu sein [schien]“[6]. Hierauf begründet sich das Interesse an seiner Person schon zu Lebzeiten Kafkas. Außerdem sorgte er mit seinen Werken zu seiner Zeit teilweise für großes Aufsehen: einige wurden hoch gelobt (z.B. Der Heizer), andere wurden als abstoßend bezeichnet und für irritierend erklärt (z.B. In der Strafkolonie, Die Verwandlung). Das Nichtverstehen von Kafkas Werken veranlaßte die Interpreten zu immer neuen Versuchen, sich mit diesen auseinanderzusetzen und vielleicht doch ein wenig Licht ins Dunkel der kafkaschen Deutung zu bringen.

Im Laufe dieser Deutungsgeschichte kristallisierten sich in den ersten Jahrzehnten nach Kafkas Tod drei Interpretationsansätze für den Bericht heraus: die Interpretation als Judengleichnis, als Vergleich der Figuren Kafkas und als Gleichnis für die gesamte Menschheit. Die Auslegung hinsichtlich der jüdischen Frage wurde, wie oben schon erwähnt, durch Max Brod vorangetrieben und hielt sich lange Zeit an der Spitze der Deutungsansätze[7].

Beim Figurenvergleich wird der Affe Rotpeter mit anderen Protagonisten aus Kafkas Werk in Beziehung gesetzt. So vergleicht z.B. Walter H. Sokel den Affen Rotpeter mit Gregor Samsa[8]. Beide Figuren machen eine Verwandlung durch. Die Unterschiede liegen darin, daß sie in entgegengesetzte Richtungen verlaufen (Rotpeter vom Affen zum Mensch, Gregor vom Mensch zum Käfer) und während sich der eine „seine Verwandlung ganz bewußt [erkämpft]“[9] vollzieht sich die Verwandlung beim anderen im Schlaf. „Während Gregors Verwandlung der Fluch seiner mangelnden Selbstkontrolle war, ist die Metamorphose des Affen die Frucht beispiellosester Selbstdisziplin.“[10] Sokel zeigt, daß es bei Gregor zu einer Ich-Spaltung kommt, wohingegen beim Affen das alte Ich auf Kosten eines neuen komplett verdrängt wird. In einem weiteren Vergleich stellt Sokel auch den Hund aus Forschungen eines Hundes dem Affen gegenüber[11]. Ihre Gegensätzlichkeit äußert sich darin, daß der Hund die Abhängigkeit zur Macht, also zum Menschen, anstrebt und sich so Vorteile daraus erhofft (der Hund unterwirft sich, um in der Gunst des Menschen zu stehen), während der Affe selbst zur Macht werden und ihre Privilegien erhalten will (Rotpeter ist um sachliche Nachahmung der Menschen bemüht, um so zu leben wie sie).

Die Deutung als Gleichnis für die Menschheit äußert sich in der Forschung sehr breitgefächert[12]. Hans Politzer deutet den Bericht als Darstellung des Verfalls der menschlichen Kultur, die nur noch auf Anpassung beruht und somit ihre Wurzeln verloren hat. Für George Schulz-Behrend steht der Freiheitsverlust des Menschen im Mittelpunkt der Deutung. Diese Freiheit wurde „gegen Sicherheit und materiellen Erfolg eingetauscht“[13]. In negativer Hinsicht versteht Herbert Tauber den Bericht: der Text sei eine Satire auf den Menschen, der nicht in Freiheit sondern in Anpassung lebt. Hellmuth Kaiser interpretiert den Bericht nach psychoanalytischen Gesichtspunkten: den Schuß, den Rotpeter unter der Hüfte trifft, sieht Kaiser als Kastrationserlebnis des Affen an, welches den vermeintlichen Kastrationsschock aus Kafkas Kindheit widerspiegelt. Die daraus resultierende Triebstörung begründet die Mischung aus Affe und Mensch: die Entwicklung zum Menschen steht für die hohen intellektuellen Leistungen, das Dasein als Affe unter Menschen verdeutlicht die sozialen und sexuellen Schwächen.

Hans-Gerd Koch sieht Ende der 60er Jahre einen Wandel in der Forschung zu Franz Kafkas Bericht für eine Akademie[14]. Die Interpreten nahmen von den eingeschränkten Deutungsansätzen Abstand und „weisen [nun] auf Quellen und Vorbilder hin, sie sehen den Text in seinem zeitgenössischen Rahmen“[15]. So versucht Walter Bauer-Wabnegg die grundlegenden Quellen für den Bericht herauszufinden und Hartmut Binder zeigt Parallelen zu E. T. A. Hoffmann auf. Klaus-Peter Philippi deutet den Bericht als Darstellung des Erlebens der Verwandlung im Bewußtsein des Verwandelten. Dabei ist dem Verwandelten die eigene Freiheit in der menschlichen Gemeinschaft fragwürdig.

Bei neueren Deutungsansätzen „wird es doch immer schwieriger, bei Versuchen der Bedeutungszuweisung über Akzentverschiebungen hinaus wirklich neue Positionen zu beziehen“[16], daher wird die Deutungsgeschichte kritisch bei der eigenen Interpretation berücksichtigt. Die Interpreten sind nicht mehr auf der Suche nach dem „Schlüssel[ ]“, welcher „gleich die Kernbedeutung des gesamten Werkes Kafkas [offenlegt]“[17], da dieser der heutigen Forschungslage nach nicht existiert.

2.2 Neuere Forschung

Auch in der neueren Forschung hält sich die jüdische Deutung immer noch im Vordergrund. Lovis M. Wambach weist den Einfluß der Ahasver-Legende auf das Werk Kafkas nach[18]. U.a. im Schloß sieht Wambach das Motiv des ewig Wandernden dargestellt. Er ist der Auffassung, daß Kafka als Jurist seinen Blick mit großer Wahrscheinlichkeit auf die unverhältnismäßig hohe Strafe der Unsterblichkeit und Wanderschaft gerichtet haben muß.

Des weiteren stellt Wambach dar, daß sich Kafka intensiv mit dem Judentum beschäftigt hat, aber seine Beziehung zu diesem zwiespältig war[19]. Nach Wambach läßt sich nicht genau sagen, ob der Schriftsteller Zionist war oder dem Judentum skeptisch gegenüber stand. Auf der einen Seite interessierte sich Kafka u.a. für die jüdische Geheimlehre und die hebräische Sprache, aber auf der anderen Seite fühlte er sich zwischen jüdischer und nichtjüdischer Welt zerrissen.

[...]


[1] vgl. Sontag 2003, S. 16

[2] ebd., S. 15

[3] ebd., S. 22

[4] ebd., S. 22

[5] vgl. Müller 1994, S. 8 ff

[6] ebd., S. 22

[7] vgl. Koch 1994, S. 178

[8] vgl. Sokel 1964, S. 369 f

[9] ebd., S. 369

[10] ebd., S. 369

[11] vgl. ebd., S. 382

[12] vgl. Koch 1994, S. 179 ff

[13] Koch 1994, S. 180

[14] vgl. ebd., S. 186 ff

[15] ebd., S. 191

[16] ebd., S. 192

[17] ebd., S. 192

[18] vgl. Wambach 1993, S. 41 ff

[19] vgl. Wambach 1993, S. 61 ff

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Interpretation zu Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V72102
ISBN (eBook)
9783638689915
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interpretation, Kafkas, Bericht, Akademie“
Arbeit zitieren
Susan Dommenz (Autor), 2005, Interpretation zu Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72102

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