Verlustaversion und Prospect Theory als Erklärungsansätze für Verhaltensanomalien


Seminararbeit, 2002
19 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einführung

II. Entscheidungs- und Verhaltensanomalien
1. Verlustaversion
2. Referenzpunkt-Effekt
3. Endowment-Effekt
4. Status Quo Bias
5. Anchoring
6. Abnehmende Sensitivität (Diminishing Sensitivity)
7. Overconfidence

III. Prospect Theorie
1. Klassische Prospect Theorie
1.1. Editierphase
1.2. Nutzenfunktion
1.3. Wertfunktion
1.4. Wahrscheinlichkeitsgewichtungsfunktion
1.5. Kritik der klassischen Prospect Theorie
2. Cumulative Prospect Theorie

IV. Anwendungsgebiete der Prospect Theorie

V. Fazit

VI. Quellen:

I. Einführung

Die Entscheidungstheorie verfolgt das Ziel, Menschen bei komplexen Entscheidungen zu unterstützen. Innerhalb der Entscheidungstheorie wird zwischen präskriptiver und deskriptiver Entscheidungstheorie unterschieden. Die präskriptive Entscheidungstheorie beschreibt nicht die Realität, sondern gibt Verhaltensempfehlungen für alternative Entscheidungssituationen. Ihr Gegenstand sind Aussagen zur rationalen Auswahl einer Alternative unter verschiedenen Alternativen. Eine rationale Wahl kann dann getroffen werden, wenn das Rationalprinzip angewendet wird. Nach dem Rationalprinzip sollte ein rational handelnder Mensch seine Ressourcen so verwenden, dass sein Nutzen maximiert wird. Die Erwartungsnutzentheorie, deren axiomatische Fundierung auf einen Ansatz von Neumann und Morgenstern zurückgeht, gehört zu den wichtigsten Grundlagen der präskriptiven Entscheidungstheorie. Das Ziel der deskriptiven Entscheidungstheorie besteht dagegen darin, das tatsächlich beobachtbare menschliche Verhalten in Entscheidungsprozessen zu beschreiben. Hierzu werden Hypothesen über das Verhalten von Individuen formuliert, mit deren Hilfe bei Kenntnis der jeweiligen Ausgangsposition Entscheidungen prognostiziert werden können[1]. Das tatsächliche Verhalten von Entscheidungsträgern in Entscheidungsprozessen widerspricht zum Teil dem in der präskriptiven Theorie vorausgesetzten rationalen Verhalten. In letzter Zeit ist die Erwartungsnutzentheorie durch eine Vielzahl von empirisch-experimentellen Befunden zu sogenannten Verhaltens- und Entscheidungsanomalien unter Druck geraten. Nach Klose sind Entscheidungsanomalien „empirisch beobachtbare (systematische) Abweichungen individuellen Urteils- und Entscheidungsverhaltens von Standardannahmen entscheidungslogischer Entwürfe und ökonomischer Modelle“[2]. Insbesondere die Verletzung des Unabhängigkeitsaxioms durch das Allais- und das Ellsberg-Paradoxon[3] führte zu einer Suche nach sog. alternativen Erwartungsnutzentheorien. Als Reaktion auf diese Befunde sind in jüngster Zeit einige Alternativen[4] zur Erwartungsnutzentheorie entstanden. Eines der bedeutsamsten und am häufigsten diskutierten Modelle ist die Prospect Theorie von Kahneman/Tversky (1979).

II. Entscheidungs- und Verhaltensanomalien

Ausgangspunkt für die Entwicklung der Prospect Theorie waren empirische Beobachtungen[5], in denen die Axiome der Erwartungsnutzentheorie systematisch verletzt wurden. Wegen der enormen Fülle[6] der in der modernen empirischen Entscheidungsforschung diskutierten Anomalien beschränken sich die folgenden Ausführungen auf diejenigen Anomalien, die im Rahmen der Prospect Theorie eine bedeutendere Rolle spielen.

1. Verlustaversion

Die Beobachtung, dass Menschen Verluste stärker als Gewinne gewichten, wird als Verlustaversion bezeichnet. In einem von Kahneman, Knetsch und Thaler[7] durchgeführten Experiment wurden vor einem Drittel der Sitzplätze eines Versuchsraumes Tassen platziert, nachdem sich die Versuchspersonen gesetzt hatten. Den Personen auf den Sitzplätzen mit Tassen wurde erklärt, dass sie die Tasse als Geschenk betrachten könnten. Die Besitzer der Tassen hatten nun die Wahl, diese zu behalten oder zu einem später festgesetzten Preis zu verkaufen. Anschließend sollten sie sich auf einen Preis zwischen 0,50 $ und 9,50 $ festlegen, zu welchem sie zum Verkauf bereit wären Die Personen ohne Tassen wurden vor die Wahl gestellt, ob sie eine Tasse oder lieber einen wiederum später festgesetzten Geldbetrag präferierten. Auch diese Gruppe sollte angeben, ab welcher Summe zwischen 0,50 $ und

9,50 $ sie den Geldbetrag der Tasse vorziehen würde. Obwohl beide Gruppen vor demselben Entscheidungsproblem standen, ergaben sich bei den angegebenen Geldbeträgen sehr starke Unterschiede. Bei den Personen mit Verkaufsoption ergab sich ein Mittelwert von 7,12 $ für den Verkaufspreis, während die potentiellen Käufer im Durchschnitt nur bereit waren, 3,12 $ für eine Tasse auszugeben. Dieses Beispiel zeigt, dass Menschen Verluste stärker schmerzen, als sie Gewinne gleicher Höhe erfreuen. Das Phänomen der Verlustaversion liegt mehreren anderen Verhaltensanomalien zugrunde. Beispielsweise kann die Darstellungsweise (Framing) der Konsequenzen einer Entscheidung, entweder als Gewinn oder als Verlust, die Alternativenwahl beeinflussen. Verlustaversion führt auch dazu, dass der Ausgangspunkt (Referenzpunkt-Effekt, Anchoring) oder die Ausstattung (Endowment-Effekt) relevant ist und eine Präferenz für den Status Quo (Status-Quo-Bias) besteht.

2. Referenzpunkt-Effekt

In der Erwartungsnutzentheorie wird davon ausgegangen, dass lediglich End- vermögensgrößen in die Nutzenfunktion von Individuen eingehen. Die Bewertung von Veränderungen und Unterschieden hat, bezogen auf menschliche Wahrnehmung, aber einen größeren Einfluss als die Bewertung absoluter Größen.[8] Wie im vorherigen Kapitel dargestellten Experiment gezeigt wurde, ist die Bewertung eines Entscheidungsproblems davon abhängig, ob die Konsequenzen als Gewinn oder Verlust angesehen werden.[9] Gewinne und Verluste beziehen sich wiederum auf einen individuellen Referenzpunkt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Verschiedene Referenzpunkte für eine Wahl zwischen A und D[10]

Abb. 1 zeigt vier verschiedene Referenzpunkte (A,B,C,D) bezüglich zweier Güter X und Y.

Gemäß dem erläuterten Experiment wäre A der Referenzpunkt der Tassenbesitzer und C derjenige der anderen Gruppe. Vom Punkt C aus wird die Wahl zwischen den zwei Zuständen A und D als Wahl zwischen zwei Zugewinnen wahrgenommen. Von A aus stellt sich dieselbe Entscheidung als Wahl zwischen dem Status Quo und einem Tausch des Gutes Y (Tasse) mit dem Gut X (Geldbetrag) dar. Verlustaversion impliziert, dass beim Tausch der Verlust der Tasse stärker gewichtet wird als der Gewinn des entsprechenden Geldbetrags, den der Besitzer der Tasse für diese bezahlen würde.[11] Individuen beurteilen Konsequenzen nicht absolut, sondern bezüglich eines Referenzpunktes. Das Entscheidungsverhalten ist somit abhängig vom Setzen dieses Referenzpunktes. Als speziellere Formen dieses Phänomens können der Endowment Effekt, der Status-Quo-Bias und Anchoring interpretiert werden, da auch diese Anomalien von subjektiven Referenzpunkten ausgehen.

3. Endowment-Effekt

Der Endowment-Effekt beschreibt das Phänomen der systematischen Überbewertung von Gütern des persönlichen Besitzes gegenüber anderen, gleichwertigen, die sich nicht im eigenen Verfügungsbereich befinden. Dadurch liegt die Zahlungsbereitschaft eines Käufers für ein bestimmtes Objekt weit unter dem Preis, den er als Verkäufer für diesen Gegenstand akzeptieren würde. Verlustaversion bewirkt eine höhere Gewichtung der Verluste im Vergleich zum potentiellen Gewinn und führt dazu, dass Individuen eher geneigt sind den gegenwärtigen Status Quo beizubehalten.[12]

4. Status Quo-Bias

Wenn bei einer Entscheidung weniger die Konsequenzen sondern die Frage, ob sich der gegenwärtige Zustand verändert oder nicht, im Vordergrund stehen, spricht man vom Status Quo-Bias. Je mehr Handlungsalternativen zur Auswahl stehen, desto stärker wird die Präferenz für den Status Quo. Diese Verzerrung sagt etwas darüber aus, wie Menschen sich Informationen beschaffen. Menschen neigen dazu, die Auswirkungen der Entscheidung, die sie getroffen haben, genau zu beobachten, während sie die Konsequenzen jener Handlungsalternativen, die sie eben nicht gewählt haben, nicht mehr genau weiterverfolgen. Es gibt so eine Tendenz, den Status Quo beizubehalten, weil man über die Alternativen immer weniger weiß und sie dadurch ungewiss und unsicher erscheinen.[13]

5. Anchoring

Der Ankereffekt tritt beim Schätzen von Quantitäten auf. Personen beginnen beim Schätzen mit ihren Überlegungen zunächst bei einem bestimmten Startpunkt und passen ihre Einschätzungen von diesem Anker aus im Entscheidungsprozess nur unzureichend an, wenn zusätzliche Informationen gegeben werden. Die Entscheidung ist dadurch in hohem Maße vom Ausgangspunkt der Überlegungen abhängig. Prinzipiell kann man den Ankereffekt als Verzerrung der Entscheidung durch einen willkürlichen und uninformativen Startpunkt interpretieren.[14]

6. Abnehmende Sensitivität (Diminishing Sensitivity)

Die subjektive Einschätzung des Nutzen bzw. Schadens von Beträgen ist somit abhängig vom Referenzpunkt. Gleich große Veränderungen des Gewinns oder des Verlustes werden mit wachsendem Abstand zum Referenzpunkt geringer bewertet. Um den Referenzpunkt findet die stärkste Diskriminierung von Nutzenänderungen statt. Eine Gehaltserhöhung um 10.000$ wird bei einem gegenwärtigen Gehalt von 40.000$ als größerer Nutzen empfunden als bei einem Ausgangsgehalt von 50.000$, obwohl der Absolutbetrag der Einkommenssteigerung gleich ist.[15]

7. Overconfidence

Unter Overconfidence wird die Neigung von Individuen verstanden, eigene Fähigkeiten und die Qualität ihrer Informationen deutlich zu überschätzen. Ebenso werden bei der Planung und Vorhersage eigener Aktivitäten hinderliche und begrenzende Faktoren in ihrem Einfluss eher unterschätzt.[16]

[...]


[1] vgl. Laux, (1995), S..13-18

[2] Klose (1994) S.1

[3] vgl. Klose (1994) S. 57 ff und S.60 ff

[4] vgl. Klose (1994) S. 158 ff; Eisenführ/Weber (1994) S.334 ff

[5] insbesondere das Allais-Paradoxon, vgl. Kahneman (1979), S.265 ff

[6] eine ausführliche Darstellung findet sich bei Klose (1994), S. 43 ff

[7] vgl. Kahneman/Tversky (1991), S.1041 ff

[8] vgl. Kahneman (1979), S. 277

[9] Wenn die Darstellungsweise eines Entscheidungsproblems die Entscheidung beeinflusst, spricht man von sog.

Framing-Effekten, vgl. Eisenführ/Weber (1999), S.368

[10] vgl. Thaler (1992), S.71

[11] vgl. Thaler (1992) S.71 ff

[12] vgl. Kahneman /Tversky (1991), S.1041 und Klose (1994), S. 95

[13] vgl. Thaler (1992), S. 68 ff und Klose (1994), S.95

[14] vgl. Kahneman (1974), S.1128 und Klose (1994), S.74 ff.

[15] vgl. Kahneman (1991), S. 1048 ff

[16] vgl. Eisenführ/Weber (1999), S. 370

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Verlustaversion und Prospect Theory als Erklärungsansätze für Verhaltensanomalien
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre)
Veranstaltung
Seminar: Neue Modelle ökonomischen Entscheidens
Note
2,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V7211
ISBN (eBook)
9783638145367
ISBN (Buch)
9783640098897
Dateigröße
705 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Informationsökonomik, Verhaltensanomalie, Prospect Theorie, Verlustaversion
Arbeit zitieren
Dipl.-Kfm. Robert Bayerlein (Autor), 2002, Verlustaversion und Prospect Theory als Erklärungsansätze für Verhaltensanomalien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7211

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