Phantastische Kinder- und Jugendliteratur - Jakob hinter der blauen Tür als Unterrichtsgegenstand


Hausarbeit (Hauptseminar), 1996

27 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Phantastische Kinder- und Jugendliteratur
1.1 Der späte Durchbruch in Deutschland
1.2 Definitionsversuche
1.3 Themen
1.3.1 Phantastische Reisen
1.3.2 Einbruch der Vergangenheit in die Gegenwart
1.3.3 Gut gegen Böse
1.3.4 Fremde Welten
1.3.5 Gäste aus dem Unbekannten
1.3.6 Miniaturgesellschaften
1.3.7 Technik
1.4 Funktionen

2 „Jakob hinter der blauen Tür“ als Unterrichtsgegenstand
2.1 Allgemeine Einführung
2.2 Mögliche didaktische Zugänge
2.2.1 Inhaltliche Ansatzpunkte
2.2.2 Methodische Ideen zu Härtlings Werk

3 Planung einer Unterrichtseinheit
3.1 Zur Wahl des Arbeitsthemas
3.2 Voraussetzungen
3.3 Sachanalyse und didaktisch-methodischer
Begründungszusammenhang
3.3.1 „Alle verfolgen Jakob“- das Kapitel zusammengefaßt
3.3.2 Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht
3.3.3 Soziales Lehr-/ Lernziel: Gewaltlosigkeit (und Toleranz)
3.4 Planung: methodischer Gang
3.4.1 Erste Handlungssituation: Lesen
3.4.2 Zweite Handlungssituation: Gruppeneiteilung
3.4.3 Dritte Handlungssituation: Gruppenarbeit
3.4.3.1 Gruppe 1: Imaginäres Gespräch der Mitschüler
3.4.3.2 Gruppe 2: Standbild; `Schlägerei´
3.4.3.3 Gruppe 3: Tagebuchabschnitt
3.4.3.4 Gruppe 4: Hörspiel eines imaginären Telefongesprächs
3.4.4 Vierte Handlungssituation: Vorstellung
3.4.5 Fünfte Handlungssituation: Stundenende

4 Schluß

Literaturliste

1 Phantastische Kinder- und Jugendliteratur

1.1 Der späte Durchbruch in Deutschland

Die phantastische Literatur hatte Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre einen regelrechten Boom und spätestens seit dieser Zeit seinen `festen´ Platz in der literarischen Landschaft.[1] Nicht unwesentlich beteiligt an dieser Entwicklung waren Autoren wie R.R. Tolkien („Der kleine Hobbit“/1937, „Der Herr der Ringe“/1955) oder Michael Ende („Die unendliche Geschichte“/1979). Jedoch können solche Einzelerfolge ein derartiges Aufleben dieser Gattung nicht alleine erklären.

In der deutschen Literaturtradition herrscht seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Stilprinzip vor, daß sich durch eine Nähe zur greifbaren, erfahrbaren Wirklichkeit beschreiben läßt. Zumeist fand das phantastische Element keinen Platz. Desweiteren hat in Bezug auf Kinder- und Jugendliteratur besonders die starke Didaktisierung der siebziger Jahre zum späteren Erfolg der phantastischen Literatur geführt. Der Versuch der Aufklärung und der Indoktrination durch realistische Literatur führte zu einem verstärktem Verlangen nach irrationalen Welten. Dieses Verlangen wurde weiter gestärkt durch einen vorrangig auf rationale Methoden der Wirklichkeitserfassung ausgerichteten Bildungsprozeß. Durch die rationale Vermittlung von Bildung wächst der Wunsch, sich in irreale Bereiche zu flüchten. Eine weitere These zur Ursache des jungen Booms phantastischer Literatur beruht auf der Verarmung an `inneren Bildern´ in der heutigen Gesellschaft. Demnach suchen Menschen heute oftmals Orientierung an greifbaren `inneren Bildern´ , da sie durch Massenkommunikationsmittel und unüberschaubare Medienlandschaften mit `äußeren Bildern´ überschüttet werden.

Ich denke, daß Kinder und Jugendliche sich schon früher über außergewöhnliche und unerklärbare Fiktionen gefreut hätten. Aber erst die genannten Gründe haben dazu geführt, daß auch Autoren, Eltern und Lehrer verstärkt auf phantastische Kinder- und Jugendliteratur zurückgegriffen haben.

1.2 Definitionsversuche

Gerhard Haas und Göte Klingberg erwähnen in ihrem Aufsatz[2] mehrere Definitionen unterschiedlicher Autoren und Wissenschaftler, die sich zwar ähneln, jedoch unterschiedlich gewichtet sind. Sie beginnen mit einem eigenen, allgemeinen Bestimmungsversuch: „In der einfachsten Definition phantastischer Texte steht einer realistisch gezeichneten, empirisch-alltäglich bestimmbaren Welt eine Welt des Irrational-Unerklärbaren gegenüber, in der das Außergewöhnliche geschieht.“[3] Das Zusammenkommen dieser beiden Welten bewirkt in phantastischer Kinder- und Jugendliteratur nicht „Schrecken, Angst (oder) Schauder“, sondern auch „Komik, Spiel und satirische Pointierung“.[4]

Wenn man nun berücksichtigt, daß alle erzählende Literatur fiktional ist, d.h. der Autor schafft sich eine eigene fiktionale Wirklichkeit, die durch persönliche Erfahrungen und Stimmungen geprägt ist, stellt sich die Frage nach einer Abgrenzung zur phantastischen Literatur. Eine Antwort darauf hat Zgorzelski: „Phantastik erscheint, wenn die inneren Gesetze der fiktiven Welt zerbrochen werden.“[5] Demnach müssen die fiktiven Personen ein Geschehen oder Weltbild als unbegreiflich empfinden. Nach Todrovs Auffassung kommt es auf das Verständnis des Lesers an. Kann er das Geschehen weder einer übernatürlichen, noch einer natürlichen Welt zuordnen, so liegt ein phantastischer Text vor. Demgegenüber steht der phänomenologisch-inhaltliche Bestimmungsversuch von Klingberg: „Phantastisch im [...] engeren Sinne sind Texte, in denen eine realistische und eine `fremde´ Wirklichkeit aufeinanderstoßen, nebeneinander stehen oder ineinander übergehen.“[6] Ich möchte mich dieser letzten Definition aufgrund ihrer Einfachheit und Offenheit anschließen.

Die Motive phantastischer Kinder- und Jugendliteratur ähneln zwar denen der phantastischen Literatur für Erwachsene, haben jedoch ihre eigene Spezifik. Göte Klingberg faßt diese folgendermaßen zusammen:

„- lebendige Spielsachen agieren in der alltäglichen Welt;
- Kinder aus einer anderen Welt treten in der alltäglichen Welt auf;
- fremde Gesellschaften existieren in und neben der alltäglichen Welt, z.B. als Gesellschaften von Miniaturmenschen;
- übernatürliche, hilfreiche Tiere erscheinen in Zusammenhang mit der Alltagswelt;
- Gestalten aus einer magischen oder mythischen Welt werden zu handelnden Figuren der alltäglichen Gegenwart;
- Personen aus der Alltagswelt werden in eine magisch-mythische Welt versetzt;
- Personen der Alltagsgegenwart kommen auf magische Weise in andere Zeiten oder - auch reale - Räume;
- magisch-mythische Gestalten, die in der alltäglichen Welt oder in einer mythischen Welt auftreten, repräsentieren den Kampf zwischen Gut und Böse.“[7]

1.3 Themen

Die Palette der Themen der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur ist zwar relativ groß, jedoch läßt sich eine spezifische Gruppe von Inhalten ausmachen. Die im Folgenden aufgeführten Themen sind also weder vollständig, noch müssen sie in genau diesem Rahmen auftreten, d.h. sie können auch abgeschwächt oder in Verbindungen erscheinen.

1.3.1 Phantastische Reisen

Das Reisemotiv ist sehr häufig in phantastischen Geschichten vertreten. Es ermöglicht den Eintritt in fremde Welten und führt oftmals zur Veränderung von Wirklichkeitsqualitäten. Dies erleichtert erheblich die Erfahrung des Fremdartigen und Phantastischen. Solche phantastischen Reisen beinhalten wiederum zwei Typen.

Bei phantastischen Reisen in andere Zeiten und andere Orte geht es um das Einholen von Erfahrungen, die eine realistische Handlung entweder gar nicht, oder aber nicht in der gleichen Gerafftheit und Intensität vermitteln könnte. Hier werden Art und Ziel der Reise betont. Als Beispiele führen Haas/Klingberg „Eine tolle Hexe“ von M. Norton und A. Lindgrens „Die Brüder Löwenherz“ an.

Die phantastische Reise zu sich selbst dient der Selbstwerdung und Selbstfindung, sowie der Ausbildung, Festigung oder Veränderung einer Persönlichkeit. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf dem reisenden Ich. In diesem Zusammenhang sind zu erwähnen: „Die unendliche Geschichte“ (M. Ende) und „Der kleine Hobbit“ (R.R.Tolkien).

1.3.2 Einbruch der Vergangenheit in die Gegenwart

Die Vergangenheit kann in Form von Personen oder/und Mächten in die Gegenwart eintreten, und dort Kontakt mit der Gegenwart aufnehmen. Andererseits können auch Personen der Gegenwart in die Vergangenheit gelangen, um dort Dinge zu erledigen, bzw. um auf Handlungen vorbereitet zu werden, die sie in der Gegenwart ausführen sollen. In Susan Coopers „Wintersommerwende“ muß beispielsweise ein Junge aus der Gegenwart ins Mittelalter zurück, um dort Erfahrungen zu sammeln für die Bekämpfung des Bösen in der Gegenwart.

1.3.3 Gut gegen Böse

Phantastische Geschichten eignen sich sehr viel besser zur Darstellung und Verarbeitung des überall gegenwärtigen Kampfes von Gut und Böse als realistische Erzählungen. „Die phantastische Geschichte [...] kann [...] eine nicht psychologisch oder ökonomisch auflösbare Gebundenheit und Korrumpiertheit des Menschen ins Bild bringen; und wenn sie so auf Irrationales hinweist, dann stellt sie doch noch keine Verteidigung, noch keinen Lobpreis irrationaler, einem inhumanen Zwecke dienender Handlungsmuster dar, sondern hat eine aufdeckende, betroffen machende Erkenntnisfunktion.“[8] J. Krüss („Tim Taler oder das verkaufte Lachen“) und K. Recheis („Der weiße Wolf“) bearbeiten beispielsweise die Auseinandersetzung der beiden Jedem und Allem innewohnenden Kräfte in ihren Werken.

1.3.4 Fremde Welten

Selbst wenn das Geschehen eines phantastischen Textes in der alltäglichen Welt stattfindet, so verweist sie doch letztlich immer auf einen alternativen Seinsbereich. Oftmals werden jedoch andere, fremdartige Welten geschaffen, die sich auf unterschiedliche Art und Weise darstellen. Entweder sind sie in der normalen Welt als abgeschlossenes Glied enthalten, oder sie zeigen sich als „eine Art phantastische Spielwelt und Parallelwelt“[9], oder sie sind mythischer Herkunft.

1.3.5 „Gäste aus dem unbekannten“

Sehr oft erhalten Wesen aus einer phantastischen Welt (in phantastischer Literatur) Einzug in die Alltagswelt. Sie können in `unserer´ Welt auftauchen wann und wie sie wollen (M. Poppins: „Pamela M. Travers“), oder sie leben ständig in der Alltagswelt sind jedoch anders; haben übernatürliche Kräfte o.ä. ohne, daß es mythisch wirkt (A. Lindgren: „Pippi Langstrumpf“).[10]

[...]


[1] Vergleiche Haas/ Klingberg/ Tabbert, S.267

[2] Klingberg/ Haas: Erscheinungsformen, Strukturen und Funktionen der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. In: G. Haas (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur. Ein Handbuch. Stuttgart 31984

[3] Ebd. S. 269

[4] Ebd. S. 269

[5] Ebd. S. 270

[6] Ebd. S. 272

[7] Ebd. S. 270

[8] Ebd. S. 278

[9] Ebd. S. 279

[10] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Phantastische Kinder- und Jugendliteratur - Jakob hinter der blauen Tür als Unterrichtsgegenstand
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Germanistik)
Veranstaltung
Zwischen Realismus und Phantasiewelten. Literaturdidaktische Betrachtungen neuerer Kinder- und Jugendliteratur
Autor
Jahr
1996
Seiten
27
Katalognummer
V7214
ISBN (eBook)
9783638145398
ISBN (Buch)
9783640396108
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Theorie und (Unterrichts-) Praxis in einem. Das Thema begeistert mich und heute auch meine SchülerInnen.
Schlagworte
Kinder- und Jugendliteratur, Phantastische Literatur
Arbeit zitieren
Thomas Springub (Autor), 1996, Phantastische Kinder- und Jugendliteratur - Jakob hinter der blauen Tür als Unterrichtsgegenstand, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7214

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