'Deutschland muss leben, deshalb muss Hitler fallen' - Der Radiosender des Nationalkomitees 'Freies Deutschland', ein Überblick


Seminararbeit, 2002
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Literatur- und Quellenlage

3 Redaktion, Technik, Sendezeiten

4 Programmstruktur
4.1 Nachrichten, Ansprachen und Kommentare
4.2 Der „Heimatdienst“
4.3 Christen im Sender des NKFD
4.4 Kultursendungen
4.5 Operative Anweisungen

5 Resonanz und Reaktionen

6 Zusammenfassung und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Nach der Errichtung der faschistischen Diktatur im Januar 1933 mussten notgedrungen unzählige Antifaschisten aus Deutschland fliehen oder in den Untergrund gehen. Viele Kommunisten führte der Weg in die Sowjetunion, die dort Asyl fanden. Sie setzten dort ihren Widerstand gegen Hitlerdeutschland in den verschiedensten Formen fort. Nach der Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad gründeten deutsche Kommunisten im sowjetischen Exil auf Initiative der KPD gemeinsam mit kriegsgefangenen Wehrmachtssoldaten am 12. und 13. Juli 1943 in Krasnogorsk in der Nähe von Moskau das Nationalkomitee „Freies Deutschland“[1]. Der Gründung des NKFD war am 27. Mai 1943 der Vorschlag des Politbüros des Zentralkomitees der KPD zur „Bildung eines deutschen Komitees zum Kampf gegen Hitlerkrieg und Nazityrannei“[2] vorangegangen. Die Gründungsversammlung des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ beschloss ein programmatisches Dokument unter dem Titel „Manifest des Nationalkomitees ‚Freies Deutschland’ an die Wehrmacht und das deutsche Volk“. In ihm wurden die Ziele des NKFD benannt. Der Krieg sollte sofort beendet werden, der Hitlerfaschismus gestürzt und eine demokratische Regierung in Deutschland errichtet werden.[3] Diese Ziele wurden mit einem enormen Materialaufwand propagiert. Angesprochen werden sollten in erste Linie die Soldaten der Wehrmacht. Diese sollten zur Einstellung der Kampfhandlungen und einem organisierten Rückzug an die Reichsgrenze und schließlich zum Sturz Hitlers bewegt werden. Zur Propagierung dieser Ziele nutzte das NKFD die verschiedensten Formen der Propaganda. Massenhaft wurden Flugblätter über den deutschen Linien abgeworfen, aus den Schützengräben der Roten Armee wandten sich die Frontbevollmächtigten über Lautsprecher direkt an die Soldaten der Wehrmacht. Mit der Wochenzeitung „Freies Deutschland“ schuf sich das NKFD ein eigenes Organ. Am 20. Juli 1943 ging der gleichnamige Radiosender auf Sendung. Bislang wurde die Geschichte des Senders des NKFD kaum erforscht. Wenn überhaupt, ist er in Publikationen über das Nationalkomitee „Freies Deutschland“ nur am Rande erwähnt. In dieser Arbeit soll ein knapper Überblick über den Sender gegeben werden. Wie arbeitete und setzte sich die Redaktion zusammen? Wie waren die technischen Voraussetzungen für den Sendebetrieb? Wie war das Programm gestaltet? Und nicht zuletzt: Erreichte der Sender seine Adressaten, fiel die Rundfunkpropaganda des NKFD auf fruchtbaren Boden? Nach einem kurzen Überblick über die Literatur- und Quellenlage soll die Zusammensetzung der Redaktion, Umfang der Sendezeiten sowie die benutzte Technik des Senders grob umrissen werden. Im Hauptteil soll die Programmgestaltung beleuchtet werden; aufgrund des Umfangs dieser Arbeit kann dies jedoch nur skizzenhaft erfolgen. Schließlich soll geprüft werden, ob und wieweit Reaktionen auf die Sendungen des NKFD erfolgten.

2 Literatur- und Quellenlage

Der Rundfunksender des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ fand bislang nur wenig wissenschaftliches Interesse. Zwar sind vor allem in der DDR eine ganze Reihe Publikationen zur Geschichte des Nationalkomitees erschienen. Jedoch behandeln diese – wenn überhaupt – den Radiosender nur am Rande. Selbst in der unter der Leitung von Walter Ulbricht, der dem NKFD angehörte, erstellten achtbändigen „Geschichte der Deutschen Arbeiterbewegung“ wird der Radiosender nur in wenigen Zeilen erwähnt[4], während der Tätigkeit des Nationalkomitees ein umfangreiches Kapital gewidmet ist. Eine Ursache für diese Tatsache mag darin liegen, dass Quellen zum NKFD nur schwer zugänglich sind. Lediglich eine kleine Anzahl von Mitschriften der Sendungen des Senders „Freies Deutschland“ wurde publiziert, meistens in Bänden, an deren Herausgabe ehemalige Protagonisten des Rundfunksenders mitgewirkt hatten. Andere Quellen zum Sender liegen praktisch gar nicht gedruckt vor. Weitere Quellen sind nur schwer zugänglich. Ein großer Fundus befindet sich verstreut in den verschiedenen Abteilungen des Bundesarchivs, in den ehemaligen Archiven der DDR, sowie in russischen Archiven.[5] Zur Ergänzung der gedruckten Quellen wären für die Arbeit vor allem die von dem Seehaus-Abhördienst angefertigten Mitschriften der Radiosendungen des NKFD interessant gewesen. Ebenso die sich in den Archiven befindlichen Nachlässe ehemaliger Angehöriger der Redaktion des Senders „Freies Deutschland“. Ein weiterer Mangel ist, dass Veröffentlichungen in der vom Staatlichen Rundfunkkomitee der DDR herausgegebenen Zeitschrift „Beiträge zur Geschichte des Rundfunks“, die sich mit dem Sender „Freies Deutschland“ befassen, nicht berücksichtigt werden konnten. Die „Beiträge zur Geschichte des Rundfunks“ sind nur schwer zugänglich. Aus den weiter oben genannten Gründen stützt sich diese Arbeit vor allem auf die in der DDR publizierte Literatur. Auch hier standen der Literaturbeschaffung Schwierigkeiten im Weg. Das wenige Vorhandene in der Hochschulbibliothek und den Institutsbibliotheken musste durch den Ankauf antiquarischer Literatur ergänzt werden. Aufschlussreich waren vor allem die Schilderungen des ehemaligen Chefredakteurs des Senders „Freies Deutschland“, Anton Ackermann, ebenso die in den Bänden „Sie kämpften für Deutschland“ und „Christen im Nationalkomitee ‚Freies Deutschland’“[6] abgedruckten Sendebeiträge des Radiosenders.

3 Redaktion, Technik, Sendezeiten

Am 20. Juli 1943 nahm der Sender „Freies Deutschland“ den Betrieb auf. Die neu gebildete sechsköpfige Redaktion wurde paritätisch zwischen Zivilisten (vor allem KPD-Mitglieder, die in der Sowjetunion Zuflucht gesucht hatten) und Kriegsgefangenen besetzt. Die Funktion des Chefredakteurs übernahm der KPD-Funktionär Anton Ackermann. Außerdem gehörten der Redaktion Hans Mahle, Funktionär des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschlands, der Schauspieler Gustav von Wangenheim, sowie die kriegsgefangenen Wehrmachtsangehörigen Herbert Stößlein, Mätthaus Klein und Leopold Achilles an. Im Januar 1944 wurde die Redaktion um Fritz Erpenbeck und Max Keilson, sowie die Militärs Luitpold Steidle und Ernst Hadermann erweitert.[7] Die Redaktion teilte sich in eine „Stadtreaktion“ mit Sitz in Moskau, der die Emigranten angehörten. Die restlichen Mitglieder der Redaktion befanden sich im etwa dreißig Kilometer entfernten Kriegsgefangenenlanger Lunjowo. Neben den festen Redakteuren lieferten eine große Anzahl weiterer Personen Beiträge zum Programm, darunter der Arbeiterdichter Erich Weinert, Präsident des NKFD, der KPD-Vorsitzende Wilhelm Pieck und der ehemalige Reichstagsabgeordnete und KPD-Politbüromitglied Walter Ulbricht. Der Großteil der Beiträge stammte jedoch von den soldatischen Mitgliedern des Nationalkomitees. Das NKFD erhielt von sowjetischer Seite großzügige materielle Unterstützung. Dazu gehörte neben den Druckkapazitäten zur Herstellung von Flugblättern und der Zeitung „Freies Deutschland“ auch die Bereitstellung der Sende- und Studioeinrichtungen für den Betrieb des Senders „Freies Deutschland“. Zur Ausstrahlung der Sendungen des NKFD wurden die Sender von Radio Moskau, die in der Umgebung von Moskau untergebracht waren, genutzt.[8] Das Moskauer Fernsehzentrum, das während des Krieges den Betrieb eingestellt hatte, wurde als Sendestudio genutzt.[9] In ihrer Rundfunkarbeit unterstützt wurden die Mitglieder des NKFD durch sowjetische Techniker. Aber auch außerhalb von Studio und Redaktionsräumen wurden die Redakteure tätig. Um außerhalb des Studios Aufzeichnungen für Sendungen anfertigen zu können, wurde eine transportable Aufnahmeapparatur für Schallplatten eingesetzt. „Mit ihr [der Aufnahmeapparatur, d. V.] fuhren wir Redaktionsmitglieder […] durch die Gegend, meist in die Nähe von Moskau […], aber oft genug auch in beträchtlich entfernte Kriegsgefangenenlager“[10] beschreibt Anton Ackermann die Arbeit der Redaktion außerhalb von Moskau. Zweck dieser Aufnahmen war es unter anderem, für den „Heimatdienst“[11] Grußbotschaften kriegsgefangener Soldaten aufzuzeichnen. Die Sendezeiten des Senders „Freies Deutschland“ wurden bis zur Kapitulation Deutschlands kontinuierlich erweitert. Zunächst wurden täglich drei Sendungen mit einer Gesamtdauer von einer Stunde ausgestrahlt.[12] Gesendet wurde auf Kurzwelle, eine Abendsendung wurde zusätzlich auf Mittelwelle ausgestrahlt. Ab Anfang Oktober wurde täglich eine vierte Sendung ausgestrahlt; die Sendedauer erhöhte sich damit um 20 Minuten. Im Zuge der Vergrößerung der Redaktion wurden ab Januar 1944 sechs Sendungen mit etwa zwei Stunden Programm ausgestrahlt. Im Juli 1944 wurde die Sendedauer nochmals erhöht: in acht täglichen Sendungen wurden vier Stunden Programm ausgestrahlt. Ab September 1944 war „Freies Deutschland“ neben den Kurz- und Mittelwellenfrequenzen auch über Langwelle zu empfangen. Nach der Kapitulation Deutschlands wurden die Sendezeiten reduziert. Ende Mai 1945 wurden noch täglich eineinhalb Stunden gesendet.[13] Am 9. September 1945 stellte der Sender des NKFD den Betrieb ein.[14] Wenige Wochen später endete die Geschichte des Nationalkomitees „Freies Deutschland“. Am 2. November 1945 wurde auf der letzten Sitzung des NKFD die Selbstauflösung beschlossen.[15]

4. Programmstruktur

Der Sender „Freies Deutschland“ war offizielles Sprachrohr des NKFD und damit auch der deutschen Antifaschisten in der Sowjetunion. Diese Charakteristik schlug sich natürlich in der Programmgestaltung wieder. Schranken in der Ausgestaltung der Sendungen wurden durch die begrenzten Sendezeiten gesetzt. Man beschränkte sich auf das Wesentliche. „Uns standen einzelne Sendezeiten von 15 bis 80 Minuten Dauer zur Verfügung. Das machte die Programmgestaltung durchaus nicht einfacher. Um ein Optimum an Wirkung zu erreichen, mußte [!] dieses Kampfinstrument bestrebt sein, sich auf das Wichtigste zu konzentrieren“[16], beschreibt der ehemalige Chefredakteur des Senders, Anton Ackermann, Probleme bei der Programmgestaltung. Die Propaganda des NKFD richtete sich vor allem an die Angehörigen der Wehrmacht, insbesondere die an der Ostfront kämpfenden Soldaten. Folglich wurde der Berichterstattung über die militärische Lage einen hohen Stellenwert eingeräumt. Der Nachrichtenteil, der zwischen 20 und 50 % Prozent der Sendezeit ausmachte, bestand hauptsächlich aus militärischen Lagemeldungen.[17] Einen großen Raum nahmen Kommentare ein, in denen die militärischen und zivilen Mitglieder Stellung zur militärischen und politischen Entwicklung bezogen. Weitere Bestandteile waren kulturelle Beiträge, Predigten und operative Anweisungen.

[...]


[1] Im Folgenden als NKFD abgekürzt.

[2] Vgl. Aus dem Vorschlag des Politbüros des ZK der KPD zur Bildung eines deutschen Komitees zum Kampf gegen Hitlerkrieg und Nazityrannei vom 27. Mai 1943, abgedruckt in: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (Bd.5), hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin (Ost) 1966, S. 574f.

[3] Vgl. Manifest des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ an die Wehrmacht und das deutsche Volk, abgedruckt in: Verrat hinter Stacheldraht? Das Nationalkomitee „Freies Deutschland“ und der Bund deutscher Offiziere in der Sowjetunion 1943 – 1945, hrsg. von Bodo Scheurig, München 1965, S. 77ff.

[4] Vgl. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.), Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (Bd.5), Berlin (Ost) 1966, S. 359f.

[5] Siehe dazu: Deutsches Rundfunkarchiv (Hrsg.), Inventar der Quellen zum deutschsprachigen Rundfunk in der Sowjetunion: Bestände in deutschen und ausländischen Archiven, Potsdam 1997.

[6] Die vollständigen bibliographischen Angaben finden sich im Literaturverzeichnis.

[7] Vgl. Pütter, Conrad, Rundfunk gegen das „Dritte Reich“. Deutschsprachige Rundfunkaktivitäten im Exil 1933 – 1945. Ein Handbuch., München 1986, S. 282.

[8] Vgl. ebenda, S. 280.

[9] Vgl. Ackermann, Anton, Das Nationalkomitee „Freies Deutschland“ – miterlebt und mitgestaltet, in: Voßke, Heinz (Hrsg.): Im Kampf bewährt, Berlin (Ost) 1969, S.364.

[10] ebenda, S. 364f.

[11] Siehe dazu Kapitel 4.3.

[12] Die Angaben der Sendezeiten und –frequenzen entstammen Ackermann, Anton, Das Nationalkomitee „Freies Deutschland“ – miterlebt und mitgestaltet, in: Voßke, Heinz (Hrsg.), Im Kampf bewährt, Berlin (Ost) 1969, S.303 – 366.

[13] Vgl. N.N., Sender Freies Deutschland, in: Freies Deutschland, 3.Jg. (1945), Nr. 21, S.4.

[14] Vgl. Pütter, Conrad, Rundfunk gegen das „Dritte Reich“. Deutschsprachige Rundfunkaktivitäten im Exil 1933 – 1945. Ein Handbuch., München 1986, S. 283.

[15] Vgl. Letzte Sitzung des Nationalkomitee „Freies Deutschland“ im Lager Lunjowo am 2. 11. 1945, abgedruckt in: Verrat hinter Stacheldraht? Das Nationalkomitee „Freies Deutschland“ und der Bund deutscher Offiziere in der Sowjetunion 1943 – 1945, hrsg. von Bodo Scheurig, München 1965, S. 254ff.

[16] Ackermann, Anton, Das Nationalkomitee „Freies Deutschland“ – miterlebt und mitgestaltet, in: Voßke, Heinz (Hrsg.), Im Kampf bewährt, Berlin (Ost) 1969,S.344.

[17] Vgl. Pütter, Conrad, Rundfunk gegen das „Dritte Reich“. Deutschsprachige Rundfunkaktivitäten im Exil 1933 – 1945. Ein Handbuch, München 1986, S. 283.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
'Deutschland muss leben, deshalb muss Hitler fallen' - Der Radiosender des Nationalkomitees 'Freies Deutschland', ein Überblick
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar Neuzeit 'Vom Dampfradio zum Transistor'
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V72288
ISBN (eBook)
9783638620710
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutschland, Hitler, Radiosender, Nationalkomitees, Freies, Proseminar, Neuzeit, Dampfradio, Transistor“
Arbeit zitieren
Dominik Clemens (Autor), 2002, 'Deutschland muss leben, deshalb muss Hitler fallen' - Der Radiosender des Nationalkomitees 'Freies Deutschland', ein Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72288

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