Wittgensteins Sprachbegriff: Zwischen Privatsprache und sozialem Externalismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Der Antiindividualismus
2.2 Der Individualismus

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Sprache ist zweifelsohne das herausragende Instrument zwischenmenschlicher Kommunikation. Sie befähigt den Menschen, sich in der Alltagspraxis vor dem Hintergrund gesellschaftlichen Zusammenlebens sinnvoll zu betätigen. Soziale Gefüge bestehen wesentlich aus kommunikativen Prozessen, die auf die wechselseitige Anteilnahme von Gesprächspartnern angewiesen sind. Menschen tauschen sich aus und sind somit vermehrt in der Lage, gemeinsame Ziele zu formulieren und zu verfolgen. Wir gestalten unser Alltagsgeschäft kontinuierlich über sprachliche Mittel und sind uns dessen oftmals kaum bewusst. Doch scheint gerade die Selbstverständlichkeit unseres Sprachgebrauchs die linguistischen Untersuchungen im Bezug auf die sprachliche Funktionsweise in ein wissenschaftliches Dilemma zu stürzen. Denn auf den ersten Blick ist Sprache banal und funktioniert. Wozu nützen also die Anstrengungen, sprachliche Mechanismen, vorausgesetzt, es gibt sie, zu erforschen?

Doch gerade die oben erwähnte Kernfunktion der Sprache für die menschliche Existenz erweist sich als ausgezeichneter Grund für eine Disziplin im Sinne der Sprachphilosophie. Wenn sich die Wissenschaft die Ergründung und Erforschung der Welt und des Universums auf die Fahnen schreibt, dann spielt die Sprache insbesondere eine tragende Rolle. Die Perspektivisierung wissenschaftlicher Arbeit funktioniert letztendlich auch größtenteils via sprachlicher Mittel. Ob Wissenschaft oder Alltag – Sprache nimmt ohne Zweifel eine Kernposition ein.

Ludwig Wittgensteins Hauptwerke Tractatus logico-philosophicus und Philosophische Untersuchungen drehen sich beide eingehend um das Phänomen Sprache. Wittgenstein selber wird heute mitunter zu den wichtigsten Philosophen der ersten Jahrhunderthälfte gezählt.

Wittgensteins Philosophische Untersuchungen, die postum 1953 erstmalig erscheinen[1], lösen noch im Erscheinungsjahr eine regelrechte ‚Diskussionslawine’ aus. Hauptgrund ist sicherlich Wittgensteins unkonventionelle Sicht der Dinge, wie sie sich in den PU entfaltet. Entgegen den Hauptprämissen des um die Mitte des letzen Jahrhunderts aufkeimenden logischen Empirismus, der Rechtfertigungsbedingungen in Form empirischer Sinnkriterien ins Feld führt,[2] argumentiert Wittgenstein gegen die „behavioristischen Erklärungsversuche“ (Blume: S. 14) der derzeitigen philosophischen Hauptbewegung. Auch die seiner Zeit populären mentalen Theorien finden bei ihm nicht den erhofften Zuspruch.[3] Im Gegenteil, Wittgenstein geht einen völlig neuen Weg in der Geschichte der Sprachphilosophie. Sprache ist in seinen Augen unmittelbar an die gesellschaftliche Praxis geknüpft.[4]

Die Philosophie der Folgezeit versucht an Wittgensteins Hypothesen in Form eines semantischen Externalismus anzuschließen:[5]

„Vor diesem Hintergrund musste es nicht nur Kripke, (…), sondern auch vielen anderen Autoren plausibel erscheinen, Sprechen und Regelfolgen enger als bisher an die Existenz von sozialen Gruppen zu knüpfen.“ (Blume: S. 15)

In Folge der Diskussion um den semantischen Externalismus haben sich zwei philosophische Lager ausgebildet: die Individualisten und die Antiindividualisten. Diese Arbeit soll in der Hauptsache beide Denkrichtungen erläutern und gegenüberstellen. Des Weiteren sollen immer wieder Parallelen zu verschiedenen Stellen der PU gezogen werden, so dass Wittgensteins Hypothesen als Prüfstein für die jeweiligen Theorien dienen. Ich konzentriere mich dabei auf die Paragraphen 183-293 der PU, werde aber dort, wo es sich anbietet, auch andere Stellen zur Analyse heranziehen.

2. Hauptteil

2.1 Der Antiindividualismus

Der Antiindividualismus geht grundsätzlich davon aus, dass Sprache eine spezielle Art der Regelbefolgung im sozialen Kontext ist: „ (…) the view that the objectivity of rule – following is essentially social, and that that view is quite plausible“ (Williams: S. 93). Der soziale Kontext bzw. die Regelbefolgung innerhalb der Gesellschaft spielt an dieser Stelle die entscheidende Rolle.

Der Antiindividualist entfernt sich ausdrücklich von der konventionellen Theorie der Regelbefolgung. Diese geht in ihren Grundzügen davon aus, dass die Regel an sich bereits als objektiver Standard für die Richtigkeit ihrer Anwendungen bürgt[6]. Daraus würde folgen, dass der Anwender einer Regel zur Rechtfertigung seiner Handlungen auf eben dieselbe Regel, die Ausgangspunkt seiner Handlungen ist, verweisen kann. Laut der klassischen Theorie ist die Regel selbst in der Lage, ihr epistemisches Fundament zu legen, und darauf ihre Normativität zu gründen.[7]

Wittgenstein sieht in der oben dargestellten Sichtweise einen fatalen Irrtum. Er formuliert insbesondere in den Paragraphen 139- 242 die Beobachtung, dass eine Regel verschiedene Interpretationen erlaubt.[8] Die Würfelanalogie aus den unmittelbar vorhergehenden Paragraphen liefert die Grundsubsubstanz für seine Annahme in Bezug auf den Interpretationsregress. So heißt es in §141: „Ich will sagen: Es gibt hier einen normalen Fall und abnormale Fälle“ (Wittgenstein: S. 311). Der vorliegende Fall im Sinne einer Regelinterpretation führt wiederum zu einer mehrdeutigen Situation: Es bedarf einer erneuten Interpretation.[9] Dieser Rekurs der Interpretationskette setzt sich zwangsläufig ad infinitum fort.[10] John McDowell sieht in diesem Tatbestand bereits eine Widerlegung der individualistischen Sprachtheorie.[11] Sein Argument baut auf §201 der PU auf, in dem Wittgenstein feststellt, dass es folglich eine Regel geben müsse, die keine Deutung sei. McDowell beruft sich darauf, dass die Grundvoraussetzung für ein Sprachverständnis ohne Interpretation die Sprachgepflogenheiten innerhalb der Gesellschaft seien.[12] Erst im sozialen Kontakt kann ein Sprecher lernen, „die Worte anderer ohne Interpretation zu verstehen“ (Blume: S. 67), um so schließlich auch die Bedeutung seiner eigenen Worte gleichsam fassen zu können. In §219 formuliert Wittgenstein den Sachverhalt wie folgt: „Ich folge der Regel blind“ (Wittgenstein: S. 351). Das Entscheidungsmoment verliert an dieser Stelle jegliche Bedeutung. Der Sprecher handelt eben so, wie er handelt. Die Regel an sich trägt lediglich noch eine symbolische Normativität in sich. Es handelt sich hierbei um „eine mythologische Beschreibung des Gebrauchs einer Regel“(Wittgenstein: S. 351).

[...]


[1] Thomas Blume. Wittgensteins Schmerzen. Ein halbes Jahrhundert im Rückblick. Paderborn, 2002, S. 7.

[2] Blume, S. 12f.

[3] Blume, S. 14.

[4] Blume, S. 14ff.

[5] Blume, S. 15.

[6] Meredith Williams. „Blind Obediance: Rules, Community and the Individual.“ In: Meaning Scepticism. Hrsg. v. Klaus Puhl. Berlin, 1999, S. 94.

[7] Williams, S. 94.

[8] Williams, S. 94f.

[9] Williams, S. 96.

[10] Williams, S. 96.

[11] Blume, S. 67.

[12] Blume, S. 67.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Wittgensteins Sprachbegriff: Zwischen Privatsprache und sozialem Externalismus
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
12
Katalognummer
V72321
ISBN (eBook)
9783638623643
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wittgensteins, Sprachbegriff, Zwischen, Privatsprache, Externalismus
Arbeit zitieren
Sebastian Feller (Autor), 2005, Wittgensteins Sprachbegriff: Zwischen Privatsprache und sozialem Externalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72321

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