Die Elias-Duerr-Kontroverse - Kann es einen Konsens geben?


Hausarbeit, 2007

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Abstract

2. Einleitung

3. Norbert Elias
3.1 Norbert Elias’ Hauptthesen
3.2 Norbert Elias’ Argumentation und Belege seiner Thesen

4. Hans-Peter Duerr
4.1 Hauptthesen Duerrs
4.2 Hauptkritikpunkte an Elias’ Theorie

5. Forschungsmeinungen
5.1 Zivilisationsbegriff
5.2 Scham und Peinlichkeit

6. Vorschlag: Die Wissenssoziologische Diskursanalyse
6.1 Der Diskursbegriff innerhalb der Wissenssoziologie
6.2 Mögliche Fragestellungen

7. Fazit: Bilanz der Elias-Duerr-Kontroverse

8. Literaturverzeichnis

1. Abstract

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob es auch eine Position zwischen den beiden gegensätzlichen Positionen von Norbert Elias und Hans Peter Duerr gibt. Sie zielt also nicht darauf ab, herauszufinden welche Seite bestätigt, bzw. widerlegt werden kann. Stattdessen wird versucht eine Möglichkeit zu finden einen produktiven Konsens aus diesem Diskurs zu finden.

Zu diesem Zweck werden sowohl die Thesen beider Wissenschaftler gegeneinander abgewogen, sowie verschiedene Forschungsmeinungen angeführt. Dies zeigt, zunächst welche Probleme bei einer konsensorientierten Beschäftigung mit dieser Kontroverse auftauchen, aber es wird auch deutlich, dass es Anknüpfungspunkte für einen Konsens geben kann.

Zum Schluss wird kurz eine Möglichkeit skizziert, wie man diese Kontroverse objektiver bearbeiten könnte, um eventuell darauf aufbauen zu können.

Letztendlich wird deutlich, dass eine strukturierte Auseinandersetzung mit den Thesen beider diskutierten Wissenschaftler für eine weiterführende Auseinandersetzung mit individuellen und gesellschaftlichen Strukturveränderungen dienlicher sein könnte, als die bloße Verifikation oder Falsifikation einer der beiden Ansätze.

2. Einleitung

Diese Arbeit befasst sich mit der Kontoverse, die zwischen Hans-Peter Duerr und Norbert Elias, bzw. seinen Verfechtern um den von Elias entworfenen „Prozeß der Zivilisation“ entbrannt ist. Sie zielt hauptsächlich darauf ab, zu zeigen, dass weder Elias Thesen, noch Duerrs Kritik uneingeschränkt Zustimmung entgegengebracht werden kann. Stattdessen besteht die Frage, ob nicht ein gewisser Konsens gefunden werden kann.

Zunächst wird im zweiten Kapitel kurz auf Elias’ Begriff der menschlichen Natur eingegangen, da dies ein fundamentaler Bestandteil der „Theorie vom Zivilisationsprozeß“ ist.

Anschließend werden die für die Kontoverse relevanten und fundamentalen Thesen der Theorie Norbert Elias’ herausgearbeitet. Sie dienen als Grundlage für Duerrs Angriff gegen Norbert Elias’ „Prozeß der Zivilisation“.

Im dritten Kapitel wird Duerrs Verständnis der menschlichen Natur skizziert, da sich dieses wesentlich von Elias Begriff der menschlichen Natur unterscheidet. Auch für Duerrs Thesen ist dies von grundlegender Bedeutung. Es soll daran anschließend deutlich werden, worin Duerr eine gegenteilige These vertritt und in welchen Punkten Duerr Elias widerspricht. In diesem Zusammenhang werden Vorwürfe Duerrs gegen Elias angeführt, die in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Thematik wieder auftauchen.

Im vierten Kapitel soll dann anhand der zentralen Begriffe der „Zivilisation“ und dem Begriffspaar „Scham und Peinlichkeit“ deutlich werden, welche Probleme in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Kontroverse zutage getreten sind.

Im fünften Kapitel soll ein jüngerer Forschungsansatz skizziert werden, der die Kontroverse systematisch erfassen könnte.

Im sechsten Kapitel möchte ich schließlich eine Bilanz ziehen. Das heißt, dass der Versuch erbracht wird, die Frage nach einem möglichen Konsens zu beantworten.

3. Norbert Elias

Zunächst sollte betont werden, dass Norbert Elias seine Theorie in den 1930er Jahren entwickelte. Somit sind fünfzig Jahre vergangen bis Hans Peter Duerr seine Kritik hervorgebracht hat.

Zu Norbert Elias’ „Begriff der menschlichen Natur“[1] schreibt Matthias Schloßberger, dass sich Elias selbst zu einer „Natur des Menschen“[2] nicht äußert. Nach Elias ist der Menschen vielmehr „von Natur aus ein Kulturwesen“[3]. Somit sieht Elias den Menschen als im geschichtlichen Prozess wandelbar. Die Natur des Menschen hängt von der gesellschaftlichen Entwicklung und den historischen Rahmenbedingungen ab, was Elias’ Thesen bestätigen.

Im nächsten Abschnitt sollen Elias’ Hauptthesen und Argumentationsweise skizziert werden, denn nur auf dieser Grundlage wird deutlich an welchen Punkten Duerrs Kritik ansetzt.

3.1 Norbert Elias’ Hauptthesen

Allgemein formuliert Norbert Elias den „Prozeß der Zivilisation“ als „eine Veränderung des menschlichen Verhaltens und Empfindens in einer ganz bestimmten Richtung […]“[4]. Diese Richtung wird nicht von einzelnen Individuen vorgegeben oder beeinflusst, sondern die Veränderung des Verhaltens verläuft „als Ganzes ungeplant; aber sie vollzieht sich dennoch nicht ohne eine eigentümliche Ordnung.“[5]

Im Kern dieser „Theorie vom Zivilisationsprozeß“ steht die These, dass mit zunehmender Pazifizierung des Lebensraumes und zunehmender Funktionsteilung der immer stärker miteinander verflochtenen und interdependenten Menschen, der Zwang zur inneren Affektzügelung und Selbstkontrolle steigt.[6]

Durch die Bildung von Zentralorganen physischer Gewalt, sieht sich das Individuum nicht mehr in seiner körperlichen Existenz bedroht. Doch durch das soziale Geflecht oder die gesellschaftliche Formation, dessen Teil es ist, steht das Individuum unter dem gesellschaftlichen Druck, seine Position gegenüber anderen zu behaupten oder sogar zu verbessern.

Daher steht die

„[…]eigentümliche Stabilität der psychischen Selbstzwang-Apparatur, die als ein entscheidender Zug im Habitus jedes »zivilisierten« Menschen hervortritt, […] mit der Ausbildung von Monopolinstituten der körperlichen Gewalttat und mit der wachsenden Stabilität der gesellschaftlichen Zentralorgane im engsten Zusammenhang.“[7]

Folgen dieser zunehmenden Funktionsteilung und immer länger werdenden Interdependenzketten im Zuge des Zivilisationsprozesses, sind nach Elias neben der stärkeren Selbstkontrolle und Zügelung der Affekte, also vernunftgeleitetes Denken und Verhalten, sowie das Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwelle.[8]

„Wozu der Einzelne nun gedrängt wird, ist eine Umformung des ganzen Seelenhaushalts im Sinne einer kontinuierlichen, gleichmäßigen Regelung seines Trieblebens und seines Verhaltens nach allen Seiten hin.“[9]

Im Zuge des Zivilisationsprozesses werden nach Elias folglich aus „Primitiven“, die ihren Affekten mehr oder weniger freien Lauf lassen, zunehmend „Zivilisierte“, die ihre Affekte zugunsten der Langsicht zu zügeln wissen.

Damit geht das Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwelle einher. Dies wird bewirkt durch die innere Spannung, die das Individuum zwischen Triebhaushalt einerseits und der Zügelung dieses Triebes andererseits aufbaut. Es sieht sich gezwungen die gesellschaftlichen „Fremdzwänge“ in „Selbstzwänge“[10] umwandeln.

In diesem Sinne definiert Elias Scham als „Angst vor der sozialen Degradierung, oder, allgemeiner gesagt, vor den Überlegenheitsgesten Anderer“.[11]

Entsprechend definiert Elias Peinlichkeit als „Unlusterregungen oder Ängste, die auftreten, wenn ein anderes Wesen die durch das Über-Ich repräsentierte Verbotsskala der Gesellschaft zu durchbrechen droht oder durchbricht.“[12]

Das bedeutet, dass der gesamtgesellschaftliche Zivilisationsprozess von einem individuellen Zivilisationsprozess begleitet wird.

Die strukturelle Wandlung der gesellschaftlichen Ordnung stellt den Einzelnen also unter den Druck sein Verhalten und Denken entsprechend anzupassen. Das Verhalten des Einzelnen muss berechenbarer und bis zu einem gewissen Grad auch kalkulierbarer sein, da es sonst nicht mehr mit der Gesellschaftsstruktur konform wäre. Daher ist eine gewisse Langsicht des Individuums notwendig, die seine Position innerhalb der gesellschaftlichen Struktur tragbar macht.[13]

Die Ordnung, oder Richtung in der der Prozess der Zivilisation verläuft, ist es, die Norbert Elias an der Entwicklung des französischen Hofes des „Ancien Régime“ exemplarisch zu veranschaulichen versucht. Indem die Entwicklungslinien der strukturellen gesellschaftlichen Veränderungen – und analog die Veränderungen der individuellen Gewohnheiten und Lebensumstände verschiedener Schichten – dargestellt werden, soll eine eindeutige Regelmäßigkeit und ein fortlaufender Prozess gezeichnet werden. Der nächste Abschnitt beleuchtet etwas genauer mit welchen Argumenten und Belegen Elias diese Entwicklungen verdeutlicht.

3.2 Norbert Elias’ Argumentation und Belege seiner Thesen

Zeitlich können die aufgeführten Hauptargumente und Beispiele überwiegend zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert eingeordnet werden, wobei Elias Vergleiche mit dem Mittelalter zieht. Die Zeit des Absolutismus beschreibt Elias hauptsächlich am Beispiel Frankreichs unter der Herrschaft von Ludwig XIV.

So zeigt er zunächst auf wie Differenzen zwischen den verschiedenen sozialen Positionen innerhalb dieser hierarchisch aufgebauten Gesellschaft des „Ancien Régime“ anhand der Architektur der Behausungen abgelesen werden könnten.

„Und so ist also der Niederschlag einer sozialen Einheit im Raume, der Typus ihrer Raumgestaltung eine handgreifliche, eine – im wörtlichen Sinne – sichtbare Repräsentation ihrer Eigenart.“[14]

[...]


[1] Schloßberger 2000: 111

[2] Schloßberger 2000: 112

[3] Schloßberger 2000: 112

[4] Elias 1997: 323

[5] Elias 1997: 324

[6] vgl.: Elias 1997: 327 unten

[7] Elias 1997: 331

[8] vgl.: Elias 1997: 411

[9] Elias 1997: 339

[10] vgl.: Elias 1997: 342

[11] Elias 1997: 408

[12] Elias 1997: 414

[13] vgl.: Elias 1997: 352

[14] Elias 2002: 78

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Elias-Duerr-Kontroverse - Kann es einen Konsens geben?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Veranstaltung
Lektürekurs: Norbert Elias
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V72344
ISBN (eBook)
9783638730204
ISBN (Buch)
9783638813860
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Elias-Duerr-Kontroverse, Kann, Konsens, Lektürekurs, Norbert, Elias
Arbeit zitieren
Alice Temberski (Autor), 2007, Die Elias-Duerr-Kontroverse - Kann es einen Konsens geben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72344

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