Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob es auch eine Position zwischen den beiden gegensätzlichen Positionen von Norbert Elias und Hans Peter Duerr gibt. Sie zielt also nicht darauf ab, herauszufinden welche Seite bestätigt, bzw. widerlegt werden kann. Stattdessen wird versucht eine Möglichkeit zu finden einen produktiven Konsens aus diesem Diskurs zu finden.
Zu diesem Zweck werden sowohl die Thesen beider Wissenschaftler gegeneinander abgewogen, sowie verschiedene Forschungsmeinungen angeführt. Dies zeigt, zunächst welche Probleme bei einer konsensorientierten Beschäftigung mit dieser Kontroverse auftauchen, aber es wird auch deutlich, dass es Anknüpfungspunkte für einen Konsens geben kann.
Zum Schluss wird kurz eine Möglichkeit skizziert, wie man diese Kontroverse objektiver bearbeiten könnte, um eventuell darauf aufbauen zu können.
Letztendlich wird deutlich, dass eine strukturierte Auseinandersetzung mit den Thesen beider diskutierten Wissenschaftler für eine weiterführende Auseinandersetzung mit individuellen und gesellschaftlichen Strukturveränderungen dienlicher sein könnte, als die bloße Verifikation oder Falsifikation einer der beiden Ansätze.
Inhaltsverzeichnis
1. Abstract
2. Einleitung
3. Norbert Elias
3.1 Norbert Elias’ Hauptthesen
3.2 Norbert Elias’ Argumentation und Belege seiner Thesen
4. Hans-Peter Duerr
4.1 Hauptthesen Duerrs
4.2 Hauptkritikpunkte an Elias’ Theorie
5. Forschungsmeinungen
5.1 Zivilisationsbegriff
5.2 Scham und Peinlichkeit
6. Vorschlag: Die Wissenssoziologische Diskursanalyse
6.1 Der Diskursbegriff innerhalb der Wissenssoziologie
6.2 Mögliche Fragestellungen
7. Fazit: Bilanz der Elias-Duerr-Kontroverse
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die wissenschaftliche Kontroverse zwischen Norbert Elias und Hans-Peter Duerr bezüglich des „Prozesses der Zivilisation“. Ziel ist es, die gegensätzlichen Positionen kritisch abzuwägen und zu prüfen, ob ein produktiver wissenschaftlicher Konsens oder eine neue Forschungsperspektive zur Vermittlung dieser Diskrepanzen gefunden werden kann.
- Theorie des Zivilisationsprozesses nach Norbert Elias
- Kritik und Gegenpositionen von Hans-Peter Duerr
- Zentrale Begriffe: Zivilisation, Scham und Peinlichkeit
- Methodische Probleme der Auseinandersetzung
- Potential der wissenssoziologischen Diskursanalyse zur Objektivierung
Auszug aus dem Buch
3.1 Norbert Elias’ Hauptthesen
Allgemein formuliert Norbert Elias den „Prozeß der Zivilisation“ als „eine Veränderung des menschlichen Verhaltens und Empfindens in einer ganz bestimmten Richtung […]“. Diese Richtung wird nicht von einzelnen Individuen vorgegeben oder beeinflusst, sondern die Veränderung des Verhaltens verläuft „als Ganzes ungeplant; aber sie vollzieht sich dennoch nicht ohne eine eigentümliche Ordnung.“
Im Kern dieser „Theorie vom Zivilisationsprozeß“ steht die These, dass mit zunehmender Pazifizierung des Lebensraumes und zunehmender Funktionsteilung der immer stärker miteinander verflochtenen und interdependenten Menschen, der Zwang zur inneren Affektzügelung und Selbstkontrolle steigt.
Durch die Bildung von Zentralorganen physischer Gewalt, sieht sich das Individuum nicht mehr in seiner körperlichen Existenz bedroht. Doch durch das soziale Geflecht oder die gesellschaftliche Formation, dessen Teil es ist, steht das Individuum unter dem gesellschaftlichen Druck, seine Position gegenüber anderen zu behaupten oder sogar zu verbessern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Abstract: Kurze Darlegung der Fragestellung und der Zielsetzung der Arbeit, einen produktiven Konsens zwischen den gegensätzlichen Positionen zu finden.
2. Einleitung: Vorstellung der Kontroverse zwischen Elias und Duerr sowie Skizzierung des weiteren Vorgehens in der Arbeit.
3. Norbert Elias: Einführung in Elias' Theorieentwicklung und dessen Verständnis der menschlichen Natur als Kulturwesen.
3.1 Norbert Elias’ Hauptthesen: Darstellung der Kerngedanken zur Verflechtung von Zivilisationsprozess, Affektkontrolle und gesellschaftlicher Differenzierung.
3.2 Norbert Elias’ Argumentation und Belege seiner Thesen: Analyse der empirischen Belege von Elias am Beispiel des französischen Hoflebens im Absolutismus.
4. Hans-Peter Duerr: Einführung in Duerrs Kritik an Elias und dessen Suche nach Universalien der menschlichen Natur.
4.1 Hauptthesen Duerrs: Erläuterung der Kritik an Elias’ Annahme einer kontinuierlichen Zunahme von Selbstkontrolle und Scham.
4.2 Hauptkritikpunkte an Elias’ Theorie: Darstellung der methodischen Kritik Duerrs an Elias’ Quelleninterpretation und dessen Vorwurf des Exotizismus.
5. Forschungsmeinungen: Diskussion der unterschiedlichen fachwissenschaftlichen Sichtweisen auf die Kontroverse.
5.1 Zivilisationsbegriff: Analyse der Problematik des Zivilisationsbegriffs und der daraus resultierenden Schwierigkeiten bei der wissenschaftlichen Konsensbildung.
5.2 Scham und Peinlichkeit: Gegenüberstellung der Positionen zur historischen Entwicklung von Schamgrenzen.
6. Vorschlag: Die Wissenssoziologische Diskursanalyse: Vorstellung eines möglichen methodischen Ansatzes zur Objektivierung der Debatte.
6.1 Der Diskursbegriff innerhalb der Wissenssoziologie: Erläuterung des theoretischen Konzepts und dessen Relevanz für diese Kontroverse.
6.2 Mögliche Fragestellungen: Reflexion über Anwendungsmöglichkeiten des Ansatzes auf die Elias-Duerr-Kontroverse.
7. Fazit: Bilanz der Elias-Duerr-Kontroverse: Zusammenfassende Bewertung der Positionen und Ausblick auf das Potenzial eines künftigen wissenschaftlichen Konsenses.
Schlüsselwörter
Norbert Elias, Hans-Peter Duerr, Zivilisationsprozess, Scham, Peinlichkeit, Interdependenz, Wissenssoziologie, Diskursanalyse, Affektkontrolle, Höfische Gesellschaft, Kulturvergleich, Zivilisation, Machtstrukturen, Gesellschaftstheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Debatte zwischen den Soziologen Norbert Elias und Hans-Peter Duerr über die Entstehung und den Charakter des zivilisatorischen Prozesses in der westlichen Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Konzepte von Zivilisation, die Verinnerlichung von Affektkontrolle, die Veränderung von Scham- und Peinlichkeitsschwellen sowie die methodische Qualität historischer Quelleninterpretationen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, zu zeigen, dass beide Positionen Schwächen aufweisen, und nach Wegen zu suchen, wie ein produktiverer wissenschaftlicher Konsens oder Diskurs über diese Themen geführt werden könnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Untersuchung vorgeschlagen?
Die Arbeit schlägt die „Wissenssoziologische Diskursanalyse“ nach Reiner Keller als ein Werkzeug vor, um die Kontroverse systematisch und objektiver zu untersuchen.
Welche Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung von Elias' Thesen zur Verhöflichung, Duerrs umfassende Kritik daran sowie eine Diskussion der unterschiedlichen Begriffsverständnisse, insbesondere bei den zentralen Begriffen Zivilisation und Scham.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Auseinandersetzung am besten?
Wesentliche Begriffe sind Affektzügelung, Interdependenzketten, historische Anthropologie, Kolonialismusvorwurf, psychische Selbststeuerung und Universalien der menschlichen Natur.
Warum kritisiert Hans-Peter Duerr den Ansatz von Norbert Elias so stark?
Duerr wirft Elias unter anderem vor, historische Quellen falsch zu interpretieren, einen eurozentrischen Blick auf "Primitivität" zu haben und die menschliche Natur fälschlicherweise als rein kulturell geformt zu betrachten.
Kann die Wissenssoziologische Diskursanalyse die Kontroverse endgültig lösen?
Nein, der Ansatz wird nicht als abgeschlossene Methode präsentiert, die eine endgültige Lösung bietet, sondern als eine vielversprechende Perspektive, um die begriffliche Unklarheit des Streits zu strukturieren.
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- Alice Temberski (Author), 2007, Die Elias-Duerr-Kontroverse - Kann es einen Konsens geben?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72344