Analyse des Romans "Candide" und des Dictionnaire philosophique unter dem Aspekt der Einstellung Voltaires zur Sklaverei


Hausarbeit, 1999

12 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Sklaverei im Roman „Candide oder Der Optimismus“
1.1 Zum Inhalt
1.2 Intention des Romans
1.3 Erzählerische Mittel im „Candide“
1.4 Funktion der Sklaverei im „Candide“

2. Voltaire zum Thema der Sklaverei im Dictionnaire philosophique
2.1 Woher kommt die Sklaverei?
2.2 Voltaires Einstellung zur Sklaverei

Fazit

Literaturverzeichnis

1. Sklaverei im Roman „Candide oder der Optimismus“

1.1 Zum Inhalt

Der „Candide“, Voltaires bekanntestes Werk, erschien 1759.[1]

Die Geschichte beginnt im idyllischen Schloß eines Barons, wo der junge, naive Candide von dem Philosophen Pangloß erzogen wird. Dieser propagiert die Lehre von der besten aller Welten, die vor allem von Leibnitz vertreten wird und besagt, daß die Welt ein komplexes System darstelle, in dem alles auf das Beste eingerichtet sei; auch das vordergründig Schlechte, das Verbrechen und das Unglück gehören zu dieser vollkommenen Harmonie; wenn auch nur ein Element anders aussähe, bräche das System zusammen, und es käme eine wesentlich schlechtere Welt zustande als diejenige, die momentan existiert. Alles Geschehen ziele auf einen guten Zweck hin. Diese Lehre von der besten aller Welten wird nun im Candide mit der grausamen Realität konfrontiert.

Voltaire läßt seinen Candide, einen ahnungslosen Jüngling, der ein wenig dem Simplicius Simplicissimus ähnelt, staunend durch die für ihn in ihrer Brutalität fremdartige Welt stolpern. Der Charakter der Hauptfigur korrespondiert mit seinem Namen: Candide bedeutet auf Französisch der Arglose, Leichtgläubige.

Die Fährnisse, denen Voltaire Candide und auch die anderen Personen dieses philosophischen Romans aussetzt, führen die Theorie ad absurdum; Unglück, Elend und Grausamkeit herrschen in der Welt und werden von Voltaire satirisch geschildert. Candide wird wegen verliebter Vertraulichkeiten mit der Tochter des Hauses aus dem Schloß gejagt, gerät in das Erdbeben von Lissabon (Gegenbeispiel für die beste aller Welten), er entkommt mit Mühe einem Autodafé, erlebt Krankheit und Schiffbruch, gerät in die Hände von Piraten und muß sich an die Alltäglichkeit von Diebstahl, Vergewaltigung und Mord gewöhnen. Candide kommt bei seinen Abenteuern durch viele Länder, und überall erlebt er nur, daß Menschen anderen Menschen Schlechtes tun.

Der Roman hat dennoch ein Happy End, in dem sich alle Hauptpersonen wiederfinden, ein gemeinsames Leben beginnen und zu dem Schluß kommen, daß man nicht über die Grausamkeit der Welt philosophieren solle, sondern daß die einzige Möglichkeit, diese Welt zu ertragen, die Arbeit sei.

1.2 Intention des Romans

Der Roman nennt sich „Candide oder der Optimismus“; in der Tat werden hier verschiedene optimistische philosophische Thesen diskutiert und durch die Fakten der Romanhandlung widerlegt.

Der Roman wendet sich hierbei gegen die von der Aufklärung propagierte optimistische teleologische Kosmologie, die Lehre von der besten aller Welten – auf der Widerlegung dieser Lehre durch die dargestellte Realität liegt der Hauptakzent des Romans. Im Rahmen der Argumentation gegen diese Kosmologie wird aber auch der Optimismus Rousseaus kritisiert, der annahm, der Mensch sei von Natur aus gut; diese Theorie wird entkräftet anhand der Darstellung unzähliger Greueltaten, zu denen Menschen fähig sind[2]. Voltaire zeigt im „Candide“ immer wieder, daß auch christliche Würdenträger solche Grausamkeiten begehen und greift dadurch auch seinen Erzfeind, die Kirche, an.

1.3 Erzählerische Mittel im „Candide“

Voltaire gelingt es auf meisterhafte Weise, durch verschiedene Erzähltechniken damals „alltägliche“ Grausamkeiten wie Krieg oder Sklaverei in ihrer Ungeheuerlichkeit und Absurdität zu offenbaren. Zu nennen ist vor allem seine beißend-sarkastische Ironie, die besonders in der Geschichte von Kunigundes alter Dienerin deutlich wird: Als den Passagieren und den Soldaten des Schiffes von den Piraten die Kleider vom Leib gerissen werden und ihnen in den Anus geschaut wird, ob sie dort Diamanten versteckt haben, kommentiert Kunigundes Dienerin dies: „Diese Zeremonie kam mir recht eigenartig vor. So urteilt man eben, wenn man noch nie aus seinem Lande herausgekommen ist! [...] Das ist seit Menschengedenken so Brauch bei allen gesitteten Völkern, die zur See fahren.“[3] Voltaire legt ihr weiter – als Hieb gegen die Kirche – folgendes in den Mund: „Ich habe mir sagen lassen, daß auch die frommen Herren Malteserritter niemals verfehlen, ihn auszuüben, wenn sie Türken oder Türkinnen gefangennehmen.“[4]

Neben der Ironie ist das lakonische Erzählen ein wichtiges Mittel Voltaires, dem Leser die Ungeheuerlichkeit des Unglücks der Welt vor Augen zu führen. Ein Beispiel: Zu all ihren schrecklichen Erlebnissen sagt Kunigundes Dienerin lediglich: „Aber genug davon; das sind so alltägliche Vorgänge, daß es sich nicht lohnt, ein Wort darüber zu verlieren.“[5]

Seine meisterhafte Ironie setzt Voltaire zum Beispiel in Beschreibungen des Erzählers ein: „Der Gelehrte, der übrigens eine gute Seele war, war von seiner Frau bestohlen, von seinem Sohn verprügelt und von seiner Tochter, die mit einem Portugiesen durchging, verlassen worden.“[6]

Voltaires Ironie kommt jedoch auch in den Äußerungen der machtlosen Protagonisten dieses Romans zum Ausdruck – die Personen um Candide (zum Beispiel Kunigunde und Pangloß), aber auch Fremde, deren Schicksal im Roman erzählt wird (wie Kunigundes Dienerin oder der Sklave aus Surinam), werden wie dieser selbst vom Schicksal getrieben, ohne selbst zu handeln, sie stehen immer wieder ohnmächtig der Ungerechtigkeit des Fatums und der Grausamkeit gewissenloser Mitmenschen gegenüber. Dadurch soll klarwerden: Menschen, die mit einer ähnlich naiven, gutmütigen und optimistischen Einstellung wie Candide durchs Leben gehen, können in dieser Welt nicht überleben.

Auch das Verhältnis von Erzählzeit zu erzählter Zeit verstärkt den Effekt der Ereignisse: Das Erzähltempo ist sehr schnell, in sehr kurzer Zeit wird der Leser schockartig mit dramatischen Ereignisse konfrontiert, die lakonisch und geradezu unemotional erzählt werden, wodurch eine umso größere emotionale Wirkung hervorgerufen wird. Ein Beispiel dafür ist die Erzählung von Kunigundes Schicksal: „Ich lag in meinem Bett in tiefem Schlaf, als es dem Himmel gefiel, die Bulgaren auf unser schönes Thunder ten Throncksches Schloß zu schicken. Mein Vater und mein Bruder wurden erwürgt, meine Mutter in Stücke gehackt, und als ich das mit ansah, brach ich ohnmächtig zusammen. Ein großer sechs Fuß langer Bulgare bemerkte meinen Zustand und machte sich daran, mich zu vergewaltigen.“[7]

Die Ironie Voltaires verbindet sich mit der Naivität Candides und anderer Personen, durch deren Blick der scheinbar normale Wahnsinn der grausamen Realität augenfällig wird. Dies zeigt auch der Fortgang der Geschichte von Kunigundes Vergewaltigungserlebnis: „Dadurch kam ich wieder zu mir, und als ich völlig bei Besinnung war, fing ich an zu schreien, schlug um mich, biß und kratzte [...], denn ich wußte ja nicht, daß alles, was im Schlosse meines Vaters geschah, ein ganz alltäglicher Vorgang war.“[8]

1.4 Funktion der Sklaverei im „Candide“

Die Sklaverei wird in Voltaires „Candide“ nicht diskutiert, ihre Existenz wird nicht hinterfragt; ihr häufiges Vorkommen im Roman ist nicht Ausdruck einer speziellen Kritik Voltaires an der Sklaverei, obgleich er durchaus gegen die Sklaverei ist, wie ich noch ausführen werde; aber im „Candide“ wird die Sklaverei neben anderen Übeln instrumentalisiert im Rahmen der Argumentation gegen die philosophischen Theorien beziehungsweise die Institutionen, gegen die sich Voltaires Roman wendet.

Die Darstellung der Sklaverei erfüllt also eine Argumentationsfunktion in drei Fällen: sie ordnet sich dem Zweck unter,

1. die Philosophie von der besten aller Welten zu widerlegen: die Sklaverei ist ein Unglück, das den Menschen in dieser angeblich so gut eingerichteten Welt sinnlos und grundlos trifft
2. die Grausamkeit der menschlichen Natur zu beweisen: Sklaverei ist ein Akt höchster Grausamkeit eines Menschen gegen einen anderen Menschen
3. die Verlogenheit der Kirche zu illustrieren: auch die christlichen Würdenträger halten Sklaven und fügen auf brutalste Weise anderen Leid zu (Inquisition), was natürlich fundamental der christlichen Lehre widerspricht

[...]


[1] Zitiert nach: Voltaire: Candide oder Der Optimismus. In: Voltaire, Sämtliche Romane und Erzählungen. Übs. v. Ilse Lehmann. Frankfurt 1988. S. 283-390. Im Folgenden zitiert als: „Candide“.

[2] Grausamkeit ist interessanterweise bei Voltaire nicht nur eine Eigenschaft von in der Zivilisation lebenden Menschen, sondern findet sich auch bei „wilden“ Naturvölkern; sie ist also – im Gegensatz zu Rousseaus Auffassung – unabhängig von der Vergesellschaftung, der Entfernung des Menschen von Naturzustand, sie ist der Natur des Menschen immanent.

[3] Candide, S. 310.

[4] Ibid.

[5] Candide, S. 311.

[6] Candide, S. 344.

[7] Candide, S. 301.

[8] ibid.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Analyse des Romans "Candide" und des Dictionnaire philosophique unter dem Aspekt der Einstellung Voltaires zur Sklaverei
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien)
Veranstaltung
MS Sklaverei und Aufklärung in der Literatur des 18. Jh.s , SS 1999
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
12
Katalognummer
V7237
ISBN (eBook)
9783638145558
ISBN (Buch)
9783640679607
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Voltaire Candide Sklaverei
Arbeit zitieren
M.A. Marion Näser (Autor), 1999, Analyse des Romans "Candide" und des Dictionnaire philosophique unter dem Aspekt der Einstellung Voltaires zur Sklaverei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7237

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