Gedächtnispsychologische Interferenzen. Bedeutung der proaktiven Gedächtnishemmung für angewandte Lernstrategien


Seminararbeit, 2005

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methode
2.1. Stichprobe
2.2. Material und Versuchsplan
2.2.1. Unabhängige Variable
2.2.2. Abhängige Variable
2.2.3. Pre- Test
2.3. Durchführung

3. Ergebnisse
3.1. Deskriptive Statistik
3.1.1. Ergebnisse des 1. Durchgangs
3.1.2. Ergebnisse des 2. Durchgangs
3.1.3. Gedächtnisleistung
3.2. Statistische Hypothesen
3.3. Prüfverfahren

4. Diskussion

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis:

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Tabelle 1: Übersicht über die unterschiedlichen Experimentalbedingungen

Tabelle 2: Übersicht über die verschiedenen Wortlisten der Lernkontrollen in den

Tabelle 3: Übersicht über die Verteilung des Geschlechts, des Alters und der

Tabelle 4: Vergleich der drei Experimentalgruppen

Abbildung 1: Grafische Darstellung der Gruppenmittelwerte der korrigierten Treffer

1. Einleitung

Die vorliegende Studie beschäftigt sich mit dem lern- und gedächtnispsychologischen Sachverhalt des Vergessens. Im Rahmen der Gedächtnisforschung gibt es zwei Erklärungsansätze für das Phänomen des Vergessens. Neben der Zerfallstheorie, die Gedächtnisspuren in den Mittelpunkt der Untersuchungen stellt, findet vor allem die Interferenztheorie große Beachtung zur Erklärung des Vergessens (Anderson, 1996, S. 199f.; Schermer, 1998, S. 161f.).

Die Interferenztheorie geht davon aus, dass das Vergessen auf den gegenseitigen Einfluss zweier Gedächtnisinhalte zurückzuführen ist (Anderson, 1996, S. 199f.; Jüttner, 1979, S. 36; Kluwe, 1992, S. 126). In der Literatur wird dieses Phänomen als Gedächtnishemmung oder Interferenz bezeichnet und tritt sowohl beim Lernen als auch beim Behalten, Erinnern und Abrufen auf (Häcker & Stapf, 1998, S. 714). Es wird dabei in retrograde und proaktive Gedächtnishemmung unterschieden. Bei der proaktiven Hemmung beeinflusst der erste Gedächtnisinhalt den zweiten. Bei der retrograden (rückwirkenden) Hemmung hingegen wirkt der zweite Lerninhalt hemmend auf den ersten (Rosemann, 1974, S. 98f.; Schermer, 1998, S. 163ff.).

Untersucht wurde das Phänomen der Interferenzen zunächst von G.E.Müller und Pilzecker um 1900 (Kluwe, 1992, S. 125). Des Weiteren fand Ranschburg heraus, dass die Ähnlichkeit der Lernstoffe einen großen Einfluss auf das Ausmaß der Gedächtnisleistung hat. Ranschburg befasste sich in erster Linie mit retrograder Gedächtnishemmung und stellte eine sehr ausgeprägte retroaktive Hemmung bei sehr ähnlichen aufeinander folgenden Items fest (Häcker & Stapf, 1998, S. 714).

Obwohl die bisherige Forschung vor allem die retrograde Gedächtnishemmung untersucht hat (Bierbaumer, Frey, Kuhl, Prinz & Weinert, 1996, S. 144f.), bedient sich die Interferenztheorie in erster Linie der proaktiven Hemmung zur Erklärung des Vergessens (Anderson, 1996, S. 200).

Das Phänomen der Gedächtnishemmung ist besonders für Studierende interessant, um eine optimale Lernstrategie entwickeln zu können. Insbesondere in der Klausurenzeit werden kurzfristig Lerninhalte gelernt und abgefragt. Dabei stellt sich die Frage, ob es sinnvoller ist gleichzeitig ähnliche oder sehr unterschiedliche Studienfächer zu lernen. In der vorliegenden Studie wurde deshalb der Einfluss ähnlicher Lerninhalte auf die Erinnerungsleistung im Hinblick auf proaktive Hemmungsprozesse untersucht.

In späteren Studien wurde Interferenz vor allem anhand der Methode des Paar- Assoziations-Lernens erforscht (Anderson, 1996, S. 200). Diese entspricht in der Regel nicht dem Modus des Abfragens von Prüfungsleistungen im Studium und wurde deshalb im vorliegenden Design bewusst nicht verwendet. Es wurde vermutet, dass auch beim Lernen von Wortlisten Gedächtnishemmungen zu beobachten sind. Hierbei wurde erwartet, dass die Ähnlichkeit der Lernbegriffe einen Einfluss auf die Stärke der proaktiven Hemmung hat. Die zu überprüfende Hypothese lautete daher wie folgt:

H0: Werden zwei Lernstoffe hintereinander gelernt, so hat die Ähnlichkeit der Lerninhalte keinen Einfluss auf die kurzzeitige Gedächtnisleistung.

H1: Je ähnlicher sich zwei Lernstoffe sind, desto geringer ist die kurzzeitige Gedächtnisleistung.

2. Methode

Im Rahmen der vorliegenden Studie prägten sich die Versuchspersonen zunächst eine Reihe von 15 semantischen Begriffen ein, welche anschließend mittels einer Lernkontrolle abgefragt wurden. Jeder Proband absolvierte einen weiteren Durchgang mit identischem Ablauf aber unterschiedlichen Worten. Je nach dargebotenen Begriffskategorien wurden drei Experimentalgruppen unterschieden.

2.1. Stichprobe

An dem Experiment nahmen 30 Studierende der Universität Lüneburg teil. Die Teilnahme an der Untersuchung erfolgte freiwillig und es wurde Anonymität garantiert. Rekrutiert wurden die Versuchspersonen durch direkte Ansprache an der Hochschule. Sie erhielten die Information, dass es sich um ein Gedächtnisexperiment im Rahmen des Prüfungsfaches Allgemeine Psychologie II handelt, welches zehn Minuten in Anspruch nimmt. Die Probanden wurden den verschiedenen Experimentalbedingungen zufällig zugewiesen (siehe 2.3). Allgemeine Angaben zur Person wurden nach dem Experiment erhoben. Innerhalb der Stichprobe variierte das Alter der Studierenden wie folgt: 14 Personen zwischen 20 und 25 Jahren, 11 Personen zwischen 26 und 30 Jahren, 5 Personen zwischen 31 und 35 Jahren (Mittelwert: 26 Jahre). Untersucht wurden 16 weibliche und 14 männliche Probanden. Die Versuchspersonen studierten in folgenden Fachbereichen: 53,3 % Wirtschaftspsychologie, 26,6 % Wirtschaftsrecht, 13,3 % Sozialpädagogik, 3,3 % Kulturwissenschaften, 3,3 % Jura im Referendariat.

2.2. Material und Versuchsplan

2.2.1. Unabhängige Variable

Die unabhängige Variable „Lernstoff“ wurde variiert indem es drei Varianten der dargebotenen semantischen Begriffe des ersten Durchgangs gab. Die Wörter stammten je nach Experimentalgruppe aus den Kategorien „Küche“, „Haushalt allgemein“ oder „Natur“. Um einen möglichen Einfluss von Präferenzen der Probanden für bestimmte Lebensbereiche auf die Erinnerungsleistung auszuschließen, wurden Wortbereiche verwandt, von denen zu erwarten ist, dass jede Versuchsperson im Alltag mit ihnen konfrontiert wird.

Die Begriffe des zweiten Durchgangs waren für alle Probanden gleich und stammten aus dem Bereich „Küche“, so dass sich eine beabsichtigte Ähnlichkeit bzw. Unähnlichkeit zu den Items des ersten Durchgangs ergab. Eine mögliche interpersonale Differenz bezüglich der Präferenz für den Themenbereich „Küche“ wurde ausgeschlossen indem per Befragung vor dem Experiment sichergestellt wurde, dass sich unter den Studierenden kein passionierter Koch bzw. keine passionierte Köchin befand. Die Probanden hatten für die Begriffseinprägung fünf Sekunden Zeit pro Item.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Um jeweils 15 repräsentative Wörter für die drei Themenbereiche auszuwählen wurde zunächst für jeden Oberbegriff eine Liste mit 30 willkürlich gesammelten Wörtern erstellt. Per Losverfahren wurden sowohl die 15 Begriffe an sich als auch deren Darbietungsreihenfolge zufällig ermittelt.

2.2.2. Abhängige Variable

Die kurzzeitige Erinnerungsleistung stellte die abhängige Variable der Studie dar. Operationalisiert wurde die Gedächtnisleistung als Differenz der korrigierten Treffer der Lernstoffe 1 und 2 (siehe 3.1.3). Nach jedem Durchgang erfolgte daher eine Messung der Gedächtnisleistung welche in Form eines Ja- Nein- Rekognitionstestes erhoben wurde.

Der Versuchsperson wurden 20 Begriffe, darunter zehn bekannte aus dem jeweiligen Lerndurchgang sowie zehn Distraktoren, präsentiert. Mit der verbalen Äußerung „ja“ bzw. „nein“ sollte der Proband sich bei jedem dargebotenen Wort entscheiden, ob es zu seinen zuvor gelernten Begriffen gehörte oder nicht. Für jede Entscheidung standen der Vesuchsperson fünf Sekunden zur Verfügung. Um einen möglichen Einfluss der Versuchsleiter auf Auswahl und Reihenfolge der 20 Kontrollbegriffe auszuschließen wurden aus den 15 im Lerndurchgang dargebotenen Begriffen per Losverfahren zehn ausgewählt. Um die zehn Distraktoren für jeden Oberbegriff zu finden, wurden jeweils zwei willkürliche Wortlisten erstellt, die folgende Kriterien erfüllten: 20 Wörter, die den gelernten Items sehr ähnlich waren und 20 Wörter, die aus dem gleichen Bereich wie die gelernten Wörter stammten, diesen aber eher unähnlich waren. Anschließend wurden per Losverfahren aus den beiden Listen jeweils fünf Begriffe gezogen, welche als Distraktoren im Rekognitionstest fungierten. Die Reihenfolge der Begriffe in jeder Abfrageliste (zehn Trefferbegriffe und zehn Distraktoren) wurde erneut per Losverfahren randomisiert, so dass sich für die Versuchsdurchführung folgende Wortlisten ergaben:

Tabelle 2: Übersicht über die verschiedenen Wortlisten der Lernkontrollen in den unterschiedlichen Experimentalbedingungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkung: Begriffe, die im Lerndurchgang präsentiert und im Kontrolldurchgang abgefragt wurden, sind fett gedruckt. Bei allen anderen Begriffen handelt es sich um Distraktoren.

2.2.3. Pre- Test

Alle Listen wurden in Form von Vortests auf Funktionalität geprüft. Jeweils zwei Testpersonen pro Experimentalgruppe nahmen am gesamten Untersuchungsablauf teil und beurteilten anschließend folgende Kriterien: Verständlichkeit der Aufgabenanleitung, Ähnlichkeit/ Unähnlichkeit und Bekanntheit/ Alltagstauglichkeit der ausgewählten Begriffe, empfundene Schwierigkeit der Aufgaben sowie Angemessenheit der vorgegebenen Zeitspanne pro Wort sowohl in den Lern- als auch in den Kontrolldurchgängen.

2.3. Durchführung

Jeweils zehn der 30 Probanden wurden per Zufallsprinzip einer der drei Experimentalgruppen zugewiesen. Die Randomisierung erfolgte vor Anwesenheit der jeweiligen Versuchsperson per Losziehung durch einen der Versuchsleiter. Der Proband wurde gebeten an einem Tisch, auf dem sich lediglich ein Laptop befand, Platz zu nehmen. Versuchleiter 1 nahm rechts neben ihm, der Versuchsleiter 2 an einem weiteren Tisch hinter der Versuchsperson - für diese nicht einsehbar - Platz. Es folgte eine kurze Einleitung durch Versuchsleiter 1 mit Dank, dass sich die Person für diese Untersuchung zur Verfügung stellt und dem Hinweis, dass die Aufgabe im Rahmen dieses Gedächtnisexperimentes gleich auf dem Laptop in Schriftform näher erläutert werde (siehe beigefügtes Versuchsmaterial). Des Weiteren wurde erwähnt, dass der Versuchleiter nicht neben dem Probanden säße um diesen zu kontrollieren, sondern um den fehlerfreien Ablauf des Computerprogrammes zu überprüfen. Außerdem könne die Versuchsperson jederzeit Fragen an den Versuchsleiter 1 richten. Zum Ablauf wurde abschließend noch erwähnt, dass nach Durchlesen und Verstehen der Aufgabenanweisung der Proband die „Enter“- Taste betätigen solle. Anschließend habe er noch einmal kurz Zeit, sich zu konzentrieren. Erst beim zweiten Betätigen der „Enter“- Taste starte dann die Untersuchung.

Es folgte der erste Lerndurchgang (Lernstoff 1) mit anschließender Lernkontrolle: Die Items wurden in schwarzer Schrift auf weißem Hintergrund automatisch jeweils fünf Sekunden präsentiert. Die Begriffe im anschließenden Rekognitionstest erschienen ebenfalls automatisch für fünf Sekunden auf dem Bildschirm und wurden ebenfalls in schwarzer Schrift auf weißem Hintergrund präsentiert. Die verbalen „Ja“- und „Nein“ - Entscheidungen des Probanden wurden von Versuchsleiter 2 aufgezeichnet. Nach einem Hinweis von Versuchsleiter 1, dass die Hälfte der Aufgaben bereits bewältigt wurde, startete der zweite Durchgang nach dem gleichen Schema (Lernstoff 2).

Anschließend erfragte Versuchsleiter 2 die benötigten allgemeinen Daten der Testperson und erläuterte das Ziel dieser Studie.

Die Experimente wurden an drei Tagen in den Räumlichkeiten der Universität Lüneburg in der Zeit von 9.00 bis 16.00 Uhr durchgeführt. Um einen möglichen Einfluss eines biologisch bedingten Tagesleistungstiefs auf die Erinnerungsleistung auszuschließen, wurden zwischen 12.30 und 14.00 Uhr keine Untersuchungen durchgeführt. Es handelte sich immer um denselben Raum mit gleicher Tischanordnung und gleichem Laptop. Die Fenster wurden verdunkelt und Versuchsleiter 1 und 2 waren immer dieselben Personen. Die Eingangstür war während der Durchführungen geschlossen und es gab keine Unterbrechungen während der Experimente.

3. Ergebnisse

Zur Untersuchung der proaktiven Hemmung (siehe Hypothese) wurden die Probanden wie unter 2.3 beschrieben in drei Experimentalgruppen eingeteilt. Es ergab sich folgende Verteilung für das Geschlecht, das Alter und für die Studiengänge:

Tabelle 3: Übersicht über die Verteilung des Geschlechts, des Alters und der Studiengänge in den unterschiedlichen Experimentalbedingungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Gedächtnispsychologische Interferenzen. Bedeutung der proaktiven Gedächtnishemmung für angewandte Lernstrategien
Hochschule
Universität Lüneburg  (Wirtschaftspsychologie)
Veranstaltung
Allgemeine und experimentelle Psychologie II
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V72408
ISBN (eBook)
9783638735537
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gedächtnispsychologische, Interferenzen, Bedeutung, Gedächtnishemmung, Lernstategien, Allgemeine, Psychologie
Arbeit zitieren
Kirsten Oltmer (Autor), 2005, Gedächtnispsychologische Interferenzen. Bedeutung der proaktiven Gedächtnishemmung für angewandte Lernstrategien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72408

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