Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, das Totalitarismus-Modell nach Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski auf seine Anwendbarkeit für den Vergleich von Nationalsozialismus und Stalinismus zu untersuchen. Vergleichsgegenstand sind freilich nicht das „Dritte Reich“ und die gesamte Geschichte der UdSSR von 1917 bis 1991. Zwar müssen prä- und poststalinistische Ära naturgemäß hinzugezogen werden. Dennoch soll im Kern die Herrschaft Stalins unter der Frage nach Totalität und Immanenz per se betrachtet werden.
Der methodologischen Diskussion wird die politische Debatte vorangestellt, um die weiterführenden Betrachtungen von dieser abzugrenzen. Danach sollen Eigenschaften und Probleme des Totalitarismus-Modells untersucht werden. Die gewonnenen Erkenntnisse stellen dann die Basis für die weitere Arbeit dar. Sie sollen das Totalitarismus-Verständnis zu Grunde legen, das den weiteren Verlauf der Analysen prägen wird.
Gegenstand des zweiten Kapitels ist die Untersuchung der beiden Systeme. Hierbei sollen zunächst die ideologischen Gesichtspunkte betrachtet werden. Bestimmte zentrale Momente (wie der Antisemitismus bzw. die „klassenlose Gesellschaft“) werden als bekannt vorausgesetzt und keiner weiterführenden Betrachtung unterzogen. Nationalsozialismus und Marxismus-Leninismus werden nur insoweit vergleichend betrachtet, als sie für die konkrete systematische Funktionsweise der beiden Diktaturen ursächlich bzw. charakteristisch sind. Die ideologische Dimension soll somit im Rahmen eines Exkurses untersucht werden. Wichtig sind für diese Arbeit vor allem die funktionellen und strukturellen Gesichtspunkte der weltanschaulichen Grundlagen.
Im Folgenden werden dann die jeweiligen Systeme im Einzelnen untersucht, wobei die über die Totalitarismus-Theorie gewonnenen Erkenntnisse aus dem ersten Kapitel die Grundlage der Betrachtungen darstellen werden. Im Mittelpunkt können freilich nicht detaillierte Aspekte der Systeme stehen, sondern die verschiedenen Funktionsweisen, die für die Kernfrage der Arbeit von Bedeutung sind.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Totalitarismus-Theorie in der Kritik
1.1 Die politische Ebene und ihre Debatte
1.2 Methodologische Kritik
1.2.1 Das Modell als Idealtypus
1.2.2 Statik der zeitlichen Dimension
1.2.3 Totalitarismus und Strukturlosigkeit
1.3 Zwischenbilanz: Totalitarismus als „dynamischer“ Begriff
2. Gesichtspunkte des Vergleichs
2.1 Die Ideologien in der Gegenüberstellung
2.1.1 Marxismus-Leninismus
2.1.2 Nationalsozialismus
2.2 Kontrastierung der Herrschaftssysteme
2.2.1 Das „Dritte Reich“ als „ständiges Krisenregime“
2.2.2 Der Stalinismus: Abart des Systems oder „Erbe Lenins“?
Begrenztheit des Modells – Legitimität des Begriffs (Schlussbetrachtung)
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendbarkeit des Totalitarismus-Modells von Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski auf den Vergleich zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus. Dabei wird insbesondere hinterfragt, ob das Modell trotz seiner methodischen Statik und ideologischen Aufladung als wissenschaftliches Instrument dienen kann, um die strukturelle Funktionsweise und die Dynamik dieser Diktaturen zu analysieren.
- Kritische Analyse der Totalitarismus-Theorie und ihrer politischen Dimension
- Methodologische Schwächen des Modells als Idealtypus
- Vergleichende Untersuchung der Ideologien von Nationalsozialismus und Marxismus-Leninismus
- Strukturelle Analyse der Herrschaftssysteme: „Ständiges Krisenregime“ versus stalinistische Despotie
Auszug aus dem Buch
Die politische Ebene und ihre Debatte
Sinn und Zweck des Totalitarismus-Modells nach Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski bemisst sich nicht nur nach dessen sachliche Fundiertheit, sondern auch nach seiner politischen Ausrichtung. Deshalb muss vor der Frage nach seinen wissenschaftlichen Möglichkeiten und Grenzen untersucht werden, welche Rolle seine politische Dimension spielt.
Dabei ist muss zunächst gefragt werden, inwieweit diese politische Dimension überhaupt gegeben ist: Handelte es sich um eine Unterstellung durch ihre Kritiker, wäre diese Dimension virtuell. Ist sie aber immanent, die Totalitarismus-Theorie also von einer politischen Warte aus gedacht, so müsste darauf basierend gefragt werden, wie in der wissenschaftlichen Rezeption damit umzugehen ist.
Die erste Frage beantwortet sich nicht allein durch die Betrachtung des zweifellos politisch geführten „Historikerstreits“, der sich gewissermaßen „in einer Art von intellektuellem Spiegelkabinett“ abspielte und hier nicht im Einzelnen untersucht werden soll: Überspitzt formuliert, zeichnete er sich vor allem durch gegenseitige Verdächtigungen der Akteure aus, die sich letztlich entweder des Antikommunismus oder der Nähe zum totalitären Denken bezichtigten. Im Hinblick auf die Eingangsfrage kann der „Historikerstreit“ für eine nachträgliche Politisierung der Theorie durch ihre Gegner sprechen, nicht aber unbedingt für eine a priori vorgenommene normative Setzung. Es ist daher angebracht, die Lösung bei den Urhebern des Modells zu finden.
Zusammenfassung der Kapitel
Die Totalitarismus-Theorie in der Kritik: Dieses Kapitel hinterfragt die politische Dimension und methodische Eignung des Totalitarismus-Modells, wobei insbesondere Probleme wie Statik und Strukturlosigkeit diskutiert werden.
Gesichtspunkte des Vergleichs: Hier werden die ideologischen Grundlagen sowie die konkrete Herrschaftspraxis von Nationalsozialismus und Stalinismus gegenübergestellt, um Gemeinsamkeiten und strukturelle Unterschiede herauszuarbeiten.
Begrenztheit des Modells – Legitimität des Begriffs (Schlussbetrachtung): In diesem Kapitel werden die Ergebnisse zusammengeführt und die Tauglichkeit des Totalitarismus-Begriffs als dynamisches Analyseinstrument abschließend bewertet.
Schlüsselwörter
Totalitarismus, Nationalsozialismus, Stalinismus, Friedrich-Brzezinski-Modell, Herrschaftssysteme, politische Ideologie, Strukturlosigkeit, Krisenregime, Marxismus-Leninismus, politische Gewalt, Diktatur, Idealtypus, politische Debatte, Systemvergleich
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Eignung des klassischen Totalitarismus-Modells von Friedrich und Brzezinski für den wissenschaftlichen Vergleich von NS-Deutschland und der stalinistischen Sowjetunion.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die methodische Kritik an totalitären Idealtypen, die Analyse der ideologischen Grundlagen beider Systeme sowie die Untersuchung ihrer spezifischen Herrschaftsstrukturen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, den Erkenntniswert der Totalitarismus-Theorie unter Berücksichtigung ihrer methodischen Schwächen zu prüfen und einen dynamischen Vergleichsansatz zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine theoriegeleitete vergleichende Analyse, die sowohl die ideologische Dimension als auch die strukturell-funktionale Praxis der Diktaturen untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der methodologischen Kritik am Modell (z.B. Statik, Idealtypus) und der kontrastierenden Analyse von Ideologie und Herrschaftssystemen beider Regime.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Totalitarismus, Strukturlosigkeit, Dynamik, Herrschaftssystem, Ideologie und Diktaturvergleich.
Inwiefern ist das Totalitarismus-Modell nach Ansicht des Autors zu statisch?
Der Autor argumentiert, dass das Modell geschichtliche Entwicklungsphasen und Wandlungen von Herrschaftsstrukturen vernachlässigt, indem es Systeme als unveränderliche, homogene Gebilde unter einen festen Begriff subsumiert.
Welche Rolle spielt die Person des Führers in beiden Systemen?
Der Personenkult fungiert in beiden Fällen als klammerndes Element, das zur Destabilisierung bürokratischer Strukturen beiträgt und eine Eigendynamik innerhalb der Regime erzeugt.
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- Marcel Lewandowsky (Author), 2005, Möglichkeiten und Grenzen des Totalitarismus-Modells für den Vergleich von Nationalsozialismus und Stalinismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72452