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Die Theodizeeproblematik in 'Die Pest' von Albert Camus

Title: Die Theodizeeproblematik in 'Die Pest' von Albert Camus

Term Paper (Advanced seminar) , 2007 , 28 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: Stephanie Geissler (Author)

French Studies - Literature
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Summary Excerpt Details

Es gibt viele Argumente gegen die mögliche Existenz eines Gottes – das wohl überzeugendste jedoch ist die so genannte Theodizee-Frage, die im Alltag meist in der Formulierung „Wie kann Gott das zulassen?“ zum Ausdruck kommt.
Bereits der Bibel ist das Dilemma nicht unbekannt: im alten Testament setzen sich sowohl das Buch Hiob, als auch die Klagepsalme ausführlich mit der Thematik der Theodizee auseinander, und bieten eine für viele Philosophen inakzeptable Lösung.
Der französische Philosoph D´Holbach konkretisiert die Problematik in seinem „Gebet eines Atheisten, wenn er sich Gott gegenüber gestellt sähe“ folgendermaßen: „Konnte ich deiner Gerechtigkeit huldigen, da ich das Verbrechen so oft siegen sah und die Tugend in Tränen?"

Für Georg Büchner verkörpert die Frage nach der Rolle Gottes bezüglich Leid und Schmerz in der Welt gar den „Fels des Atheismus“: "Schafft das Unvollkommene weg, dann allein könnt Ihr Gott demonstrieren ... Man kann das Böse leugnen, aber nicht den Schmerz ... Warum leide ich? Das ist der Fels des Atheismus. Das leiseste Zucken des Schmerzes, und rege es sich in einem Atom, macht einen Riss in der Schöpfung von oben bis unten."

Für ihn ist jene offensichtliche Diskordanz der Beweis für die Nicht-Existenz Gottes.
Auch Albert Camus hat sich in einigen seiner Werke mit dem Dilemma der Existenz von Leid und Schmerz auseinander gesetzt. In seinem Roman „Die Pest“ prallen Rationalität und Pragmatismus auf Glaube und Fatalismus, der „Glaube an die Absurdität des Daseins [auf den] Glauben an einen durch Gott verbürgten Sinn des Daseins“. Die Befürworter dieser Haltungen – ein Arzt und ein Pfarrer – sind gleichzeitig die Protagonisten, die Geschichte die Nachzeichnung einer Argumentationsschlacht zwischen Wissenschaft und Kirche und der mögliche Ausgang einer solchen.

Im Folgenden soll - nach einer theoretischen Erläuterung von philosophisch-historischen Theodizee-Deutungsansätzen – zunächst der Gesinnungswandel des Pfarrers Paneloux durch eine genaue Analyse der beiden Predigten zu Anfang und gegen Ende des Romans dargestellt werden. Die Parallele zum Buch Hiob wird dabei offensichtlich.
In einem Zwischenteil soll erklärt werden, welche Faktoren zu diesem profunden, und dennoch nicht vollkommenen Meinungsumschwung führen.
Im dritten Teil der Analyse soll die rivalisierende Haltung des Arztes Rieux untersucht, und die Unterschiede seiner Alternative herausgearbeitet werden.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

A. Theoretischer Teil

1. Ein nicht-wissenschaftlicher Ansatz: die „Theorie“ der Bibel

2. Epikur und Plotin

2.1 Die Problematik in der Formulierung des Epikur (341-270 v.Chr.)

2.2 Plotin (270 v.Chr.)

3. Augustinus

4. Leibniz

B. Analyse

1. Theodizee in „La peste“: Eine Einleitung

2. Le Père Paneloux – Verfechter der augustinischen „doktrinalen Theodizee“

3. Die erste Predigt

4. Der Wendepunkt in den Überzeugungen des Père Paneloux

5. Die zweite Predigt

6. Die Alternative zu Quietismus und Fatalismus: Rieux und sein Aktionismus

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die Arbeit untersucht die Theodizee-Problematik anhand von Albert Camus' Roman „Die Pest“ und analysiert den philosophischen Konflikt zwischen christlicher Deutung des Leidens und humanistischem Aktionismus. Dabei wird die Wandlung der zentralen Figur, Pater Paneloux, gegenüber der ärztlich-pragmatischen Haltung von Dr. Rieux in den Kontext der klassischen Theodizee-Debatte gestellt.

  • Philosophisch-historische Grundlegung der Theodizee (Epikur, Augustinus, Leibniz).
  • Analyse des christlichen Leidensverständnisses anhand der beiden Predigten von Pater Paneloux.
  • Gegenüberstellung von religiösem Fatalismus und säkularem Aktionismus.
  • Untersuchung der Rolle des Leidens Unschuldiger als Auslöser für den ethischen Wandel.

Auszug aus dem Buch

4. Der Wendepunkt in den Überzeugungen des Père Paneloux

Im Zentrum des Romans und der zweiten Predigt des Père Paneloux unmittelbar vorangehend steht die Agonie eines Kindes, das, ein tragisch-unschuldiges Opfer der Pest, allen Anwesenden die offensichtliche Ungerechtigkeit des Leidens bewusst macht. Kann man bisher sozusagen von einer „abstrakten“ und „pauschalen“ Empörung gegen das Unglück sprechen, so erscheint den Anwesenden hier zum ersten Mal das „malum“ in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit und erniedrigenden Absurdität.

„La douleur infligée à des innocents n´avait jamais cessé de leur paraître c´est qu´elle était en vérité, c´est-à-dire un scandale. Mais jusque-là ils se scandalisaient abstraitement, en quelque sorte, parce qu´ils n´avaient jamais regardé en face, si longuement, l´agonie d´un innocent.» [234]

Der Pater Paneloux steht zunächst an die Wand gelehnt, „une expression douloureuse se lisait sur son visage, et la fatigue de tous ces jours où il avait payé de sa personne avait tracé des rides sur son front congestionné. » [233] Er scheint gequält, und im Laufe dieser Episode vom Tod des Kindes machen sich bei ihm Zweifel ob seiner eigenen Haltung, die in der ersten Predigt verlautbar wurde, breit. Als Rieux bemerkt, das Kind halte es schon länger aus als die anderen, erwidert Paneloux nur ton- und hoffnungslos:

„S´il doit mourir, il aurait souffert plus longtemps.“ [235]

Gänzlich im Widerspruch zu seiner Einstellung, Gott bestrafe nur Sünder, sinkt er irgendwann auf die Knie und ruft erstickt gen Himmel: „Mon Dieu, sauvez cet enfant!“ [236] Diese Aussage, einem „Aufgeben“ gleichkommend, kann als der Wendepunkt in den Überzeugungen des Priesters bezeichnet werden.

Zusammenfassung der Kapitel

Einleitung: Hinführung zum Theodizee-Problem und Erläuterung der Bedeutung der Pest-Metaphorik für die Forschungsfrage.

A. Theoretischer Teil: Abriss klassischer Erklärungsansätze für das Übel in der Welt, unter anderem durch Epikur, Augustinus und Leibniz.

1. Ein nicht-wissenschaftlicher Ansatz: die „Theorie“ der Bibel: Untersuchung der Theodizee-Frage im Buch Hiob als biblische Vorlage für den Umgang mit unverschuldetem Leid.

2. Epikur und Plotin: Vorstellung antiker philosophischer Perspektiven auf das Böse und die Frage nach der göttlichen Macht.

2.1 Die Problematik in der Formulierung des Epikur (341-270 v.Chr.): Analyse des klassischen Logik-Arguments gegen die Allmacht und Güte Gottes.

2.2 Plotin (270 v.Chr.): Darstellung des Bösen als Mangel (privatio boni) und Teil der kosmischen Harmonie.

3. Augustinus: Interpretation des Bösen als Abwesenheit des Guten und die Bedeutung der menschlichen Willensfreiheit.

4. Leibniz: Erörterung der „besten aller Welten“ und die Kategorisierung des Übels in metaphysisch, physisch und moralisch.

B. Analyse: Übergang zur literarischen Fallstudie von Camus' Roman „Die Pest“.

1. Theodizee in „La peste“: Eine Einleitung: Verortung des Romans im Kontext der Revolte gegen Fatalismus und Quietismus.

2. Le Père Paneloux – Verfechter der augustinischen „doktrinalen Theodizee“: Porträt des Priesters als Wissenschaftler und Geistlicher, der Augustins Lehren vertritt.

3. Die erste Predigt: Analyse der ersten Predigt, in der die Pest als gerechte Strafe Gottes gedeutet wird.

4. Der Wendepunkt in den Überzeugungen des Père Paneloux: Darstellung des moralischen Sinneswandels des Priesters angesichts des Kindstodes.

5. Die zweite Predigt: Untersuchung der gewandelten Rhetorik und der Hinwendung zum Mysterium in Paneloux' zweiter Predigt.

6. Die Alternative zu Quietismus und Fatalismus: Rieux und sein Aktionismus: Darstellung von Dr. Rieux' Engagement als humanistische, säkulare Antwort auf das Leiden.

Schlüsselwörter

Theodizee, Albert Camus, Die Pest, Leid, Schuld, Augustinus, Leibniz, Pater Paneloux, Dr. Rieux, Aktionismus, Fatalismus, Mysterium, Willensfreiheit, Religion, Humanismus.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht die philosophische Fragestellung nach der Vereinbarkeit von Leid und einer göttlichen Weltordnung, auch Theodizee-Frage genannt, im Spiegel von Albert Camus' Roman „Die Pest“.

Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Die zentralen Themen sind der Vergleich zwischen christlich-dogmatischer Leidensdeutung und der säkular-humanistischen Revolte des Arztes Rieux gegen das Leid.

Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?

Das Ziel ist es, den ideologischen Wandel des Priesters Paneloux sowie die humanistische Gegenhaltung von Dr. Rieux aufzuzeigen, um Camus' Antwort auf das „malum“ (das Übel) zu destillieren.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse mit philosophischem Schwerpunkt durchgeführt, die Primärtexte mit theoretischen Schriften zur Theodizee verknüpft.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Abriss klassischer Theodizee-Modelle und eine detaillierte Analyse der Romanfiguren Paneloux und Rieux sowie ihrer jeweiligen Predigten und Handlungsweisen.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Begriffe wie Theodizee, Aktionismus, Fatalismus, Absurdität und Solidarität sind entscheidend für das Verständnis der Argumentation des Autors.

Warum spielt der Tod des Kindes im Roman eine so entscheidende Rolle?

Der Tod des Kindes markiert den „Moment der Wahrheit“, der die abstrakte moralische Theorie des Pater Paneloux zusammenbrechen lässt und ihn zur Neubewertung seiner religiösen Überzeugungen zwingt.

Inwiefern unterscheiden sich die beiden Predigten von Pater Paneloux?

Die erste Predigt ist von dogmatischer Strenge und selektiver Bestrafung geprägt, während die zweite Predigt einen solidarischen Ton annimmt und das Leid als nicht vollkommen erklärbares Mysterium akzeptiert.

Wie definiert Rieux seine Alternative zum christlichen Fatalismus?

Rieux' Alternative ist der „Aktionismus“: Anstatt das Leid als gottgewollt hinzunehmen, kämpft er als Arzt gegen die Seuche, motiviert durch Solidarität mit dem leidenden Menschen im Hier und Jetzt.

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Details

Title
Die Theodizeeproblematik in 'Die Pest' von Albert Camus
College
University of Heidelberg  (Romanisches Seminar)
Course
Romane des 20. Jahrhunderts
Grade
1,3
Author
Stephanie Geissler (Author)
Publication Year
2007
Pages
28
Catalog Number
V72461
ISBN (eBook)
9783638635608
ISBN (Book)
9783638712002
Language
German
Tags
Theodizeeproblematik Pest Albert Camus Romane Jahrhunderts
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Stephanie Geissler (Author), 2007, Die Theodizeeproblematik in 'Die Pest' von Albert Camus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72461
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