Die Menschen gehen heutzutage mit Bildern ganz anders um, als noch vor 100 Jahren. Schlagwörter wie Reizüberflutung oder Reizübersättigung deuten auf eine eigentliche Überforderung des urbanen Menschen angesichts des inszenierten Spektakels hin. In Anbetracht der Tatsache, dass oftmals selbst grausamste Darstellungen – etwa in der Kriegsberichterstattung – bei vielen Rezipienten kaum mehr Emotionen auslösen, ist sogar davon die Rede, dass die Menschen ihre eigentliche Sehfähigkeit verloren haben.
Es stellt sich also die Frage, wie die Museen mit dieser Herausforderung umgehen. In dieser Arbeit wird die These vertreten, dass die modernen Strategien der Bildpräsentation, deren sich Museen bedienen, als eine Reaktion auf das Phänomen der Bilderflut verstanden werden können. Die aufzuzeigende Tendenz von traditionellen Strategien der Bildvermittlung hin zu einer mehr auf eine direkte Bilderfahrung abzielende Strategie der Werkpräsentation wird dabei als ein Indiz für diese These angesehen. Die Arbeit beginnt deshalb mit einem Blick in die Vergangenheit: Im ersten Kapitel wird die historische Entwicklung der musealen Bildpräsentation skizziert. Bevor im dritten Kapitel dann das Werkerlebnis als aktuellste Form musealer Inszenierung näher vorgestellt wird, soll zuvor die Ausführungen eines Künstlers vorgestellt werden, der sich intensiv mit der Frage der Kunstwahrnehmung und ihrer räumlichen Umgebung auseinander gesetzt hat. Dieser Abschnitt über Rémy Zaugg und sein erträumtes Museum bildet die Überleitung zum Werkerlebnis. Anschliessend wird der Aspekt der Selbstdefinition der Museen ins Spiel gebracht. Hier wird es um ihre Verordnung auf der Achse zwischen den beiden Polen Bildung und Unterhaltung gehen. Im letzten Kapitel werden die verschiedenen Fäden dann wieder zusammengebracht. Anhand eines konkreten Beispiels wird aufgezeigt, wie eine umfassende Strategie im Umgang mit den Herausforderungen des Phänomens der Bilderflut aussehen kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Im historischen Rückblick
2.1 Hängung nach Schulen
2.2 Hängung nach Bewegungen
2.3 Die weisse Zelle
3. Rémy Zaugg und der ideale Kunstraum
3.1 Zauggs Ort des Werkes und Menschen
4. Das Werkerlebnis
5. Museen zwischen Bildung und Unterhaltung
6. Ein Beispiel: Die Tate Modern
6.1 Die Ausstellungssituation in der Tate Modern
6.2 Das Museum, das Zaugg sich erträumte?
7. Schlusswort
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht, wie moderne museale Ausstellungsstrategien als Reaktion auf die zunehmende Bilderflut in der Gesellschaft verstanden werden können, wobei der Fokus auf dem Wandel von didaktischer Bildvermittlung hin zu einem direkten Werkerlebnis liegt.
- Historische Entwicklung musealer Präsentationsformen
- Die Konzeption des White Cube und Rémy Zauggs Idealvorstellung
- Der Übergang von didaktischer Vermittlung zum kontemplativen Werkerlebnis
- Spannungsfeld zwischen Bildungsauftrag und Unterhaltungsanspruch
- Analyse der Tate Modern als modernes Fallbeispiel
Auszug aus dem Buch
3.1 Zauggs Ort des Werkes und Menschen
Der Ort des Menschen und des Werkes muss laut Zaugg ein öffentlicher Ort sein, weil das Werk nicht für ein besonderes Individuum geschaffen worden sei. Das Werk solle sich jedem der es will, wahrnehmungsmässig erschliessen können. Gleichzeitig erfordere der Ort aber eine abgeschlossene Architektur, denn die kontemplative Auseinandersetzung zwischen Werk und Mensch gebietet Ruhe und Geborgenheit. Die Begegnung des Besuchers mit dem Werk setzt laut Zaugg ein stilles, ruhiges und begrenztes Umfeld voraus.
Anschliessend beschreibt er die materiellen und formalen Details der Raumarchitektur. Die Wände etwa – Zaugg spricht von Mauern – müssten undurchsichtig und vertikal sein. Alles andere wäre gleichbedeutend mit Unschlüssigkeit und würde beim wahrnehmenden Subjekt Ungewissheit hervorrufen. Die Mauer müsse ausserdem glaubwürdig sein, das heisst, dass sie aufgrund ihrer Platzierung und Beschaffenheit keinen Zweifel darüber lassen dürfe, dass sie fest und dauerhaft sei. Eine willkürliche hinzugefügte Wand würde das Werk mit ihrer Zufälligkeit und Unentschiedenheit beflecken: „Jeder künstliche Zug der Wand, welcher Art auch immer, würde sich unweigerlich auf das Werk übertragen, das dadurch zum Träger einer zusätzlichen Künstlichkeit würde.“ Auch in der Farbgebung hat Zaugg eindeutige Vorstellungen: Die Wände haben in einem matten Weiss gestrichen zu sein, das aber leicht abgeschattet sein sollte, damit es nicht blendet und die Sichtbarkeit von Bilddetails beeinträchtigt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Herausforderung der Museen angesichts der modernen Bilderflut und formuliert die These, dass aktuelle Ausstellungsstrategien eine Reaktion darauf darstellen.
2. Im historischen Rückblick: Es wird die Entwicklung von der dichten Hängung über die Ordnung nach Schulen und Bewegungen bis hin zur Etablierung des White Cube skizziert.
3. Rémy Zaugg und der ideale Kunstraum: Anhand von Zauggs Vortrag werden dessen Vorstellungen eines idealen, rein funktionalen Kunstraums zur ungestörten Begegnung mit dem Werk analysiert.
4. Das Werkerlebnis: Das Kapitel definiert den Begriff Werkerlebnis als eine Form der Präsentation, bei der die reine Kontemplation an die Stelle didaktischer Vermittlung tritt.
5. Museen zwischen Bildung und Unterhaltung: Es wird der zunehmende Druck auf Museen untersucht, neben ihrem Bildungsauftrag auch Unterhaltungsaspekte zu integrieren, um für das moderne Publikum attraktiv zu bleiben.
6. Ein Beispiel: Die Tate Modern: Die Tate Modern dient als Fallbeispiel, um die praktische Umsetzung moderner Präsentationsstrategien und den Umgang mit dem Erbe des White Cube zu verdeutlichen.
7. Schlusswort: Das Fazit fasst zusammen, dass sich Museen permanent in einem Spannungsfeld zwischen traditionellem Bildungsauftrag, gesellschaftlichem Erlebnisdruck und der Herausforderung der Bilderflut neu definieren müssen.
Schlüsselwörter
Bilderflut, Kunstmuseum, Ausstellungsstrategien, Werkerlebnis, Kontemplation, White Cube, Rémy Zaugg, Bildvermittlung, Tate Modern, Museumsarchitektur, Kunstwahrnehmung, Bildungsauftrag, Unterhaltung, Besucherorientierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert, wie moderne Kunstmuseen ihre Ausstellungsstrategien verändern, um auf das Phänomen der gesellschaftlichen Bilderflut und die veränderten Bedürfnisse der Museumsbesucher zu reagieren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen die historische Entwicklung musealer Hängungsprinzipien, die Theorie des White Cube, die Bedeutung des Werkerlebnisses sowie die aktuelle Positionierung von Museen zwischen Bildung und Unterhaltung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass der Trend von traditioneller didaktischer Bildvermittlung hin zu einer Strategie der direkten Werkpräsentation eine bewusste Reaktion auf die moderne Reizüberflutung darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin oder der Autor stützt sich auf eine kunsthistorische Analyse, den Vergleich von Ausstellungskonzepten sowie die theoretische Aufarbeitung von Schriften zur Museumsarchitektur und -philosophie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen historischen Rückblick, eine detaillierte Auseinandersetzung mit Rémy Zauggs Idealvorstellungen eines Kunstraums, die Definition des Werkerlebnisses und eine Fallstudie zur Tate Modern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Bilderflut, Werkerlebnis, White Cube, Kontemplation, museale Ausstellungsstrategien und der Wandel des musealen Selbstverständnisses.
Welche Rolle spielt der sogenannte "White Cube" für die Argumentation?
Der White Cube dient als Ausgangspunkt der Kritik an der neutralen, aber eigentlich hochgradig kontrollierten und isolierenden Umgebung, die Zaugg und andere Künstler für die ungestörte Kontemplation fordern.
Warum wird die Tate Modern als Fallbeispiel gewählt?
Die Tate Modern zeigt exemplarisch, wie ein modernes Museum architektonische Konzepte des White Cube mit neuen, thematischen Hängungsstrategien verbindet, um dem Wunsch der Besucher nach individueller Entdeckung entgegenzukommen.
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- Mike Bucher (Author), 2007, Museale Ausstellungsstrategien in Zeiten der Bilderflut - Werkerlebnis und Kontemplation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72491