Der Klassenbegriff bei Marx und Weber - Ein beurteilender Vergleich


Hausarbeit, 2006
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Klassenbegriff bei Marx
2.1. Herleitung aus dem Historischen Materialismus
2.2. Von der Klassenlage zum Klassenkampf
2.3. Zusammenfassung

3. Die Gegenüberstellung zu Webers Klassenbegriff
3.1. Besitz-, Erwerbs- und soziale Klassen
3.2. Klasseninteresse, Klassenhandeln, Klassenkampf
3.3. Zusammenfassung

4. Die Bewertung anderer Autoren

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Einer der zentralen Untersuchungsgegenstände der Soziologie ist das gesellschaftliche Phänomen der sozialen Ungleichheit, mit dem sie sich bereits seit ihren Anfängen beschäftigt. Das zeigt sich unter anderem an den vielen verschiedenen Kategorien und Konzepten, die im Laufe der Zeit zur Beschreibung und Erklärung von sozialer Ungleichheit entwickelt worden sind. Der gesellschaftliche Wandel erforderte dabei eine ständige Überprüfung und Aktualisierung der alten Modelle beziehungsweise Neuentwicklungen. So kann man zum Beispiel die Begriffe der Kaste oder des Standes zwar bei der Auseinandersetzung mit vorindustriellen Gesellschaften benutzen, zur Erforschung von sozialer Ungleichheit in fortgeschrittenen Dienstleistungsgesellschaften sind sie jedoch weniger tauglich.[1]

Die Möglichkeit moderne Gesellschaftsstrukturen zu beschreiben, wird heute am ehesten dem Konzept der sozialen Milieus zugetraut, auch weil Modelle wie Klasse oder Schicht „an Erklärungs- und Prognosekraft eingebüßt haben.“[2] Trotzdem bleibt vor allem der Klassenbegriff eine grundlegende Kategorie der Ungleichheitsforschung, was auch an den wiederkehrenden Versuchen, ihn als analytisches Instrument neu zu beleben, deutlich wird.[3] Die aktuell gängigen Kategorien seien außerdem insbesondere von der Klasse abgeleitet. So hätten „die gegenwärtig wohl aufschlussreichsten Konzepte der Ungleichheitstheorie (...) ihren Ahnherrn erneut in Max Weber“[4] und seinem Begriff der sozialen Klasse gefunden, anstatt in Karl Marx, der gewöhnlicher weise zuerst mit dem Klassenbegriff in Verbindung gebracht wird. Es gibt jedoch auch Autoren, welche die Meinung vertreten, dass Weber (1864-1920) die Klassentheorie Marxens (1818-1883) ein halbes Jahrhundert später weitestgehend übernommen und nur leicht modifiziert hätte.[5] Dies würde die Behauptung, speziell Weber sei der Ahnherr der heutigen Ungleichheitskonzeptionen, klar in Frage stellen.

Nun gibt es in der Soziologie durchaus unterschiedliche Klassenbegriffe,[6] doch die Definitionen von Marx und Weber finden eigentlich bei jedem Einführungswerk über Klassen oder soziale Ungleichheit ihre Berücksichtigung. Schließlich gilt Marx als derjenige, der den Klassenbegriff am konsequentesten entwickelt und im Kontext seines historischen Materialismus populär gemacht hat, während Weber gemeinhin als Begründer der deutschen Soziologie gesehen wird. Ist es möglich, dass sich die Klassenbegriffe der beiden doch so ähnlich sind wie oben behauptet und die Differenzen generell nur überbewertet werden?

Die vorliegende Hausarbeit soll untersuchen inwieweit Weber mit seinem Entwurf tatsächlich auf Marxens Klassenbegriff aufbaut. Hat Weber ihn eventuell weiterentwickelt oder einfach nur kopiert? Handelt es sich bei Weber in diesem Zusammenhang gar um den „bürgerlichen Marx“?[7] Um Antworten auf diese Fragen zu finden, ist es notwendig, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Klassenbegriffen der beiden Autoren aufzuzeigen. Dies soll in einem Vergleich geschehen, wobei zuerst die Klasse bei Marx dargestellt wird, um dieser danach Webers Definition gegenüberzustellen. Ob oder in welchem Maße die Klassenkonzepte von Marx und Weber heute noch angemessen sind, soll jedoch nicht Teil der Betrachtung sein.

Die wissenschaftliche Literatur zu Marx und Weber ist kaum überschaubar. Es existieren einige Vergleiche ihrer Ideen und Standpunkte, so zur Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie[8] oder umfassend zur jeweiligen Sicht von Gesellschaft, Wirtschaft und Staat.[9] Aber auch ihre Klassenbegriffe wurden bereits mehrere Male miteinander verglichen,[10] wobei die Verfasser allerdings, wie oben angedeutet, nicht immer zum gleichen Ergebnis gekommen sind. Bei der Analyse könnte es hilfreich sein, ein paar dieser Autoren mit ihrer Bewertung zu Wort kommen zulassen, um vielleicht zu ergründen, warum sie zu unterschiedlichen Urteilen kamen.

2. Der Klassenbegriff bei Marx

2.1. Herleitung aus dem Historischen Materialismus

Zunächst muss angemerkt werden, dass Karl Marx seinen Klassenbegriff niemals explizit an einer bestimmten Stelle in seinen Schriften ausformuliert hat. Dies schien er zwar im letzten Kapitel des 3. Bandes des „Kapitals“ vorzuhaben, es wurde jedoch nicht vollendet.[11] Da der Klassenbegriff Marxens aber in die Idee des historischen Materialismus eingebettet ist, lässt er sich in Verbindung mit dieser trotzdem herleiten. Dazu kann man in allen Werken von Marx Textstellen finden, die meisten Anhaltspunkte liefert jedoch das „Kommunistische Manifest“, welches er zusammen mit Friedrich Engels im Jahr 1848 verfasste.[12]

„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“[13] Mit diesen Worten beginnt das Manifest und benennt damit auch gleich die Grundidee des Historischen Materialismus. So habe es in der Menschheitsgeschichte immer Klassen von Unterdrückern und Unterdrückten gegeben, die sich gegenseitig bekämpften. Diese Kämpfe hätten entweder den „gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen“[14] oder eine revolutionäre Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse zur Folge gehabt, wobei die beherrschten Klassen zu den herrschenden wurden. Marx unterschied dabei insgesamt in vier verschiedene gesellschaftliche Epochen: Ur-, Sklavenhalter-, Feudal- und die zu seiner Zeit kapitalistische Gesellschaft. Die zuletzt genannte, aus der feudalen hervorgegangene, moderne bürgerliche Gesellschaft habe die Klassengegensätze jedoch nicht aufgehoben, sondern nur vereinfacht. Anstatt in viele Klassen spalte sich die Gesellschaft nun „mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.“[15] Die Zugehörigkeit zu einer der beiden Klassen lege dabei der Besitz oder Nicht-Besitz von Produktionsmitteln fest. Dementsprechend verfüge ein Mitglied der Bourgeoisie über Boden, Fabriken und Maschinen, während der Proletarier nur seine Arbeitskraft besitze, die er allerdings an den Kapitalisten verkaufen müsse, um überleben zu können.

Im Vergleich zur Feudalgesellschaft handelt es sich bei dem Ausgebeuteten somit um den „doppelt freien Lohnarbeiter“, der zwar frei von den alten, feudalen Arbeitszwängen, aber auch frei von Produktionsmitteln ist.[16]

Dieses Klassenkonzept wird also hauptsächlich durch ökonomische Gegensätze begründet, mit denen politische und soziale Unterschiede einhergehen. Nach Marx fußt nämlich die politische Macht auf der wirtschaftlichen und „die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisie verwaltet.“[17] Der Ausbeuter wird damit zusätzlich zum Unterdrücker und der Ausgebeutete zum Unterdrückten. Marx konstruierte folglich zwei antagonistische Hauptklassen, zwischen denen scharfe soziale Gegensätze herrschen. Es existieren bei ihm zwar noch Zwischen-, Übergangs- und Nebenklassen, wie „die bisherigen kleinen Mittelstände“[18], welche aus der feudalen Gesellschaftsstruktur fortbestünden, jedoch fielen deren Mitglieder schließlich ins Proletariat hinab. Dieses rekrutiere sich insofern aus allen Bevölkerungsklassen. Die Bourgeoisie hingegen sei für ihr Weiterleben darauf angewiesen, „die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren.“[19] Doch mit dieser fortscheitenden Industrialisierung würden sich die Lebensbedingungen der Proletarier soweit verschlechtern, dass sich die Bourgeoisie als Klasse selbst die Lebensgrundlage entziehe. So führe die die wachsende Entfremdung von der Arbeit und die starke Ausbeutung durch geringere Löhne oder längere Arbeitszeiten zur Verelendung der Arbeiter, in deren Folge sich das Proletariat gegen die Bourgeoisie erheben werde. Damit folge die kapitalistische Gesellschaft ihren Vorgängergesellschaften, weil auch in ihr ein Widerspruch zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen entstehe, der so groß wird, dass es letztendlich zur revolutionären Umgestaltung kommt.

Diesen immergleichen Ablauf des Klassenkampfs begründet Marx mit einer dialektischen Beziehung zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Denn werden die Produktivkräfte durch die Produktionsverhältnisse zunehmend gefesselt, komme es irgendwann zur Umwälzung der ökonomischen Strukturen, von Marx auch als die gesellschaftliche Basis bezeichnet, woraufhin neue Produktionsverhältnisse entstünden.

Der materialistische Umsturz in der Basis bewirke außerdem die Sprengung des ideologischen Überbaus, der die herrschenden Ideen der herrschenden Klasse beinhalte.[20] Doch anstatt dass die Arbeiter nach der Revolution zur neuen Ausbeuterklasse mit einem eigenen Überbau werden, überwänden sie das gesellschaftliche Schicksal des Klassenkampfs, in dem sie „an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft eine Assoziation setzen, welche die Klassen und ihren Gegensatz ausschließt“[21] und demnach zur klassenlosen Gesellschaft führe. Mit diesem Übergang von der kapitalistischen zur klassenlosen Gesellschaftsformation könne dann auch „die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft“[22] abgeschlossen werden.

Insgesamt konstruiert Marx mit dem historischen Materialismus also ein ökonomisch begründetes Geschichtsgesetz, als dessen Fundament das antagonistische Klassenmodell dient. Aus der oben dargestellten Herleitung ergeben sich nun für die Klassen bei Marx neben der ökonomischen Determiniertheit noch weitere Eigenschaften, insbesondere zur Formierung der Arbeiterklasse, die im Folgenden erläutert werden sollen.

[...]


[1] Vgl. zum ersten Absatz Thieme, Frank, Kaste, Stand, Klasse, in: Korte, Hermann/ Schäfers, Bernhard (Hrsg.), Einführung in Hauptbegriffe der Soziologie, 5., erw. u. aktual. Aufl., Opladen 2000, S. 172-181.

[2] Christoph, Klaus, Soziale Milieus, in: Drechsler, Hanno u.a. (Hrsg.), Gesellschaft und Staat. Lexikon der Politik, 10., neubearb. u. erw. Aufl., München 2003, S. 887.

[3] Vgl. exemplarisch dafür die Beiträge in: Bader, Veit u.a. (Hrsg.), Die Wiederentdeckung der Klassen, Berlin/ Hamburg 1998.

[4] Neckel, Sighard, Kampf um Zugehörigkeit. Die Macht der Klassifikation in den inoffiziellen Sphären der Lebenswelt – ein oft übersehener Ungleichheitsfaktor, in: Frankfurter Rundschau vom 15.7.2003, S. 11.

[5] Vgl. Schöllgen, Gregor, Max Weber, München 1998, S. 88-98.

[6] Vgl. Benschop, Albert/ Krätke, Michael/ Bader, Veit, Eine unbequeme Erbschaft. Klassenanalyse als Problem und als wissenschaftliches Arbeitsprogramm, in: Bader 1998 (Anm. 2), S. 5-10.

[7] Kaesler, Dirk, Max Weber. Eine Einführung in Leben, Werk und Wirkung, 3., aktual. Aufl., Frankfurt/ New York 2003, S. 256.

[8] Vgl. Kocka, Jürgen, Sozialgeschichte. Begriffe, Probleme, Entwicklung, 2., erw. Aufl., Göttingen 1986, S. 9-40.

[9] Vgl. Bader, Veit u.a., Einführung in die Gesellschaftstheorie. Gesellschaft, Wirtschaft und Staat bei Marx und Weber, 4. Aufl., Frankfurt/ New York 1987.

[10] Vgl. die Verweise bei Schöllgen 1998 (Anm. 5), S. 88f. und Hradil, Stefan, Sozialstrukturanalyse in einer fortgeschrittenen Gesellschaft. Von Klassen und Schichten zu Lagen und Milieus, Opladen 1987, S. 183f.

[11] Vgl. Dahrendorf, Ralf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, Stuttgart 1957, S. 6.

[12] Vgl. zu den folgenden Ausführungen Marx, Karl/ Engels, Friedrich, Manifest der Kommunistischen Partei, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 4, Berlin 1959, S. 461-493.

[13] Ebd., S. 462.

[14] Ebd.

[15] Ebd., S. 463.

[16] Vgl. Marx, Karl, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 1, in: MEW, Bd. 23, Berlin 1962, S. 183.

[17] Marx/ Engels 1959 (Anm. 12), S. 464.

[18] Ebd., S. 469.

[19] Ebd., S. 465.

[20] Vgl. Marx, Karl, Zur Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW, Bd. 13, 2. durchges. Aufl., Berlin 1964, S. 8f.

[21] Marx, Karl, Das Elend der Philosophie, in: MEW, Bd. 4, Berlin 1959, S. 182.

[22] Marx 1964 (Anm. 20), S. 9.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Klassenbegriff bei Marx und Weber - Ein beurteilender Vergleich
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Einführung in die soziologische Theorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V72497
ISBN (eBook)
9783638635622
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Klassenbegriff, Marx, Weber, Vergleich, Einführung, Theorie, Klasse, Schöllgen
Arbeit zitieren
Benjamin Triebe (Autor), 2006, Der Klassenbegriff bei Marx und Weber - Ein beurteilender Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72497

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