Flucht und Vertreibung in der Poenichen Trilogie von Christine Brückner


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

27 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Klärung des zeitgeschichtlichen Kontextes

3. Definition der Begriffe Flucht und Vertreibung

4. Vorwürfe gegen die Vertreibungsliteratur
4.1. Abgrenzung der Begriffe Vertreibungsliteratur und Vertriebenenliteratur nach L.F. Helbig

5. Christine Brückners Poenichen-Trilogie als Gegenbeispiel
5.1. Zur Autorin
5.2. Abriss der Romanhandlung:
5.3. NS-Ideologie in den Romanen
Viktor Quint
Maximiliane
Joachim von Quindt
5.4. Die Darstellung der Flucht

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Odyssee einer Frau in unserem Jahrhundert. […] Eine Frau in Krieg und Frieden: Sie sollte aus dem Osten stammen, aus ihrer Heimat vertrieben werden und fortan eine Heimatlose und Ruhelose sein.“[1] So beschreibt Christine Brückner ihr Konzept für die drei Poenichen Romane. Entstanden zwischen 1975 und 1985 ist die Verarbeitung des Themas Flucht und Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten ein ganz typisches für diese Zeit. Christine Brückner ist zu diesem Zeitpunkt jedoch die erste Autorin, die sich mit dieser Thematik befasst, ohne selbst eine Vertriebene zu sein. Die Hessin ist nach eigener Aussage lediglich eine erschriebene Pommerin. Vielleicht ist es gerade diese Tatsache, die es ihr ermöglicht sehr sachlich und wertneutral an das Thema heranzugehen. Ihr Ziel ist es nicht eine Vergeltung oder Hassgefühle zu propagieren. Die Aufgabe dieser Arbeit wird es sein, genau das herauszuarbeiten. Zunächst wird auf den zeitgeschichtlichen Kontext näher eingegangen werden, welcher für das Verständnis des Romangeschehens unerlässlich ist. In dem darauf folgendem Kapitel wird auf die Vorwürfe gegen Erzählungen der Vertreibungsliteratur näher einzugehen sein, die dann im Hauptteil auf die Poenichen Trilogie von Christine Brückner bezogen werden sollen. Das Ziel dieser Arbeit soll es sein diese Vorwürfe in Bezug auf die untersuchten Romane mithilfe einer Textanalyse zu entkräften.

2. Klärung des zeitgeschichtlichen Kontextes

Ab dem 12. Jahrhundert wurden die ehemaligen ostdeutschen Gebiete, die ehemals slawisch waren, von Deutschen besiedelt. Die nahe Grenze zu Polen hat die Menschen und ihre Kultur stark beeinflusst. Bis 1939 war die Bevölkerungszusammensetzung in diesen Gebieten sehr vielschichtig. Neben der Mehrheit der deutschen Einwohner lebten dort Polen, Ukrainer, Litauer, Weißrussen und eigenständige Minderheiten wie z.B. Kaschuben oder Masuren.

Das Verhältnis zwischen der polnischen und der deutschen Bevölkerung schwankte seit jeher zwischen einer friedlichen Nachbarschaft und Spannungen und Konflikten, entstanden u.a durch die drei polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert.

Der am 23. August 1939 vereinbarte Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion sah eine Aufteilung Polens unter den beiden Staaten vor, die kurze Zeit später auch durchgeführt wurde. Dem deutschen Reich wurden die Gebiete Danzig, Westpreußen, Posen und Oberschlesien angegliedert. Der Rest Polens zwischen den „eingegliederten Ostgebieten“ und der sowjetischen Einflusssphäre gelegen, wurde zum „Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete“, zu einem „Nebenland“ unter deutscher Aufsicht erklärt. Die ukrainischen und weißrussischen Gebiete Polens fielen an die Sowjetunion. Die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen wurden 1940 Sowjetrepubliken.

Am 22. Juni 1941 fasste Hitler den Entschluss einen Feldzug gegen die Sowjetunion zu beginnen. Der ohnehin schon wenig vertrauenswürdige Pakt zwischen Stalin und Hitler wurde somit außer Kraft gesetzt. Das führte zu einer Veränderung der Bündniskonstellation. Die Sowjetunion wurde Teil der alliierten Großmächte gegen Hitler.

Ostdeutschland und Polen wurden zunehmend zum Verhandlungsgegenstand der alliierten Großmächte vor dem Hintergrund der Pläne zur Neuordnung Europas nach der Niederlage Deutschlands. Auf den Konferenzen von Teheran November/Dezember 1943 und Jalta im Februar 1945 wurde die Westverschiebung Polens als Entschädigung für die Verluste im Osten zwischen den Alliierten vereinbart. Der genaue Grenzverlauf wurde jedoch noch nicht festgelegt.

Nachdem für die ostdeutsche Bevölkerung das Kriegsgeschehen nahezu unüberschaubar geworden war und die Rote Armee näher rückte, flohen schließlich im Januar 1945 Millionen von Menschen in Richtung Westen. Offizielle Anordnungen und der weiter bestehende Glaube an den „Führer“ ließen die Menschen jedoch zunächst solange an ihren Heimatorten verharren, bis es für eine organisierte Evakuierung oftmals zu spät war. Die Flucht sollte dann zunächst über die Ostsee erfolgen. Sie wurde jedoch durch den harten Winter und den entgegenkommenden Volkssturm erschwert. Die Flucht über Land forderte vielerlei Entbehrungen und Opfer, nicht wenige kehrten erfolglos in ihre Heimat zurück. Die meisten der zurückgekehrten arbeitsfähigen Männer und Frauen wurden anschließend in die Sowjetunion verschleppt, wo sie unter teilweise unmenschlichen Bedingungen Arbeitsdienst zu leisten mussten. Mindestens die Hälfte der Zwangsarbeiter überlebte diese Zeit nicht.

Mit dem Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 wurden die territorialen Veränderungen in Deutschland und Osteuropa festgelegt. Deutschland wurde in drei Besatzungszonen unterteilt, wobei die Hauptstadt Berlin einen Sonderstatus erhielt. In der Sowjetischen Besatzungszone gelegen, wurde die Stadt zur einen Hälfte unter amerikanische, zur anderen Hälfte unter sowjetische Befehlsgewalt gestellt. Als deutsch-polnische Grenze wurde die Oder-Neiße-Linie festgelegt, zunächst jedoch nur vorläufig. Vor dem Inkrafttreten des Potsdamer Abkommens flohen ca. 6 Millionen Menschen aus Polen, der Tschechoslowakei, dem sowjetisch besetzten Teil Ostpreußens und vom Balkan in Richtung Westen. Für die nach dem Inkrafttreten des Potsdamer Abkommens noch in den ehemals deutschen Ostgebieten verbliebenen Deutschen bedeutete das in der Zeit von 1945 bis 1949 die Umsiedlung. Etwa 4,7 Millionen Deutsche waren davon betroffen.

Die Eingliederung der deutschen Ostvertriebenen gelang zunächst nur sehr schwer. Sie kamen in ein stark zerstörtes Land, in dem die Einheimischen selbst um ihr Überleben kämpfen mussten. Sie waren meistens wenig willkommen. Etwa zwei Drittel der Vertriebenen gelangten in die westlichen Besatzungszonen, nur ein Drittel in die sowjetische.

Die eigentliche Integration der Vertriebenen in ihrer neuen Heimat verlief im Wesentlichen in drei Phasen, in der vorläufigen Einweisung, der der vorläufigen Einordnung und der der Eingliederung. Diese letzte Phase, einhergehend mit der langsam einsetzenden Sesshaftigkeit, kann jedoch erst mit dem Eintritt der nächsten Generation in Beruf- und Eheleben als abgeschlossen betrachtet werden. Das 1952 vom Bundestag verabschiedete Lastenausgleichsgesetz veränderte die Situation.

Die Lastenausgleichspolitik führte zu einer zunehmend erfolgreichen Integrationspolitik, einhergehend mit einem starken wirtschaftlichen Aufschwung.[2]

Die Beziehung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Polen nach 1945 war angespannt. Vor allem der Einfluss der Vertriebenenverbände auf die Politik trug seinen Teil dazu bei. Erst mit der Neuorientierung in der Ostpolitik durch die Regierung Willy Brandt und der Unterzeichnung der Ostverträge im Oktober 1970 trat nach 25 Jahren eine langsame Verbesserung auf politischer Ebene ein, die sich etappenweise fortsetzte. Die deutsche Vereinigung setzte die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze voraus, zu der die beiden deutschen Staaten in den „Zwei-plus-Vier“-Verhandlungen aufgefordert wurden. Am 21. Juni 1990 erklärten der Bundestag und die Volkskammer der DDR ihren Willen, die Oder-Neiße-Grenze völkerrechtlich anzuerkennen, so dass mit dem Vertrag vom 14. November 1990 und dem Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit vom 17. Juni 1991 die polnische Westgrenze offiziell und endgültig festgeschrieben wurde.

3. Definition der Begriffe Flucht und Vertreibung

In der Endphase des 2. Weltkrieges wurden mehr als zwölf Millionen Deutsche aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße vertrieben oder mussten flüchten. Um in den folgenden Ausführungen keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, soll der Begriff der Vertreibung an dieser Stelle kurz erläutert werden. Unter dem Begriff „Vertreibung“ wird laut Bernd Faulenbach „ein mehrschichtiger, regional unterschiedlicher, mehrere Phasen umfassender Prozess gefasst, zu dem unter anderem im vorherrschenden Verständnis gehören: die Evakuierungen seit Herbst 1944, die allgemeine Flucht im Frühjahr 1945 mit Trecks oder über die See, die teilweise Rückkehr in die Wohngebiete, die Deportationen in die Sowjetunion, die Einrichtung von Internierungslagern und die Ausweisung.“[3] Am Rande erfährt der Leser von den Vertreibungen der Deutschen aus den Gebieten Westpreußens nach dem ersten Weltkrieg.

„Er [Herr Palcke] hatte in der Nähe von Wronke an der Warthe selbst einen Hof von fast 500 Morgen besessen, den er hatte verlassen müssen, als Westpreußen polnisch wurde.“[4] Auch von den Deportationen der Juden in Richtung Osten erfährt der Leser zwischendurch. Von allen genannten Ereignissen wird in den Poenichen Romanen jedoch vor allem die Flucht vor der anrückenden Sowjetarmee im Januar 1945 thematisiert, da von dieser die Hauptpersonen maßgeblich betroffen sind.

4. Vorwürfe gegen die Vertreibungsliteratur

„Die Publikationen dieser Art unterliegen einer Faustregel: Je weiter sie im 20. Jahrhundert voranschreiten, je mehr Informationen ihren Autoren aus eigener Anschauung zur Verfügung stehen, um so weniger erfährt der Leser über politische Entwicklungen und personelle Strukturen. Nichts erhellendes, Greifbares, Konkretes wird mitgeteilt über politische Kämpfe und soziale Konflikte, über Wehrverbände und Gewerkschaften, über Sozialdaten und Wahlergebnisse, über die Einstellung der Bewohner zu Kaiserreich, Republik und Diktatur, über die Presse, die Parteien, über den Geist in Verwaltung und Justiz, über Strömungen in den Kirchen, über die NS-Bewegung und ihre führenden Köpfe – über Fragen also, die mittelbar und unmittelbar mit politischen Entwicklungen, NS-Machtergreifung, Zweitem Weltkrieg und letztlich auch mit der Vertreibung im Zusammenhang stehen. Nichts darf das Wunschbild der „schönen alten Heimat“ trüben.“[5]

Dieser Ausschnitt aus der Arbeit Doris Neujahrs fasst im Grunde genommen sämtliche Vorwürfe zusammen, denen sich die Vertreibungsliteratur bis heute immer wieder stellen muss. Hubert Orlowski betont, dass die deutsche Heimatvertreibungsliteratur als eine literarische Antwort auf die Erfahrung des Kriegsausgangs zu sehen sei.[6] Diese Antwort variiert je nach Erfahrung des Autors oder dessen Umfeld. Dementsprechend unterschiedlich ist auch die Herangehensweise an das Thema.

[...]


[1] Christine Brückner: Hat der Mensch Wurzeln .Autobiographische Texte. Hrsg. Gunther Tietz. Frankfurt am Main. 1988, S. 138

[2] Bernd Faulenbach: Die Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 23.12.2002

[3] Ebenda

[4] Christine Brückner: Jauche und Levkojen, S. 100

[5] Doris Neujahr: Nicht nur verlorene Paradiese. Über die lückenhafte Rekonstruktion von „Heimat“ in der Erinnerungsliteratur der Vertriebenen. http://www.jf-archiv.de/archiv00/350yy35.htm

[6] Hubert Orlowski: Tabuisierte Bereiche im deutsch-polnischen Gedächtnisraum. Zur literarischen Aufarbeitung von Flucht, Zwangsaussiedlung und Vertreibung in der deutschen und polnischen Deprivationsliteratur nach 1945. In: Elke Mehnert (hrsg): Landschaften der Erinnerung. Flucht und Vertreibung aus deutscher, polnischer und tschechischer Sicht. Frankfuhrt a.M., S. 95

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Details

Titel
Flucht und Vertreibung in der Poenichen Trilogie von Christine Brückner
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für neuere deutsche Literatur und Medien)
Veranstaltung
Der 2. Weltkrieg in der deutschen und russischen Literatur
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
27
Katalognummer
V72549
ISBN (eBook)
9783638629607
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Flucht, Vertreibung, Poenichen, Trilogie, Christine, Brückner, Weltkrieg, Literatur
Arbeit zitieren
Anna Damm (Autor), 2005, Flucht und Vertreibung in der Poenichen Trilogie von Christine Brückner, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72549

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