Stalins Machteroberung und der Bruch mit dem Bolschewismus


Hausarbeit, 2004
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Quellenlage

2. Definitionen

3. Ideengeschichtliche und politische Positionen der Bolschewiki
3.1. Das marxistische Insistieren auf den Internationalismus
3.2. Revolutionärer Defätismus und permanente Revolution
3.3. Imperialismusanalyse und die internationalistische Perspektive

4 Die Oktoberrevolution und die bolschewistischen Exponenten
4.1 Lenin
4.2 Trotzki
4.3. Stalin

5 Machteroberung und Etablierung Stalins
5.1 Stalins Ausgangspositionen
5.2 Die Rückständigkeit Russlands , der Kriegskommunismus und die NEP
5.3 Lenins Tod und die Machtkämpfe
5.4 Die stalinistische Restauration
5.5 Zentralisierung und Bürokratisierung
5.6 „Sozialismus in einem Land“ und die Macht des Apparats

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Ich ziehe es vor, dass die Leute nicht aus Überzeugung zu mir halten, sondern aus Furcht; Überzeugungen können sich ändern.

Stalin, in Radek von Stefan Heym

Einleitung

Das Hauptseminar „Stalinismus. Von Lenin zu Stalin“ hat im Sommersemester 2004 versucht „historische Entstehungsbedingungen und Funktionsweisen des Stalinismus[1] herauszuarbeiten. Unter der Anleitung der Dozentin wurden unter anderem die gesellschaftlichen Bedingungen, die politische Lage im Russland des 19. Jahrhunderts, die Entwicklung der russischen Sozialdemokratie, und die Themen Partei, Oktoberrevolution, Kollektivierung und Industrialisierung diskutiert.

Als Schwerpunkt rückte immer wieder die Frage der vermeintlichen Kontinuität zwischen den frühen Bolschewiki und der stalinistischen Herrschaft ins Zentrum der Debatte. In dieser Arbeit möchte ich zunächst die politische Praxis und ideengeschichtliche Einordnung der frühen Bolschewiki beschreiben, um dann auf die Politik der Kommunistischen Partei unter Stalin, bis zur Ausschaltung der „Linken Opposition“ 1929 und dem Beginn der Säuberungen, einzugehen. Dabei wurden sowohl Primärquellen[2], als auch Sekundärtexte renommierter Sozial- und Geschichtswissenschaftler herangezogen[3].

Die auch in der bundesdeutschen Geschichts- und Politikwissenschaft häufig propagierte Kontinuität zwischen der frühbolschewistischen Politik unter Lenin und Trotzki, und der stalinistischen Epoche seit Ende der 1920er ist aus meiner Sicht nicht nur bedenklich, sondern unangemessen und irreführend. Folgerichtig werde ich die Positionen Lenins und Trotzkis der Politik Stalins gegenüberstellen.

Tiefer gehende Dimensionen der russischen Geschichte habe ich weitestgehend unberücksichtigt gelassen. Eine angemessene Betrachtung innerhalb dieser politikwissenschaftlichen Arbeit wäre aus Platzgründen nicht möglich gewesen. So bleibt auch, über ein Mindestmaß hinaus, der Aspekt religiöser und ethischer Traditionen, sowie individual- und sozialpsychologischer Fragen ausgeklammert. Dem damit Verbundenen kann nur eine eigene Arbeit gerecht werden.

1 Quellenlage

Die zum Thema vorliegenden Quellen sind in Umfang und Inhalt insgesamt sehr befriedigend. Das Thema betreffende Sekundärliteratur ist ausreichend vorhanden. Oft sind die als Standardliteratur geltenden Werke aktuell[4].

Wie diese Arbeit zeigen will, haben gerade die Schriften führender marxistischer Theoretiker und bolschewistischer Politiker nachhaltigen Einfluss auf die Kritik an Stalin und der späteren sowjetischen Politik (gehabt). Besonders hilfreich waren daher Rückgriffe auf Texte kommunistischer Klassiker im engeren Sinne, nicht zuletzt Lenin selber.

Als zentrale Grundlagen dieser Arbeit mag Trotzkis erst 1952 erschienenes, unvollendetes Werk „Stalin Eine Biographie“ und Isaac Deutschers „Stalin. Eine politische Biographie“ gelten.[5] Eine ungewöhnliche, aber interessante Ergänzung der benutzten Standardliteratur, war das erst 2002 von Slavoj Zizek erschienene Buch „Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin“.[6] Die in der vorliegenden Hausarbeit getroffenen Aussagen beziehen sich jedoch auch auf im Seminar gemachte Feststellungen und dem Studium diverser Publikationen aktueller politischer Initiativen, sowie einiger Internetbeiträge und Presseerzeugnisse.

2. Definitionen

Der im wissenschaftlichen und populären Diskurs häufig mit unterschiedlichen Intentionen und Bedeutungen gebrauchte Begriff des Bolschewismus soll hier die Politik der (russischen) Kommunisten vor der Etablierung der Stalinschen Macht beschreiben. Vor allem, aber nicht ausschließlich, sind dabei politische Praktiken unter der Führung Lenins, Trotzkis, die frühen Ideen Bucharins, Kamenjews und Radeks gemeint. Der von Stalin popularisierte Begriff des Leninismus ist weitestgehend vermieden worden. So gelten aus Sicht dieser Arbeit jene Prinzipien als bolschewistisch, die von zeitgenössischen Kritikern Stalins den sowjetischen Kommunisten bis in die 1920er zugeschrieben werden.

Als bolschewistisch (oder „leninistisch“) werden demnach Inhalte und Konzepte bezeichnet, die Lenin und dessen Mitstreiter im Rahmen seiner politischen und theoretischen Biographie entwickelten und ideengeschichtlich durchsetzten. So vor allem die Führung der knappen, aber radikalen Mehrheit der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russland (SDAPR) nach der Spaltung 1903, die sich für den Aufbau einer Organisation von Berufsrevolutionären entschieden hatte[7].

Auch ohne auf prinzipiellen Terror im stalinistischen Ausmaß[8] zurückzugreifen, und ohne eine Machterhaltung aus reinem Selbstzweck voranzutreiben, war die bolschewistische Politik durchaus erfolgreich. Das gilt für die Durchsetzung des bolschewistischen Politikanspruchs im parteiinternen Streit der SDAPR, für den zunächst planmäßigen Verlauf der Oktoberrevolution, sowie für den Sieg im Bürger- und Interventionskrieg gegen die konterrevolutionären Truppen.

Im Rahmen seiner Auseinandersetzung mit dem schematischen Determinismus vieler zeitgenössischer marxistischer Theoretiker, beharrte Lenin auf seiner Kritik an einer naturwüchsigen, spontanen, revolutionären Bewusstseinsbildung der Arbeiterklasse[9]. In Anknüpfung an Friedrich Engels` wissenschaftlichen Sozialismus akzentuiert er die zentrale Funktion der revolutionären Theorie und somit der kommunistischen Partei zur Konstituierung des revolutionären Subjekts – der Arbeiterklasse[10]. Die zusammengefasste Erkenntnis – „ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben[11] – beeinflusste zahlreiche politisch aktive Menschen auch in der späteren westlichen Welt.

Stalinismus im Sinne dieser Arbeit meint zunächst die „exzessiv machtorientierte Ordnung der Innen- und Außenbeziehung einer Gesellschaft des erklärten Übergangs zum Sozialismus[12]. In Anlehnung an marxistische Kritiker der stalinisierten Sowjetunion soll besonders auf die politische und soziale Entwicklung der „Verratene [n] Revolution[13] vom Oktober 1917[14] hingewiesen werden, in der mehr oder weniger offen mit den Prinzipien der Bolschewisten gebrochen wurde.

Als zeitlicher Rahmen des Stalinismus möge die Epoche ab 1928/29 in der Sowjetunion, und darüber hinaus ab 1945 in weiten Teilen Osteuropas bis in die 1980er, dienen. Gegenstand der Arbeit ist der Aufstieg Stalins bis zu seiner vollständigen Etablierung, die spätestens 1934 als abgeschlossen betrachtet wird.

Stalinismus bezeichnet hier eher eine von bürokratischen und administrativen Prinzipien bestimmte Politik, als nur die terroristische Alleinherrschaft eines Individuums und seiner Oligarchie. So kann auch die Politik bestimmter (selbsternannter) kommunistischer Parteien in der westlichen Welt durchaus stalinistisch sein.[15] Unabhängig davon, wird in dieser Arbeit der Begriff Bolschewisten auch für die Zeit nach der Gründung der Kommunistischen Partei Russlands (KPR), bzw. der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU)[16] verwendet. Gegebenfalls steht er in konkretem Kontrast zur Bezeichnung Stalinisten.

3. Ideengeschichtliche und politische Positionen der Bolschewiki

3.1. Das marxistische Insistieren auf den Internationalismus

Der später unzählig oft adaptierte Begründer der kommunistischen Idee in der Moderne, Karl Marx, schrieb in seiner „Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“, vom Proletariat als einer Klasse, die „die Auflösung aller Stände ist, einer Sphäre, welche einen universellen Charakter durch ihre universellen Leiden besitzt."[17] Dem schloss sich später die These an, dass die Arbeiterklasse kein Vaterland habe, deren Klassenkampf zwar der Form nach national ist, nicht aber seinem Inhalt nach.

Demnach ist Internationalismus aus marxistischer Sicht eine der strategischen Grundlagen kommunistischer Politik. Bereits der Bund der Kommunisten, für den Karl Marx und Friedrich Engels 1848 das „Manifest der kommunistischen Partei“ verfassten, war eine internationale Organisation geworden. Es verkündete programmatisch: „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“[18]

Deuteten Marx und Engels schon im März 1850 an, dass eine Arbeiterpartei „möglichst organisiert, möglichst einstimmig und möglichst selbständig auftreten muss"[19], so legt das zwar rhetorisch die Basis für spätere diktatorische Politikformen, meint aber selbstständig nicht im Sinne einer Oligarchie, sondern der Gesamtorganisation, einer Assoziation beteiligter Arbeiter. Die aus der Debatte entstehende I. Internationale litt dann auch wie befürchtet unter heftigen Diskussionen und Fraktionskämpfen zwischen Marx und den Anarchisten um Michael Bakunin. Sie begründete so auch die theoretische Akribie der späteren Kommunisten.

Schon die 1889 gegründete II. Internationale erfüllte die internationalistischen Anforderungen in ihren letzten Jahren nur noch sehr bedingt, „was schließlich zum schmählichen Zusammenbruch dieser Internationale führte."[20] Die Zustimmung ihrer nationalen Sektionen, allen voran der größten, der deutschen Sozialdemokratischen Partei (SPD), zu den Kriegszielen ihrer bürgerlichen Regierungen im I. Weltkrieg „schockierte Lenin[21], der im Schweizer Exil die Auslandsorganisation der bolschewistischen russischen Sozialdemokraten leitete.

Immer wieder betonten auch russische Marxisten nach der siegreichen Oktoberrevolution die Notwendigkeit einer bestimmten Weltpolitik und ein Primat des Internationalismus. „Im Zeitalter der `Weltwirtschaft und Weltpolitik`“, so Trotzki, kann keine kommunistische Partei „`ihr Programm lediglich (...) aus den Bedingungen (...) der nationalen Entwicklung heraus`“[22] aufbauen.

3.2. Revolutionärer Defätismus und permanente Revolution

Lenins Auseinandersetzungen über den Bruch der II. Internationale mit marxistischen Prinzipien, besonders dem proletarischen Internationalismus, führte zu einer intensiven Arbeit über das Marxsche Konzept der internationalistisch orientierten Revolution. Seit den Jahren in der sibirischen Verbannung nannte sich der Beamtensohn Wladimir Iljitsch Uljanow, Lenin. Ebenso wie bei Trotzki, ursprünglich Lew Davidowitsch Bronstein, folgte Jahren der Verfolgung das westeuropäische Exil. Besonders in der sibirischen Isolation bildeten sich die politischen Gefangenen durch intensive Studien und Publikationen fort.

Die Zusammenarbeit während der Konferenz im schweizerischen Zimmerwald 1914, bei der sich die linke Opposition der II. Internationale traf, einte später innerhalb der russischen Delegierten bisherige Kontrahenten, so die „Ein-Mann-Splittergruppe“ Leo Trotzki, der „irgendwo in der Mitte zwischen Menschewiki und Bolschewiki angesiedelt war[23], und die Bolschewisten Lenin und Karl Radek.

[...]


[1] HU zu Berlin: Kommentiertes Vorlesungsverzeichnis. Institut für Sozialwissenschaften. Sommersemester 2004, HU Berlin, Berlin 2004, S. 46

[2] Vor allem Lenin, W.I. und Trotzki, Leo

[3] Vor allem Deutscher, Isaac und Wood, Alan

[4] beispielsweise: Wood, Alan. Stalin und der Stalinismus. Decaton Verlag, Mainz 1995

[5] Trotzki, Leo. Stalin. Eine Biographie. Arbeiterpresse Verlag, Essen 2001 und Deutscher, Isaac. Stalin. Dietz Verlag, Berlin 1990

[6] Zizek, Slavoj. Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002

[7] bolsche (russisch) = mehr

[8] „Revolutionären Terror“ (Lenin) praktizierten die Bolschewiki erst nach 1917, und dabei vor allem im Zusammenhang militärischer und pogromartiger Angriffe der weißgardistischen Bürgerkriegsgegner.

[9] Vergleiche hierzu auch: Zizek, Slavoj. Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002

[10] Arbeiterklasse und Proletariat werden in dieser Arbeit synonym verwendet, wobei sich bei näherer Auseinandersetzung mit marxistischen Theoretikern auch Unterschiede ausmachen ließen.

[11] Lenin, W. I. Werke. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU, Band 1-40, Dietz-Verlag, Berlin 1978, Band 5, S. 379

[12] Hofmann, Werner. Stalinismus und Antikommunismus. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/ M. 1967, S. 13

[13] Trotzki, Leo. Verratene Revolution. Arbeiterpresse Verlag, Essen 1999

[14] nach damaligen russisch-georgischen Kalender: Anfang November 1917

[15] Eine stalinistische Politik hat es generell auch vor 1928 gegeben, als Stalinismus im engeren Sinne war sie nur noch nicht etabliert.

[16] Die SDAPR/ Bolschewiki benennt sich auf dem VII. Parteitag im März 1918 in Kommunistische Partei Rußlands um, dann im Dezember 1925, auf dem XIV. Parteitag, folgerichtig in Kommunistische Partei der Sowjetunion.

[17] Marx, Karl und Engels, Friedrich. Werke. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Band 1-43, Dietz-Verlag, Berlin 1956, Band 1, S. 390

[18] ebenda, Band 4, S. 493

[19] ebenda, Band 7, S. 244

[20] Lenin, W. I. Werke. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU, Band 1-40, Dietz-Verlag, Berlin 1967, Band 29, S. 294

[21] Zizek, Slavoj. Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002, S. 8 Lenin hielt gar Pressemitteilungen über die SPD-Zustimmung zu den Kriegskrediten für Fälschungen.

[22] Abosch, Heinz. Trotzki zur Einführung. Junius Verlag, Hamburg 1990, S. 111

[23] Deutscher, Isaac zitiert nach Abosch, Heinz. Trotzki zur Einführung. Junius Verlag, Hamburg 1990, S. 61 mensche (russ.) = weniger, bezogen auf die Minderheitsfraktion der russischen Sozialdemokraten

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Stalins Machteroberung und der Bruch mit dem Bolschewismus
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V72597
ISBN (eBook)
9783638632669
ISBN (Buch)
9783638675499
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kann sicher auch im Studienfach Geschichte ausgiebig verwendet werden.
Schlagworte
Stalins, Machteroberung, Bruch, Bolschewismus
Arbeit zitieren
Hannes Heine (Autor), 2004, Stalins Machteroberung und der Bruch mit dem Bolschewismus , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72597

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