Das Kind als aktives Wesen - Piagets Aktivitätsbegriff im Kontext der Reformpädagogik


Hausarbeit, 2005

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Jean Piaget
2.1 Leben
2.2 Werk
2.3 Piagets Pädagogik

3 Das Kind als aktives Wesen
3.1 Piagets Aktivitätsbegriff
3.2 Reformpädagogische Vorstellungen von Aktivität
3.3 Aktivität im Unterricht des 21. Jahrhunderts

4 Abschließende Bemerkungen

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im letzten Semester habe ich das Seminar “Kind und Kindheit“, dass bekannte Reformpädagogen und deren Vorstellungen von Kindheit und Erziehung zum Inhalt hatte, besucht.

Zusammen mit anderen Kommilitoninnen habe ich ein Referat über Jean Piaget gehalten. Mein Teil handelte von Piagets Wirkung und seinen Vorstellungen von Erziehung und Unterricht. Während einer Vorbesprechung ist mir aufgefallen, wie unterschiedlich unsere Meinungen von Piaget und seiner Arbeit waren. Einige meiner Kommilitoninnen kritisierten Piagets Bild vom Kind, das rein rational sei und sich nur auf den kognitiven Bereich beschränke, während ich durch meine Vorbereitungen einen ganz anderen Eindruck bekommen habe. Denn meiner Meinung nach beschränken sich Piagets didaktische Ideen und seine Vorstellungen von Erziehung keineswegs nur auf den kognitiven Bereich. Aus dieser Situation heraus ergab sich eine interessante Fragestellung, deren Beantwortung mich zu dem Thema meiner Arbeit führte. Piagets genetische Erkenntnistheorie und seine rationale Sicht vom Kind (s.Kap.2.2), scheint demnach seinen pädagogischen Vorstellungen, in denen das Kind im Mittelpunkt steht (s.Kap.2.3), zu widersprechen.

Wo liegt die Verbindung dieser beiden Bereiche? Die Beantwortung dieser Frage führte mich zu einer Gemeinsamkeit dieser unterschiedlichen Vorstellungen vom Kind: Der Aktivität. Das Kind als aktives Wesen bildet den Mittelpunkt Piagets psychologischer, wie auch seiner pädagogischen Arbeit. Denn nach Piaget könne sich kindliches Denken nur durch aktiven Umgang mit der Umwelt entwickeln und nur durch Aktivität im Unterricht sei das Kind fähig zu lernen. Aus diesem Grund wollte ich herausfinden, was Piaget unter Aktivität versteht, seinen Aktivitätsbegriff mit dem der Reformpädagogen vergleichen und die Bedeutung der Aktivität im heutigen Unterricht klären. Im Mittelpunkt meiner Arbeit stehen drei zentrale Fragen: Welchen Aktivitätsbegriff hat Jean Piaget? In welchem Verhältnis steht dieser zu dem der Reformpädagogen? Welche Bedeutung hat die Aktivität im Unterricht des 21. Jahrhunderts? Um herauszufinden, was Piaget unter Aktivität versteht, habe ich mich zunächst mit seinem Leben, seiner Theorie und seiner Pädagogik befasst.

2 Jean Piaget

2.1 Leben

Da ich es schwierig finde, mich mit der Arbeit einer Person zu befassen, ohne mir vorher ein Bild von ihr gemacht zu haben, wollte ich, bevor ich mich meinen zentralen Fragen widmete, einen Eindruck von Jean Piaget und seinem Leben bekommen.

Jean Piaget wurde am 9. August 1896 in Neuchâtel in der Schweiz geboren. Im Alter von zehn Jahren tritt er in das Collège latin ein und widmet sich naturwissenschaftlichen Beobachtungen. Nach seiner Maturitätsprüfung studiert er in Neuchâtel Biologie. Dort fasst er den Entschluss, sein Leben der biologischen Erklärung der Erkenntnis zu widmen. Zunächst versucht Piaget durch die Verbindung von Biologie und Philosophie zu einer Antwort zu gelangen, doch um das Erkenntnisproblem zu lösen, fehlt ihm eine wissenschaftliche Untersuchungsmethode, die ihn zur Psychologie führt. Gleichzeitig schließt er seine naturwissenschaftlichen Forschungsarbeiten ab und promoviert 1918 mit einer Dissertation über die Mollusken des Wallis. 1919 geht er für zwei Jahre nach Paris an die Sorbonne, wo er in einem psychologischen Laboratorium arbeitet und englische Intelligenztests für Pariser Kinder standardisiert. Piaget widmet sich vor allem den Denkprozessen, die sich hinter den falschen Antworten der Kinder auf die Testfragen verbergen.

Er schreibt mehrere Aufsätze über die Ergebnisse seiner Arbeit und schickt einen an Edouard Claparède, der nicht nur seinen Aufsatz annahm, sondern ihm eine Stelle am Institut Jean-Jaques Rousseau anbot. Das Institut ist ein Zentrum für pädagogische und psychologische Forschung und zudem Ausbildungsstelle für Lehrkräfte mit angeschlossenen Versuchsschulen, die die Inhalte der Schulreform veranschaulichen sollen. Piaget soll seine Forschungen am Institut fortführen und Kinderpsychologie unterrichten. Von 1921 an arbeitet er am Institut als Oberassistent und der angeschlossene Kindergarten, das Maison des Petits bietet günstige Voraussetzungen für kinderpsychologische Untersuchungen. 1924 hat Piaget Valentine Châtenay, eine seiner Studentinnen, geheiratet. 1925 und 1927 werden seine beiden Töchter, 1931 sein Sohn geboren. 1929 kehrt er nach Genf zurück und übernimmt pädagogische Aufgaben. Er wird Direktor des Bureau International de l` Education (heute untersteht diese Institution der Leitung der UNESCO), das international darum bemüht ist die Unterrichtsmethoden zu verbessern.

Hauptziel dieser Institution ist es, den Frieden und die internationale Verständigung durch Erziehung zu fördern. 1932 wird Piaget neben Claparède und Bovet Mitdirektor des Rousseau-Instituts, das der Universität angeschlossen wird. Nach dem Krieg wird er zum Präsidenten der schweizerischen Kommission der UNESCO ernannt, als Vertreter der UNESCO nimmt er an internationalen Konferenzen zur Bildungspolitik und Pädagogik teil. Zu dieser Zeit entsteht ein dreibändiges Werk, eine genetische Epistemologie, das die Summe seiner bisherigen erkenntnistheoretischen Untersuchungen, auf biologischer Grundlage und psychologischer Perspektive, bildet (s. Kap.2.2).

Aufgrund vieler unbeantworteter Fragen, die unmöglich von ihm alleine analysiert werden können, gründet er 1956 das Centre International d´Epistémologie, das die Entwicklung der Erkenntnis in der Geschichte des wissenschaftlichen Denkens wie in der Entwicklung des Kindes erforscht. Forscher aus aller Welt und vielen Disziplinen untersuchen in enger Kooperation eine Fülle von Einzelfragen, die zu Bestätigungen, Weiterführungen und Differenzierungen der Piagetschen Theorie führen. Neben seinen Verpflichtungen in Genf,

lehrt Piaget von 1952 bis 1963 Entwicklungspsychologie an der Sorbonne. In dieser Zeit setzt der Durchbruch Piagetscher Ideen, ausgehend von den USA, in fast allen Ländern der wissenschaftlichen Welt ein. Seine Thesen werden kritisiert, bestätigt oder weitergeführt. Piaget verfolgte bis ins hohe Alter die Rezeption seiner Ideen. Er starb am 16. September 1980, im Alter von 84 Jahren, in Genf (vgl. Fatke 1991, S.291-298.).

2.2 Werk

Um herauszufinden, was Aktivität für Piaget bedeutet, habe ich mich zunächst mit seiner Theorie der geistigen Entwicklung und anschließend mit seiner pädagogischen Optik befasst, da die Aktivität in beiden Bereichen eine zentrale Rolle spielt.

Piaget hat die kognitive Entwicklung von Kindern erforscht. Es geht also um die Entwicklung des Denkens und Urteilens. Er legte eine Theorie über die Entwicklung geistiger Funktionen vor, die er anhand der von ihm entwickelten ´klinischen Methode´ (Methode der Befragung) entdeckte. Den Kindern wurden Probleme gestellt, diese und auch die Ausgangsfragen lagen fest, aber der konkrete Ablauf und die im Untersuchungsverlauf gestellten Fragen hingen von den Antworten der Kinder ab. Aufgrund der Antworten kam Piaget zu seinem Stufenmodell der kognitiven Entwicklung von Kindern. Nach Piaget ermöglichen Strukturen im Gehirn, die nach und nach durch handelnden Umgang mit der Umwelt aufgebaut werden müssen, Erkenntnis. Um den Aufbau der kognitiven Strukturen, ihre Entstehung und Entwicklung genauer zu beschreiben, werde ich zunächst zentrale Begriffe der Piagetschen Theorie erläutern.

Erkennen findet immer zwischen einem Subjekt und einem Objekt statt. Zunächst werden vertraute Denk- und Handlungsmuster im Umgang mit dem Objekt angewandt. Z.B wird ein zweijähriges Kind, das das Wort und Tier ´Hund´ kennt, beim Anblick einer Katze auch ´Hund´ sagen, weil dies sein Denkmuster für vierbeinige Lebewesen mit Schwanz ist. D.h. das Objekt, in diesem Fall die Katze, wird in die verfügbaren Handlungs- und Denkmuster, die kognitiven Strukturen eingeordnet. Piaget bezeichnet diesen Aspekt des Erkenntnisprozesses als Assimilation. Damit das Kind die Katze auch als solche benennen kann, müssen die vertrauten Handlungs– und Denkmuster erweitert, differenziert und verändert werden. D.h. die vorhandenen kognitiven Strukturen müssen verändert und an die realen Gegebenheiten angepasst werden. Diesen Aspekt des Erkenntnisprozesses nennt Piaget Akkommodation. Beide Aspekte sind gleichzeitig am Erkenntnisprozess beteiligt; sie ergänzen einander und streben ein Gleichgewicht an, diesen Prozess bezeichnet Piaget als Äquilibration. Den wechselseitigen Austausch, bei dem sich Subjekt und Objekt verändern, nennt Piaget Adaption. Die Erkenntnis produziert immer neue Strukturen, die weder im Subjekt noch im Objekt vorgeformt sind, sondern sich erst allmählich und in Stufen aufbauen (vgl. Fatke 1991, S. 300 f.).

Die Stufen sind klar abgegrenzte Abschnitte der Entwicklung, deren Abfolge festliegt. Piaget unterteilt die einzelnen Stufen noch in Stadien, auf die ich nicht näher eingehe. Das Durchschreiten eines Stadiums ist die Voraussetzung für das Erreichen des folgenden; die Entwicklung ist nicht umkehrbar. Wird das Ungleichgewicht, ein Widerspruch zwischen der Wirklichkeit und der kindlichen Vorstellung der Wirklichkeit, in den Strukturen zu stark, so dass die Äquilibration nicht mehr gelingt, erfolgt der Übergang zu einer neuen Struktur, die die vorhergehende integriert und transformiert, das Individuum tritt in eine neue Entwicklungsstufe ein (vgl. Hackfort 2003, S.71 ff.).

Nach Piaget lassen sich drei große Entwicklungsstufen des Kindes unterscheiden. Diese Unterteilung fand ich bei Fatke, wobei Hackfort vier Entwicklungsstufen nennt. Piaget schreibt in einem Text von 1970, der von Fatke herausgegeben wurde (Fatke 2003, S.65f.), von drei Perioden, wobei er die Periode der konkreten Operationen in zwei Teilperioden unterteilt, im Prinzip auch von vier Stufen ausgeht. Ich werde mich an Piagets Einteilung orientieren.

[...]

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Details

Titel
Das Kind als aktives Wesen - Piagets Aktivitätsbegriff im Kontext der Reformpädagogik
Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V72659
ISBN (eBook)
9783638634748
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kind, Wesen, Piagets, Aktivitätsbegriff, Kontext, Reformpädagogik, Thema Jean Piaget
Arbeit zitieren
Stefanie Schlegel (Autor), 2005, Das Kind als aktives Wesen - Piagets Aktivitätsbegriff im Kontext der Reformpädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72659

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