Erählerisches Verfahren in Wilhelm Raabes „Altershausen“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

27 Seiten, Note: 2+


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das erzählerische Verfahren
2.1. Die Identität von Erzähler und Erzähltem
2.2. Erinnerungs- und Bewusstseinsströme

3. Die Selbsfindung Fritz Feyerabends
3.1. Der Nußknackertraum

4. Das Phänomen der Zeit in Altershausen
4.1. Feyerabends Zeiterfahrung
4.2. Claudio
4.3. Der Thor und der Tod

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Altershausen ist der letzte Roman Wilhelm Raabes, der als einziges seiner Werke Fragment geblieben ist. Das Romanfragment wurde erst nach Raabes Tod im Jahre 1911, fast zehn Jahre nach Abbruch des Schreibens, veröffentlicht. Wilhelm Raabe fing 1899 mit dem Schreiben des Romans an und legte ihn ungefähr drei Jahre später (1902-03) schließlich endgültig beiseite.

Schon vor dem endgültigen Abbruch des Romans machte Raabe, nach Beendigung des zwölften Kapitels, eine Schreibpause von fast zwei Jahren, die in Raabes Tagebuch genau datiert ist (6.11.1900 bis 22.06.1902). Auffälig ist, dass sowohl am Schluss des zwölften Kapitels als auch am Ende des Romanfragments Minchen Ahrens ihre Lebensgeschichte erzählen soll. Ob allerdings in der Gestalt Minchens der Grund für den Abbruch liegt ist unklar.

1902, nach Wilhelm Raabes Schaffenspause war das Interesse an der von ihm begonnenen Dichtung in der Öffentlichkeit gesunken, was dazu führte, dass in Raabe selbst Zweifel an deren Vollendung aufkamen. Ab 1909 sprach Wilhelm Raabe nicht mehr davon den Roman beenden zu wollen. Er selbst schrieb im Juli 1910 in einem Brief an seinen Verleger, dass „die abgerissenen Fäden in Altershausen wieder aneinander zu knüpfen sich nicht machen lassen [würde], es [sei] ein bitteres Ding, das [er] in den Jahren 1899 und 1900 im Grunde für [sich] allein zu spinnen begonnen [hätte]“[1].

Nach Veröffentlichung des Romanfragments wurde es als „Abschiedswort des Greisen“[2] interpretiert. Es wurde von Altersphilologie und komprimierter Lebensweisheit gesprochen. Noch 1945 wurde in den Interpretationen verstärkt der Frage nachgegangen, warum Altershausen Fragment geblieben ist, wozu es die verschiedensten Ansätze gibt. Manche begründen den Abbruch der Dichtung mit Raabes Alter und seinen damit verbundenen Schreibproblemen, über die er sich in Briefen, allerdings auch schon vor dem Schreibbeginn Altershausens, beschwerte. Andere sahen die unlösbaren Probleme von Struktur und Thema als Grund für den Abbruch. Die neuste Antwort auf die Frage, warum Altershausen Fragment geblieben ist, lieferte Christoph Zeller in seiner Magisterarbeit (Erzählerbewußtsein und Erinnerung. Wilhelm Raabes "Altershausen". 1995), der behauptet Altershausen sei gar kein Fragment. Diese Behauptung stellt allerdings einen Widerspruch zu Raabes Selbstaussage dar.[3] Nach und nach wurden auch erzähltechnische und formale Aspekte untersucht, später wurden auch Interpreationen angestrebt, die den Schreibakt in den Mittelpunkt stellen und diesen als Versuch der Selbstfindung des schreibenden Subjekts auffassen.

Der Roman handelt inhaltlich von Geheimrat Feyerabend, der nach der Feier seines 70. Geburtstag ein Manuskript anfertigt. Feyerabend tritt, nach seiner Geburtstagsfeier und nach seiner Pensionierung, in einer Sinnkrise eine Reise nach Alterhausen an, der Stadt in der er seine Kindheit verbrachte. Dort möchte er von seinem Jugendfreund Ludchen Bock Auskunft über den Sinn des Lebens erhalten. Allerdings muss Feyerabend bei seiner Ankunft in Altershausen feststellen, dass Ludchen ihm keinen Rat geben kann, da dieser durch einen Unfall auf dem intellektuellen Niveau eines Zwölfjährigen geblieben ist.

Alterhausen thematisiert den Zusammenhang von Erinnerung, Erzählen und Ich-Sagen. Wie Wilhelm Raabe die Sinnkrise Feyerabends erzähltechnisch umsetzt und wie er mit der Zeiterfahrung in Altershausen umgeht soll im Folgenden untersucht werden.

2. Das erzählerische Verfahren

Die komplexe Erzählform Altershausens steht in Raabes Werk einzigartig da. Das Buch beginnt in medias res mit der freigestellten Zeile in wörtlicher Rede: „Überstanden!“[4] beginnt. Der Sprecher des Ausrufs wird im nächsten Satz vorgestellt, allerdings wird zunächst jegliche identitätsstiftende Zuschreibung vermieden. Die Erzählung nimmt hier zwar Bezug auf den Sprechenden, allerdings zunächst nicht durch die Nennung seines Namens sondern durch ein Demonstrativum: „Der das sagte lag in seinem Bette“[5]. Erst nach der Klärung von äußeren Umständen und Nennung des Datums enthüllt der nun in Ich-Form berichtende Erzähler seine Identität mit der epischen Hausptgestalt: „Ich, nun Schreiber dieser Blätter“[6].

Der Erzähler bezeichnet das Reiseziel Feyerabends zunächst als Traumland der Erinnerung. Die darauf folgende Schilderung ist allerdings realistisch und detailliert, so dass der Anschein erweckt wird, dass Altershausen in der empirischen Wirklichkeit anzusiedeln ist. Im Laufe der Erzählung verliert Altershausen immer mehr greifbare Kontur und gewinnt dadurch Symbolcharakter.

Mit den Figuren Minchen Ahrens und Fritz Feyerabend stehen sich zwei verschiedene Erzählprinzipien gegenüber. Minchen repräsentiert den traditionellen Erzähltypus des 19. Jahrhunderts. Sie erzählt zurückgezogen im Garten sitzend mit ihrem Strickstrumpf in der Hand und berichtet, über den Dingen stehend, von den Ereignissen aus ihrem Leben. Feyerabends Erzählvorgang ist dagegen moderner und spiegelt in seiner Sprunghaftigkeit und Diskontiuniät den Bewusstseinsstrom wieder.

2.1. Die Identität von Erzähler und Erzähltem

Protagonist und Erzähler des Romanfragments treten sich, getrennt durch einen zeitlichen Abstand, als Erzähler und Erzählter gegenüber. Nur außerhalb der Erzählung ist es möglich die beiden als eins zu sehen, vorausgesetzt es gibt ein Subjekt, das ungeachtet zeitlicher oder inhaltlicher Veränderungen mit sich selbst identisch ist, also Ich sagen kann. In Altershausen ist dies nicht selbstverständlich.[7]

Das Ich- Sagen ist hier Ergebnis von Feyerabends Erinnerungsarbeit. Erst im Moment bewussten Erinnerns betritt das Ich die Erzählung, allerdings zunächst nur beschränkt auf eine narrative Funktion als Schreiber der Geschichte. Das Ich erhält erst später im Laufe der Erzählung seine Identität.[8]

Der Geschehnisbericht über Feyerabends Reise nach Altershausen, der sich in sechzehn Kapitel gliedert, ist fortlaufend in der dritten Person geschrieben. Es handelt sich demnach um eine in die Er-Form eingekleidete Ich-Erzählung, die die stilistischen Funktionen beider Erzählformen gut miteinander vereint. Durch diese komplexe Erzählform hat Wilhelm Raabe es geschafft einen subjektiven Erlebnisbericht zu schaffen, der sehr glaubwürdig die Tiefen von Feyerabends Persönlichkeit aufzeigt.[9] Die Entscheidung des Textes für die Er-Erzählung kann als Vorbehalt gegenüber der Möglichkeit des Ich-Sagens gesehen werden.

Mit dem Wechsel zur Er-Form ändert sich auch die Fokalisierung, die vorher in der Ich-Erzählung, trotz Stimmenwechsel konsequent auf den Protagonisten gerichtet war. So berichtet der Erzähler besipielsweise über ein Gespräch zwischen Feyerabends Schwester Karoline mit dessen Freund Dr. Schillebold, das Feyerabend selbst nicht hören kann, da er zu diesem Zeitpunkt bereits im Zug nach Altershausen sitzt. „Die Tür des Bahnwagens war [...] zugeschlagen worden und - der Jubilar wirklich mit sich allein in seinem »Abteil« auf der Fahrt, nicht nach Bimini, sondern nach Altershausen gewesen. »Jaja, Fräulein, da ist nun wieder mal nichts weiter zu machen. Der Herr Wirkliche Geheime Obermedizinalrat hat immer so seinen eigenen Sinn und Willen gehabt«, meinte Dr. Schillebold auf dem Heimwege.“[10] Dieser Fokalisierungswechsel erweckt den Anschein als würde der auktoriale Ezähler sich nur gnadenhalber auf die Perspektive Feyerabends einschränken und bei passender Gelegenheit demonstrieren wie weit sein Sichtfeld wirklich ist.[11]

Im Gegensatz zu klassischen Erzählformen in der dritten Person gibt es keine Trennung zwischen Protagonist und Erzähler. Der Erzähler thront nicht allwissend über der von ihm geschaffenen Hauptfigur, sondern ist am epischen Geschehen selbst beteiligt, da es ihn persönlich betrifft.

[...]


[1] Pascal, Roy: Warum ist "Altershausen" Fragment geblieben? In: Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft (1962) S. 147.

[2] Adolphs, Ulrich: Schreibakt als Suche nach Identität. Wilhelm Raabes "Altershausen". In: Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft (1985) S. 100f.

[3] Vgl. Jückstock-Kießling, Nathali: Ich-Erzählen. Anmerkungen zu Wilhelm Raabes Realismus. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht 2004. S. 11.

[4] Raabe, Wilhelm: Altershausen. In: Wilhelm Raabe. Sämtliche Werke. Hastenbeck, Altershausen, Gedichte. Hrsg. von Karl Hoppe. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1968. S.203.

[5] Raabe 1968: S.203.

[6] Raabe 1968: S.204.

[7] Vgl. Jückstock-Kießling 2004. S. 15.

[8] Vgl. Jückstock-Kießling 2004. S. 13.

[9] Vgl. Mayer, Gerhart: Raabes Romanfragment "Altershausen". Grundzüge einer Interpretation. In: Raabe in neuer Sicht. Hrsg. von Hermann Helmers. Stuttgart: W. Kohlhammer Verlag 1968. S. 211.

[10] Raabe 1968: S.228f.

[11] Vgl. Jückstock-Kießling 2004. S. 21.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Erählerisches Verfahren in Wilhelm Raabes „Altershausen“
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Wilhelm Raabe: Späte Romane ("Stopfkuchen", "Die Akten des Vogelsangs", "Altershausen")
Note
2+
Autor
Jahr
2007
Seiten
27
Katalognummer
V72702
ISBN (eBook)
9783638725880
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erählerisches, Verfahren, Wilhelm, Raabes, Wilhelm, Raabe, Späte, Romane, Stopfkuchen, Akten, Vogelsangs, Altershausen
Arbeit zitieren
Lenka Eiermann (Autor), 2007, Erählerisches Verfahren in Wilhelm Raabes „Altershausen“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72702

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