Unsere heutige Gesellschaft ist von einem sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandel geprägt. Dieser bringt eine ethnische Vielfalt mit, die die Gesellschaft zunehmend heterogener werden lässt. In Deutschland sind bereits mehr als zehn Millionen Menschen zweisprachig. Rund ein Fünftel der Schüler haben Deutsch als Zweitsprache und damit eine nichtdeutsche Muttersprache. Oft treten sie in den Kindergarten oder die Schule ein, ohne vorher mit der deutschen Sprache konfrontiert worden zu sein. Sie lernen die Zweitsprache Deutsch unter erschwerten Bedingungen. Die Schwierigkeiten dieser Schüler im Zweitspracherwerb werden oft zu spät erkannt, wenn die Kulturtechniken wie Schreiben und Lesen nicht altersgemäß beherrscht werden. Das Thema Zweisprachigkeit wird daher auch in der Sprachbehindertenpädagogik immer aktueller. Oftmals werden die Schwierigkeiten dieser Kinder in ihrer Zweitsprache fälschlicherweise auf eine Sprachbehinderung zurückgeführt.
Diese Arbeit bezieht sich vor allem auf die Gruppe der Kinder mit Migrationshintergrund. Der Titel deutet bereits darauf hin, dass Zweisprachigkeit nicht als Belastung, sondern als eine pädagogische Herausforderung gesehen werden muss, die es unter Beachtung beider Sprachen zu meistern gilt. Nur so ist es möglich, diesen Kindern gerecht zu werden. Es gilt, die Lebenswirklichkeit, Stärken und Schwächen zweisprachiger Kinder zu beachten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Wie Kinder sprechen lernen – Erstspracherwerb
2.1 Erklärungsversuche aus der Spracherwerbsforschung
2.1.1 Behaviorismus
2.1.2 Nativismus
2.1.3 Kognitivismus
2.1.4 Interaktionismus
2.2 Bedingungen für einen erfolgreichen Erstspracherwerb
2.2.1 Sensomotorische Entwicklung
2.2.1.1 Hörvermögen
2.2.1.2 Sehvermögen
2.2.1.3 Tastsinn
2.2.1.4 Sprechwerkzeuge
2.2.2 Hirnreifung
2.2.3 Motivation
2.2.4 Familiäre Lebensbedingungen
2.3 Entwicklungsphasen des Erstspracherwerbs
3 Zweisprachigkeit und Zweitspracherwerb
3.1 Definitionen
3.1.1 Erstsprache
3.1.2 Muttersprache
3.1.3 Zweisprachigkeit
3.1.4 Mehrsprachigkeit
3.2 Gruppen von Menschen mit fremder Muttersprache
3.2.1 Aussiedler
3.2.2 Gastarbeiter
3.2.3 Asylbewerber
3.3 Rahmenbedingungen des Zweitspracherwerbs
3.3.1 Das Kind als Person
3.3.2 Die Situation in der Familie
3.3.3 Die Spracherziehungsmethoden
3.3.3.1 Eine Person - eine Sprache
3.3.3.2 Umgebungssprache – Familiensprache
3.3.3.3 Schulsprache - Familiensprache/Umgebungssprache
3.3.3.4 Situationsabhängige Sprachtrennung
3.3.4 Das soziale Umfeld
3.3.5 Bildungspolitische Rahmenbedingungen
3.4 Konzepte des Zweitspracherwerbs
3.4.1 Gesteuerter und ungesteuerter Zweitspracherwerb
3.4.2 Simultaner und sukzessiver Zweitspracherwerb
3.4.3 Additiver und subtraktiver Zweitspracherwerb
3.4.4 Doppelte Halbsprachigkeit/Semilingualismus
3.5 Theorien zum Erwerb von Zweisprachigkeit
3.5.1 Die Kontrastivhypothese
3.5.2 Die Identitätshypothese
3.5.3 Die Interlanguage-Hypothese
3.5.4 Die Schwellen- und die Interdependenz-Hypothese
4 Chancen und Gefahren bei zweisprachiger Erziehung
4.1 Zweisprachigkeit als Abweichung
4.2 Probleme der Stigmatisierung
4.3 Bedeutung der Zweisprachigkeit für die Identitätsentwicklung
4.4 Problematik und Möglichkeiten der Sprachstandsdiagnose
4.5 Probleme und Chancen in der Sprache
4.5.1 Metasprachliche Fähigkeiten
4.5.2 Sprachwechsel
4.5.3 Sprachmischungen
4.5.4 Interferenzen
4.5.5 Mischsprache
4.5.6 Fossilierungen und Backsliding
4.5.7 Sprachverweigerung
4.5.8 Stottern
4.5.9 Verzögerte Sprachentwicklung
4.5.10 Stammeln
4.5.11 Lese-Rechtschreib-Schwäche
4.5.12 Schriftspracherwerb
4.6 Probleme und Möglichkeiten in der Bildungspolitik
4.6.1 Segregation
4.6.2 Sprachschutzprogramm
4.6.3 Submersion
4.6.4 Immersion
4.6.5 Two-way-Modelle
4.6.6 Deutsch als Zweitsprache
4.6.7 Vorbereitungsklassen
4.6.8 Muttersprachlicher Unterricht
4.6.9 Fremdsprachlicher Fachunterricht
4.6.10 Samstagsschulen
4.6.11 Fremdsprachenunterricht
4.6.12 Internationale Schulen
4.6.13 Europäische Schulen
4.6.14 Europaschulen und Schulversuche an staatlichen Schulen
5 Einzeldarstellung eines Mädchens mit russischer Muttersprache
5.1 Anamnese
5.2 Rahmenbedingungen
5.2.1 Situation in der Familie und im sozialen Umfeld
5.2.2 Situation in der Schule
5.3 Die Betrachtung des Kindes
5.3.1 Sozial-emotionaler Bereich
5.3.2 Sensumotorischer Bereich
5.3.3 Kognitiver Bereich
5.3.4 Sprachlich-kommunikativer Bereich
5.3.4.1 Aussprache
5.3.4.2 Wortschatz
5.3.4.3 Redefluss
5.3.4.4 Auditive Wahrnehmung
5.3.4.5 Sprachbewusstsein/phonologische Bewusstheit
5.3.4.6 Sprachverständnis
5.3.4.7 Sprachgedächtnis
5.3.4.8 Grammatik
5.3.4.9 Lesefähigkeit
5.3.4.10 Fähigkeiten in der Schriftsprache
5.4 Überlegungen zur möglichen Genese der sprachlichen Beeinträchtigung
5.5 Fördermaßnahmen
5.5.1 Bisherige Fördermaßnahmen
5.5.2 Darstellung der Fördermaßnahmen
5.5.2.1 Fördereinheit: Wir machen Obstsalat
5.5.2.2 Fördereinheit: Sprechreim zum Thema „Mein Körper“
5.5.3 Vorschläge für die weitere pädagogische Arbeit
6 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Herausforderungen, die sich aus der Zweisprachigkeit von Kindern mit fremder Muttersprache im deutschen Bildungssystem ergeben, und analysiert die theoretischen Grundlagen des Erst- und Zweitspracherwerbs sowie diagnostische und förderpädagogische Ansätze. Die zentrale Forschungsfrage liegt darin, wie eine adäquate Förderung und Diagnose bei zweisprachigen Kindern in der Sprachbehindertenpädagogik gelingen kann, um Bildungsbenachteiligung abzubauen und die Zweisprachigkeit als Ressource statt als Abweichung zu begreifen.
- Theoretische Modelle des Erst- und Zweitspracherwerbs
- Einflussfaktoren und Rahmenbedingungen des Zweitspracherwerbs
- Chancen und Risiken zweisprachiger Erziehung
- Diagnostische Verfahren und bildungspolitische Förderkonzepte
- Praktische Einzeldarstellung und Fördermaßnahmen bei einem Kind mit russischer Muttersprache
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Nativismus
Der Nativismus sieht Sprache als eine humanspezifische Fähigkeit an, die angeboren und damit genetisch größtenteils bestimmt ist. Nach Chomsky (1959) findet der Spracherwerb als Reifungsprozess und nicht durch Lernen statt. Das Hauptaugenmerk des nativistischen Ansatzes liegt auf der Sprachstruktur. Er betont, dass „… Sprache eine hierarchische Struktur besitzt, … eine Oberflächen- und Tiefenstruktur aufweist und eine eigene Dynamik und Kreativität in sich trägt“ (Günther/Günther, 2004, 48). Chomsky weist in Bezug auf die Kreativität darauf hin, dass „… jedes sprechende Individuum fähig ist, eine unendliche Anzahl von Sätzen zu produzieren und zu verstehen“ (Günther/Günther, 2004, 48). Er schenkt der sprechenden Umwelt des Kindes wenig Aufmerksamkeit. Seiner Meinung nach wäre es nicht dazu in der Lage, sprachliche Kompetenzen zu entwickeln, wenn es „… ausschließlich auf die unvollständigen und fehlerhaften Äußerungen seiner direkten und indirekten Bezugspersonen angewiesen …“ (Günther/Günther, 2004, 48) wäre. Dem Kind, das als ein spezialisiertes Wesen gesehen wird, wird aus der Sicht der Nativisten ein Sprachprogramm vorgegeben, das die Sprache verarbeitet und annimmt (vgl. Günther/Günther, 2004, 48).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den gesellschaftlichen Wandel und die zunehmende Heterogenität, die durch Mehrsprachigkeit geprägt ist, und führt in die Problematik der Bildungsbenachteiligung ausländischer Schüler ein.
2 Wie Kinder sprechen lernen – Erstspracherwerb: Dieses Kapitel erläutert grundlegende Theorien zum Spracherwerb, biologische und soziale Bedingungen sowie die typischen Entwicklungsphasen des Erstspracherwerbs bei Kindern.
3 Zweisprachigkeit und Zweitspracherwerb: Hier werden zentrale Begriffe definiert, verschiedene Gruppen von Sprechern mit fremder Muttersprache charakterisiert sowie Rahmenbedingungen, Konzepte und Theorien des Zweitspracherwerbs wissenschaftlich fundiert dargestellt.
4 Chancen und Gefahren bei zweisprachiger Erziehung: Das Kapitel reflektiert die Stigmatisierung von Zweisprachigkeit, die Bedeutung für die Identitätsentwicklung, Methoden der Sprachstandsdiagnose sowie bildungspolitische Maßnahmen und deren Wirksamkeit.
5 Einzeldarstellung eines Mädchens mit russischer Muttersprache: Eine praxisorientierte Fallstudie analysiert die Sprachentwicklung, Rahmenbedingungen und spezifische Fördermaßnahmen eines siebenjährigen zweisprachigen Mädchens.
6 Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht die Notwendigkeit, Zweisprachigkeit als pädagogische Herausforderung und Chance zu begreifen, anstatt sie als Störung oder Abweichung zu pathologisieren.
Schlüsselwörter
Zweisprachigkeit, Erstspracherwerb, Zweitspracherwerb, Sprachstandsanalyse, Sprachförderung, Bilingualismus, Semilingualismus, Migrationshintergrund, Interferenz, Sprachmischung, Sprachbewusstheit, Sprachprestige, Sonderpädagogik, Identitätsentwicklung, Sprachstand
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Situation zweisprachiger Kinder im deutschen Bildungssystem, wobei der Schwerpunkt auf der sprachbehindertenpädagogischen Perspektive und dem Umgang mit Mehrsprachigkeit liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Theorien des Sprachlernens, die Rahmenbedingungen des Zweitspracherwerbs, die Problematik der Stigmatisierung und Sprachstandsdiagnose sowie die Analyse aktueller bildungspolitischer Fördermodelle.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, ein Verständnis für die komplexen Prozesse des Zweitspracherwerbs zu schaffen und aufzuzeigen, wie Pädagogen Kinder mit fremder Muttersprache professionell unterstützen können, ohne deren Mehrsprachigkeit als Defizit zu werten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine fundierte Literaturanalyse bestehender Spracherwerbstheorien mit einer empirischen Einzeldarstellung (Fallstudie) eines Mädchens mit russischer Muttersprache, basierend auf Beobachtungen und standardisierten Testverfahren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Sprachentwicklung, theoretische Erklärungsmodelle für Zweisprachigkeit, eine kritische Auseinandersetzung mit Diagnoseverfahren und die Vorstellung verschiedener schulpraktischer Konzepte zur Förderung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Bilingualismus, Sprachstandsanalyse, Sprachförderung, Interferenzen und die Unterscheidung zwischen Sprachvermögen und Sprachstörung charakterisiert.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen Erst- und Muttersprache?
Die Autorin stellt klar, dass diese Begriffe nicht deckungsgleich sind, wobei die Muttersprache primär über die emotionale Bindung und die Interaktion mit der Mutter definiert wird, während die Erstsprache den chronologisch ersten Spracherwerb bezeichnet.
Warum kritisiert die Autorin standardisierte Sprachstandstests?
Die Kritik richtet sich dagegen, dass diese Tests oft monolingual an deutschen Standards ausgerichtet sind und dabei die individuellen Kompetenzen und die Erstsprache des Kindes außer Acht lassen, was zu Fehldiagnosen führt.
- Citar trabajo
- Saskia Hoffmann (Autor), 2006, Zweisprachigkeit. Kinder fremder Muttersprache. Eine pädagogische Herausforderung., Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72714