Die Selbstmordrate als Phänomen „sui generes“, als ein Phänomen eigener Art - das ist es womit sich Émile Durkheim in seinem Werk „Le Suicide“ beschäftigt.
Im Verlauf seiner Betrachtung bildet er vier Selbstmordtypen, auf die im Verlauf dieses Werkes näher eingegangen wird. Bei der Betrachtung des egoistischen, altruistischen, anomischen und fatalistischen Selbstmords wird unter anderem erläutert werden, durch welche Eigenschaften und Merkmale sich diese auszeichnen, und beispielhaft erklärt wie Durkheim zu seinen Schlüssen gekommen ist.
Um einen Bezug zur heutigen Zeit zu schaffen, beschäftigt sich diese Arbeit als nächstes mit einer fundamentalistisch christlichen Gruppierung in den USA - den Amischen Alter Ordnung und im Anschluss mit einer fundamentalistische islamischen Gruppierung im Nahen Osten – der Hamas.
Dabei soll auf Geschichte, Religion beziehungsweise Ideologie und Organisation dieser Gruppierungen näher eingegangen werden um zu zeigen, wie es zu den spezifischen Selbstmordmustern innerhalb dieser Gruppierungen kommt. Zudem wird gezeigt werden, welche überraschenden Übereinstimmungen mit Durkheims Theorie der vier Selbstmordtypen sichtbar werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition des Selbstmords nach Durkheim
3. Die vier Selbstmordtypen nach Durkheim
3.1 Der egoistische Selbstmord
3.2 Der altruistische Selbstmord
3.3 Der anomische Selbstmord
3.4 Der fatalistische Selbstmord
4. Zuordnung zu einer christlich fundamentalistischen Gruppierung - den Amischen Alter Ordnung
4.1 Geschichte der Amischen Alter Ordnung
4.2 Religion, Kultur und soziale Struktur der Amischen Alter Ordnung
4.3 Selbstmordverhalten der Amischen Alter Ordnung
4.4 Parallelen zwischen den Amischen Alter Ordnung und Durkheims Selbstmordtypen
5. Zuordnung zu einer islamistischen Gruppierung – der Hamas
5.1 Geschichte der Hamas
5.2 Ideologie, Zielsetzung und Organisation der Hamas
5.3 Selbstmordverhalten der Hamas
5.4 Parallelen zwischen der Hamas und Durkheims Selbstmordtypen
6. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht Émile Durkheims soziologische Theorie der vier Selbstmordtypen und wendet diese auf zeitgenössische fundamentalistische Gruppierungen an, um die Anwendbarkeit seiner Erkenntnisse auf moderne Phänomene zu prüfen.
- Theoretische Fundierung der vier Selbstmordtypen nach Durkheim
- Analyse der Amischen Alter Ordnung als christlich-fundamentalistische Gruppierung
- Untersuchung der Hamas als islamistisch-fundamentalistische Organisation
- Vergleich der soziologischen Strukturen mit den Definitionen von egoistischem und altruistischem Selbstmord
- Darstellung von Religion und Solidarität als Faktoren der Selbstmordprävention oder -förderung
Auszug aus dem Buch
3.2 Der altruistische Selbstmord
Diametral zum egoistischen Selbstmord steht der altruistische Selbstmord. Nach Durkheim ist dieser das Ergebnis einer „rudimentären Individualität“: Die Gesellschaft hält den Menschen im Gegensatz zum egoistischen Selbstmord in zu starker „Abhängigkeit“ und ermöglicht es ihm so nicht sich seine persönlichen Lebensbereich zu schaffen indem er seine eigene Individualität entwickeln kann. Sein „Ich“ und somit auch das Recht auf Leben gehören in altruistischen Gesellschaften nicht der Person selbst, sondern der Gemeinschaft zu der es gehört (Durkheim 1973, S. 246, 247). Während sich der egoistische Selbstmord vor allem in modernen Gesellschaften die die Individualität betonen wieder findet kommt der altruistische Selbstmord vor allem in primitiven Gesellschaften vor (vgl. Durkheim 1973, S. 255, 256).
Zwar zeigt Durkheim, dass beide Typen auf Traurigkeit zurückzuführen sind jedoch stellt er entscheidende Unterschiede in der Motivation dieser fest. Während sich der egoistische Selbstmörder umbringt, weil er kein Ziel erkennt, an dass er sich halten könnte weil er nur den Einzelnen erkennt, ist der altruistische Selbstmörder traurig, weil er das Individuum nicht als lebensfähig ansieht und weil seine Ziele außerhalb des jetzigen Lebens liegen (vgl. Durkheim 1973, S. 252, 253).
Durkheim teilt den altruistischen Selbstmord in mehrere Untertypen ein (ebd., S. 255, 256). Der „obligatorisch altruistische Selbstmordtyp“ zeichnet sich dadurch aus, dass er gesellschaftlich dazu verpflichtet ist sich umzubringen. Seine Umgebung droht ihm mit Ächtung, ein ehrenhaftes Begräbnis wird ihm verweigert oder ein schreckliches Leben nach dem Tod vorhergesagt (ebd., S.244, 245). Typische Formen dieses Selbstmords sind nach Durkheim „Selbstmorde von Menschen, die an der Schwelle des Alters angekommen sind oder unter Krankheiten leiden“ (z. B. bei den Kelten), „ Selbstmorde von Frauen bei Tode ihres Gatten“ (z. B. in Form der „Witwenverbrennung“ in Indien) und „ Selbstmorde von Gefolgsleuten oder Dienern beim Tode ihres Herrn (z. B. bei den Galliern) (ebd., S. 243-245).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert den Gegenstand der Arbeit, Durkheims Werk "Le Suicide" und das Ziel, die Theorie anhand der Amischen und der Hamas zu prüfen.
2. Definition des Selbstmords nach Durkheim: Dieses Kapitel definiert den Selbstmord als soziale Tatsache und grenzt ihn von individuellen psychologischen Faktoren ab.
3. Die vier Selbstmordtypen nach Durkheim: Hier werden die Typen (egoistisch, altruistisch, anomisch, fatalistisch) theoretisch fundiert und durch Statistiken und gesellschaftliche Strukturen erläutert.
4. Zuordnung zu einer christlich fundamentalistischen Gruppierung - den Amischen Alter Ordnung: Untersuchung der Amischen hinsichtlich ihrer Geschichte, Religion und Struktur zur Einordnung in Durkheims Modell des egoistischen Selbstmords.
5. Zuordnung zu einer islamistischen Gruppierung – der Hamas: Analyse der Hamas und ihrer Ideologie, um eine Verbindung zum altruistischen Selbstmordtyp, insbesondere dem Märtyrertod, herzustellen.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Durkheims Theorie weiterhin aktuelle Gültigkeit besitzt und die untersuchten Gruppen jeweils spezifische Selbstmordtypen illustrieren.
Schlüsselwörter
Émile Durkheim, Selbstmord, Soziologie, Egoistischer Selbstmord, Altruistischer Selbstmord, Anomischer Selbstmord, Fatalistischer Selbstmord, Amische Alter Ordnung, Hamas, Fundamentalismus, Märtyrertod, Soziale Integration, Religion, Kollektivbewusstsein, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht die soziologische Selbstmordtheorie von Émile Durkheim und prüft, inwiefern sie sich auf zwei fundamentalistische Gruppierungen der Moderne – die Amischen und die Hamas – übertragen lässt.
Welche zentralen theoretischen Konzepte stehen im Mittelpunkt?
Im Zentrum steht Durkheims Unterscheidung der vier Selbstmordtypen (egoistisch, altruistisch, anomisch und fatalistisch) und deren Abhängigkeit von sozialer Integration und gesellschaftlicher Regulation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Aktualität und Reichweite von Durkheims Theorie zu demonstrieren, indem moderne, fundamentalistische Lebenswelten soziologisch analysiert und in sein System eingeordnet werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse sowie eine qualitative Vergleichende Untersuchung, bei der die Merkmale der Amischen und der Hamas den theoretischen Kategorien Durkheims gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erläuterung der Selbstmordtypen und die empirische Anwendung auf die Fallbeispiele, wobei jeweils Geschichte, Ideologie und Selbstmordverhalten der Gruppen untersucht werden.
Was charakterisiert die Arbeit inhaltlich?
Die Arbeit ist durch den Vergleich konträrer religiös-fundamentalistischer Strömungen und deren soziologischer Begründung für spezifische Formen der Selbsttötung geprägt.
Wie lässt sich das Verhalten der Amischen nach Durkheim einordnen?
Die Arbeit ordnet die Amischen dem Modell des egoistischen Selbstmords entgegenwirkenden Strukturen zu, da ihr hoher Grad an kollektiver Identität und traditioneller Ordnung den Individualismus und damit das Risiko egoistischen Selbstmords minimiert.
Warum wird die Hamas mit dem altruistischen Selbstmord in Verbindung gebracht?
Die Hamas wird dem fakultativ altruistischen Selbstmord zugeordnet, da die Ideologie des "Märtyrertods" die Bedeutung des individuellen Lebens zugunsten der Gemeinschaft und eines religiösen Ziels aufhebt.
- Quote paper
- Janina Baierle (Author), 2007, Durkheims vier Selbstmordtypen im Vergleich mit der christlich fundamentalistischen Gruppierung den Amischen Alter Ordnung und der islamisch fundamentalistischen Gruppierung Hamas, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72726