Durkheims vier Selbstmordtypen im Vergleich mit der christlich fundamentalistischen Gruppierung den Amischen Alter Ordnung und der islamisch fundamentalistischen Gruppierung Hamas


Hausarbeit, 2007
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition des Selbstmords nach Durkheim

3. Die vier Selbstmordtypen nach Durkheim
3.1 Der egoistische Selbstmord
3.2 Der altruistische Selbstmord
3.3 Der anomische Selbstmord
3.4 Der fatalistische Selbstmord

4. Zuordnung zu einer christlich fundamentalistischen Gruppierung - den Amischen Alter Ordnung
4.1 Geschichte der Amischen Alter Ordnung
4.2 Religion, Kultur und soziale Struktur der Amischen Alter Ordnung
4.3 Selbstmordverhalten der Amischen Alter Ordnung
4.4 Parallelen zwischen den Amischen Alter Ordnung und Durkheims Selbstmordtypen

5. Zuordnung zu einer islamistischen Gruppierung – der Hamas
5.1 Geschichte der Hamas
5.2 Ideologie, Zielsetzung und Organisation der Hamas
5.3 Selbstmordverhalten der Hamas
5.4 Parallelen zwischen der Hamas und Durkheims Selbstmordtypen

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Selbstmordrate als Phänomen „sui generes“, als ein Phänomen eigener Art - das ist es womit sich Émile Durkheim in seinem Werk „Le Suicide“ beschäftigt. Im Verlauf seiner Betrachtung bildet er vier Selbstmordtypen, auf die im Verlauf dieser Hausarbeit näher eingegangen werden wird. Dabei soll als erstes definiert werden, was Durkheim unter dem Begriff Selbstmord versteht, um eine Verständnisgrundlage zu schaffen. Bei der Betrachtung der des egoistischen altruistischen, anomischen und fatalistischen Selbstmord wird unter anderem erläutert werden, durch welche Eigenschaften und Merkmale sich diese auszeichnen, und beispielhaft erklärt wie Durkheim zu seinen Schlüssen gekommen ist. Um einen Bezug zur heutigen Zeit zu schaffen, wird sich diese Arbeit dann mit einer fundamentalistisch christlichen Gruppierung in den USA - den Amischen Alter Ordnung und im Anschluss mit einer fundamentalistische islamischen Gruppierung im Nahen Osten – der Hamas beschäftigen. Geschichte, Religion beziehungsweise Ideologie und Organisation dieser Gruppierungen werden jeweils dargestellt und ein Bezug zu Durkheims Theorie der vier Selbstmordtypen wird anhand dieser Merkmale geschaffen.

2. Definition des Selbstmords nach Durkheim

Um eine Grundlage für seine Untersuchungen zu schaffen, hält Durkheim es für nötig zunächst eine sachlich begründete „Kategorie von Tatsachen“ zu bilden, die unter dem Überbegriff „Selbstmord“ zusammengefasst werden können (Durkheim 1973, S.23, 24). Er definiert Selbstmord als „jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfers selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens im Voraus kannte“ (Durkheim 1973, S. 27). Diese Definition schließt also sowohl den Märtyrer ein, der für seinen Glauben stirbt und die Mutter die sich für ihr Kind opfert, als auch den Kaufmann der sich umbringt, um der Schmach eines Bankrotts zu entgehen. Wichtig ist also nicht der Wunsch zu sterben, sondern die Tatsache dass die Folge der eigenen Handlung bekannt ist. Der Tod eines psychisch kranken Menschen, der sich nicht bewusst ist, was für Folgen seine Tat hat kann nach Durkheim ebenso wie der selbstverschuldete Tod eines Tieres jedoch nicht als Selbstmord angesehen werden (vgl. Durkheim 1973, S. 24-28).

Des Weiteren sieht Durkheim „Selbstmord“ nicht lediglich als eine Folge von individuellen psychologischen Faktoren, sondern erkennt, dass es auch soziale Ursachen gibt, die den Selbstmord beeinflussen beziehungsweise „Selbstmordfaktoren, die einen sichtbaren Einfluss auf die Gesamtgesellschaft haben“ (Durkheim 1973, S. 37/ vgl. S. 30-38).

3. Die vier Selbstmordtypen nach Durkheim

Nachdem Untersuchungen zum Einfluss von Geisteskrankheit, Rasse, Erblichkeit, Klima und Nachahmungseffekten Durkheim keine Erklärung für die Unterschiede der Selbstmordraten und damit für die sozialen Ursachen des Selbstmords liefern konnten (vgl. Durkheim 1973, S. 39-146 bzw. zusammenfassend S. 2-6), beschäftigt er sich mit Strukturmerkmalen innerhalb der Gesellschaft (wie Religion, Beziehungsstatus, Zusammenhang zu wirtschaftlichen, politischen und nationalen Krisen, zum Militärdienst und zum Kapital), die einen Einfluss auf die Selbstmordrate haben könnten. Er kommt zu dem Schluss, dass Selbstmord ein sozialer Tatbestand ist und nimmt eine Unterscheidung in vier Selbstmordtypen vor, auf die im Folgenden näher eingegangen werden soll (vgl. Durkheim 1973, S151- 335 bzw. zusammenfassend S. 7-12).

3.1 Der egoistische Selbstmord

Durkheim beschreibt den egoistischen Selbstmord als Folge des Verlusts von Kollektivbewusstsein und Integration in „sozialen Gruppen“. Als „Egoismus“ bezeichnet er den „Zustand, in dem das individuelle Ich sich mit Erfolg gegenüber dem sozialen Ich und auf Kosten desselben behauptet“ (1973, S. 232). Als Gründe für den egoistischen Selbstmord gibt er an, dass Gesellschaften und soziale Gefüge, in denen die Mitglieder stark integriert sind nicht zulassen, dass diese nach eigenem Willen handeln und über sich selbst und ihr eigenes Leben „verfügen“, während Menschen, die sich von diesen entfremdet haben keine Verbindlichkeit in einer gemeinsamen Sache mehr verspüren. Sie haben keine Befürchtungen mehr durch ihre Selbsttötung die Interessen anderer zu verletzten und können durch das fehlende einheitliche Ziel ihren persönlichen Kummer vollständig ausleben. Außerdem fehlt ihnen nach Durkheim die „moralische Unterstützung“, die in kollektiven Gemeinschaften durch den Austausch von Erfahrungen geleistet wird (Durkheim 1973, S.232, 233).

Einen weiteren noch viel bedeutenderen Grund sieht Durkheim in der Individualisierung an sich. Er geht davon aus, dass der Mensch ein „Doppelwesen“ sei, das aus einem psychischen und sozialen Menschen besteht. Nur in einem sozialen Kontext habe dieser einen „Daseinszweck“ (ebd., S. 237). Durkheim begründet diese Aussage unter anderem damit, dass auch die „höheren Formen des menschlichen Tuns“ wie Intelligenz und Wissenschaft erst aus der Gesellschaft entstanden sind und dass der Mensch diese deshalb brauche um seinen Sinn im Leben zu finden (ebd., S.235, 236). Für ihn ist sie der „Endzweck“ (ebd., S. 238). Kommt es zum Zerfall einer Gesellschaft, so kommt es in ihr zu „Strömungen der Depression und Enttäuschung“, die sich auf das Individuum übertragen und Selbstmord begünstigen (Durkheim 1973, S. 239, 240). Diese Theorien versucht Durkheim durch eine Reihe von statistischen Untersuchungen zu untermauern. Dabei geht er als erstes auf die Religion ein und zeigt durch eine gezielte Beweisführung, dass es unter Katholiken, die ihren Glauben seiner Meinung nach „ohne Kritik“ empfangen würden und die einer strengen Herschafftshierarchie unterworfen seien, weit weniger Selbstmorde gibt als unter Protestanten, die nicht so fest in ihrem Glauben integriert sind und mehr individuelle Freiheit besitzen (vgl. Durkheim 1973, S. 168-171). Die Gruppe die unter vergleichbaren Bedingungen die niedrigsten Selbstmordraten aufgewiesen hätten (beachtet man die hohe Zahl von Intellektuellen und Stadtbewohnern) sind die Juden (vgl. Durkheim 1973, S.166). Diese Tatsache sieht Durkheim als eine weitere Bestätigung seiner These. Wie er sagt, sei durch die lang dauernde Verfolgung ein Solidargefühl entstanden, welches die Juden zusammenschweißt. Es habe sich eine Verbundenheit und gegenseitige „Kontrolle“ entwickelt, die „individuelle Abweichungen“ fast unmöglich mache und somit den Selbstmord verhindere. Diese gegenseitige Kontrolle ebenso wie der starre „Handlungskodex“, der das Leben der Juden bis in Einzelheiten regelt (Durkheim 1973, S.172) ist beim Protestantismus nicht zu finden. Die Mitglieder unterstehen keiner allgemeinen Autorität und haben die Möglichkeit die Bibel selbst auszulegen, was zu vermehrten Selbstmorden aufgrund der Möglichkeit der individuellen Freiheit und im Zuge des eigenständigen Denkens führt (vgl. Durkheim 1973, S. 168, 169). Als Begründung für seine These, dass „die Abschwächung kollektiver und überlieferter Vorurteile Selbstmordanfälligkeit“ verstärke (Durkheim 1973, S. 174, 175) merkt er außerdem an, dass protestantische Länder wesentlich mehr Wert auf Bildung legen als katholisch geprägte Länder. Da seiner Meinung nach, dass Streben nach Bildung, „freie(r) Forschung und Kritik“ (ebd., S. 174) erst dann auftreten, wenn Tradition und die „Herrschaft über das Gewissen“ (ebd., S. 169, vgl. S. 183, 184) ihre Vormachtstellung verloren haben kann das als Argument für seine These gesehen werden. Er zeigt auf, dass die Selbstmordrate in den Ländern in denen die Menschen am wenigsten gebildet sind auch am geringsten ist, während in Berufen, die eine gute Bildung vor raussetzen, die Selbstmordrate am höchsten ist (ebd., S. 179, 180). Die niedrige Selbstmordrate trotz des hohen Bildungsstands unter den Juden erklärt Durkheim damit, dass diese sich nicht bilden, weil ihre Religion ihnen nicht genügend Halt gibt, sondern um sich besser gegen die Anneigung, die ihnen als Minderheit entgegengebracht wird verteidigen zu können (ebd., S. 181, 182, vgl. S. 167, 168).

Die Religion bietet also Schutz vor Selbstmord, da sie durch eine Menge von Dogmen und Praktiken, eine Gemeinschaft beziehungsweise ein Kollektiv schafft. Wichtig sind dabei nicht die Inhalte der Dogmen und Praktiken, sondern das Solidargefüge was durch sie entsteht (vgl. Durkheim 1973, S. 184, 185).

Neben der Religion stellt Durkheim seine Theorien zum Zusammenhang zwischen Individualisierung und Selbstmordtendenzen anhand anderer sozialer Ordnungen – der Familie und dem Staat dar. Auch hier arbeitet er wieder mit Statistiken und zeigt durch eine gezielte Beweisführung, dass eine große Familiendichte und das damit verbundene Traditions- und Kollektivgefühl einen wirksamen Schutz vor Selbstmord bieten (vgl. Durkheim 1973, S. 197- 203-224).

Auch in politischen Gesellschaften lässt sich laut Durkheim, dieses Phänomen beobachten. So stellt Durkheim fest, dass sich die Selbstmordrate im Laufe der Entwicklung in dem Maß vervielfacht habe, wie sich die Gesellschaften auflösen. Außerdem erkennt er, dass die Selbstmordrate während Krisen, Revolutionen und Kriegen die die „Leidenschaft“ der Bevölkerung entfachen bei allen Beteiligten konstant abfällt (ebd., S. 225-229) und führt diese Tatsache darauf zurück, dass das Gemeinschaftsgefühl in Krisenzeiten gestärkt wird, da kollektiv für eine Sache gekämpft wird (vgl. Durkheim 1973, S. 231).

Kollektivbewusstsein und Gemeinschaft spielen also in allen drei Bereichen eine wichtige Rolle und unterstützen so Durkheims These zum egoistischen Selbstmord.

3.2 Der altruistische Selbstmord

Diametral zum egoistischen Selbstmord steht der altruistische Selbstmord. Nach Durkheim ist dieser das Ergebnis einer „rudimentären Individualität“: Die Gesellschaft hält den Menschen im Gegensatz zum egoistischen Selbstmord in zu starker „Abhängigkeit“ und ermöglicht es ihm so nicht sich seine persönlichen Lebensbereich zu schaffen indem er seine eigene Individualität entwickeln kann. Sein „Ich“ und somit auch das Recht auf Leben gehören in altruistischen Gesellschaften nicht der Person selbst, sondern der Gemeinschaft zu der es gehört (Durkheim 1973, S. 246, 247). Während sich der egoistische Selbstmord vor allem in modernen Gesellschaften die die Individualität betonen wieder findet kommt der altruistische Selbstmord vor allem in primitiven Gesellschaften vor (vgl. Durkheim 1973, S. 255, 256).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Durkheims vier Selbstmordtypen im Vergleich mit der christlich fundamentalistischen Gruppierung den Amischen Alter Ordnung und der islamisch fundamentalistischen Gruppierung Hamas
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Einführung in theoretische Perspektiven der Soziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V72726
ISBN (eBook)
9783638730587
ISBN (Buch)
9783638774215
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Durkheims, Selbstmordtypen, Vergleich, Gruppierung, Amischen, Alter, Ordnung, Hamas, Einführung, Perspektiven, Soziologie
Arbeit zitieren
Janina Baierle (Autor), 2007, Durkheims vier Selbstmordtypen im Vergleich mit der christlich fundamentalistischen Gruppierung den Amischen Alter Ordnung und der islamisch fundamentalistischen Gruppierung Hamas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72726

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