Schon von Beginn an hatte es die Lautdichtung schwer, ernstgenommen zu werden. Ihre lyrische Berechtigung wurde von Anfang an diskutiert. Viele Kritiker in der Zeit der Entstehung und in der Blütezeit der Lautpoesie, dem Dadaismus, standen ihr völlig ohne Verständnis gegenüber. Sie reagierten bisweilen völlig abwehrend bis hin zu aggressiv. Die Lautdichtung wird von ihnen, ohne dass eine nähere Auseinandersetzung stattgefunden hat, pauschal abgewertet. So ist sie laut Reinhard Lettau nur ein Rückfall in menschliche Urzeit, also „infantile Regression“. Friedhelm Kemp geht sogar so weit, den Lautdichtern sprachliches Unvermögen vorzuwerfen, weswegen „diese ästhetischen Adamiten“ die Kritik und Abkehr von der Sprache nur als Vorwand nutzen um dies zu kaschieren.
In der folgenden Arbeit zeige ich auf, dass die Lautdichtung ein ernstzunehmender Zweig der Lyrik ist. Hierfür werde ich zunächst eine Definition und Erläuterung der beiden vorhandenen Strömungen innerhalb der Lautdichtung vornehmen. Danach folgt die Interpretation zweier Werke aus den zwei unterschiedlichen Strömungen der Lautpoesie. Im Fazit lege ich dann anhand der beiden interpretierten Werke dar, dass Lautdichtung ihre Berechtigung innerhalb der Poesie hat.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Definition
3 Interpretationen
3.1 Christian Morgenstern: Das große Lalulā
3.2 Hugo Ball: Karawane
4 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Lautdichtung als ernstzunehmende literarische Gattung und setzt sich mit der Kritik auseinander, die ihr oft sprachliches Unvermögen unterstellt. Das primäre Ziel ist es, die Berechtigung der Lautpoesie aufzuzeigen, indem die unterschiedlichen Motivationslagen und Funktionen der Lautdichtung anhand exemplarischer Werke analysiert und legitimiert werden.
- Definition und Merkmale der Lautpoesie
- Abgrenzung der Lautdichtung gegenüber traditioneller Lyrik
- Die Rolle der Lautdichtung im Dadaismus und als Sprachkritik
- Analyse der spielerisch-parodistischen Lautdichtung (Morgenstern)
- Analyse der onomatopoetischen und assoziativen Lautdichtung (Ball)
Auszug aus dem Buch
3.1 Christian Morgenstern: Das große Lalulā
Das große Lalulā von Christian Morgenstern präsentiert sich rein äußerlich in einem lyrisch sehr traditionellen Gewand. Es besteht aus drei Strophen mit jeweils fünf Versen, wobei die Länge der einzelnen Verse in etwa übereinstimmt. Es ergibt sich also ein sehr homogenes Bild. Dies setzt sich auch in der Struktur des Gedichtes fort, so weist der Text ein trochäisches Versmaß auf. Morgenstern benutzt verschiedene Tempi. Das Grundtempo ist vierhebig geprägt und wird durch dreihebige Verse (Verszeile 4,7,9,12,14) und die fünfhebigen Endkehrreime unterbrochen. Jeweils der erste und dritte und der zweite und vierte Vers jeder Strophe sind durch einen Kreuzreim verknüpft. Der letze Vers ist durch einen Endkehrreim gekennzeichnet. Zusätzlich weisen einige Verse Binnenreime und Assonanzen auf. Auch zahlreiche Alliterationen (Verszeile 3,5,7,10,14,15) finden im großen Lalulā Verwendung. Damit sind alle Formalia für ein Versgedicht erfüllt.
Begibt man sich aber auf die Ebene der Wortsemantik stellt man schnell fest, dass Morgenstern hier jegliche Konventionen hinter sich läßt. Bereits während seiner Schulzeit auf dem Gymnasium in Breslau erfand Morgenstern eine Phantasiesprache und beschäftigte sich mit der Kunstsprache Volapük. Dieser zwanglose und spielerische Umgang mit Sprache spiegelt sich in dem Gedicht wieder.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die anfängliche und teils aggressive Ablehnung der Lautdichtung durch Kritiker und umreißt das Ziel der Arbeit, die Gattung als legitimen Bestandteil der Lyrik zu verteidigen.
2 Definition: Dieses Kapitel definiert Lautpoesie über den Verzicht auf Wörter als Bedeutungsträger sowie durch die methodische Komposition von Sprachlauten und deren akustische Realisation.
3 Interpretationen: Hier werden die theoretischen Ansätze der Lautdichtung anhand konkreter Analysen von Christian Morgensterns "Das große Lalulā" und Hugo Balls "Karawane" auf die Praxis angewendet.
3.1 Christian Morgenstern: Das große Lalulā: Das Gedicht wird als parodistisches Spiel mit traditionellen formalen Strukturen analysiert, bei dem der scheinbare Sinnverlust zur künstlerischen Befreiung der Lautgebilde führt.
3.2 Hugo Ball: Karawane: Dieses Kapitel zeigt auf, wie Ball durch Onomatopöie und Lautsymbolik einen Imaginationsraum schafft, der die durch Kriegspropaganda korrumpierte Sprache kritisiert und neue ästhetische Ausdrucksweisen sucht.
4 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die untersuchten Werke nicht auf Sprachunvermögen, sondern auf hoher künstlerischer Fertigkeit basieren und sowohl als parodistisches Element als auch als Instrument der Sprachkritik ihre Daseinsberechtigung haben.
Schlüsselwörter
Lautdichtung, Lautpoesie, Dadaismus, Christian Morgenstern, Hugo Ball, Karawane, Das große Lalulā, Sprachkritik, Onomatopöie, Lautsymbolik, Lyrik, Versstruktur, Semantik, Imagination, Sprachkunst
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Lautdichtung, einer literarischen Form, die bewusst auf semantische Sinnzusammenhänge verzichtet und Sprache primär als Klangereignis und Lautkomposition begreift.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die theoretische Definition der Lautpoesie, ihre historische Verankerung im Dadaismus sowie die ästhetische und sprachkritische Analyse spezifischer Lautgedichte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist der Nachweis, dass Lautdichtung kein bloßes Unvermögen oder "infantile Regression" darstellt, sondern eine ernstzunehmende, handwerklich fundierte Gattung der Lyrik mit eigener Berechtigung.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine textimmanente Analyse in Verbindung mit einer kontextuellen Betrachtung, um die formalen Strukturen und den intendierten Einsatz von Lautsymbolik zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Definition der Gattung und eine vertiefende Interpretation der gegensätzlichen Ansätze von Christian Morgenstern und Hugo Ball.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Lautpoesie, Dadaismus, Sprachkritik, Onomatopöie und künstlerische Fertigkeit beschreiben.
Warum wird "Das große Lalulā" nicht als reine Anarchie betrachtet?
Obwohl es semantisch sinnleer ist, nutzt Morgenstern sehr traditionelle lyrische Mittel wie Versmaß, Kreuzreime und Alliterationen, was für eine bewusste, spielerische Konstruktion spricht.
Inwiefern ist Hugo Balls "Karawane" ein Ausdruck von Sprachkritik?
Ball wollte eine Abkehr von der durch den Krieg und Journalismus verdorbenen bürgerlichen Sprache erreichen und suchte in der Lautpoesie einen "reinen" Ausdruck, der nicht zur Manipulation missbraucht werden konnte.
Welche Rolle spielt die "akustische Realisation" bei Lautgedichten?
Sie ist essentiell, da bei vielen Lautgedichten erst durch den Vortrag, die Klangfarbe und die Tonlänge die beabsichtigten Assoziationen und Bilder beim Hörer geweckt werden.
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- Peter Schumacher (Author), 2007, Die Bedeutung der Lautgedichte für die Lyrik. Christian Morgensterns "Das große Lalula" und Hugo Balls "Karawane", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72727