Handeln nach Träumen - Überlegungen zu den narrativen Funktionen von Träumen in ausgewählten Beispielen der höfischen Epik


Magisterarbeit, 2005

80 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Definition der verwendeten Begriffe
1.2. Einleitende Gedanken zu Träumen in epischen Texte
1.3. Vorgehensweise

2. Klassifizierung der Träume
2.1. Der Traum teilt dem Publikum Wissen mit
2.1.1. Ignoranz gegenüber dem Traum
Wolfram von Eschenbach: Parzival
Der Traum Parzivals
Fazit
2.2. Der Traum teilt der Figur Wissen mit
2.2.1. Der Traum als auslösendes Moment
Moriz von Craûn
Fazit
2.2.2. Der Traum als Aufklärer
Gottfried von Straßburg
Der Traum Marjodos
Fazit
2.3. Der Traum teilt Publikum und Figur gleichzeitig Wissen mit
2.3.1. Sowohl Reaktion als auch Ignoranz
Wernher der Gartenære: Helmbrecht
Erster Traum
Zweiter Traum
Dritter Traum
Vierter Traum
Fazit
2.3.2. Ängstigung und Handlung
Nibelungenlied
Erster Traum (Falkentraum)
Zweiter Traum
Dritter Traum
Fazit
2.3.3. Verstehendes Ignorieren
Der Traum der Herzeloyde
Fazit
2.3.4. Glückverheißende Träume
Wiener Genesis
Erster Traum Josephs
Zweiter Traum Josephs
Der Traum des Mundschenken
Fazit

3. Zusammenfassung
3.1. Forschungsausblick

4. Bibliographie
4.1. Abkürzungsverzeichnis
4.1. Texte
4.2. Untersuchungen

1. Einleitung

Die Menschheit ist seit Jahrtausenden von Träumen fasziniert. Bereits in der Antike hat man Traumforschung betrieben und Menschen wie beispielsweise Aristoteles oder Macrobius haben versucht, Ursache und Bedeutung von Träumen zu erklären. Denn die nächtlichen Bilder begeisterten und verwirrten die Menschen und das Bedürfnis ihres Verständnisses war groß. Damals wie heute.

Diesen Umstand haben sich bereits unzählige Literaten zunutze gemacht und Träume literarisch verwendet. Die Erzähler des Hochmittelalters bilden dabei keine Ausnahme. Deren Texte sollen in vorliegender Arbeit im Mittelpunkt stehen.

Bei literarischen Figuren - wie im Übrigen auch bei historischen Menschen - führen die nächtlichen Botschaften manchmal zu einem bestimmten Handeln, was sich in der Doppeldeutigkeit der gewählten Überschrift „Handeln nach Träumen“ niederschlagen soll: zum einen ist die Bedeutung „gemäß“ Träumen gemeint und zum anderen die von „zeitlich nach“ Träumen. Die Akteure in epischen Texten träumen natürlich immer aus einem bestimmten narrativen Grund, was ihre Träume stets bedeutungsvoll macht. Aber interessanterweise wird sich zeigen, daß das nicht gleichbedeutend mit dem Zwang zur Handlung der Figuren ist. Zeitlich nach den Träumen handeln sie natürlich alle, die Erzählung geht schließlich weiter. Aber gemäß den Träumen verhalten sich nicht alle Akteure, wie noch zu erläutern sein wird.

Es würde im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen, auf Traumtradition und Traumtheorie näher einzugehen. Denn der Traum beschäftigt den Menschen seit der Antike und es sind unzählige Arbeiten dazu entstanden, sodaß vorliegende Arbeit keinen neuen Beitrag dazu leisten kann und will.1 Auch ist es sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, in einem kleinen Rahmen die komplexen Verbindungen zwischen den Träumen in der mittelalterlichen Literatur und Traumbüchern sowie Traumtheorie darzustellen.2 Daher habe ich beschlossen, den Schwerpunkt für diese Arbeit auf die fiktiven Träume in epischen Texten des Hochmittelalters zu legen, wobei Darstellung und narrative Funktion des Traumes sowie Reaktion der Figur(en) die größte Rolle spielen. Vor allem das Verhalten der Akteure soll genau analysiert werden. Die Fragestellungen zu solch einem Thema sind natürlich mannigfaltig - man denke nur an die Tradition der Traummotive oder die Intention des Erzählers, mit Träumen gesellschaftliche oder politische Mißstände anzuprangern -, doch kann schließlich nur ein kleiner Einblick gewährt werden, welcher hier vor allem auf die Figurenreaktion nach einem Traum abzielen wird.

In jedem einzelnen der ausgewählten Werke ist der Umgang der Figuren mit dem Traum ein anderer. Über diese Unterschiede wurde auch die Auswahl der hier untersuchten Texte getroffen. Es wird sich zeigen, daß die prophetische Funktion jeder Traum in den hier ausgewählten epischen Texten des Hochmittelalters hat - denn alle Texte stammen aus dieser Zeit -, aber die zweite Funktion, die Reaktion der Akteure, hat spannende nuancierte Verschiebungen, die in einer hier unternommenen Unterteilung deutlich werden sollen. Es soll also nicht bei dem schlichten generellen Urteil, daß alle Träume prophetischen Charakter haben, bleiben, sondern die Vielfalt ihrer Bedeutung und Folgen untersucht werden. Auch bildet sich das Spannungsmoment solcher Träume ja gerade aus dem Kontrast zwischen der Gewißheit, was geschehen wird, und der Ungewißheit, wann und wie es geschehen wird.

Die vorgenommene Auswahl der Texte begründet sich neben ihrer Zugehörigkeit zur epischen Dichtung zum einen durch deren einheitliche Entstehungszeit im 12. und 13. Jahrhundert und zum anderen durch die stets unheilverkündenden Träume. Alle Figuren in den hier ausgesuchten Epen träumen von bösen Ereignissen (zum Beispiel der alte Helmbrecht von der Verstümmelung seines räuberischen Sohnes), schrecklichen Schicksalen (zum Beispiel Herzeloyde von ihrem eigenen grausamen Tod durch das Fortgehen ihres Sohnes) und fatalen Umständen (zum Beispiel Moriz von der undankbaren Gesinnung seiner angebeteten Gräfin). Um diesem Grausen ein konträres Gegenstück bieten zu können, wurde beschlossen, einen Text mit in die hier behandelten Stücke aufzunehmen, der verheißungsvolle und beruhigende Träume bietet: die beiden Träume Josephs und der Traum des Mundschenken, enthalten in der Wiener Genesis. Auch in ihrer Entstehungszeit bildet dieses Werk eine Ausnahme, was den bewußten Abstand zu den anderen ausgewählten Texten noch vergrößert.

1.1. Definition der verwendeten Begriffe

Gleich zu Beginn stellte sich die Frage, wie man den Traum einer Figur charakterisieren und diesen Begriff deutlich von anderen, wie zum Beispiel dem der Vision, trennen kann.

Schon beim ersten Sichten der ausgewählten Texte zeigte sich, daß vom Erzähler beziehungsweise bei Traumbeschreibungen durch die Figur selbst deutlich gemacht wird, daß es sich um einen Traum während des Schlafes handelt, zum Beispiel durch die Verwendung der Vokabel troum3 beziehungsweise deren grammatikalische Formen. Hier sind also literarische Figuren dargestellt, die wie der mittelalterliche Mensch - genauer gesagt: der Mensch aller Epochen - Träume während des natürlichen Schlafes haben und sich nach dem Erwachen Gedanken über diese Traumbilder machen - oder eben auch nicht, wie noch zu zeigen sein wird. Dies ist ein Zeichen dafür, daß literarische Akteure so lebensnah wie möglich dargestellt wurden, damit sich das Publikum mit ihnen identifizieren konnte. Denn Literatur sollte - nach dem bekannten Leitspruch - erfreuen und nutzen, delectare et prodesse.4 Um glaubhaft sein zu können, müssen die vom Erzähler erfundenen Träume möglichst den persönlich vom Publikum gemachten entsprechen. Doch darüber hinaus sollen solche fiktiven Träume natürlich auch einem bestimmten literarischen Sinn dienen und müssen daher vom Rezipienten entschlüsselt werden können.5

Der oft verwendete Begriff des Erzählers meint stets den Ich-Erzähler in den Texten. Aber da es bekannt ist, daß die mittelalterlichen Literaten nicht so genau trennten zwischen dem Ich in den Texten und ihnen selbst als historische Personen, können oftmals beide gemeint sein. Die Erzähler hörten die Geschichten irgendwo, veränderten sie mehr oder weniger und erzählten sie neu, um die alten Stoffe den Menschen in neuem spannendem Gewand bieten zu können.

Wenn von eben diesen Konsumenten der Erzählungen die Rede ist, wird häufig die Umschreibung „Publikum“ verwendet werden. Damit sind sowohl der mittelalterliche Zuhörer wie auch der neuzeitliche Leser gemeint, also alle Menschen, die Kenntnis von diesen Texten haben / hatten beziehungsweise sich in irgendeiner Form mit diesen beschäftig(t)en.

Der bereits in der Überschrift vorliegender Arbeit auftauchende Begriff der narrativen Funktionen meint stets die erzählende Funktion des Traumes, zielt hier also auf den Zweck des Figurentraums und dessen Folgen für die gesamte Dichtung sowie damit korrespondierend auf die Reaktionen der Akteure.

1.2. Einleitende Gedanken zu Träumen in epischen Texten

So alt wie das Interesse an den realen menschlichen Träumen ist natürlich auch das an der Bedeutung der fiktiven Träume in literarischen Texten. Jedoch hat die Beschäftigung mit der Forschungsliteratur ergeben, daß der Schwerpunkt meist auf der Traumtradition liegt. Fragen nach der Herkunft des jeweiligen Traumbildes einer Figur und vergleichbare Textstellen aus anderen Werken und zum Teil auch Texten anderer Epochen erschienen den Forschern stets relevant. Präziser wird sich dies noch bei den Interpretationen der einzelnen Werke zeigen, wenn auf die vorhandene Forschungsliteratur näher eingegangen wird. Für mich ist dies Grund genug, einmal den Reaktionen der Figuren auf diese Traumbilder genauere Beachtung zu schenken und Fragen nach früheren Deutungen zu vernachlässigen. Um ein möglichst breites Spektrum von Reaktionen zu erhalten, wurden gerade die Werke ausgewählt, die recht unterschiedliches Figurenverhalten aufzeigen. Es sei nicht bestritten, daß es noch mehr Texte mit aus Träumen resultierenden interessanten Figurenreaktionen gibt, aber aufgrund des recht geringen Rahmens einer Magisterarbeit wurde die Auswahl auf vierzehn Träume beschränkt.

Als recht spannend stellt sich immer die Frage dar, was gewesen wäre, wenn die Figur den Traum nicht oder nicht in der Form oder zu anderer Zeit gehabt hätte. Aber dies ist leider nicht zu beantworten, da der Text nun einmal in dieser einen Form vorliegt und nicht anders. Daher wird das Verhalten der Akteure mit den aus dem Traum gewonnenen Einsichten im Mittelpunkt der Betrachtung stehen.

Der Begriff der epischen Vorausdeutung bedarf einer genaueren Betrachtung. Es wurde bereits festgestellt - und wird noch bewiesen werden -, daß alle in vorliegender Arbeit untersuchten Träume prophetischen Charakter haben, also eine epische Vorausdeutung sind. Alfred Gerz hat Rolle und Funktion der Vorausdeutung in einer sehr umfangreichen Studie untersucht, in der er in objektive und subjektive epische Vorausdeutung6 unterteilt, wobei Traumdeutungen und Prophezeiungen zu ersterem gehören und in seiner Studie aber leider aufgrund „äußere[r] Gründe“ außen vor gelassen wurden.7 Dennoch kann aufgrund seiner Ausführungen festgehalten werden, daß unter epischer Vorausdeutung „jede bewußte oder unbewußte Voraussage oder Vorausdeutung eines später folgenden epischen Ereignisses oder eines epischen Ergebnisses von irgendeinem Verlaufspunkt des epischen Geschehens aus“8 verstanden wird. Träume bilden also eine Verlaufs- oder Lösungshypothese, die den tatsächlichen Verlauf und das Ergebnis noch offen läßt und damit eine Erwartung beim Publikum erweckt.9

Doch verwendet der Erzähler zweierlei Vorausdeutungen, um das Publikum auf den weiteren Verlauf seiner Geschichte vorzubereiten. Zum einen kann eine Figur Vorausdeutungen geben in Form von Warnungen, Ahnungen oder eben Träumen. Dies geschieht auf der Ebene der erzählten Welt und der dargestellten Akteure in der in sich geschlossenen Handlung. Und zum anderen kann der Erzähler in seiner Allwissenheit hervortreten und auf spätere Ereignisse hinweisen, wobei die handelnden Figuren gelobt oder verurteilt, also allgemein bewertet, werden können. Burghart Wachinger macht mit Verweis auf das Nibelungenlied darauf aufmerksam, daß diese beiden Ebenen sich nicht wirklich ganz trennen lassen.10 Aber da es in vorliegender Arbeit um Träume von Protagonisten gehen wird, ist hierfür nur die erste angesprochene Ebene interessant, die Ebene der erzählten Welt mit den dargestellten Akteuren. Denn diese haben die Träume und nicht der Erzähler.

Die Interpretation der Texte wird zeigen, daß die nächtlichen Botschaften den Figuren das weitere Geschehen meist in allegorisch verschlüsselten Bildern zeigen. Burghart Wachinger nennt diese Erscheinung „Transparenz“: „Das im Vordergrund Dargestellte läßt den Hörer oder Leser auf eine tiefere Bedeutung hindurchschauen.“11 Daß die träumenden Figuren selbst meist nicht richtig hindurchschauen können oder wollen, wird noch deutlich werden.

Das mag auch daran liegen, daß die Träume immer nur ein Ende ankündigen, einen bestimmten Punkt in der Erzählung, ein bestimmtes Ereignis. Aber der Weg hin zu diesem Punkt bleibt verborgen. Es kann den Figuren höchstens gelingen, sich die Zusammenhänge annähernd zusammenzureimen, so wie es zum Beispiel Kriemhild beim letzten Abschied von Siegfried ergeht.12

Hierbei muß auch darauf hingewiesen werden, daß meist Frauen die Warnträume haben, da ihnen auch sonst, nicht nur in der germanischen Tradition, gern die magische Welt zugeordnet wird.13 Der alte Helmbrecht Wernhers des Gartenære bildet hier eine Ausnahme im Gegensatz zu seinem Sohn, der wie alle Männer die Warnungen mißachtet und somit auch einer Tradition folgt.

Die Tradition der Traumbilder ist kaum mehr faßbar: sie können innerliterarisch überliefert, durch mythologisches oder christliches Gedankengut geprägt oder auch auf Traumbücher zurückzuführen sein.14 Aufgrund dieser Unbestimmtheit wird in vorliegender Arbeit - wie gesagt - die Traumtradition und damit auch die mögliche Herkunft der einzelnen Traumbilder vernachlässigt. Auch sind für die Auslegung des Traumes innerhalb der jeweiligen Erzählung traumtheoretische Gesichtspunkte nicht relevant.

1.3. Vorgehensweise

Da Funktion der einzelnen Träume und Figurenreaktion in den zu untersuchenden Werken sehr unterschiedlich sind, erweisen sich die Deutungsvarianten als ebenso vielfältig. Daher soll ein Fragenkatalog Grundlage der Interpretation sein, wobei es gestattet sei, den Schwerpunkt bei den einzelnen Träumen entsprechend der jeweiligen Traumgruppe variabel zu gestalten. Nicht jeder Traum beantwortet jede der Fragen, sodaß manchmal einige der Fragen für die Deutung keine Rolle spielen und dafür andere den Kern bilden werden. Die gesamte Arbeit wird allerdings versuchen, jede dieser Fragen zu beantworten.

Dieser Fragenkatalog nun sieht folgendermaßen aus: Welche Funktion hat der Traum innerhalb der Erzählung? Ist er in dieser Funktion unabdingbar für den Fortgang der Handlung? Lassen sich Träume in Kategorien einteilen oder sind die Arten zu vielfältig oder die Vertreter zu selten? Kann man den Traum als häufiges Phänomen in der mittelalterlichen Epik bezeichnen? Wie stellt sich der Traum dar? Besteht er aus einem einzelnen Bild, das der Träumende sieht, oder folgen mehrere Szenen aufeinander? Wie reagieren die Figuren auf den Traum? Spricht der Träumende darüber oder behält er das Geträumte für sich? Wenn er davon spricht, wie reagieren die anderen Figuren? Wer deutet den Traum? Wird er überhaupt gedeutet oder völlig ignoriert? Welche Bedeutung hat der Traum für den Leser beziehungsweise den Zuhörer? Muß / Kann er ihn selbst deuten oder tun das die handelnden Figuren? Wie verhält sich der Erzähler? Deutet er den Traum oder sind die Figuren immer in der Lage, die Traumbotschaften selbst richtig zu verstehen?

All diese Fragen - und sicher noch mehr, wie sich anhand der einzelnen Interpretationen zeigen wird - stellen sich, wenn man sich mit den Träumen in Texten der höfischen Epik beschäftigt, wobei - wie gesagt - nicht alle Fragen immer beantwortet werden können. Aufgrund der einzelnen, untereinander getrennten Werke kann es leider passieren, daß auch der Fortgang der Argumentation nicht immer lückenlos aufrecht erhalten werden kann, da bei jedem neuen Werk auch neue Fragen und Probleme auftauchen.

Die Literaturangaben in den Fußnoten sind immer nur mit den Kurztiteln und den entsprechenden Seitenzahlen angegeben. Genaue Informationen zu der jeweiligen Untersuchung finden sich dann in der Literaturliste am Ende der Arbeit. Nur, wenn auf eine Untersuchung bloß kurz verwiesen wird, befindet sich die genaue Literaturangabe direkt in der Fußnote. Die Zahlen in Klammern hinter den Zitaten zeigen die entsprechende Vers- oder Strophennummer des eben zu interpretierenden Werkes an, dessen Ausgabe im Literaturverzeichnis näher bestimmt ist.

Auf einen allgemein gehaltenen Forschungsbericht soll verzichtet werden, da keine Arbeiten mit gleicher Zielsetzung auffindbar waren. Die herangezogenen Untersuchungen behandeln meist die Träume nur einzelner Werke, oftmals mit anderen Schwerpunkten. Daher wird darauf in den Kapiteln zu den entsprechenden Texten explizit hingewiesen.

2. Klassifizierung der Träume

Im nun folgenden Hauptteil der Arbeit werden die Träume in unterschiedliche Klassen eingeteilt und die ausgewählten Werke unter diesen Gesichtspunkten interpretiert. Hierzu wurden drei Gruppen festgelegt, die nochmals unterteilt sind.

Klaus Speckenbach spricht in seinem bereits angesprochenen Aufsatz „Von den troimen“ von drei Traumtypen: erstens der von äußeren Einwirkungen beeinflußte Traum, der sich literarisch als wenig verwendbar erweist, zweitens die bewußte Täuschung durch einen Traum und drittens der mantische Traum.15 Für vorliegende Arbeit soll nur die letzte

Gruppe ausschlaggebend sein, da die Träume in den hier untersuchten epischen Werken sich im weiteren Verlauf der Erzählung immer als prophetisch erweisen. Daß dem so ist, läßt sich mit der im Mittelalter verbreiteten Traumtheorie begründen. Man kannte zu dieser Zeit wahr werdende Träume nur als gottgegebene, auch wenn in der weltlichen Dichtung die göttliche Herkunft allegorischer Träume nicht betont wird.16 Auch wird in der Traumtheorie oftmals darauf hingewiesen, daß die Deutung eines allegorischen Traumes nur ein Kundiger vornehmen kann. Doch dies wird in den epischen Texten nur gestreift beziehungsweise gar nicht erwogen, wie sich bei den einzelnen Interpretationen noch genauer zeigen wird.

Es sei nochmals explizit gesagt: alle Träume in den hier untersuchten epischen Werken erweisen sich als in der Handlung vorausdeutend. Die - meist allegorisch verschlüsselten - Traumbotschaften künden von Ereignissen und Zuständen, die mehr oder weniger später in der Handlung der Erzählung tatsächlich so eintreten. Aber die spannende Variation liegt in den Funktionen der Träume und vor allem im Umgang der handelnden Figuren mit dem Traum.

Da Träume durch diesen prophetischen Charakter immer Wissen mitteilen, soll diese Wissensvermittlung Grundlage für die grobe Einteilung der Träume sein: die Traumbotschaft kann dem Hörer beziehungsweise dem Leser, also dem Publikum, Wissen mitteilen oder den Akteuren oder auch diesen beiden gleichzeitig. Somit läßt sich bereits eine Frage aus oben angeführtem Fragenkatalog beantworten: Träume können in Kategorien eingeteilt werden, obwohl sie sehr viele unterschiedliche Funktionen und Folgen haben. Hier wurde als Entscheidungskriterium die Wissensvermittlung gewählt. Vorliegende Arbeit schafft es leider nur, für jede gefundene Kategorie ein einzelnes Beispiel zu untersuchen, was nicht bedeutet, daß sich für die einzelnen Traumgruppen keine weiteren Beispiele finden ließen.

2.1. Der Traum teilt dem Publikum Wissen mit

Mit dieser Gruppe der Träume wird hier begonnen, weil sie die kleinste der hier geschaffenen ist. Daran zeigt sich, daß ein Traum in einem Text der höfischen Epik selten allein dem Publikum dient. Fast immer erfährt der Konsument der Erzählung gemeinsam mit den Figuren durch die Träume deren weiteres Schicksal. Wichtig ist hierbei aber, daß dieses Erfahren von Wissen nicht mit der Reaktion auf einen Traum gleichzusetzen ist. Dieser Punkt wird im Verlauf vorliegender Untersuchung noch nähere Bedeutung erlangen.

Hier nun hat der Protagonist einen Traum, deren Botschaft er nicht erkennt oder nicht erkennen will und sich aus diesem Grund nicht mit den Traumbildern auseinandersetzt, wodurch die Traumerzählung nur für das Publikum von Bedeutung ist. Denn es allein kann mit den Traumbildern arbeiten und sie in den Kontext einfügen. Daran zeigt sich die Tradition, daß die mittelalterlichen Erzähler die Weissagungen der Träume als poetisches Mittel der Vorausdeutung nutzen, welches die Zukunft der Geschichte mit Schauder überziehen und die Unwissenheit der Figuren bloßstellen konnte. Träume setzten den Hörer beziehungsweise Leser ins Bild und überließen die Akteure dem Schicksal.17

2.1.1. Ignoranz gegenüber dem Traum

Ein Traum, der nur dem Publikum dienlich sein soll, darf natürlich von der Figur nicht beachtet werden. Im Falle Parzivals stellt sich dies so dar, daß der Protagonist seinen Traum beim Erwachen in keiner Weise reflektiert und dies auch im weiteren Fortgang der Handlung so bleibt.

Wolfram von Eschenbach: Parzival

Der „Parzival“ Wolframs von Eschenbach gehört natürlich in den Kreis der hier untersuchten Texte. In den ersten Jahren des 13. Jahrhunderts - zwischen 1200 und 1210 - entstanden, ist es eines der wohl bekanntesten und am häufigsten untersuchten Epen des Hochmittelalters. Über Wolfram von Eschenbach ist weitgehend nur das bekannt, was er über sich selbst in seinen Werken verrät, jedoch wird er als lebensvoller, kenntnisreicher und weitgereister Mensch eingeschätzt. Sein „Parzival“ gehört zu den wirkungsvollsten Epen des deutschen Hochmittelalters, was sich vor allem in dessen Fülle der Überlieferung in 75 vollständigen Handschriften und Bruchstücken zeigt.18

Ein Überblick über die wissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Text läßt sich nur noch mit großer Mühe behalten. Dabei verwundert es um so mehr, daß die beiden im „Parzival“ auftauchenden Träume in der Forschung eine recht kleine Rolle spielen.19 Mit dem Traum Herzeloydes (103,25-104,30) beschäftigten sich bereits einige Forscher, aber zum Traum Parzivals (245,1-245,18) ließ sich kaum etwas finden.

Der Traum Parzivals

Als erstes soll hier der Traum des Helden Parzival (245,1-245,18) untersucht werden. Dieser Traum befindet sich im fünften der insgesamt sechzehn Bücher des „Parzival“, das den ersten Besuch des Helden in der Gralsburg und seine versäumte Frage an Anfortas und den Rest der Gralsgemeinschaft behandelt. Wie bereits oben angemerkt, ließ sich keine ausführliche Interpretation dieses Traumes finden. Die Forscher scheinen in der Traumbotschaft Parzivals keine große interpretatorische Herausforderung zu sehen. Daß sie tatsächlich vergleichsweise schnell gedeutet ist, wird sich gleich zeigen. Parzival träumt:

sus wart gesteppet im sîn troum mit swertslegen umbe den soum, dervor mit maneger tjoste rîch (245,9-11).

Und diese Kämpfe sind keine leichten, denn er leit in slâfe etslîche nôt (245,13), sodaß er [möhte] drîzecstunt sîn tôt, daz hete er wachende ê gedolt: sus teilte im ungemach den solt (245,14-16).

Parzival sieht also in seinem Traum keine Folge von Bildern, sondern nur ein Bild: arabeskenhaft20 umsäumte schwierige Schwertkämpfe.

Der Erzähler macht keinerlei Aussage darüber, wie Parzival zu seinem Traum steht. Er berichtet nur, daß der Held durch nôt (245,18) erwacht und im switzten âdern unde bein (245,19). Doch den nächsten Gedanken, den Parzival hat, gilt seinen Pagen:

we wâ sint diu kint, daz si hie vor mir niht sint? wer sol mir bieten mîn gewant (245,21-23).

Der Traum scheint für ihn also keine nähere Bedeutung zu haben und dessen schauerliche Bilder ihn auch nicht weiter zu beschäftigen. Auch sein Zorn beim Anblick der menschenleeren Burg21 scheint sein Denken nicht auf die Botschaft seines Traumes zu lenken. Erst im späteren Verlauf der Erzählung wird Parzival nach und nach - wohl auch durch die verurteilenden Worte Sigunes22, Cundrîes23 und anderer - klar, daß er berufen ist, die Gralsgemeinschaft zu erlösen. Er ist jahrelang auf der Suche nach âventiure, siegt bei ungezählten Zweikämpfen und gilt schon als ehrenhafter Ritter, bleibt aber weiterhin ruhelos auf der Suche nach der Gralsburg.24

Daß Parzival diesen Traum ausgerechnet in der Nacht seines ersten Besuches auf der Gralsburg hat, ist natürlich kein Zufall. Der Ritter hat am vergangenen Tag versäumt, dem Gralskönig Anfortas die Frage nach seinem Befinden zu stellen, welche ihn und alle Angehörigen der Gralsgemeinschaft von ihrem Leiden erlöst hätte. Doch der junge Parzival ist noch ein zu weltfremder Ritter, um entscheiden zu können, wo Fragen angebracht ist und wo nicht. Daß er keine Lebenserfahrung sammeln konnte, ist in seiner Kindheit in der Einöde und Abgeschlossenheit des Waldes begründet und wurde auch an den wörtlich genommenen Verhaltensregeln seiner Mutter in Minnegepflogenheiten deutlich, als er beispielsweise Jeschute ihren Ring stahl, woraufhin diese lange Leiden ertragen mußte.25 Aus diesen Gründen war er bei der Bewirtung in der Gralsburg der Meinung, es wären keine Fragen angebracht.26 Daß dies ein verheerender Fehler war und Parzival noch viel Leid bringen sollte, konnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Dieser Traum in jener Nacht ist ein erster Hinweis dafür. Der junge Held sieht in seinen Traumbildern viele schwere Kämpfe auf sich zukommen, die ihm leit (245,13) und ungemach (245,16) bringen werden. Hätte er die von der ganzen Gralsgemeinschaft sehnsüchtig erwartete Frage gestellt, wäre er zu unermeßlichem Reichtum und großer

Ehre gekommen.27 Da er das Fragen aber unterließ, muß er weiter durch die Welt ziehen und viele schwierige Kämpfe mit anderen Rittern ausfechten und gewinnen, um ein ehrenhaftes Leben führen zu können.

Ob Parzival jemals über seinen Traum und dessen Botschaft nachdenkt, erwähnt Wolfram nicht. Dies legt den Gedanken nahe, daß Parzivals Traum „nur“ ein Hinweis für den Leser beziehungsweise den Zuhörer sein soll. Dieser scheint einen Ausblick auf das weitere Leben und Kämpfen des Helden zu bekommen, was auch diesem Traum prophetischen Charakter verleiht. Aber Parzival ignoriert den Traum völlig. Es findet sich im Text kein Hinweis, ob er mit jemandem über den Traum sprach und auch seine Gedanken beschäftigen sich nicht mit den Traumbildern.

Das Publikum erfährt also durch Parzivals Traum, daß dieser noch viele schwere Kämpfe vor sich hat, erfährt aber nicht, ob der Held siegreich sein wird, denn der Traum gibt darüber keine Auskunft. Im Gegenteil, es wird mehrmals betont, daß Parzival leidet. Schließlich erwacht er schweißüberströmt und wollte lieber wachend mehrmals den Tod erleiden. Dies macht wohl den großen Schrecken, den der Traum verursacht, sehr deutlich. Der Spannungsbogen wird also trotz Vorhersage des weiteren Geschehens vom Erzähler mühelos aufrechterhalten.

Fazit

Der junge Parzival versteht also die Bedeutung seines Traumes schlicht nicht und versucht, die nächtlichen Bilder schnell abzuschütteln, indem er keinen weiteren Gedanken an den Traum verschwendet und sich sofort nach dem Erwachen mit dem Verschwinden aller Bewohner der Burg beschäftigt.28 Dies kann wohl nur als Ignoranz gegenüber diesem Traum gewertet werden. Daß Parzival bei weitem nicht die einzige literarische Figur ist, die so handelt, wird sich noch zeigen. Eine eigene Gruppe bildet sein Traum aber dennoch, da allein das Publikum hier Wissen vermittelt bekommt bei gleichzeitiger Nichtreaktion der handelnden Gestalt. Parzival bleibt aufgrund seiner Ignoranz weiterhin unwissend.

2.2. Der Traum teilt der Figur Wissen mit

Wenn literarische Figuren etwas durch ihre Träume erfahren, was dem Publikum bereits bekannt ist aus Erzählerbemerkungen oder der bisherigen Handlung - aus diesem Wissen erschließt sich der entscheidende Unterschied zu der ersten Gruppe der Traumeinteilung -, dann reagieren diese Figuren immer mit starken Eingriffen in den bisherigen Gang der Erzählung. Hier wird dies deutlich werden an den Beispielen „Moriz von Craûn“ und Gottfrieds von Straßburg „Tristan“.

In beiden hier gewählten Beispielen zeigt sich, daß die Figuren nicht ihre Zukunft vor Augen gehalten bekommen, sondern dank dem aufklärenden Traum einen Einblick in eine Realität gewinnen, die sie seit einiger Zeit versuchen zu ignorieren (Moriz) beziehungsweise nicht wahrnehmen konnten (Marjodo). Der Traum erweist sich also hier als das von Albrecht Classen benannte „extrem amorphe Gebilde“, das alle Richtungen - Vergangenheit, Zukunft und Spiegelung - möglich macht.29 Marjodo und Moriz erleben hier solch eine Spiegelung der Realität durch einen Traum.

Durch diese Erkenntnis ändern die Figuren ihre Einstellung und ihr Tun und bringen damit neuen Schwung in die Handlung. Das allein trennt sie natürlich nicht von den Beispielen, die in der dritten Gruppe der Träume gebracht werden. Sie bilden aber eine eigene Klasse, da ihre Träume Wissen übermitteln, das dem Publikum bereits bekannt ist. Dies wird sich in der letzten Gruppe als nicht gegeben herausstellen. In dieser Gruppe muß mit dem Begriff des prophetischen Traumes etwas vorsichtig umgegangen werden, da die hier vorgestellten Träume nicht direkt vorausdeutend sind, sondern spiegelnd. Jedoch wird vor allem bei Marjodos Traum die Zukunft gespiegelt, denn das Traumgeschehen tritt so - natürlich mit der entschlüsselten Allegorie - auch ein, was dann doch den prophetischen Charakter zeigt. Der in die hier vorgenommenen Unterteilungen etwas schwierig einzuordnende Text des „Moriz von Craûn“ sei hier vor allem als Vergleichsmöglichkeit erkannt.

Die beiden hier unternommenen Unterteilungen der Traumklassen liegen recht nah beieinander. Doch zu der zweiten Gruppe kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu, denn der Traum allein reicht hier nicht aus, um der Figur das nötige Wissen mitzuteilen. Erst mit einer das Traumgeschehen entschlüsselnden und sich direkt anschließenden Beobachtung erschließt sich der Sinn.

2.2.1. Der Traum als auslösendes Moment

Ein Traum in einem Text der höfischen Epik fungiert dann als auslösendes Moment, wenn durch ihn einer handelnden Figur die erzählte Wirklichkeit vor Augen gehalten wird und diese Figur auch bereit ist, die Botschaft des Traumes ernst zu nehmen. Ein solcher Traum ist relevant für die Zäsur in der Handlung der Erzählung, was sich am Beispiel des „Moriz von Craûn“ gut zeigen läßt.

Moriz von Craûn

Die kleine Versnovelle „Moriz von Craûn“ eines unbekannten Erzählers wurde - zusammen mit anderen wichtigen Texten der höfischen Dichtung wie Hartmanns von Aue „Erec“ und Heldenliedern wie dem „Nibelungenlied“ - nur im Ambraser Heldenbuch überliefert. Eine genaue Datierung der Entstehung dieses Textes ist den Germanisten und Mediävisten bisher noch nicht gelungen; die Angaben schwanken zwischen den Jahren 1180 und 1230, wobei man sich heute „trotz aller Unsicherheiten“ auf die Zeit nach 1210/15 geeinigt zu haben scheint.30 Ebenso wie die Benennung der Entstehungszeit bereitet auch die Interpretation des „Moriz von Craûn“ der Forschung einige Schwierigkeiten, da viele verschiedene Deutungsmöglichkeiten zulässig scheinen.31 Hiervon ist der Traum des Protagonisten Moriz, der im Text erwähnt wird, keine Ausnahme.

Es wird von dem tugendhaften Ritter Moriz von Craûn erzählt, der seit langer Zeit schon einer Gräfin dient und um ihre Gunst wirbt, allerdings bisher erfolglos geblieben ist. Bei einer Unterredung mit seiner Angebeteten verspricht diese ihm Erfüllung seiner Wünsche32, wenn er ein besonders aufwendiges Turnier für sie veranstaltet und sich als ihr sieghafter Ritter erweist.33

Moriz schläft nach diesem anstrengenden Turnier zu Ehren seiner angebeteten Gräfin im Schoß deren Zofe ein. Letztere hatte ihm versprochen, ihn rechtzeitig zu wecken, wenn die Gräfin kommt, damit er sich nicht der unhövescheit schuldig mache. Doch die Zofe versäumt dies und so sieht Moriz’ Angebetete ihn schlafend. Enttäuscht und wütend entsagt diese ihm sogleich Gunst und Lohn und verläßt die Kemenate wieder. Als Moriz erwacht, erzählt er der noch immer neben ihm sitzenden Zofe von einem Traum und daß er sô unsanfte (V. 1397) noch nie zuvor geschlafen hätte: ich wânde, mîn vrouwe wære hie | unt wolde niht mîn grüezen (V. 1398f.). Moriz macht sich sofort Gedanken, wie er dies gebüezen (V. 1400) könnte und daß er müsse trûren immer mê (V. 1403), wenn er durch seine schulde (V. 1402) die Gunst seiner angebeteten Gräfin verloren hätte.

Doch gleich darauf wird er von der jammernden Zofe aufgeklärt, daß das Geschehen wie in Moriz’ Traum während seines Schlafens genauso stattgefunden hat und es tatsächlich danach aussieht, daß er die hulde seiner Gräfin verloren hat. Der Ritter macht sofort der Zofe Vorwürfe, daß sie ihn nicht gleich geweckt hat, als seine vrouwe die Kemenate betrat: dô solt ir mich gewecket hân! (V. 1423). Doch gleich darauf sieht Moriz ein, daß sein Werben vergeblich war und sein wird, denn die Gräfin wird sich immer als untreu ihm gegenüber erweisen:

nû hân ich ir unstæte allerêrste rehte bekant.

sô ist mîn dienest unbewant (V. 1428ff.).

Denn nun muß er einsehen, daß seine Angebetete ihn nicht erhören wird, sprichwörtlich nicht einmal im Traum gewährt sie ihm Lohn, also wird sie es nie tun. Aus dieser endlichen Erkenntnis heraus handelt Moriz nun entgegen aller hövescheit. Er kann sich durch die Erklärungen der Zofe die Szene während seines Schlafens vorstellen und die weitere Handlung zeigt, daß ihn dies sehr wütend macht. Denn seine Angebetete hat ihm einmal mehr ihren Lohn versagt, obwohl er sich für sie als tüchtiger Ritter auf einem - wie seine unüberwindbare Müdigkeit zeigt - anstrengenden Turnier erwiesen hat. Daß Moriz keine Schuld durch sein Einschlafen trägt, hat die Forschung schon oft erkannt.34 Denn er hat all ihre Wünsche erfüllt und das ablehnende Verhalten der Dame kann schlicht als Überreaktion gedeutet werden. Denn daß ihr rasches Fortgehen keine

Affekthandlung war, zeigt der lange Minnediskurs35 der Gräfin mit ihrer Zofe, wodurch deutlich wird, daß die vrouwe bewußt und trotz warnenden Worten gegen die Minneregeln verstößt.

Der Ritter hat also Anlaß, erbost über das Verhalten der Gräfin zu sein, ohne den Grund für dieses nur bei sich selbst suchen zu müssen - auch wenn er sein Fehlverhalten einsieht, wie die Worte mîne missetât (V. 1462) zeigen. Auch weist Albrecht Classen darauf hin, daß Moriz sich die Szene genau vor Augen holt: die Gräfin habe sich über den Schlafenden gebeugt und ihn wie „ein Raubvogel sein Opfer“ begutachtet.36 Wenn sich zu dieser Haltung auch keine Hinweise im Text finden - vor den Worten der Gräfin an den schlafenden Moriz steht nur der Hinweis, daß beide Frauen über den müeden man […] sâzen (V. 1264) - und der Vergleich auch zu drastisch wirkt, ist die Szenerie zweifellos demütigend für den Ritter.

Tief in seiner Ehre verletzt und von Rachegelüsten getrieben, dringt Moriz in das Schlafgemach der Gräfin und ihres Mannes ein. Erst jetzt verstößt er gegen die hövescheit.37 Zwischen ihm und der vrouwe kommt es nach Ausschalten ihres Ehegatten zu einer Liebesnacht38, nach der Moriz allerdings der Dame den Dienst aufkündigt, indem er ihr den erhaltenen Ring zurückgibt.39

Hier zeigt sich deutlich das auslösende Moment in Form des Traumes. Durch die Traumbotschaft - in Zusammenhang mit den Worten der Zofe - sieht Moriz endlich die Dinge, wie sie wirklich sind und kann entsprechend handeln, um in seiner Entwicklung als ehrenvoller Ritter fortschreiten und sich zusätzlich an der untreuen Gräfin rächen zu können.40 Hätte der Traum ihm nicht endlich die wahren Verhältnisse vor Augen gehalten - bestätigt durch die Zofe -, hätte er wohl weiterhin einer Dame gedient, die seinen Einsatz nie anerkennen und ihm seinen Lohn gewähren wird. Durch die Gesinnungswandlung des Ritters nimmt die Erzählung also eine entscheidende Wende. Moriz stellt seine Ehre wieder her, indem er der Gräfin ihren Ring zurückgibt41 und wieder nach âventiure und Frauendienst auszieht. Albrecht Classen meint, daß sich Moriz bewußt gegen die Traumbotschaft wehre, da er bereits um das Ende seines Werbens um die vrouwe wisse.42 Doch ist meines Erachtens in seinem Handeln kein Wehren gegen die Botschaft erkennbar. Ganz im Gegenteil, denn Moriz setzt sich mit den neuen Gegebenheiten auseinander und handelt entsprechend: er sagt der untreuen Dame den Dienst auf. Dafür spricht zusätzlich die Verwendung der Vokabel wâne (V. 1394) statt troum. Matthias Lexer spricht unter dem Eintrag wân von einer „ungewisse[n], nicht völlig begründete[n] ansicht od. meinung, [dem] blosse[n] vermuten, glauben, erwarten, hoffen, überh. gedanken, absicht.“43 Dies zeigt deutlich die Doppelbedeutung: zum einen erwacht Moriz aus Schlaf und Traum und zum anderen aus seinem fast illusionären Streben nach immer neuen Wegen, um die Gunst seiner angebeteten Gräfin letztendlich doch noch zu gewinnen.

Dadurch, daß Moriz einen Traum von einem Geschehen hatte, das sich zeitgleich in seiner Gegenwart abspielte, könnte man meinen, daß er in Halbschlaf versunken war und sich nur einbildet, daß es ein Traum war, er in Wirklichkeit aber die Worte der beiden Frauen gehört hat. Doch der Erzähler selbst weist auf die große Erschöpfung seines Protagonisten hin44, wodurch anzunehmen ist, daß er wohl gleich in den Tiefschlaf fiel. Beim Sichten der Forschung unter den Gesichtspunkten dieser Arbeit fällt auf, daß Moriz’ Traum keine Rolle zu spielen scheint. Es waren kaum mehr als nur wenige Sätze dazu zu finden.45 Dies erklärt sich aber aus dem Umstand, daß für die Handlung im „Moriz von Craûn“ nicht der Traum, sondern der Schlaf des Ritters von Bedeutung ist. Denn dieser löst die Katastrophe - Verstoß beider Hauptfiguren gegen hövescheit und Minneregeln - aus. Der Traum des Ritters ist hierbei fast bedeutungslos, was das Desinteresse der Forschung an ihm erklären dürfte. Denn Moriz hätte wohl so oder so der Gräfin den Dienst gekündigt.

[...]


1 Einen sehr interessanten und recht kompakten Überblick über die Entwicklung der Traumforschung gibt beispielsweise Klaus Speckenbach in seinem Aufsatz „Von den troimen“, in dem die Erkenntnisse bekannter Forscher aus vielen Zeitaltern gegenübergestellt werden. Der an Traumtheorie interessierte Leser sei zum Einstieg daher an diesen Aufsatz verwiesen. (Speckenbach: Traum.)

2 Vgl. Kruger, S. 123.

3 Rolf Bräuer weist darauf hin, daß im mittelalterlichen Traumbegriff Fiktionalität, Phantasie und Traum zusammenfielen. Die Vokabel troum entspreche daher sowohl dem heutigen Begriff von Fiktionalität als Erdachtem, Erfundenem als auch einer Verbindung mit einer „emotionalen Dimension“. (vgl. Bräuer, S. 22.)

4 Vgl. Classen, S. 14.

5 Vgl. Speckenbach: bildhafte Rede, S. 421.

6 Burghart Wachinger schätzt diese Unterteilung als „sehr unglücklich“ ein, gibt aber leider keine Gründe dafür an. (vgl. Wachinger, S. 4.)

7 Vgl. Gerz, S. 9-12.

8 Gerz, S. 9.

9 Vgl. Gerz, S. 9. Auch ist Max Wehrli der Meinung, das Publikum „war geschult, auf einen möglichst versteckten Sinn zu achten.“ (Wehrli, S. 28.) In Träumen ließen sich aufgrund ihrer Allegorie hintergründige Andeutungen und vor allem Vorausblicke natürlich gut verstecken.

10 Vgl. Wachinger, S. 5f.

11 Wachinger, S. 31.

12 Vgl. Wachinger, S. 39. Auch Klaus Speckenbach ist der Ansicht, daß die mittelalterlichen Autoren allegorische Träume vor allem wegen ihres prophetischen Charakters erzählen und sich nur zweitrangig für die innere Situation der träumenden Figur interessieren. (vgl. Speckenbach: bildhafte Rede, S. 422.)

13 Vgl. O. Ehrismann, S. 109.

14 Vgl. Speckenbach: bildhafte Rede, S. 441f.

15 Vgl. Speckenbach: Traum, S. 177.

16 Vgl. Speckenbach: Traum, S. 179. Er weist auch weiterhin noch darauf hin, daß selbst die Tatsache, daß die Träume in Dichtungen normalerweise erfundene sind, nichts daran ändert.

17 Vgl. O. Ehrismann, S. 109.

18 Vgl. Parzival, Bd. 2, S. 676f.

19 Rudolf Roßkopf weist in der Einleitung seiner Arbeit darauf hin, daß einige Textstellen im „Parzival“ wohl in ihrer Bedeutung für das Gesamtwerk bisher unterschätzt wurden. Hierzu zählt er unter anderem den Traum Herzeloydes. (Vgl. Roßkopf, S. 2.) Auch fällt bei einem Blick in verschiedene Bibliographien zum Werk Wolframs die Fokussierung der Forschung auf gewisse Textstellen auf. So zum Beispiel auf den Prolog oder die Trevrizent-Episode. So widmet auch Joachim Bumke in seiner sehr ausführlichen Bibliographie zur Wolfram-von-Eschenbach-Forschung Herzeloydes Traum nur wenig Raum. (Vgl. Joachim Bumke: Die Wolfram-von-Eschenbach-Forschung seit 1945. Bericht und Bibliographie. München 1970. S. 289f.)

20 Vgl. Parzival, Bd. 1, S. 417.

21 Nieman er hôrte noch ensach: | ungevüege leit im dran geschach. | daz hete im zorn gereizet (247,5-7).

22 Vgl. 255,2-29.

23 Vgl. 315,26-318,4.

24 Dies zeigt sich beispielsweise in Parzivals nächtlichem und heimlichem Verlassen des Lagers von Artus, Gawan und vielen anderen hoch angesehenen Rittern, um weiter auf der Suche nach âventiure und der Gralsburg zu sein. Seine zu lange Trennung von seiner Geliebten Gattin Condwiramurs belastet sein Herz zusätzlich: got will mîner vröude niht (733,8) und ich will ûz disen vröuden varn (733,20).

25 Beim zweiten Zusammentreffen von Parzival und Jeschute berichtet sie ihm, wie es ihr seit seinem räuberischen Besuch bei ihr ergangen ist: ich hân iuch ê gesehen. | dâ von ist leide mir geschehen (258,5f.).

26 Parzival denkt auch an die Worte seines Lehrmeisters: mir riet Gurnamanz | mit grôzen triuwen âne schranz, | ich solte vil gevrâgen niht (239,11-13). Doch auch der Erzähler verurteilt Parzival hier wegen seines Schweigens: ôwê daz er niht vrâgte dô (240,3).

27 Sigune nennt Parzival den Lohn des Befreiers der Gralsgemeinschaft, als sie annimmt, er habe die Frage gestellt: lâ hoeren liebiu maere. | ob wendec ist sîn vreise, | wol dich der saelden reise! | wan swaz die lüfte hânt beslagen, | dar ob muostu hoehe tragen: | dir dienet zam unde wilt, | ze rîcheit ist dir wunsch gezilt (252,2-8).

28 So sieht dies beispielsweise auch Albrecht Classen, der Parzivals Nichtbeschäftigung mit den nächtlichen Bildern mit dem modernen Umgang mit Alpträumen vergleicht. (vgl. Classen, S. 21.)

29 Vgl. Classen, S. 13.

30 Vgl. Moriz, S. 166.

31 Albrecht Classen gibt im Nachwort seiner „Moriz von Craûn“-Ausgabe einen interessanten Überblick über die zum Teil sehr divergenten Interpretationen der einzelnen Forscher. (Vgl. Moriz, S. 170.) Tobias Bulang spricht beispielsweise vom Problem der Interpreten, ob der Text als durchgehend komisch oder ernst zu bewerten sei oder welche der beiden Hauptfiguren - Moriz und die Gräfin - sich schuldig macht. (vgl. Bulang, S. 211 und 222.)

32 ir hât mir allez iuwer leben | gedienet wol unde alsô vil, | daz ich ius gerne lônen wil. […] daz ist mîn wille manegen tac: | ich wil iu lônen, alse ich mac. (V. 578ff.; 585f.)

33 ‚nim einen turnei vür die stat, | daz ich den eines hie gesehe. | nû vüege, dazz alsâ geschehe, | wan ich gesach deheinen nie. | wis ouch dû mîn ritter hie; | ich wil dir lônen, ob ich kan.’ (V. 598-603.)

34 So zum Beispiel von Borck, der Moriz’ Einschlafen als „verständlich“ bezeichnet. (vgl. Borck, S. 121.) Auch Kurt Ruh ist der Meinung, daß selbst der Schlaf des Ritters die Dame nicht von der eingegangenen Verpflichtung befreit. Er sieht das Minneverbrechen eindeutig bei der Gräfin. (vgl. Ruh, S. 158.)

35 Auf diesen soll hier nicht näher eingegangen werden, da er für die weitere Entwicklung nicht relevant genug ist. Zusammenfassend für diesen Diskurs kann man mit den Worten Tobias Bulangs, daß „Gräfin und Zofe im Grunde von zwei verschiedenen Öffentlichkeiten sprechen, einer nämlich, die unterlassene Affektkontrolle sanktioniert, und einer anderen, die nicht eingelöste Lohnversprechen bestraft“. (vgl. Bulang, S. 225.)

36 Vgl. Moriz, S. 131.

37 Borck, S. 121, weist darauf hin, daß erst dies der Punkt ist, an dem man beiden, Ritter und Dame, den Vorwurf der unhövescheit machen kann: Moriz bricht mit seinem Eindringen in das Schlafgemach und dem Lohnraub dieses Gesetz und die Gräfin mit Lohnverweigerung und Wortbruch.

38 Die Forschung hat hierin oftmals eine Vergewaltigung der Gräfin durch Moriz gelesen (vgl. Bulang, S. 228.), was aber nicht den Tatsachen entspricht, da die Gräfin im Bett der aktive Part ist: sî kuste in unde kuste in aber. | dehein antwurt engab er, | swes sî in gevrâgete. | dô sie des betrâgete, | sî begreif in mit den armen. | nû begunde ouch er erwarmen | unde tete der vrouwen ichn weiz waz (V. 1609-1615.).

39 Über Sinn und Unsinn dieses Endes der Minnehandlung ist sich die Forschung noch nicht einig. Einen Überblick über die Meinungen zu diesem Handlungszweig gibt zum Beispiel Classen: Spiel, S. 373. Es würde im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen, näher darauf einzugehen.

40 Tobias Bulang spricht in seinem Aufsatz mehrfach über den ambivalenten Charakter des Ritters Moriz und daß er als „Kippfigur“ angelegt sei. (vgl. Bulang, S. 210f., 220.)

41 Er sprach: ‚nemet wider iuwer golt, | ich wil iu nimmer werden holt. | ir sît unverwizzen! (V. 1625ff.)

42 Vgl. Classen, S. 31.

43 Lexer, Bd. 3, Sp. 668.

44 Bei Moriz’ Einschlafen entschuldigt der Erzähler seinen Protagonisten mit vorhergehenden langen Nächten und dem nun folgenden natürlichen Schlafbedürfnis: ez was im alsô gewant: | er hâte manege lange naht | dâ vor sô ofte gedâht, | wie er sîn schif vertæte, | daz er des êre hæte, | des er sô künstlîchen pflac (V. 1248-1253).

45 Selbst in Aufsätzen, die sich einer Gesamtinterpretation des „Moriz von Craûn“ widmen, wird der Traum kaum oder gar nicht erwähnt. So zum Beispiel bei Ruh, Borck und Classen: Spiel.

Ende der Leseprobe aus 80 Seiten

Details

Titel
Handeln nach Träumen - Überlegungen zu den narrativen Funktionen von Träumen in ausgewählten Beispielen der höfischen Epik
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
80
Katalognummer
V72802
ISBN (eBook)
9783638628341
ISBN (Buch)
9783638689267
Dateigröße
869 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Handeln, Träumen, Funktionen, Beispielen, Epik
Arbeit zitieren
Magistra Artium Jenny Ebert (Autor), 2005, Handeln nach Träumen - Überlegungen zu den narrativen Funktionen von Träumen in ausgewählten Beispielen der höfischen Epik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72802

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