Analyse der Push- und Pull-Faktoren der Migration


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

29 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Anreize zur Migration
2.1 Politische Wanderungsfaktoren
2.2 Gesellschaftliche Wanderungsfaktoren
2.3 Ökonomische Wanderungsfaktoren
2.4 Demographische Wanderungsfaktoren
2.5 Ökologische Anreize

3. Kriterien für die Auswahl des Einwanderungslandes
3.1 Migrationstheorie
3.2 Einkommen als Auswahlkriterium
3.3 Monetäre Wanderungskosten
3.4 Nicht monetäre Wanderungskosten
3.5 Postkoloniale Auswahlkriterien und kulturhistorische Verwurzelungen
3.6 Einwanderungspolitik des Ziellandes
3.7 Auswahl des Einwanderungslandes als Gruppenentscheidung

4. Auswirkungen der Migration auf die Entwicklungschancen in den Abwanderungsländern
4.1 Das Phänomen “Brain Drain“ aus theoretischer Sicht
4.2 Brain Gain/ Brain Circulation (Das Indien-Kalifornienbeispiel)
4.3 Migration als Devisenbringer
4.4 Demographische Auswirkungen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis:

Abb. 1: Bewertung der Faktoren auf die Migrationentscheidung (bzgl. der Befragung pakistanischer IT-Hochschulabsolventen)

Abb. 2: Rücküberweisungen als wichtige Quelle für externe Finanzierung von Entwicklungsländern

Abb. 3: Empfängerländer der Rücküberweisungen von Emigranten

Abb. 4: Bewertung der Faktoren auf die Migrationentscheidung (bzgl. der Befragung indischer IT-Hochschulabsolventen)

1. Einleitung

"Ich denke, dass unser Jahrhundert, wenn es einmal einen Namen bekommen wird, das Jahrhundert der Flüchtlinge genannt werden wird ...".

(Heinrich Böll, 1980)

Auch am Anfang des 21. Jahrhunderts fällt es schwer, diese Aussage zu widerlegen. Vor dem Hintergrund der vielfältigen und vielschichtigen Entwicklungsprobleme in den Entwicklungsländern nimmt die Zahl der Migrationswilligen in diesen Ländern weiterhin zu. Die sich verschärfende Kluft zwischen reichen und armen Ländern trägt dazu bei, dass die Anziehungskraft der wohlhabenderen Länder auch in nächster Zeit eher ansteigen als nachlassen wird (Vgl. United Nations Development Programme, 1999).

Einerseits herrscht allgemeiner Konsens, dass Defizite im Humankapital eine der Hauptursachen dafür ist, dass arme Länder arm bleiben (Vgl. Stark, 2003, S.2). Andererseits weist der jährliche Weltbankbericht Global Economic Prospects für 2006 darauf hin, dass internationale Migration zu erheblichen Wohlfahrtssteigerungen für Migranten und deren Familien, sowie für deren Herkunfts- und Zielländer führen kann (Vgl. World Bank, 2005a).[1] Thema dieser Arbeit ist es die Ursachen der Migration zu analysieren und die Auswirkungen der Auswanderung auf die Entwicklungschancen in den Abwanderungsländern zu untersuchen. Dabei werden zunächst die Anreize zur Migration skizziert sowie die Kriterien für die Auswahl des Einwanderungslandes herausgestellt. Daraufhin werden die kontrovers diskutierten Folgen für die Abwanderungsländer dargestellt und durch empirische Beobachtungen gestützt.

Der Begriff Migration wird hier in einem weit gefassten Sinne verstanden, dabei ist sowohl die Form der freiwilligen relativ dauerhaften Änderung des Wohnorts zu verstehen, wie auch die unfreiwillig erzwungene Flucht aus dem Heimatland (Vgl. Fischer/Straubhaar, 1994). Weiterhin werden im Folgenden hauptsächlich die Gründe und Auswirkungen der internationalen Migration, d.h. die länderübergreifende Ein- und Auswanderung als politisch-geographische Wanderungsbewegung untersucht. Auf die sog. Binnenmigration, d.h. die Land- oder Stadtflucht wird nur am Rande eingegangen.[2]

2. Anreize zur Migration

Internationale Migration wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Diese umfassen sowohl demographische, ökonomische, politische, gesellschaftliche, ökologische, oder auch individuelle Faktoren, die unabhängig von ihrem objektiven Vorhandensein subjektiv empfunden werden (Vgl. Burgdorff, 2002, S.25). Gründe für die Auswanderung können in dem Heimatland der Migranten liegen (z.B. religiöse Verfolgung) oder grade in dem Migrationsziel („Land der unbegrenzten Möglichkeiten“).[3] Die Migrationsforschung unterscheidet demnach bei der Analyse zwischen Push - (Druck-) und Pull - (Sog-) Faktoren bzw. zwischen angebotsseitigen und nachfrageseitigen Ursachen (Angebotsdruck und Nachfragesog). Diese Unterscheidung ist jedoch rein theoretischer Natur. Zumeist treffen sich beide Arten von Motivation. (Vgl. Berthold/ Neumann, 2003).[4]

Push -Faktoren stellen dabei Bedingungen am Herkunftsort dar, die als abstoßend oder bedrohlich empfunden werden und Menschen dazu bewegen bzw. zwingen, ihre Heimat, zu verlassen.

Pull -Faktoren entstehen in den Zielregionen, in dem sie etwas bieten, was für abwanderungsbereite Angehörige anderer Staaten anziehend wirkt (Vgl. Nuscheler, 1995, S. 32).

Fest steht, dass in gewissem Maße Push -Faktoren immer vorliegen müssen, damit Migration erfolgt, da zumindest eine gewisse Unzufriedenheit im Heimatland bestehen muss um die Aufgabe der sozialen Bindungen an die Heimat in Kauf zu nehmen und natürlicher Trägheit zu überwinden. Pull -Faktoren dagegen müssen nicht unbedingt vorhanden sein, da starke Schub-Faktoren (z.B. Ereignisse, die das Leben unmittelbar bedrohen) für die Entscheidung, die Heimat zu verlassen, ausreichend sein können (Vgl. Burgdorff, 2002, S.25).

Somit überwiegen bei Fluchtbewegungen die Schubfaktoren, während bei dauerhafter Emigration, Arbeitsmigration auf Zeit oder bei der „Wirtschaftsflucht“ die Verlockungen des Ziellandes und die damit verbundene Hoffnung auf ein besseres Leben zu dominieren scheinen (Vgl. Nuscheler, 1995, S.32).

2.1 Politische Wanderungsfaktoren

Unter den migrationsbestimmenden Faktoren haben die politischen Wanderungsfaktoren einen besonderen Stellenwert. Meist handelt es sich hierbei im Verhältnis zu anderen Abwanderungsformen um höchstgradig unfreiwillige Migration, da keine vernünftigen Entscheidungsalternativen zur Flucht existieren. Nur in Ausnahmefällen kommt es zu einzelnen Migrationen aufgrund abweichender politischer Meinung mit der momentanen Regierung, wenn diese keine Repressalien gegen die Andersdenkenden verhängt. Vielmehr resultiert politische Flucht aus einer Bandbreite von Druckfaktoren, die von der systematische Verfolgung und Vertreibung bestimmter Personen bis zur allgemeinen Unterdrückung der Bevölkerung und flächendeckenden Menschenrechtsverletzungen, von lokalen militärischen Auseinandersetzungen zwischen Machthabern und Opposition bis zur totalen Anarchie reichen (Vgl. Angenendt, 2004). Neben den innenstaatliche Konflikten wirken sich auch die internationalen Auseinandersetzungen und daraus entstehende Kriege, in die immer auch Zivilisten mit einbezogen werden, auf die Migration aus.

Bezeichnend für diese politischen Fluchtbewegungen (wie auch bei ökologischen Katastrophen) ist, dass der Strom an Flüchtlingen typischerweise in Gruppenbewegungen stattfindet. D.h. eine große Anzahl von Menschen wandert simultan aus im Gegensatz zu den aufeinanderfolgenden Wanderungen von Individuen über einen längeren Zeitraum hinweg (Vgl. Stark, 2004).

Als Sogfaktor reicht bei politisch motivierter Migration die begründete Hoffnung und die praktische Möglichkeit in einem anderen Land Schutz und Sicherheit vor Verfolgung finden zu können aus, damit Fluchtabsichten realisiert werden.[5]

2.2 Gesellschaftliche Wanderungsfaktoren

Eng mit den politischen Faktoren verbunden sind die gesellschaftlichen Einflussfaktoren auf die Migration im Herkunftsland. Zum einen handelt es sich hierbei um ethnische, kulturelle oder religiöse Gegensätze, oft zwischen Mehrheiten und Minderheiten, zum anderen sind damit Konflikte zwischen konservativen und fortschrittlichen bzw. fundamentalistischen und laizistischen Gruppen eines Staates gemeint.

Als Pull -Faktor wirkt hier die Attraktivität von modernen, liberalen Gesellschaften, in denen grundsätzlich Menschenrechte wie Religionsfreiheit und andere bürgerliche Freiheiten eingehalten werden. Diese Sogkraft wird noch verstärkt, wenn zwischen den Zuwanderern und der Aufnahmegesellschaft nur eine geringe kulturelle Distanz besteht (Vgl. Angenendt, 2004 und Abschnitt 3.5 dieser Arbeit).

Der quantitativ nur sehr schwer zu fassende Push -Faktor der „Erosion traditioneller Werthaltungen und Weltanschauungen“ und die damit verbundene geistige Entfremdung und Heimatlosigkeit in vielen Regionen der Welt wird häufig als Migrationsgrund unterschätzt (Vgl. Burgdorff, 2002, S.26). Die Abwanderung überwiegend junger Menschen aus den ländlichen Regionen der Entwicklungsländer resultiert oftmals nicht allein aus der dort herrschenden Armut und Arbeitslosigkeit, sondern auch aufgrund der Sozialstrukturen und Lebensstile, die immer mehr als einengend und überholt empfunden werden. Für viele ist es der Aufbruch in eine „neue Welt“, die Wohlstand, Frieden und Freiheit verspricht, was aber nur in wenigen Fällen auch verwirklicht werden kann (Vgl. Opitz, 1997, S. 39).

2.3 Ökonomische Faktoren

Ökonomische Gründe sind eine der wichtigsten Wanderungsursache; andere Wanderungsmotive werden häufig erst im Zusammenspiel mit wirtschaftlichen Gründen wirksam (Vgl. Angenendt, 2004). Es lässt sich auch hier zwischen Pull- und Push- Faktoren unterscheiden.

Im Heimatland lassen Druckfaktoren wie Arbeitslosigkeit, niedriges Einkommen und ungünstige Einkommenserwartungen die Abwanderungsbereitschaft steigen. Beispielsweise führen begrenzte natürliche Ressourcen und verringerte Pro-Kopf-Anteile bei wachsender Bevölkerung früher oder später zu Abwanderungstendenzen.[6] Das Defizit an Arbeitsplätzen in einer unterentwickelten agrarischen Region, führt zunächst zur Migration vom Land in die städtischen Ballungszentren. Die Überlastung dieser führt dann letztendlich zur grenzüberschreitenden Auswanderung (Vgl. Todaro, 1976, S.7).[7]

Die Armut der Entwicklungsländer stellt somit ein riesiges Potenzial für zukünftige Migrationsbewegungen dar. Dennoch führt Armut nicht automatisch zur Wanderung, da es sonst viel mehr Migration geben müsste. Es sind nämlich häufig nicht die „Ärmsten der Armen“, die in andere Länder abwandern, sondern die jungen und mobilen Schichten, die auch die dafür nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung haben (Vgl. Burdorff, 2002, S.26).

Zu der entsprechenden individuelle Disposition des Migranten müssen außerdem zusätzlich Anhaltspunkte gegeben sein, die eine Verbesserung der ökonomischen Situation für die Migrationswilligen erwarten lassen (Sogfaktoren). Als Anreize werden hier sicherlich die gravierenden Lohnunterschiede zwischen den Entwicklungs- und den Industrieländern gesehen.[8] Das Einkommen steht dabei häufig als Symbol für Wichtigkeit und Fähigkeit eines Menschen. Es stellt somit ein Maß für dessen Leistung und Erfolg dar. Ein höheres Einkommen führt zu mehr Achtung durch das Umfeld (Lebensqualität). Grundsätzlich lässt sich die berufliche mit der sozialen Statusverbesserung als Migrationsursache inhaltlich zusammenfassen, da aus ersterer in aller Regel aufgrund des gestiegenen Einkommens die zweite resultiert (Vgl. Mahmood/Schönmann, 2002).

[...]


[1] Als Prämissen für ein positives Wirken der Auswanderung setzen die Autoren des Weltbankberichts voraus, dass Regelungen angestrebt werden, um besser mit dem Strom der Migranten umzugehen und Geldtransfers zu erleichtern (Vgl. 4.3 dieser Arbeit).

[2] Zur Binnenmigration in Entwicklungsländern siehe Todaro M. (1976).

[3] Vgl. Angenendt, 2004

[4] Die Push-Pull Modelle gehen zurück auf die noch im vorletzten Jahrhundert entstandenen „Laws of Migration“ des englischen Statistikers Ravenstein (1885, 1889). Sie wurden von Hicks (1932) und Lee (1966) weiter-entwickelt. Lee nennt vier Faktoren, die bei der Entscheidung zur Migration und dem Migrationsprozess eine Rolle spielen: 1) Faktoren, die mit dem Herkunftsgebiet verbunden sind; 2) Faktoren, die mit dem Zielland verbunden sind; 3) Hindernisse zwischen Herkunfts- und Zielland; 4) Persönliche Faktoren (Vgl. Todaro, 1976). Todaro und Harris (1970) operationalisierten den Pull-Ansatz ökonometrisch. Sie untersuchten damit die Land-Stadt-Wanderungen in Entwicklungsländern.

[5] Zu einer ökonomischen Analyse von Fluchtbewegungen siehe Stark, O. (2004).

[6] Zum Bevölkerungswachstum als grundlegendes Merkmal des Migratinsdrucks vgl. Abschnitt 2.4 dieser Arbeit.

[7] Zu den makroökonomische Gründe für die wirtschaftlich problematische Situation können z. B. hohe Zinsbelastungen durch internationale Kredite, der Verfall von Rohstoffpreisen, oder auch landesinterne Umstände, wie mangelnde Industrialisierung, abnehmende Effizienz des Wirtschaftssystems des Landes, Korruption und hohe Militärausgaben sein (Vgl. Siebert, 1993).

[8] „Gelingt es einem Gastarbeiter aus Bangladesh eine Woche lang in Japan zum Durchschnittslohn bzw. zwei Wochen zur Hälfte des Durchschnittslohns zu arbeiten, so hat er so viel verdient, wie im Heimatland in zwei Jahren. Eine Krankenschwester bekommt auf den Philippinen 146 Dollar im Monat. In den Golfstaaten sind es 500 Dollar und in den Vereinigten Staaten sogar 3000 Dollar. Als Folge dieser Gehaltsunterschiede aber auch der besseren beruflichen Aufstiegschancen sind aus den Philippinen in den letzten Jahrzehnten mehr als 3000 qualifizierte Krankenschwestern im Jahr ausgewandert.“ Aus: UN Basis Informationen, Migration und Vereinte Nationen von Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun (2004); http://www.dgvn.de/BaWue/migration.htm

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Analyse der Push- und Pull-Faktoren der Migration
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsgeschichte)
Veranstaltung
Seminar zu speziellen Fragen der Wirtschaftspolitik: Ausgewählte Schwerpunkte der Entwicklungspolitik
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
29
Katalognummer
V72810
ISBN (eBook)
9783638738798
ISBN (Buch)
9783640358748
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Push-, Pull-Faktoren, Migration, Seminar, Fragen, Wirtschaftspolitik, Ausgewählte, Schwerpunkte, Entwicklungspolitik
Arbeit zitieren
Robert Breitkreuz (Autor), 2006, Analyse der Push- und Pull-Faktoren der Migration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72810

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