"Ich denke, dass unser Jahrhundert, wenn es einmal einen Namen bekommen wird, das Jahrhundert der Flüchtlinge genannt werden wird ...".
(Heinrich Böll, 1980)
Auch am Anfang des 21. Jahrhunderts fällt es schwer, diese Aussage zu widerlegen. Vor dem Hintergrund der vielfältigen und vielschichtigen Entwicklungsprobleme in den Entwicklungsländern nimmt die Zahl der Migrationswilligen in diesen Ländern weiterhin zu. Die sich verschärfende Kluft zwischen reichen und armen Ländern trägt dazu bei, dass die Anziehungskraft der wohlhabenderen Länder auch in nächster Zeit eher ansteigen als nachlassen wird (Vgl. United Nations Development Programme, 1999).
Einerseits herrscht allgemeiner Konsens, dass Defizite im Humankapital eine der Hauptursachen dafür ist, dass arme Länder arm bleiben (Vgl. Stark, 2003, S.2). Andererseits weist der jährliche Weltbankbericht Global Economic Prospects für 2006 darauf hin, dass internationale Migration zu erheblichen Wohlfahrtssteigerungen für Migranten und deren Familien, sowie für deren Herkunfts- und Zielländer führen kann (Vgl. World Bank, 2005a). Thema dieser Arbeit ist es die Ursachen der Migration zu analysieren und die Auswirkungen der Auswanderung auf die Entwicklungschancen in den Abwanderungsländern zu untersuchen. Dabei werden zunächst die Anreize zur Migration skizziert sowie die Kriterien für die Auswahl des Einwanderungslandes herausgestellt. Daraufhin werden die kontrovers diskutierten Folgen für die Abwanderungsländer dargestellt und durch empirische Beobachtungen gestützt.
Der Begriff Migration wird hier in einem weit gefassten Sinne verstanden, dabei ist sowohl die Form der freiwilligen relativ dauerhaften Änderung des Wohnorts zu verstehen, wie auch die unfreiwillig erzwungene Flucht aus dem Heimatland (Vgl. Fischer/Straubhaar, 1994). Weiterhin werden im Folgenden hauptsächlich die Gründe und Auswirkungen der internationalen Migration, d.h. die länderübergreifende Ein- und Auswanderung als politisch-geographische Wanderungsbewegung untersucht. Auf die sog. Binnenmigration, d.h. die Land- oder Stadtflucht wird nur am Rande eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Anreize zur Migration
2.1 Politische Wanderungsfaktoren
2.2 Gesellschaftliche Wanderungsfaktoren
2.3 Ökonomische Faktoren
2.4 Demographische Wanderungsfaktoren
2.5 Ökologische Anreize
3. Kriterien für die Auswahl des Einwanderungslandes
3.1 Migrationstheorie
3.2 Einkommen als Auswahlkriterium
3.3 Monetäre Wanderungskosten
3.4 Andere Wanderungskosten
3.5 Postkoloniale Auswahlkriterien und kulturhistorische Verwurzelungen
3.6 Einwanderungspolitik des Ziellandes
3.7 Auswahl des Einwanderungslandes als Gruppenentscheidung
4. Auswirkungen der Migration auf die Entwicklungschancen in den Abwanderungsländern
4.1 Das Problem “Brain Drain“ aus theoretischer Sicht
4.2 Brain Gain/ Brain Circulation (Das Indien-Kalifornienbeispiel)
4.3 Migration als Devisenbringer
4.4 Demographische Auswirkungen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die Ursachen und Motive der internationalen Migration sowie deren Auswirkungen auf die Entwicklungschancen in den Herkunfts- bzw. Abwanderungsländern. Dabei wird untersucht, welche Faktoren Individuen zur Abwanderung bewegen und welche Kriterien bei der Wahl des Ziellandes eine entscheidende Rolle spielen, um anschließend die positiven und negativen Folgen für die Ökonomie und Gesellschaft der Heimatländer zu bewerten.
- Analyse von Push- und Pull-Faktoren bei Migrationsbewegungen
- Untersuchung von Entscheidungskriterien für Einwanderungsländer (mikroökonomisch)
- Theoretische Auseinandersetzung mit dem Brain-Drain-Phänomen
- Betrachtung von Brain Gain und Brain Circulation am Beispiel des indischen IT-Sektors
- Bewertung von Migranten-Rücküberweisungen als Finanzierungsquelle für Entwicklungsländer
Auszug aus dem Buch
4.2 Brain Gain/ Brain Circulation (Das Indien-Kalifornienbeispiel)
Nicht nur aus theoretischer Sicht sind die ausschließlich negativen Folgen des Brain Drain umstritten. Auch die Praxis zeigt, dass die Abwanderung von Fachkräften differenziert zu betrachten ist. So kann der empirisch festgestellte Brain Drain auch positive Wirkungen für das betreffende Entwicklungsland haben, wenn die Abwanderung der Fachkräfte dadurch ausgelöst wird, dass zwischen formaler Ausbildung und produktiver Nutzung von Humankapital eine Lücke besteht, die nur durch on-the-job-training im Ausland geschlossen werden kann (Vgl. Straubhaar, 2000b). Brain Drain ist dann sogar eine wichtige Vorraussetzung für die Humankapitalakkumulation - vorausgesetzt, die betreffenden Personen kommen nach ihrer Lehrzeit in ihr Heimatland zurück (Vgl. Hemmer, 2002, S. 328).25
Diese Entwicklung vom befürchteten Brain Drain zum willkommenen Brain Gain, auch brain circulation genannt, lässt sich am Beispiel des indische IT-Sektors beobachten:
Seit den sechziger Jahren wanderten viele indische Fachkräfte in die USA ab, wo sie die personelle Grundlage für den IT-Boom in Kalifornien bildeten. Dort konnten sie Kapital und Know-How, sowie Kontakte aufbauen. In den neunziger Jahren wanderten viele wieder zurück nach Indien und gründeten selbst Unternehmen, von denen die indische Wirtschaft stark profitierte.26 Dabei machten sich die Heimkehrer und Unternehmensgründer die lokalen komparativen Kostenvorteile zu nutze und es entstand die heute in Indien blühende Computerindustrie (Vgl. Hunger, 2003; Thränhardt, 2005).27
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der weltweiten Migration vor dem Hintergrund globaler Entwicklungsunterschiede ein und formuliert die Forschungsfrage hinsichtlich der Auswirkungen auf Abwanderungsländer.
2. Anreize zur Migration: Das Kapitel systematisierte die verschiedenen Motive für Migration in politisch, gesellschaftlich, ökonomisch, demographisch und ökologisch bedingte Push- und Pull-Faktoren.
3. Kriterien für die Auswahl des Einwanderungslandes: Hier werden theoretische Ansätze zur Wanderungsentscheidung dargelegt und Einflussfaktoren wie Einkommensdifferenzen, Kosten, kulturelle Distanz sowie politische Rahmenbedingungen der Zielländer analysiert.
4. Auswirkungen der Migration auf die Entwicklungschancen in den Abwanderungsländern: Dieses Kapitel diskutiert das theoretische Problem des Brain Drain, analysiert jedoch auch positive Gegenmodelle wie Brain Gain und die Bedeutung privater Rücküberweisungen (Remittances) für Entwicklungsländer.
Schlüsselwörter
Migration, Push-Faktoren, Pull-Faktoren, Entwicklungsländer, Humankapital, Brain Drain, Brain Gain, Brain Circulation, Rücküberweisungen, Remittances, Arbeitsmigration, Migrationstheorie, Wirtschaftswachstum, Wanderungskosten, IT-Sektor
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Anliegen dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die treibenden Kräfte hinter der internationalen Migration und bewertet, welche ökonomischen und sozialen Auswirkungen diese Abwanderungsprozesse auf die Herkunftsländer haben.
Welche unterschiedlichen Motive beeinflussen Migrationsentscheidungen?
Die Migration wird durch ein Zusammenspiel von Push-Faktoren (Druck im Heimatland, z.B. Armut, Verfolgung) und Pull-Faktoren (Sog des Ziellandes, z.B. Einkommenschancen, Stabilität) beeinflusst.
Welche ökonomische Rolle spielen Rücküberweisungen für die Entwicklungsländer?
Rücküberweisungen von Migranten stellen eine wesentliche, häufig unterschätzte Finanzierungsquelle dar, die in vielen Fällen das Volumen staatlicher Entwicklungshilfe weit übertrifft und direkt zur Armutsreduktion beitragen kann.
Was wird unter dem Begriff "Brain Drain" verstanden?
Brain Drain beschreibt den selektiven Abzug hochqualifizierter Fachkräfte aus ökonomisch benachteiligten Ländern in wohlhabende Industrienationen, was zu einem schädlichen Humankapitalverlust im Herkunftsland führen kann.
Wie unterscheidet sich die "Brain Circulation" vom "Brain Drain"?
Während beim Brain Drain qualifiziertes Personal dauerhaft verloren geht, beschreibt Brain Circulation die zirkuläre Migration, bei der im Ausland erworbenes Wissen und Kapital bei einer Rückkehr in die Heimat zur dortigen wirtschaftlichen Entwicklung beitragen.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Analyse zugrunde?
Der Autor nutzt eine literaturbasierte Analyse aktueller Migrationstheorien sowie eine Auswertung empirischer Studien, um die theoretischen Konzepte mit praktischen Beobachtungen zu verknüpfen.
Warum wird das Beispiel des indischen IT-Sektors in der Arbeit hervorgehoben?
Dieses Fallbeispiel dient dazu, das Phänomen der Brain Circulation zu verdeutlichen, da indische IT-Spezialisten nach ihrer Ausbildung in den USA zurückkehrten und dadurch eine eigene, florierende IT-Industrie in Indien aufbauten.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor in Bezug auf eine restriktive Migrationspolitik?
Der Autor schlussfolgert, dass bloße Beschränkungen der Mobilität keine Lösung für die Entwicklungsprobleme sind; stattdessen sollten Herkunftsländer Anreize schaffen, um Fachkräfte durch bessere Perspektiven zum Bleiben oder zur Rückkehr zu bewegen.
- Quote paper
- Robert Breitkreuz (Author), 2006, Analyse der Push- und Pull-Faktoren der Migration, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72810