Predigtarbeit und Gottesdienst zu Lukas 16,19-31 (Reicher Mann und armer Lazarus)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
87 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

0. Gliederung

1. Einordnung in das Kirchenjahr

2. Persönliche Betrachtung
2.1 Stille und Gebet
2.2 Erste Eindrücke
2.3 Vorgang/Filmkamera
2.4 Heilsgeschehen/Anbetung
2.5 Betroffenheit/Identifikation
2.6 Vor - Sätze

3. Exegese
3.1 Übersetzung
3.2 Abgrenzung des Textes
3.3 Synchrone Exegese
3.3.1 Sprachlich – syntaktische Analyse
3.3.1.1 Wortschatz / Wortarten / Wortformen
3.3.1.2 Gliederung und Handlungsstruktur des Textes
3.3.2 Semantische Analyse – handelnde Personen
3.4 Diachrone Exegese
3.4.1 Der Kontext
3.4.2 Quellen des Textes/Literarkritik
3.4.3 Redaktionskritik
3.4.4 Wirkungsgeschichte
3.5 Was bedeutet mein Text? Einzelexegese
3.6 Das Ziel
3.6.1 Die Intention
3.6.2 Das Kerygma
3.6.3 Das Idion

4. Die Homiletische Besinnung
4.1 Gemeindesituation
4.2 Homiletische Großwetterlage
4.3 Der Predigttisch
4.4 Der Text an anderer Stelle
4.5 Systematisch – theologische Reflexion
4.6 Homiletisch – seelsorgerliche Erwägungen
4.7 Predigt und Gemeindeaufbau
4.8 Die Invention
4.8.1 Das Predigtziel
4.8.2 Der Predigtstoff
4.8.3 Die Predigteigenart

5. Rhetorische Gestaltung
5.1 Predigtmodell
5.2 Partition
5.3 Der Predigteinstieg
5.4 Der Hauptteil
5.5 Predigtschluss

6 Liturgische Gestaltung
6.1 Vorbereitung
6.2 A Eröffnung und Anrufung
6.3 B Verkündigung und Bekenntnis
6.4 D Sendung und Segen

7. Überlegungen zur Präsenz, Visualisierung und Präsentation

8. Gottesdienstentwurf

9. Predigt

10. Bemerkung

11. Literatur

12. Anlagen

1. Einordnung in das Kirchenjahr

Der 1. Sonntag nach Trinitatis hat die Apostel und Propheten zum Thema. Gott sendet und wählt einzelne Personen, die er mit einem Auftrag ausstattet. Diese Personen sollen Gottes Botschaft weiter tragen. Oft ist diese nicht einfach, sondern anstößig, so dass die Personen immer wieder auf Widerstand stoßen. Dennoch oder eher gerade deswegen gehören Apostel und Propheten zum Gesamtbild des christlichen Glaubens, denn sie helfen, sich auf Gottes Willen zu besinnen. Allerdings muss man sich hüten vor "falschen Propheten", die den Glauben an die Existenz solcher Menschen missbrauchen und schamlos ausnutzen.

Die liturgische Farbe des Gottesdienstes ist grün und symbolisiert die Zeit des Wachsens der Kirche.

Der Gottesdienst thematisiert insbesondere das Hören auf Gottes Wort (vgl. AT Lesung). Auch der Wochenspruch (Lk. 10, 16) nimmt das Thema des Hörens - hier auf Christus - auf. Das Evangelium nimmt Bezug auf das Festhalten am Gesetz Gottes mit Blick auf das Endgericht. Wo sich Gottes Liebe in der Liebe zueinander auswirkt, kann es die Furcht vor Verurteilung und Bestrafung im jüngsten Gericht nicht mehr geben (vgl. Epistel).

2. Persönliche Betrachtung

2.1 Stille und Gebet

Guter Gott, du hast alles in deinen Händen. Ich bitte dich, sende du deinen Heiligen Geist, schenke mir ein offenes Ohr und ein offenes Herz und lass mich so hören, was du durch dein Wort sagen möchtest. Amen.

2.2 Erste Eindrücke

Beim ersten Lesen des Textes fällt mir auf, dass sich die Erzählung in drei Abschnitte teilen lässt.

So handelt die erste Einheit von den Unterschieden im Leben des Reichen und des Lazarus (Vers 19 – 21). Der folgende Erzählstrang (Vers 22) berichtet dann von der Gleichheit im Tode der beiden Männer. Den Abschluss der Erzählung bilden dann die Verse 23 – 31, die uns von den Unterschieden in der Ewigkeit der beiden Handlungsträger berichten.

Ich frage mich, warum uns Lukas diese Geschichte berichtet, die Jesus erzählt hat. Also lese ich den Anfang des 16. Kapitels, um diese Frage zu klären.

Während Jesus seine Jünger an Hand der Geschichte vom unehrlichen Verwalter vor den Gefahren des Strebens nach Reichtum warnt und sie den richtigen Umgang mit dem irdischen Besitz lehrt, treten danach die Pharisäer hinzu und mischen sich in das Gespräch ein. Lukas teilt uns den Grund mit: sie waren Geld liebend. Sie wurden wohl in ihrem Gewissen getroffen, ohne bereit zu sein, diese Verfehlung einzusehen und Buße darüber zu tun. Stattdessen ziehen sie es vor, Jesus zu verspotten und sich über seine Worte zu erheben. Jesus straft sie daraufhin mit seiner göttlichen Vollmacht: eure Herzen sind Gott offenbar – was besagt, dass er selbst sie auch kennt – und sie sind ihm auf Grund ihres Hochmuts eine Schande.

Mit der gleichen Vollmacht, die nur Jesus hat, versucht er nun in unserer Geschichte den Blick für die himmlische Realität zu schärfen. Mit der Schilderung dessen, was sich ereignet, wenn der Mensch, eben wie der Reiche, in der Welt seine Augen verschließt, sagt er ihm voraus, wie es diesem im Gericht Gottes ergehen wird.

2.3 Vorgang/Filmkamera

Nach dieser Vorüberlegung, wende ich mich den beiden Handlungsträgern, dem Reichen und dem Lazarus zu. Mein erster Blick fällt auf den Reichen und ich wundere mich, warum er keinen Namen hat.

Ich sehe also einen namenlosen reichen Mann. Einen Mann mit Macht und Einfluss, der auf seinen Reichtum vertraut, der ein ausschweifendes Leben führt. Er sitzt an einer reich gedeckten Tafel, die überquillt von köstlichsten Speisen. Sehr vornehm ist er gekleidet. Er trägt Kleider aus Purpur und kostbaren Leinen, die teuersten und schönsten Stoffe, die eigentlich nur Königen vorbehalten sind. Ihm fehlt es an nichts. Bestimmt hat er eine große Dienerschaft, die ihm jeden Wunsch von den Augen abließt. Er ist bei seinen Freunden angesehen und beliebt, er wird geschätzt wegen seiner großen Freigebigkeit, aber nur ihnen gegenüber. Sein Leben, so scheint es, ist ein einziges, ununterbrochenes Freudenfest. Doch das Einzige, über das er nicht verfügt, war die Vorsorge für die Ewigkeit.

Mein Blick wendet sich nun dem anderen Mann zu. Er hat einen Namen – Lazarus. Ich sehe einen armen, gebrochenen Mann. Er hat nichts, er ist mittellos – ein Bettler. In Lumpen gekleidet liegt er schmutzig und krank vor der Tür des Reichen. Dort hatte man ihn hingelegt und so liegt er nun dort, unfähig sich selbst zu bewegen.

Durch die Tür, vor der jetzt Lazarus liegt, pflegen der Reiche und seine Freunde zu gehen. Jedes mal sehen sie sein Elend. Jedes mal hören sie seine bittende Stimme. Nein! Es kann ihnen nicht entgehen, wie Lazarus einem jeden von ihnen flehend die Hand entgegenstreckt und bittet, ihm doch etwas zu gegeben.

So liegt er dort und erhofft sich Almosen von der „feinen Gesellschaft“, die bei dem Reichen ein- und ausgeht. Doch Beachtung wird ihm nicht geschenkt. Angeekelt wendet sich der Reiche ab. So geht man an Lazarus vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, gar nicht zu reden davon, ihm etwas zu geben, das sein elendiges Sein ein wenig mildert. Streunende Hunde sind seine einzigen Begleiter. Sie lecken die Geschwüre des Armen.

Ich frage mich, nachdem ich beide Personen betrachtet habe, warum dem Reichen nicht eine der alttestamentlichen Aufforderungen, den Armen zu helfen, in den Sinn kommt? Z.B. „Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor Gott.“[1]

Nun sterben beide Männer, sowohl der Reiche als auch der Arme. Der Tod ist für alle – Arme und Reiche – gleich. Der Tod ist eine Tatsache, eine Macht. Kein Mensch, egal wer er ist und welchen Stand er in der Gesellschaft in seinem Leben hatte, vermag ihm zu entrinnen. Nicht durch List, nicht durch Betrug, nicht durch Geld.

Der Tod macht gleich. Alle Unterschiede, die während des Lebens in Bezug auf materielle und ideelle Besitztümer bestanden, sind im Tode hinfällig. So besiegelt der Tod das ewige Schicksal. Die irdische Lebenszeit des Menschen ist seine einzige Gnadenfrist, in der er das Heil ergreifen oder verwerfen kann.

Ich halte noch einmal fest: Der Tod ist für beide gleich. Doch nach dem Tod besteht schon ein Unterschied zwischen ihnen: Lazarus wird von Engeln in Abrahams Schoß getragen, der Reiche hingegen wird begraben.

Jetzt muss der reiche Mann eine furchtbare Feststellung machen: Was ihm im Leben auch an Gutem geschehen ist, nach seinem Tod lernt er die Qualen des Hades kennen, die Lazarus zu Lebzeiten erleiden musste. Nun sieht der Reiche den Lazarus, den er nicht beachtete, obwohl er vor seiner Tür lag. Jetzt, in seiner Not, nimmt er ihn erst wahr.

Ich frage mich, ob der Reiche versteht, warum Lazarus jetzt an einem Ort der Glückseligkeit, der Ruhe und des Trostes angekommen ist und er nicht? Scheinbar nicht, sonst würde er vielleicht nicht das fordern, was er Lazarus zu Lebzeiten versagt hat: Linderung seiner Not. Doch diese Erleichterung seiner Qualen wird ihm von Abraham verweigert. Nein, Rettung für den Reichen wird es nicht geben! Abraham sagt es ihm klipp und klar: Jetzt, nach dem Tod, werden hier die Rollen getauscht. Dir wird es schlecht ergehen, so wie es dem Lazarus zu Lebzeiten erging. Lazarus hingegen kann sich behütet und getröstet fühlen.

Abraham zeigt dem Reichen, hier ist ein unüberwindlicher Abgrund zwischen dir und Lazarus. Der eine wird nicht zum anderen gelangen können. Dies ist eine endgültige Trennung!

Und Abraham bleibt unerweichlich. Auch die zweite Bitte des Reichen, seine Brüder mögen doch gewarnt werden, erfüllt er nicht.

Mir fällt dazu das Sprichwort ein: Jeder ist seines Glückes Schmied – nicht nur im Leben, sondern auch danach im ewigen Leben. Halten sich die Brüder des Reichen an das von Gott gegebene Gesetz, werden sie keine Qualen der Hölle erleiden müssen.

2.4 Heilsgeschehen/Anbetung

Gebet zu Vers 31

Gott, ich danke dir, dass du immer wieder durch dein Wort zu uns sprichst. Ich bitte dich, schenke uns immer wieder neu offene Ohren, dass wir auf deine Gebote hören, die uns durch Mose und die Propheten überliefert sind.

Gott, ich möchte dir für deine Liebe uns Menschen gegenüber danken. Durch dein Wort zeigst du uns den Weg, den wir gehen sollen, um nicht verloren zu gehen. Durch dein Wort rufst du uns jeden Tag aufs Neue zu dir. Amen.

2.5 Betroffenheit/Identifikation

Wer sind wir in diesem Gleichnis? Der reiche Mann oder der arme Lazarus. Wer möchte sich schon mit dem Reichen in Jesu Gleichnis identifizieren, der offensichtlich sein Leben lang in Saus und Braus zubrachte und offensichtlich die Welt um sich herum vergas?

Eben so wenig wie wir uns mit dem reichen Mann identifizieren möchten, scheint uns eine Identifizierung mit dem armen Lazarus möglich zu sein, diesem heruntergekommenen, diesem zerlumpten, im wahrsten Sinn „vor die Hunde gekommenen“ Menschen.

Zwei Extreme stoßen aufeinander. Zwei grundverschiedene Lebenswelten stehen sich gegenüber und eine Verbindung gibt es scheinbar nicht. Der Reiche sieht den armen Lazarus nicht einmal, und doch gerade dieser Reiche hat im Überfluss, was dem Armen zum Leben fehlt. Er wendet den Blick von ihm ab – er sieht ihn nicht.

Vielleicht sind wir ja dem Reichen doch näher als wir denken? Wie oft lassen wir Menschen vor unserer Tür, machen uns nicht die Mühe ihre lauten Rufe zu hören oder ihre flehenden Blicke zu sehen, die uns sagen wollen: Übersieh mich nicht, nimm dich doch bitte meiner an, ich kann mir selbst nicht helfen, ich brauche jemanden, der mir beisteht!

Aber vielleicht können wir uns auch ab und zu mit Lazarus identifizieren. Auch wir liegen doch hin und wieder vor Türen, die für uns verschlossen bleiben. Werden wir wirklich immer wahrgenommen, mit unseren Ängsten, Sorgen und Problemen? Werden unsere Rufe nach Hilfe und Beistand immer gehört?

Ich denke, wir sind beides: Mal der Reiche und mal der arme Lazarus.

2.6 Vor - Sätze

Jesus spricht mit der Charakterisierung der Geld liebenden Pharisäer, uns als Leser an, die wir vielleicht ähnlich denken. So hält Jesus uns mit seiner Erzählung einen Spiegel vor Augen, und will zur Umkehr bewegen. So macht er deutlich, wer sein Herz an Besitz und Geld hängt, wird nicht an der Herrschaft Gottes teilhaben können. Gott steht auf der Seite der Schwachen. Dies bekräftigt Jesus.

An dem Reichen und an Lazarus wird dies deutlich in der Gegenüberstellung der beiden. So wie es einem oft im täglichen Leben begegnet, beachtet der Reiche den armen Lazarus nicht. Im Tod jedoch sind beide gleich – beide müssen sterben. Allerdings setzt sich nach dem Tod der Unterschied mit umgekehrten Vorzeichen fort. Während Lazarus in Abrahams Schoß getragen wird (oder wörtlich: an Abrahams Brust liegt), erleidet der Reiche Qualen in der Unterwelt. Gott steht also auf der Seite der Armen.

Der Dialog des Reichen mit Abraham macht deutlich: Jesus hat die Wohlhabenden nicht verworfen, er sorgt sich um sie und weist sie daher auf das alttestamentliche Gesetz hin. Die Armen hingegen sind in der Obhut Gottes. Wir als Leser sind aufgefordert, beide Rollen zu durchleben und die Unzulänglichkeiten des Reichen zu erfahren. Diesem mangelt es an Sensibilität für den Nächsten vor seiner Tür. Erst das eigene Leid öffnet ihm die Augen für seine Mitmenschen, aber dann ist es zu spät.

Hier eröffnen sich nun wieder Fragen: Gibt es doch noch einen Ausweg für den Reichen? Auf welcher Seite stehen wir als Leser des Evangeliums? Dürfen wir uns in der Gemeinschaft mit Abraham und Lazarus wähnen, oder stehen wir auf Grund unseres eigenen Verhaltens auf der Seite des Reichen?

Jesus gibt uns eine eindeutige Antwort: Entscheidend ist, das Wort Gottes zu hören. Gottes Wort hören heißt, sensibel sein für die Not des Anderen! Ihn beachten, auf seiner Seite stehen! In der Gestalt des Reichen wird deutlich: Seinen Nächsten nicht wahrzunehmen kostet das Leben!

3. Exegese

3.1 Übersetzung

19 Es war aber ein reicher Mann, und er war gekleidet in Purpur und kostbare Leinen und ergab sich alle Tage den Freuden und dem Prunk.
20 Ein Armer aber, mit Namen Lazarus, wurde vor dessen Tor geworfen, voller Geschwüre,
21 und er begehrte, sich mit den Abfällen vom Tisch des Reichen zu sättigen und auch die Hunde kamen und leckten seine Geschwüre.
22 Es geschah aber, dass der Arme starb und von den Engeln in Abrahams Schoß getragen wurde. Es starb aber auch der Reiche und wurde begraben.
23 Und als er im Hades seine Augen aufschlug und in Qualen war, sieht er Abraham von weitem und Lazarus in seinem Schoß.
24 Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, dass er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und meine Zunge kühle! Denn ich leide Pein in dieser Flamme.
25 Abraham aber sprach: Kind, gedenke, dass du dein Gutes völlig empfangen hast in deinem Leben und Lazarus ebenso das Böse; jetzt aber wird er hier getröstet, du aber leidest Pein.
26 Und zu diesem allen ist zwischen uns und euch eine große Kluft festgelegt, damit die, welche von hier zu euch hinübergehen wollen, es nicht können, noch die, welche von dort zu uns herüberkommen wollen.
27 Er sprach aber: Ich bitte dich nun, Vater, dass du ihn in das Haus meines Vaters sendest,
28 denn ich habe fünf Brüder, dass er ihnen eindringlich Zeugnis ablege, damit sie nicht auch an diesen Ort der Qual kommen!
29 Abraham aber spricht: Sie haben Mose und die Propheten. Mögen sie die hören!
30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn jemand von den Toten zu ihnen geht, so werden sie Buße tun.
31 Er sprach aber zu ihm: Wenn sie Mose und die Propheten nicht hören, so werden sie auch nicht überzeugt werden, wenn jemand von den Toten aufersteht.

3.2 Abgrenzung des Textes

Die Texteinheit Lukas 16, 14 – 31 gehört zum mittleren Teil eines größeren Redekomplexes, der Lukas 16, 1 – 17, 10 umfasst. Die Einheit wird mit einer Reaktion der Pharisäer auf die Jesusrede an seine Jünger eingeleitet (V.14). Jesus wendet sich nun an die Pharisäer. Seine Antwort ist zweigeteilt. Zunächst folgen einige Worte Jesu (VV. 15 – 18). Zentrales Thema dieser Worte ist die Gültigkeit des Willens Gottes, der sich in seiner Herrschaft offenbart.

An diese Worte schließt sich unsere Perikope an. Ohne eine neue Redeeinleitung erzählt Jesus die Geschichte vom Reichen und armen Lazarus als Beispiel für seine vorangegangenen Aussagen. Trotz dieser Verknüpfungen kann meiner Meinung nach zu Vers 18 eine logisch, verständliche Abgrenzung vollzogen werden, da es sich hier ab Vers 19 um eine neue Erzählung handelt.

Nach hinten lässt sich die Perikope auch deutlich abgrenzen. Zum einen endet mit Vers 31 das Kapitel 16 und zum anderen beginnt in 17, 1 eine neue Rede Jesu an seine Jünger, die sich in den o. g. Redekomplex einfügt.

Als Fazit wäre zu sagen, das der Text eine sinnvolle Einheit bildet, welche sich vom Kontext deutlich abhebt und unterscheiden lässt. Allerdings ist sowohl die Abgrenzung nach vorne als auch die nach hinten eng mit dem Kontext verknüpft.

3.3 Synchrone Exegese

3.3.1 Sprachlich – syntaktische Analyse

Im Folgenden wird der Text auf seine sprachliche Gestalt untersucht.

3.3.1.1 Wortschatz / Wortarten / Wortformen

Zunächst soll ein Blick auf den Wortschatz in unserem Text geworfen werden. Am auffälligsten ist der Begriff „Hades“ – Hölle in Vers 23. Lukas verwendet diesen Begriff lediglich zwei Mal[2]. Weiterhin wird der Begriff nur noch acht Mal im NT verwendet.[3] Der Begriff Hades bezeichnet die Totenwelt und ist der analoge Begriff der Himmelsstadt, eine ummauerte Festung und ist zugleich der Ort der Qual, letztlich also mit der Hölle identisch.[4]

Mit der Wendung evn tw/| a[|dh „im Reich der Toten“, „im Hades“ wird die Verbindung zu der vorhergehenden Erwähnung des Grabes (kai. evta,fh „und er wurde begraben“) geschaffen. So gelangt der Reiche von seinem Grab direkt in die Totenwelt, wie auch Lazarus, jedoch nimmt der Reiche einen anderen Platz ein. Er ist dabei in Qualen gefangen, wie es eine gängige Darstellung des Hades ist.

Auffällig ist in diesem Vers auch das Verb o`ra/ (sehen), das im Zusammenhang mit dem Aufblicken des Reichen zu Lazarus gebraucht wird. So wird dieses Verb im historischen Präsens verwendet, was wohl die leidvolle Dauer des Sehens aufzeigen soll und dem Reichen somit immer wieder das Glück des Lazarus vor Augen geführt wird.

In Vers 19 begegnen uns sodann zwei auffällige Wörter. Zum einen ist dies porfu,ra „Purpur“ und zum anderen bu,ssos „Leinen“. Purpur findet sich im Neuen Testament lediglich vier Mal, ein Mal davon bei Lukas. Ebenso verhält es sich mit dem Begriff Leinen.

Diese beiden Worte sollen uns scheinbar den ungewöhnlichen Reichtum des Reichen vermitteln, da in der rabbinischen Literatur Purpur ausschließlich Königen und Gott vorbehalten ist, u. a. ist bei Mk. 15, 17. 20 die Rede vom Purpur- Gewand, das die Soldaten Jesus anzogen. Später im römischen Reich wird es ausschließlich Privileg der Kaiser.[5] Ebenso soll dem Leser der Begriff „Leinen“ den unermäßlichen Reichtum verdeutlichen. So handelt es sich hier um einen außerordentlich feinen und wertvollen Stoff mit ägyptischer oder indischer Herkunft.[6]

Dass der Reiche nicht nur zu festlichen Anlässen solch kostbare Kleidung trug, macht das Verb evnedidu,sketo “er war gekleidet“ im Imperfekt deutlich. Es soll so eine Gewohnheit bezeichnet werden und nochmals den übermäßigen Reichtum verdeutlichen. Dass der Reiche ein sorgloses Leben führen konnte, verdeutlicht das Verb euvfraino,mai „sich freuen“, welches hier mit „sich den Freuden ergeben“ übersetzt werden kann und wie BOVON feststellt, damit sowohl die Gaumenfreuden, als auch erotischen Vergnügen gemeint sind.[7] Um das Bild des Reichen abzurunden wird noch das Adverb lamprw/j hinzugefügt, um zu zeigen, dass er dies alles „auf üppige Weise“ tut.

Als Kontrast zum Reichen wird bei der Beschreibung des Lazarus in Vers 20 dem Leser vermittelt, dass er „mit Geschwüren bedeckt“ ist. Das dafür stehende Partizip ei`lkwme,noj wird im Neuen Testament nur an dieser Stelle bei Lukas verwendet. Hinzu kommt in Vers 21, dass nochmals von „seinen Geschwüren“ ta. e[lkh auvtou gesprochen wird. Auch diese Wortverbindung ist nur hier zu finden.

Eine besonders negative Note gibt in Vers 20 auch das Verb ballw . Nimmt man es wörtlich, meint es, dass der arme, kranke Lazarus einfach vor das Tor des Reichen geworfen wurde.

Lukas will mit diesen einzigartigen Beschreibungen des Armen und des Reichen zum einen die Besonderheit eines Jeden und dessen Leben und zum anderen die große Kluft (ca,sma) zwischen den beiden darstellen. So lässt es Lukas auch den Abraham in Vers 26 sagen. Befragt man eine Konkordanz nach dem Wort ca,sma, so ist festzustellen, dass nur Lukas dieses Wort gebraucht, um eine solch große Trennung zwischen zwei Personen bzw. zwei Orten zu verdeutlichen. Das Verb evsth,riktai soll verdeutlichen, dass diese Kluft „fest angebracht ist“[8], also gewollt ist und somit auch nicht überwunden werden kann.

Die Verben diabai,nw und diaperw verdeutlichen die Unmöglichkeit des Durchgangs, verstärkt durch die Wendung metaxu. h`mw/n kai. u`mw/n die den Unterschied der Orte „zwischen uns und euch“ verdeutlichen soll.

3.3.1.2 Gliederung und Handlungsstruktur des Textes

Die Erzählung lässt sich, wie bereits in der persönlichen Betrachtung erwähnt, in drei Abschnitte teilen.

1. Die Exposition (VV 19 – 21) berichtet über den Zustand des Lazarus und des Reichen im Erdenleben. Dabei geht V 19 auf den Reichen ein und die VV 20f. berichten von Lazarus vor der Tür des Reichen.
2. Der zweite Teil (VV 22 – 23) berichtet sodann vom Tod der beiden Handlungsträger und deren Aufenthalt im Jenseits. Zunächst wird beschrieben, wie Lazarus an Abrahams Seite seinen Platz findet (V 22a) und es folgt (VV 22b – 23) die Erwähnung des Platzes, der für den Reichen bestimmt ist: der Hades.
3. Im dritten Teil, VV 24 – 31, folgt dann das Hadesgespräch. Es findet sich hier die Beschreibung des verstorbenen Reichen in seinem Unglück vor Abraham. Zunächst bittet der Reiche um die Sendung Lazarus´ zur Linderung seiner Qual (VV 24 – 26). Diese erste Bitte findet sich in V 24 mit einem folgenden ersten abschlägigem Bescheid Abrahams in den VV 25 + 26.

In den VV 27 – 28 bittet nun der Reiche für seine Brüder. In V 29 erhält der Reiche von Abraham nun zum zweiten Mal eine Verweigerung auf seine Bitte, mit der Antwort, Mose und die Propheten genügen.

Die VV 30 – 31 beschreiben einen weiteren Einwand des Reichen. V 30 berichtet von der dritten Bitte des Reichen, in der er um ein außerordentliches, überzeugendes Zeichen an seine Brüder bittet. Die dritte und zugleich endgültige Verweigerung ist dann in V 31 zu finden. Wer nicht auf die Schrift hört, wird auch nicht durch ein Zeichen überzeugt werden.

[...]


[1] Micha 6, 8.

[2] vgl. Lk. 10, 15; 16, 23.

[3] 2 mal Mt., 2 mal Apg., 4 mal Apk.

[4] Exegetisches Wörterbuch zum NT: Bd. I, S. 71f.

[5] vgl. EKK III/3, S. 117.

[6] vgl. EKK III/3, S. 117.

[7] vgl. EKK III/3, S. 117; EKK III/2, S. 284f.

[8] vgl. Bauer – Aland.

Ende der Leseprobe aus 87 Seiten

Details

Titel
Predigtarbeit und Gottesdienst zu Lukas 16,19-31 (Reicher Mann und armer Lazarus)
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Homiletisch-liturgisches Seminar
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
87
Katalognummer
V72833
ISBN (eBook)
9783638738941
Dateigröße
843 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit bietet eine komplettepredigtarbeit zu Lk 16,19-31 dazu dann einen komplett gestalteten Gottesdienst, mit Auslegezetteln und Plakat für den Gottesdienst sowie einem Gottesdienstablauf für den Kantor
Schlagworte
Predigtarbeit, Gottesdienst, Lukas, Mann, Lazarus), Homiletisch-liturgisches, Seminar
Arbeit zitieren
Gunnar Schulze (Autor), 2006, Predigtarbeit und Gottesdienst zu Lukas 16,19-31 (Reicher Mann und armer Lazarus), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72833

Kommentare

  • Gast am 22.5.2008

    Großartig.

    Eine wirklich sehr gute Arbeit! Danke für die Inspiration, die ich für meine Arbeit benötigte!

Im eBook lesen
Titel: Predigtarbeit und Gottesdienst zu Lukas 16,19-31 (Reicher Mann und armer Lazarus)


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