Die Römer, an der Antike überaus interessiert und ihr nacheifernd, hatten die von Plinius dem Älteren überlieferte Geschichte nicht vergessen als der Winzer Felice de Fredi 1506 die Statue des Laokoon in einer unterirdischen Kammer in seinem Weinberg in Rom entdeckte und davon den kunstbeflissenen Papst Julius II. unterrichtete.
Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Vorbild setzte alsbald ein und reichte von der ‚Imitatio’ über die ‚Aemulatio’ bis zur ‚Superatio’: Künstler zeichneten, fertigten Stiche, Skulpturen in Bronze und Marmor an oder suchten herauszufinden, wie die verlorenen Arme des Laokoon und des jüngeren Sohnes zu rekonstruieren seien. Der Fund des Archäologen Ludwig Pollak im Jahre 1906 brachte den verlorenen Arm des Vaters zutage und löste das Rätsel. Doch in der Zwischenzeit wurde die Statue mit dem von Michelangelos Schüler Montorsoli abweichend ergänzten, hochgestreckten Arm rezipiert.
Im 18. Jahrhundert setzte mit Winckelmanns „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“, 1755 in Dresden erschienen, die intensive literarische Beschäftigung mit der Laokoongruppe durch Dichter wie Goethe, Lessing und Schiller ein. Sowohl die Stil- als auch die Datierungsproblematik beschäftigen Künstler und Theoretiker verschiedenster Disziplinen. Das hochgelobte Werk musste sich einer strengen Kritik unterziehen, da das Urteil des Plinius Anlass zur Diskussion lieferte und nicht unbesehen akzeptiert werden konnte: Die Frage, ob es sich bei der Vatikan-Statue auch tatsächlich um das Werk handelte, das Plinius zwischen 77 und 81 n. Chr. im Palast von Titus sah und das er den drei rhodischen Bildhauern zuschreibt, stand und steht dabei an oberer Stelle. Mehrere Punkte geben zum Zweifel Anlass, darunter Plinius’ Angabe, dass das Werk aus nur einem Stein gefertigt sei, was sich aber nach Zerlegung durch Filippo Magi als Irrtum erwies. Daraus resultiert etwa die Annahme, dass es sich bei dem Laokoon im Vatikan gar nicht um das von Plinius gesehene Werk handeln könnte, sondern um eine mehrteilige Kopie desselben durch einen unbekannten Künstler.
Die vorliegende Arbeit versucht in großen Zügen die Problematik der Laokoon-Gruppe vorzustellen. Sowohl Fragen zur Datierung als auch zu Vorbildern und – damit in Verbindung stehend – die mögliche Zielgruppe und der Aufstellungsort der Gruppe werden zur Sprache kommen.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II 1. Grundlegendes
1.1 Beschreibung
1.2 Geschichte der Gruppe seit 1506
2. Forschungslage
2.1 Datierung
2.2 Das verlorene Bronzeoriginal
2.3 Vorbilder und Überlegungen zum Aufstellungsort
3. Bedeutung und Ausdruck
Gründungsopfer Roms und Mahnmal der Geschichte
3.4 „Exemplum doloris“ – Pathosformel des Leidens
III Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Problematik der Laokoon-Gruppe in den Vatikanischen Museen, wobei sie insbesondere Fragen zur Datierung, zu den künstlerischen Vorbildern sowie zum ursprünglichen Aufstellungsort beleuchtet und die Bedeutung der Pathosformel für den Ausdruck von Schmerz und Leid analysiert.
- Historische Aufarbeitung der Wiederentdeckung und Restaurierungsgeschichte der Laokoon-Gruppe seit 1506.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Datierungsproblematik und der Hypothese eines verlorenen Bronzeoriginals.
- Stilistische Analyse der Gruppe im Vergleich zu hellenistischen Vorbildern wie dem Pergamonaltar.
- Untersuchung der Bedeutung der Laokoon-Gruppe als "exemplum doloris" im Kontext der frühneuzeitlichen Affektenlehre.
- Rezeptionsgeschichte und Wirkungsweise der Pathosformeln in der Kunst des 15. bis 18. Jahrhunderts.
Auszug aus dem Buch
1.1 Beschreibung
Die Statue ist 1,84 m hoch und besteht aus sieben Teilen. Bis auf den hinteren Teil des Altars aus carrarischem Marmor wurde die Statue aus parischem Marmor gearbeitet. Dargestellt sind drei männliche, unbekleidete Figuren, die von zwei großen Schlangen umwunden werden. Die Figuren stehen nebeneinander an einem kubischen Altar mit einer zweistufigen Basis, wobei die mittlere bärtige Figur die beiden kleineren und jüngeren um mehrere Köpfe überragt. Es handelt sich um den trojanischen Priester Laokoon und seine beiden Söhne.
Laokoon stützt sich mit dem Gesäß am Altar ab, sein Oberkörper ist aufgerichtet. Dabei hält er das rechte Bein in der angewinkelten Position eines Sitzenden mit dem Fuß auf der Kante der oberen Altarstufe, das linke Bein ist seitlich wegstreckt. Beide Beine haben keinen festen Stand, sondern berühren lediglich mit Ballen bzw. Zehen den Boden. Am aufgerichteten, mächtigen Oberkörper zeichnen sich die Muskeln wohl in Folge des anstrengenden Ringens mit den Schlangen ab: den rechten Arm führt Laokoon empor und winkelt ihn zu seinem nach rechts geneigten Kopf hin ab; mit seiner linken Hand hat Laokoon eine Schlange hinter dem Kopf gepackt und versucht sie von seiner linken Hüfte wegzudrücken, in die sie gerade ihre Zähne schlägt. Das Zurückweichen vor dem Schlangenbiss drückt sich in der Biegung des Körpers nach links aus.
Das frontal dargestellte Gesicht Laokoons, von dichten Locken umrahmt, gibt vor allem durch die zusammengezogenen Augenbrauen Schmerz und Anspannung wider, der Mund ist leicht geöffnet, die geöffneten Augen blicken nach schräg oben.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Die Einleitung führt in die Mythologie des Laokoon ein und skizziert die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Statue von ihrer Entdeckung im Jahr 1506 bis zur modernen Forschung.
II 1. Grundlegendes: Dieses Kapitel bietet eine detaillierte Beschreibung der physischen Beschaffenheit der Laokoon-Gruppe und schildert ihre wechselhafte Geschichte seit ihrer Auffindung.
2. Forschungslage: Die Forschungslage diskutiert die kontroversen Datierungsfragen sowie die These, dass die marmorne Vatikan-Gruppe eine Kopie nach einem verlorenen hellenistischen Bronzeoriginal darstellt.
3. Bedeutung und Ausdruck: Dieser Abschnitt interpretiert die Gruppe als historisches Mahnmal sowie als Inbegriff der Schmerzdarstellung durch die Anwendung spezifischer Pathosformeln.
III Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung resümiert die anhaltende Relevanz der Laokoon-Gruppe als lohnendes Untersuchungsobjekt für die Kunstgeschichte und betont den Charakter der Statue als offenes Forschungsfeld.
Schlüsselwörter
Laokoon, Vatikanische Museen, Antikenrezeption, Pathosformel, exemplum doloris, hellenistische Kunst, Marmorskulptur, Papst Julius II., Datierungsproblematik, Renaissance, Bildhauerei, Affektenlehre, Ikonographie, Mythologie, Pergamonaltar.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Laokoon-Gruppe in den Vatikanischen Museen, wobei sie die Charakteristika der Statue sowie die damit verbundenen kunsthistorischen Probleme analysiert.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die Wiederentdeckungsgeschichte der Statue, die wissenschaftliche Debatte über ihre Datierung, der Vergleich mit antiken Vorbildern und die Analyse des Ausdrucks von Schmerz durch Pathosformeln.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Problematik der Laokoon-Gruppe in großen Zügen vorzustellen und verschiedene kunsthistorische Positionen, insbesondere die Überlegungen von Bernard Andreae, kritisch zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird hier angewendet?
Die Autorin wendet eine kunsthistorische Analyse an, die stilistische Vergleiche mit anderen antiken Skulpturen, die Untersuchung der Überlieferungsgeschichte sowie die Auswertung kunsttheoretischer Quellen kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Objektbeschreibung, die Erörterung der Forschungslage (Datierung und Bronze-Hypothese), eine Untersuchung stilistischer Vorbilder und eine Deutung des leidvollen Ausdrucks im Kontext der Affektenlehre.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Laokoon, Antikenrezeption, Pathosformel, Exemplum doloris, hellenistische Plastik und kunsthistorische Interpretation charakterisiert.
Warum ist die Identität der Künstler und der Auftraggeber so umstritten?
Die Unsicherheit beruht auf der Diskrepanz zwischen stilistischen Merkmalen, die auf eine frühere Epoche hinweisen, und petrographischen Befunden sowie historischen Quellen, die eine spätere Datierung nahelegen.
Welche Rolle spielt der Begriff der „Pathosformel“ in der Arbeit?
Der Begriff dient dazu, die Übernahme von Gesten und Mimik – insbesondere des zurückgeworfenen Kopfes – über Jahrhunderte hinweg zu erklären, um emotionale Zustände wie Schmerz oder göttliche Inspiration in der Kunst effektiv darzustellen.
Was sagt die Arbeit über die Rolle von Papst Julius II. aus?
Julius II. sah in der Laokoon-Gruppe aufgrund der mythologischen Verbindung zum Gründungsmythos Roms ein politisch wertvolles Instrument, um seinen Machtanspruch durch die Berufung auf die Ahnenreihe der Julier zu legitimieren.
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- Christine Prütz (Author), 2004, Laokoon: Charakteristika und Problematik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72837