Über Friedrich Nietzsche und seine Autobiographie "Ecce Homo - Wie man wird, was man ist"


Hausarbeit, 1999

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Nietzsches Werk „Ecce Homo“
2.1 Zeitliche Einordnung des Werkes
2.2 Nietzsches Autobiographie
2.2.1 „Warum ich so weise bin“
2.2.2 2. Teil : „Warum ich so klug bin“
2.2.3 „Warum ich so gute Bücher schreibe“
2.2.4. „Warum ich ein Schicksal bin“
2.3 Nietzsche zu seinen Werken
2.4 Zum Titel „Ecce Homo: Wie man wird, was man ist“

3. Schluß

Literaturangaben

1. Einleitung

Dieses Referat behandelt das Werk „Ecce Homo“, eine Autobiographie Nietzsches, in der er sich mit Hilfe seiner Werke (und manchmal auch anhand seiner Werke) selbst darstellt. Ich habe dieses Referat hauptsächlich in zwei Teile gegliedert: Der erste Teil behandelt die Autobiographie Nietzsches, der andere geht näher auf die Schriften von Nietzsche ein, die er selbst in „Ecce Homo“ vorstellt, kommentiert und in sein Leben einordnet. Ich habe hierbei größtenteils versucht, die Gliederung, die Nietzsche in seinem Werk vorgenommen hat, beizubehalten.

2. Nietzsches Werk „Ecce Homo“

2.1 Zeitliche Einordnung des Werkes

Nietzsche schrieb „Ecce Homo“ im Herbst 1888 in Turin, drei Monate vor seiner Einweisung ins Irrenhaus. Er begann mit der Niederschrift am 15. Oktober 1888, an seinem fünfundvierzigsten Geburtstag und beendete eine erste Fassung am 4. November 1888, also nicht einmal drei Wochen später. Montinari nennt diese Fassung die „Oktober-Fassung am 4. November 1888. Es folgten dann Umarbeitungen, Hinzufügungen und Weglassungen bis zum 2. Januar 1889.[1] Diese Schrift fiel in eine Zeit großer Hochstimmung Nietzsches. So schreibt Nietzsche in einem Brief an Naumann: „Nun war ich die letzen zwei Wochen auf das Allerglücklichste inspiriert, Dank eines Wohlbefinden, das einzigartig in meinem Leben dasteht So habe ich eine extrem s c h w e r e Aufgabe - nämlich mich selber, meine Bücher, meine Ansichten, bruchstückhaft, so weit es dazu erfordert war, m e i n Leben zu erzählen - zwischen dem 15. Oktober und 4. November gelöst.“[2] Dies tritt auch in einem kurzen Abschnitt hervor, den er dem Werk vorausstellt: „An diesem vollkommenen Tage, wo alles reift und nicht nur die Traube braun wird, fiel mir eben ein Sonnenblick auf mein Leben: ich sah rückwärts, ich sah hinaus, ich sah nie so viel und so gute Dinge auf einmal. Nicht umsonst begrub ich heute mein vierundvierzigstes Jahr, ich durfte es begraben - was in ihm Leben war, ist gerettet, ist unsterblich... .“[3]

Ob dieses Werk von Nietzsche schon von seinem wenig später ausbrechendem Wahnsinn Zeugnis leistet, darüber ist man sich nicht einig.

2.2 Nietzsches Autobiographie

2.2.1 „Warum ich so weise bin“

„Warum ich so weise bin“, versucht zu zeigen, wie Nietzsches Philosophie durch die Gegensätzlichkeit seiner geerbten Anlagen vorbestimmt ist.

Nietzsche berichtet in diesem Kapitel von seiner Familie und gibt deren Herkunft an. Er behauptet von polnischen Edelleuten abzustammen. Dieses angebliche Erbteil am Adel schien die gesamte Familie Nietzsche über die Umgebung zu erheben. Die Geschichte war nicht beweisbar, verlieh der Familie aber das Bewußtsein einer Besonderheit. Während der gesamten Selbstdarstellung in Nietzsches Autobiographie wird dem Leser das Gefühl vermittelt, daß der Verfasser ein starkes Bewußtsein des „Besonderen“ in sich spürt. So beschreibt er den Begriff des décadent[4], und als Gegensatz zum décadent den „wohlgeratenen Menschen“, den man daran erkennt, daß er den „Sinnen wohltut, daß er aus einem Holze geschnitzt ist, das hart, zart, und wohlriechend zugleich ist. Ihm schmeckt nur, was ihm zuträglich ist; sein Gefallen, seine Lust hört auf, wo daß Maß des Zuträglichen überschritten wird...Er ist immer in seiner Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oder Landschaften verkehrt: er ehrt indem er wählt, indem er zuläßt, indem er vertraut...- er ist stark genug, daß ihm alles zum Besten gereichen muß.- Wohlan, ich bin das Gegenstück eines décadent: denn ich beschrieb eben mich.“[5]

Nietzsches erster Satz in diesem Kapitel beginnt wie folgt: „Das Glück meines Daseins, seine Einzigartigkeit vielleicht, liegt in seinem Verhängnis: Ich bin, um es in Rätselform auszu-drücken, als mein Vater bereits gestorben, als meine Mutter lebe ich noch...“[6]. Hier wird aus Wiedergabe [des Familienmodells] Wiederkehr, aus Verwandtschaft wird Identität. Nietzsche, statt seine Eltern bloß zu beerben, ist sie. Bei dieser Interpretation ergibt sich folgende Erkenntnis: Nietzsche, sofern er sein toter Vater ist, lebt nicht bloß „wie ein Schatten“, sondern „als Schatten in Naumburg“[7]. Nietzsche, sofern er seine lebende Mutter ist, macht dem Sohn zu dessen 45. Geburtstag das Geschenk eines literarischen Kindes „Ecce Homo“ selber.[8]

Während der langen Zeit des Krankseins hat Nietzsche sein und die zum Leben zugehörigen Dinge neu entdeckt.[9] Er stellt fest: „Ein typisch morbides Wesen kann nicht gesund werden, noch weniger sich selbst gesund machen; für einen typisch Gesunden kann Krankheit sogar ein energisches Simulans zum Leben, zum Mehrleben sein“[10]

Auch lernte er in der Zeit des Krankseins Perspektiven umzustellen. Dies gibt er als den wichtigsten Grund an, weshalb für ihn allein vielleicht eine „Umwertung der Werte“ überhaupt möglich sei: „Von der Kranken-Optik aus nach gesünderen Begriffen und Werten, und wiederum umgekehrt aus der Fülle und Selbstgewißheit der reichen Lebens hinuntersehn in die heimliche Arbeit des Décadence-Instinkts - dies war meine letzte Übung, meine eigentliche Erfahrung, wenn irgendworin, wurde ich darin Meister.

Ich habe es jetzt in der Hand, ich habe die Hand dafür, Perspektiven umzustellen; erster Grund, weshalb für mich allein vielleicht eine „Umwertung der Werte“ überhaupt möglich ist.“[11]

Wenn etwas überhaupt gegen Kranksein helfen könne, so sei es, daß der eigentliche Heilinstinkt, der Wehr- und Waffen- Instinkt, in dem Nietzsche die Ressentiment-Affekte [Ärger, Wut, Lust] sieht, im Menschen mürbe werde. Wenn man mit nichts mehr fertig zu werden wisse, und alles verletzend wirke, habe der Kranke nur ein großes Heilmittel. Nietzsche nennt dies den russischen Fatalismus [Fatalismus: Lebenshaltung, die durch den Glauben an ein unentrinnbares Schicksal bestimmt ist], mit dem sich ein russischer Soldat, dem der Feldzug zu hart wird, zuletzt in den Schnee legt. Der Soldat, der hier für den Kranken steht, nimmt nichts mehr an, oder in sich auf. Nietzsches Logik: Da man sich zu schnell verbrauchen würde, wenn man überhaupt reagiere, reagiert man einfach gar nicht mehr.

Er selbst praktizierte den russischen Fatalismus, indem er an für ihn beinahe unerträgliche Lagen, Orte, Wohnungen und Gesellschaften jahrelang zäh festhielt. Dies empfand er als sinnvoller, als sie zu ändern und veränderbar zu fühlen. Ihn in diesem Fatalismus zu stören, nahm er sehr übel.

2.2.2 2. Teil : „Warum ich so klug bin“

In diesem Kapitel beschreibt Nietzsche, wie man, dank der richtigen Wahl der Ernährung, der Wahl der Lebensortes, der klimatischen Bedingungen und der Art der Erholung, wird, was man ist. Denn: „Es steht niemandem frei, überall zu leben; und wer große Aufgaben zu lösen hat, die seine ganze Kraft erfordern, hat hier sogar eine sehr enge Wahl.“[12] Nietzsche denkt „mit Schrecken an die unheimliche Tatsache“[13], daß sein Leben sich, bis auf die letzten zehn Jahre, immer an den falschen Orten abgespielt hat. Darin begründet sieht er auch die Tatsache, daß es ihm seit jeher an „zureichender“ Gesellschaft fehlte. An dieser Stelle wird seine lebenslange Einsamkeit deutlich, denn er schreibt: „Wenn ich überhaupt von meiner ganzen Kindheit und Jugend keine willkommene Erinnerung habe, so wäre es eine Torheit, hier sogenannte >moralische< Ursachen geltend zu machen - etwa den unbestreitbaren Mangel an zureichender Gesellschaft: denn dieser Mangel besteht heute wie er immer bestand, ohne daß er mich hinderte, heiter und tapfer zu sein... .“[14]

Die Wahl der Erholung ist für Nietzsche ebenfalls ein wichtiger Aspekt. Er erholt sich durch Lesen, weil er alles, was er liest, selber nicht mehr ernst nehmen kann. Er kehrt immer wieder zu einer kleinen Anzahl an Büchern zurück, die alle von französischer Bildung zeugen. Alles, was sich außer der französischen Bildung sonst noch „Bildung“ nennt, hält er für ein >Mißverständnis<. An dieser Stelle drückt er Richard Wagner seine Dankbarkeit aus, da er sich in seiner Gegenwart mit Abstand am besten erholt hat: „So wie ich bin, in meinen tiefsten Instinkten allem, was deutsch ist, fremd, so daß schon die Nähe eines Deutschen meine Verdauung verzögert, war die erste Berührung mit Wagner auch das erste Aufatmen in meinem Leben: ich empfand, ich verehrte ihn als Ausland, als Gegensatz, als leibhaftigen Protest gegen alle >deutschen< Tugenden.“[15]

[...]


[1] Vgl. Montinary, Mazzino: Ein neuer Abschnitt in Nietzsches „Ecce Homo“. Aus: Mazzino Montinari: Nietzsche lesen, 1982, S.120 - 168

[2] Gauger, Hans Martin. Aus: Nietzsche-Studien : Internationales Handbuch für die Nietzsche-Forschung, Bd. 13 / hrsg. von Mazzino Montinari, ..., 1984, S.540

[3] Friedrich Nietzsche: Der Antichrist; Ecce Homo; Dionysos-Sithyramben. - Goldmann-Verlag, 1995, S.93

[4] dekadent (allg.): kulturell niedergehend. Nach Nietzsche („Décadence“): jm. der immer die ihm nachteiligen Mittel wählt. Gegensatz des „décadent“: jm. der gegen schlimme Zustände immer die rechten Mittel wählt

[5] Nietzsche, Friedrich: Der Antichrist, Ecce Homo, Dionysos-Dithyramben. - Goldmann-Verlag, 1995, S.96

[6] Nietzsche, Friedrich: Der Antichrist, Ecce Homo, Dionysos-Dithyramben. - Goldmann-Verlag, 1995, S.94

[7] Nietzsche, Friedrich: Der Antichrist, Ecce Homo, Dionysos-Dithyramben. - Goklmann-Verlag, 1995, S. 94

[8] Vgl. Kittler, Friedrich: Wie man abschafft, wovon man spricht: Der Autor von „Ecce Homo“. Aus: Literaturmagazin 12, Rowohlt, 1980, S.154

[9] Die Geschichte von Nietzsches Krankheit hat viele Autoren durch Jahrzehnte zu Untersuchungen angeregt, deren Ergebnisse teilweise stark voneinander abweichen. Allgemein anerkannt ist die These, daß Nietzsches ganze Krankheitsgeschichte, die sich in allen möglichen Beschwerden äußerte, als Vorstadium seines geistigen Zusammenbruchs zu betrachten ist.

[10] Nietsche, Friedrich: Der Antichrist, Ecce Homo, Dionysos-Dithysramben, Goldmann-Verlag, 1995, S.96

[11] Nietzsche, Friedrich: Der Antichrist, Ecce Homo, Dionysos-Dithyramben, Goldmann-Verlag, 1995, S.96

[12] Nietzsche, Friedrich: Der Antichrist, Ecce Homo, Dionysos-Dithyramben, Goldmann-Verlag, 1995, S.113

[13] Nietzsche, Friedrich: Der Antichrist, Ecce Homo, Dionysos-Dithyramben, Goldmann-Verlag, 1995, S.111

[14] Nietzsche, Friedrich: Der Antichrist, Ecce Homo, Dionysos-Dithyramben, Goldmann-Verlag, 1995, S.111

[15] Nietzsche, Friedrich: Der Antichrist, Ecce Homo, Dionysos-Dithyramben, Goldmann-Verlag, 1995, S.116

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Über Friedrich Nietzsche und seine Autobiographie "Ecce Homo - Wie man wird, was man ist"
Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln  (Fakultät für Informations- und Kommunikationswissenschaften)
Veranstaltung
Lektorat Philosophie
Note
1,7
Autor
Jahr
1999
Seiten
20
Katalognummer
V72866
ISBN (eBook)
9783638730808
ISBN (Buch)
9783638755108
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich, Nietzsche, Autobiographie, Ecce, Homo, Lektorat, Philosophie
Arbeit zitieren
Nicole Fuchs (Autor), 1999, Über Friedrich Nietzsche und seine Autobiographie "Ecce Homo - Wie man wird, was man ist", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72866

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