Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der literarischen Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes, beginnend mit seiner Wiederentdeckung im 18. Jahrhundert bis zu seiner politisch-ideologischen Inanspruchnahme im Nationalsozialismus. Ziel soll sein, wesentliche Tendenzen und Merkmale der unterschiedlichen Rezeptionsstufen zu erfassen und zu veranschaulichen.
Dabei soll immer auch der jeweilige historische und politisch-gesellschaftliche Hintergrund, der stets eng mit der Rezeption des Nibelungenliedes verknüpft war, berücksichtigt werden.
Außerdem sollen Zusammenhänge zwischen dem mittelalterlichen Epos und der Entwicklung des deutschen Nationalgedankens verdeutlicht werden.
Ausgewählte Neubearbeitungen und Nachdichtungen des Nibelungenliedes sowie direkte Verweise auf den Originaltext sollen helfen, die verschiedenen Rezeptionsstufen des Nibelungenliedes klarer zu machen und Zusammenhänge zu verdeutlichen. Zudem werden immer wieder zeitgenössische Aussagen und Zitate herangezogen, die einen nicht unbedeutenden Beitrag zum besseren Verständnis der jeweiligen Rezeptionsphase liefern und exemplarisch den Rezeptionswandel, den das Nibelungenlied seit dem 18. Jh. durchlaufen hat, im gesamten Kontext verdeutlichen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Kapitel 1 Wiederentdeckung des Nibelungenliedes
Kapitel 2 Rezeptionswende
Kapitel 3 Das Nibelungenlied vor dem Ersten Weltkrieg
Kapitel 4 Erster Weltkrieg und Dolchstoßlegende
Kapitel 5 Die Nibelungen im Zeichen des Hakenkreuzes
Kapitel 6 Wagners 'Ring des Nibelungen' und Langs 'Nibelungenfilm'
Kapitel 7 Das Nibelungenlied in der Schule
Kapitel 8 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes von seiner Wiederentdeckung im 18. Jahrhundert bis zur Instrumentalisierung während des Nationalsozialismus, wobei der Fokus auf dem Wandel der politischen und ideologischen Deutungsmuster liegt.
- Historische Phasen der Nibelungenrezeption von der Aufklärung bis zum Nationalsozialismus.
- Die Funktion des Epos bei der Konstruktion eines deutschen Nationalbewusstseins.
- Instrumentalisierung zentraler Figuren wie Siegfried und Hagen für politische Propaganda.
- Bedeutung von Schule und Unterricht für die Vermittlung und Indoktrination des Nibelungenmythos.
- Vergleich der Wirkungsgeschichte in Literatur, Film und öffentlichem Diskurs.
Auszug aus dem Buch
Kapitel 5 Die Nibelungen im Zeichen des Hakenkreuzes
Am Ende der Weimarer Republik wurde das Nibelungenlied wieder einmal für politische Zwecke missbraucht, um das deutsche Volk gefügig zu machen. Dabei ging es hauptsächlich um die Schaffung eines neuen Reiches und die rassisch-völkische Wiedergeburt Deutschlands als reaktionäre Alternative zur Weimarer Republik und zur bürgerlichen Demokratie. Nach 1933 setzte sich sukzessive eine rassistische Interpretation des Nibelungenmythos, vor allem auch der Siegfried-Figur, durch. In Kurt Gerlach-Bernaus Der Nibelungen Leich beispielsweise ist bereits von „reinrassigen Nordländer[n]“ die Rede und Alfred Rosenberg, Chefideologe des Nationalsozialismus, sieht im Nibelungenlied „[...] den Höchstwert der nordischen Rasse selbst.“, während Siegfried immer wieder als der „Prototyp des nordischen Menschen“ dargestellt wurde, der das Idealbild des Deutschen verkörpern sollte. Im Zuge dieses rassischen Rezeptions- und Interpretationsmusters wurde der Nibelungenheld als ’blond’ und ’blauäugig’ dargestellt und sollte so die deutsche Jugend repräsentieren. Bereits in der Schule und in den Jugendorganisationen der NSDAP wurden dafür die entsprechenden Weichen gestellt (zur Schule siehe Kapitel 7).
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten schließlich ist eine weitere, wichtige Veränderung des Rezeptionsinteresses feststellbar: Man sah im Nibelungenlied nicht mehr nur eine bloße Zukunftsverheißung, sondern einen Gegenwartsbezug, der vor allem in der Person ’Siegfried-Hitlers’ offenbart wurde. Hoffnungen und Sehnsüchte der Deutschen schienen sich durch seine Person erfüllt zu haben. Helmut Brackert erklärt: „[...] man verstand die Gegenwart, die Revolution der braunen Bewegung als Erfüllung aller Hoffnungen, die sich über ein Jahrhundert lang dem Epos verbunden hatten.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage zur literarischen Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes sowie des zeitlichen Rahmens von der Aufklärung bis zum Nationalsozialismus.
Kapitel 1 Wiederentdeckung des Nibelungenliedes: Darstellung der Entdeckung der Handschrift C im Jahr 1755 und der anfänglichen Schwierigkeiten des Epos, sich in der neuhumanistischen Epoche zu etablieren.
Kapitel 2 Rezeptionswende: Analyse der veränderten Wahrnehmung durch die Romantik, die das Nibelungenlied zum vaterländischen Identifikationsmuster erhob.
Kapitel 3 Das Nibelungenlied vor dem Ersten Weltkrieg: Untersuchung der Vereinnahmung des Epos durch den Wilhelminismus zur Stützung von Militarismus und Imperialismus.
Kapitel 4 Erster Weltkrieg und Dolchstoßlegende: Erläuterung der Instrumentalisierung des Nibelungenstoffes während des Krieges und der anschließenden Verknüpfung mit der Dolchstoßlegende.
Kapitel 5 Die Nibelungen im Zeichen des Hakenkreuzes: Analyse der rassistischen Umdeutung des Epos und der Identifikation der Siegfried-Figur mit der nationalsozialistischen Ideologie.
Kapitel 6 Wagners 'Ring des Nibelungen' und Langs 'Nibelungenfilm': Betrachtung der einflussreichen Bearbeitungen durch Richard Wagner und Fritz Lang und deren Wirkung auf die Rezeption.
Kapitel 7 Das Nibelungenlied in der Schule: Dokumentation der pädagogischen Indienstnahme des Epos zur Erziehung der Jugend zu nationalem Denken und Gehorsam.
Kapitel 8 Schluss: Fazit über den heutigen Stellenwert des Werkes nach der historisch belasteten Rezeptionsgeschichte.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Rezeptionsgeschichte, Nationalepos, Nationalsozialismus, Siegfried, Hagen, Indienstnahme, Ideologie, Schulunterricht, Literaturgeschichte, Dolchstoßlegende, Propaganda, Germanistik, Identitätsstiftung, Wagners Ring.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das mittelalterliche Nibelungenlied über Jahrhunderte hinweg instrumentalisiert und politisch umgedeutet wurde, um gesellschaftliche und nationale Ziele zu rechtfertigen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte der Rezeption, die Entwicklung eines nationalen Identitätsgefühls, die Rolle des Epos im Schulwesen und die bewusste propagandistische Verfälschung durch politische Akteure.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die unterschiedlichen Rezeptionsstufen und die damit verbundenen politisch-ideologischen Hintergründe offenzulegen, die den Wandel des Nibelungenliedes von der literarischen Entdeckung zum ideologischen Machtinstrument begleiteten.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor stützt sich auf eine tiefgehende Analyse zeitgenössischer Dokumente, Reden, Schulpläne und Fachliteratur, um die historische Entwicklung des Nibelungen-Mythos nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in chronologische Abschnitte, die von der Wiederentdeckung im 18. Jahrhundert über die Romantik und den Ersten Weltkrieg bis zur Zeit des Nationalsozialismus und der Rolle des Films reichen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Instrumentalisierung, Nibelungentreue, Heldentod, Dolchstoßlegende und die Rolle des Epos als Nationalmythos definiert.
Warum wurde das Nibelungenlied im Nationalsozialismus so intensiv genutzt?
Es bot mit seinen zentralen Figuren wie Siegfried und den Themen Treue und Heldentod die perfekte Projektionsfläche für die rassistische Ideologie und den blinden Gehorsam, den das NS-Regime forderte.
Welche Rolle spielte der Nibelungenfilm von Fritz Lang?
Obwohl vor der Machtergreifung entstanden, diente der Film aufgrund seiner visuellen Darstellung später als Anknüpfungspunkt für nationalsozialistische Ästhetik und Propaganda, auch wenn der Regisseur selbst eine andere Zielsetzung verfolgte.
Wie veränderte sich die Bedeutung der Figur Hagen?
Hagen wandelte sich in der Rezeptionsgeschichte von einer zwiespältigen Figur zu einem positiv besetzten Nationalsymbol, das besonders in der Zeit der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus als Inbegriff deutscher Treue und Opferbereitschaft herangezogen wurde.
- Citar trabajo
- Markus Bulgrin (Autor), 2004, Die literarische Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes in Deutschland vom Barock bis zum Nationalsozialismus, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73051