Organisation ist nach Luhmann ein funktionales Äquivalent für Geschichte. Wie beschreibt er diesen Zusammenhang?


Hausarbeit, 2007

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einführung in Luhmanns Theorie sozialer Systeme
1.1 Funktional-strukturelle Systemtheorie
1.2 Erfassung und Reduktion von Komplexität
1.3 Autopoiesis
1.4 Strukturen sozialer Systeme

2. Zur Theorie organisierter Sozialsysteme
2.1 Interaktion, Organisation und Gesellschaft
2.2 Organisationssysteme

3. Organisation - ein funktionales Äquivalent für Geschichte

4. Literaturverzeichnis

1. Einf ü hrung in Luhmanns Theorie sozialer Systeme

Diese Einführung in Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme dient der Einleitung in mein Thema, da sie den Zusammenhang zu meinem Thema herstellt. Hierbei werden zugleich einige wichtige Begriffe meines Themas erläutert, nämlich “funktionales Äquivalent” und “Geschichte”, und in seine Theorie eingebettet. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass diese Einführung in Niklas Luhmanns Systemtheorie nur einen sehr kleinen Ausschnitt seiner komplexen Theorie widerspiegelt, da ich nur die Theoriebausteine angesprochen habe, die ich für das Verständnis meines Themas für wichtig erachtet habe. Somit war - auch um eine Sprengung des Rahmens dieser Arbeit zu vermeiden - eine erhebliche Selektion unumgänglich.

1.1 Funktional-strukturelle Systemtheorie

In der Ausarbeitung einer Theorie sozialer Systeme spricht Niklas Luhmann von einer funktional-strukturellen Systemtheorie und ordnet so den Funktionsbegriff dem Strukturbegriff vor.

Das bedeutet zum einen, dass soziale Systeme nicht anhand bestimmter Wert- und Strukturmuster definiert werden. Unter einem sozialen System versteht Luhmann einen Sinnzusammenhang von aufeinander verweisenden sozialen Handlungen (vgl. Luhmann 1972, S.115). Demnach entsteht ein soziales System oder auch Handlungssystem, dass sich von seiner Umwelt abgrenzt, wenn die Handlungen mehrerer Personen miteinander verknüpft werden. Somit gehören alle Handlungen, die sinnhaft aufeinander verweisen, zu dem jeweiligen sozialen System und alle übrigen Handlungen, die keine Beziehung zu dem jeweiligen Sinnzusammenhang haben, zur Umwelt des Systems. Ebenfalls gehören alle weiteren nicht sozialen Ereignisse o.ä. zur Umwelt. Also entweder ist etwas System bzw. gehört zum System oder es ist Umwelt bzw. gehört zur Umwelt. Die Vorstellung einer Grenze, die eine Differenzierung von Innen und Außen ermöglicht ist somit konstitutiv für diesen Systembegriff, jedoch lassen sich die Grenzen sozialer Systeme “nur als Sinngrenzen begreifen” (a.a.O., S.117).

Zum anderen verwirft die funktional-strukturelle Systemtheorie die Annahme, dass soziale Systeme notwendig auf spezifische, quasi nicht ersetzbare, Leistungen angewiesen sind (a.a.O., S.33). Nach Luhmann hören soziale Systeme nicht unbedingt auf zu existieren, wenn bestimmte Systemleistungen ausfallen, denn sie besitzen die Möglichkeit, die ausgefallenen Beiträge durch andere, alternative, also funktional äquivalente Leistungen zu ersetzen. “Außerdem kann ein soziales System auf das Ausfallen bisheriger Leistungen durch Änderung seiner Struktur und seiner Bedürfnisse reagieren, die den Fortbestand unter veränderten Bedingungen ermöglicht [...]” (Luhmann 1972, S.33).

Bei der funktional-strukturellen Systemtheorie geht es also um die Frage, welche Funktion bestimmte Systemleistungen erfüllen und durch welche funktional äquivalenten Möglichkeiten diese ersetzt werden können. Funktionale Analysen orientieren sich nach Luhmann also an dem Zusammenhang von Problemen und Problemlösungen (vgl. Kneer/Nassehi 2000, S.39). Die vergleichende Methode des Äquivalenzfunktionalismus untersucht ausgewählte Probleme daraufhin, durch welche funktionalen Äquivalente eine Problemlösung ermöglicht wird. Sie eröffnet also einen Möglichkeitsspielraum alternativer Lösungen des Ausgangsproblems, die miteinander verglichen werden. “In diesem Blickwinkel erscheinen die einzelnen Leistungen dann als gleichwertig, gegeneinander austauschbar, fungibel, während sie als konkrete Vorgänge unvergleichbar verschieden sind” (Luhmann 1972, S.14).

1.2 Erfassung und Reduktion von Komplexit ä t

“Alle funktionale Analyse setzt einen Bezugspunkt voraus, auf den hin eine Funktion erfüllt wird” (Luhmann 1972, S.114). Luhmann erklärt die Welt bzw. die Komplexität der Welt zum obersten Bezugspunkt der funktionalen Analyse, da die Welt die einzige Ausnahme zur System-Umwelt-Differenz bildet und nicht überschritten werden kann. Denn die Welt ist weder ein System, da sie kein Außen besitzt, gegen das sie sich abgrenzt (vgl. a.a.O., S.115). Noch ist die Welt eine Umwelt, da jede Umwelt umgekehrt ein Innen voraussetzt, das selbst nicht zur Umwelt gehört. Vielmehr umgreift die Welt alle Systeme und die dazu gehörenden Umwelten und ist somit die Einheit von System und Umwelt. Denn “Alles was geschieht, geschieht in der Welt” (Kneer/Nassehi 2000, S.40). Der Begriff der Komplexität meint hier die Gesamtheit der möglichen Ereignisse und Zustände (vgl. Luhmann 1972, S.115). Als komplex wird etwas bezeichnet, wenn es mindestens zwei Zustände annehmen kann. Mit der Anzahl der Zustände bzw. Ereignisse steigt auch die Anzahl der zwischen ihnen möglichen Beziehungen und somit auch die Komplexität.

“Zum Problem wird die Welt nicht unter dem Gesichtspunkt ihres Seins, sondern unter dem Gesichtspunkt ihrer Komplexität” (Luhmann 1972, S.115). Der Begriff der Weltkomplexität bezeichnet hier ebenfalls die äußerste Grenze, denn alles was möglich ist, ist nur in der Welt möglich. Da das menschliche Vermögen der Komplexitätsaufnahme aber angesichts der möglichen Zustände und Ereignisse der Welt ständig überfordert ist, besteht eine Lücke zwischen der äußersten Weltkomplexität und dem menschlichen Bewusstsein. An dieser Stelle treten soziale Systeme ein, mit ihrer Funktion der Erfassung und Reduktion von Komplexität (vgl. a.a.O., S.116). Das bedeutet sie vermitteln zwischen der äußersten Komplexität der Welt und der Komplexitätsverarbeitungskapazität des einzelnen Menschen (vgl. ebd.). “Diese Funktion wird durch Systembildung, also zunächst durch Stabilisierung einer Differenz von Innen und Außen erfüllt” (ebd.). Eine Systembildung erfolgt also durch die Stabilisierung einer Grenze zwischen System und Umwelt, innerhalb derer eine höhere Ordnung unveränderlich gehalten werden kann (vgl. Luhmann 1972, S.76). Soziale Systeme bilden so ”Inseln geringerer Komplexität” (a.a.O., S.116). Reduktion der Komplexität meint Abbau oder Verringerung der möglichen Zustände oder Ereignisse durch Selektion. “Soziale Systeme reduzieren die Weltkomplexität, indem sie Möglichkeiten ausschließen” (Kneer/Nassehi 2000, S.40). Da nicht alle möglichen Ereignisse und Zustände der Welt im System auftreten können, ist die Umwelt stets komplexer als das System (vgl. a.a.O., S.41). In einem sozialen System wird also nur wenig von dem, was in der Welt möglich ist zugelassen und das meiste bleibt ausgeschlossen. Somit sind in einem sozialen System weniger Ereignisse und Zustände zugelassen als in der Systemumwelt. Da soziale Systeme sinnverarbeitende Systeme sind, ist Sinn das Medium der Reduktion von Komplexität. Sinn ist ein selektives Geschehen, das bedeutet, dass stets eine Auswahl getroffen und eine potentielle Möglichkeit aktualisiert wird. “Sinn dient der Erfassung und Reduktion von Weltkomplexität und erst dadurch der Orientierung des Erlebens und Handelns” (Luhmann 1972, S.116). Dadurch dass, soziale Systeme Komplexität reduzieren, bieten sie den beteiligten Personen Orientierungshilfen.

Damit soziale Systeme die Komplexität der Welt erfassen und reduzieren können, müssen sie aber selber eine bestimmte Komplexität aufweisen, d.h. sie müssen eine Eigenkomplexität ausbilden (vgl. Kneer/Nassehi 2000, S.41). Die Eigenkomplexität des Handlungssystems muss ausreichen, um den Fortbestand auch unter sich ändernden Umweltbedingungen aufrechtzuerhalten (vgl. Luhmann 1972, S.116). Das bedeutet je komplexer ein System ist, desto mehr Möglichkeiten besitzt es, auf wechselnde Umweltanforderungen angemessen zu reagieren. Außerdem je größer die Komplexität des Systems ist, desto größer ist der Ausschnitt der Welt, den ein soziales System erfassen und verarbeiten kann. Die Eigenkomplexität des Systems ermöglicht und begrenzt also seine Fähigkeit, die Komplexität der Welt zu erfassen und zu reduzieren.

[...]

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Details

Titel
Organisation ist nach Luhmann ein funktionales Äquivalent für Geschichte. Wie beschreibt er diesen Zusammenhang?
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V73237
ISBN (eBook)
9783638883344
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Hausarbeit bietet eine sehr gute Einführung in Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme (d.h. sie ist ebenfalls hervorragend dafür geeignet einen Überblick bzw. Einstieg in seine komplexe Theorie zu finden), anschließend wird näher auf die drei besonderen Typen sozialer Systeme eingegangen und zuletzt wird die Fragestellung (bzw. der Titel der Hausarbeit) beantwortet! Zusätzlich ist diese Hausarbeit mit vielen Zitaten von Luhmann ausgeschmückt worden, um nah an seiner Sprache zu bleiben!
Schlagworte
Organisation, Luhmann, Geschichte, Zusammenhang
Arbeit zitieren
Yvonne Rott (Autor), 2007, Organisation ist nach Luhmann ein funktionales Äquivalent für Geschichte. Wie beschreibt er diesen Zusammenhang?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73237

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