Exegese zu Markus 2,1-12


Quellenexegese, 2005
24 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

1. Übersetzungsvergleich

In diesem Schritt vergleiche ich verschiedene Übersetzungen derselben Perikope und stelle die wichtigsten Unterschiede dar.

Zusätzlich zum Text der Zürcher Bibel habe ich sechs weitere Übersetzungen betrachtet: das Münchner Neue Testament, die Einheitsübersetzung, das Neue Testament nach Ulrich Wilckens, die Übersetzung Martin Luthers, die Bibel in heutigem Deutsch (Gute Nachricht) und das Neue Testament übertragen von J. Zink.

Zu Beginn möchte ich die verschiedenen Übersetzungen in zwei Gruppen aufteilen.

Zum einen gibt es die Gruppe der formalen Übersetzungen, wozu die Bibel nach der Übersetzung Luthers, die Zürcher Bibel und das Münchner Neue Testament zählen. Die formale Übersetzung zeichnet sich dadurch aus, dass sie in ihrem Wortlaut relativ (Luther und Zürcher Bibel) bzw. exakt (Münchner Neues Testament) dem griechischen Ursprungstext entsprechen.

Zum anderen gibt es die Gruppe der dynamisch-gleichwertigen Übersetzungen, wozu die Einheitsübersetzung, das Neue Testament nach Ulrich Wilckens, das Neue Testament nach J. Zink und die Gute Nachricht zählen. Die dynamisch gleichwertige Übersetzung verfolgt die Absicht, auf den Leser die gleiche Wirkung zu erzielen, wie es der Urtext auf die damaligen Leser getan hat.

Für den Übersetzungsvergleich ist diese Einteilung nicht ganz uninteressant, denn die Unterschiede lassen sich meist auch nach Art der Übersetzung gruppieren.

Im Folgenden werde ich mir die zwei gravierendsten Unterschiede der verschiedenen Übersetzungen unserer Perikope herausnehmen und näher beleuchten.

Der erste Unterschied wird im ersten Vers sichtbar.

Zürcher Bibel:

Und als er nach einigen Tagen wieder nach Kapernaum hineingegangen war, hörte man, dass er im Hause sei.

Luther-Übersetzung:

Und nach einigen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war.

Münchner Neues Testament:

Und hineinkommend wieder nach Kapharnaum nach Tagen, wurde gehört, dass er im Hause ist.

Übersetzung nach Ulrich Wilckens:

Als er nach Tagen wieder nach Kapernaum kam, wurde dort bekannt, er sei in dem und dem Hause.

Übersetzung nach J. Zink:

Nach einigen Tagen kam er wieder in die Stadt Kapernaum, und es sprach sich herum, dass er in dem und dem Hause sei.

Gute Nachricht:

Nach ein paar Tagen kam Jesus nach Kafarnaum zurück, und bald wusste jeder, dass er wieder zu Hause war.

Einheitsübersetzung:

Als er einige Tage später nach Kafarnaum zurückkam, wurde bekannt, dass er (wieder) zu Hause war.

In den ersten fünf aufgezählten Übersetzungen ist davon die Rede, dass Jesus „im Haus“ bzw. „in dem und dem Haus“ war.

Diese Formulierungen vermitteln dem Leser eine Art Distanz zu diesem Haus, sie lassen es nicht als wichtig erscheinen.

Die beiden letzten Übersetzungen (dynamisch-gleichwertige) sprechen davon, dass er „wieder zu Hause war“.

Die Formulierung „zu Hause“ ist viel genauer und persönlicher. Mit dem Begriff „zu Hause“ kann sich jeder Leser identifizieren, ist jedoch die Rede von „irgend einem Haus“, wird der Leser nicht näher darüber nachdenken.

Der zweite, noch gravierendere Unterschied liegt in Vers 10 vor.

Zürcher Bibel:

Damit ihr aber wisst, dass der Sohn des Menschen Macht hat, auf Erden Sünden zu vergeben – sagt er zu dem Gelähmten:

Luther-Übersetzung:

Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten:

Einheitsübersetzung:

Ihr sollt aber erkennen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben. Und er sagte zu dem Gelähmten:

Übersetzung nach Ulrich Wilckens:

„..Doch damit ihr merkt, dass der Menschensohn Vollmacht hat, auf Erden Sünden zu vergeben“, sagte er zu dem Gelähmten:

Münchner Neues Testament:

Damit ihr aber wisst, dass Vollmacht hat der Sohn des Menschen, zu erlassen Sünden auf der Erde, - sagt er zu dem Gelähmten:

Gute Nachricht:

„…Aber ihr sollt sehen, dass der Menschensohn auf der Erde das Recht hat, Schuld zu vergeben.“ Und er sagte zu dem Gelähmten:

Übersetzung nach Jörg Zink:

Damit ihr aber seht, dass der Beauftragte Gottes Vollmacht hat, auf der Erde Verfehlungen zu vergeben, die gegen Gottes Gebot begangen wurden, will ich tun, was schwerer zu sein scheint. So wandte er sich dem Kranken zu:

In diesem Vers besteht der Unterschied zwischen den verschiedenen Übersetzungen im Satzbau. In der Einheitsübersetzung, der Guten Nachricht und der Übersetzung nach Jörg Zink ist Vers 10a als Hauptsatz formuliert.

In den restlichen Übersetzungen ist Vers 10a als Nebensatz formuliert. Dieser Nebensatz hat jedoch keinen Hauptsatz, auf den er sich bezieht. Für den Leser hört sich diese Satzkonstruktion merkwürdig an.

Erklären könnte man diese Tatsache dadurch, dass es sich bei den Übersetzungen mit „falschem“ Satzbau mit Ausnahme der Übersetzung nach Wilckens um formale Übersetzungen handelt. Wie schon erwähnt, halten sich diese Übersetzungen so nah es geht bzw. exakt an den griechischen Urtext. Da der griechische Satzbau nicht dem deutschen entspricht, kann es hier zu Sätzen kommen, die in der deutschen Sprache nicht korrekt sind. Gerade im Münchner Neuen Testament findet man durchweg solche Formulierungen.

2. Textabgrenzung

In diesem Schritt grenze ich die Perikope als Einheit aus dem Markusevangelium ab und bestimme, ob zu Beginn oder am Ende der Geschichte die tiefere Zäsur vorliegt.

Da sich die Perikope sowohl nach vorne als auch nach hinten vom Rest des Evangeliums abgrenzt (z.B. durch einen Ortwechsel zu Beginn und am Ende der Perikope), handelt es sich hierbei um eine eigenständige Geschichte, die durch Einleitung, Handlung und einen Schluss auch ohne Kenntnis des gesamten Markusevangeliums verständlich ist und in der Form isoliert existieren könnte.

Die Perikope hat am Anfang die eindeutig tiefere Zäsur, denn Vers 1 beginnt mit den Worten „Und als er nach einigen Tagen…“ Diese Zeitangabe verdeutlicht, dass zwischen der vorhergehenden Geschichte und unserer Erzählung ein Zeitsprung von mehreren Tagen liegt.

Hinzu kommt, dass der Ort gewechselt wird. Es ist die Rede davon, dass Jesus „…wieder nach Kapernaum hineingegangen war,…“.[1] Jesus kommt zurück nach Kapernaum, hat sich vorher also woanders aufgehalten.

Im Gegensatz zur vorherigen Geschichte ist hier ein klarer Einschnitt zu erkennen.

Auch die Personen ändern sich im Gegensatz zur vorherigen Perikope.

Schaut man vergleichsweise an das Ende der Perikope, bzw. den Beginn der neuen Perikope bei Mk 2, 13, findet man dort keinen Zeitsprung von einigen Tagen. Auch der Ortswechsel ist nicht so gravierend. „Und er ging wieder an den See hinaus…“ zeigt an, dass er sich aus seinem Haus ins Freie bewegt, jedoch keine Reise beginnt und sich so kilometerweit von seinem Haus entfernt.[2]

Das zeigt, dass hier die eindeutig flachere Zäsur vorliegt.

3. Kontextanalyse

In diesem Schritt bestimme ich, welche Stellung die Perikope im Hinblick auf das gesamte Markusevangelium einnimmt.

Der Mikrokontext muss mit Mk 2,1 beginnen, da ich bereits im vorhergehenden Schritt bestimmt habe, dass vor 2,1 die tiefere Zäsur liegt.

Zur Festlegung des Endes Mikrokontextes schaue ich also auf die nachfolgenden Perikopen, nicht auf die vorhergehenden.

In unserer Perikope liegt eine Heilung verbunden mit einem Streitgespräch vor. In den nächsten drei Perikopen (2,13-17; 2,18-22; 2,23-28) finden wir reine Streitgespräche. Mk 3,1-6 besteht wieder aus einem Streitgespräch verbunden mit einer Heilung.

Schematisch lässt sich dieser Sachverhalt folgendermaßen darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Da die drei Streitgespräche in der Mitte des Mikrokontextes von zwei Streitgesprächen verbunden mit einer Heilung eingeschlossen werden[3], nennt man dies eine Ringkomposition.

Unsere Perikope stellt den Beginn des Mikrokontextes dar. Durch die zahlreichen Streitgespräche innerhalb des Kontextes spitzt sich die Lage immer weiter zu, bis sie in Markus 3,6 ihren Höhepunkt erreicht, denn hier wird der erste Todesbeschluss gefasst.

Der Mikrokontext lässt sich von Mk 2, 1 bis Mk 3,6 festlegen.[4]

Der Makrokontext umfasst das gesamte Markusevangelium. Ein zentrales Thema unserer Perikope ist die Heilung eines Kranken. Im Markusevangelium gibt es zahlreiche andere Wundergeschichten (z.B. 1, 40-45; 3,7-12; 5,21-43 usw.).

Auch das andere zentrale Thema der Perikope, das Streitgespräch zwischen Jesus und den Schriftgelehrten, findet man immer wieder im Markusevangelium (siehe Mikrokontext). Diese Streitgespräche führen letztlich zu den drei Todesbeschlüssen, die von den Schriftgelehrten ausgesprochen werden (3,6; 11,18; 14,1), welche unweigerlich zur Passion führen.

[...]


[1] Siehe Markus 2,1

[2] Siehe Markus 2,13

[3] Conzelmann/ Lindemann: Arbeitsbuch zum NT, Seite 315

[4] Schnelle: Einleitung in das NT, Seite 251

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Exegese zu Markus 2,1-12
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Evangelische Theologie)
Veranstaltung
Wissenschaftliche Arbeit am Neuen Testament
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V73259
ISBN (eBook)
9783638741811
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exegese, Markus, Wissenschaftliche, Arbeit, Neuen, Testament
Arbeit zitieren
Katja Bruckhaus (Autor), 2005, Exegese zu Markus 2,1-12, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73259

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