Die Kontroverse um die Schuld am Kriegsausbruch 1914 erreichte in den 1960er Jahren mit Fritz Fischers Buch 'Griff nach der Weltmacht' ihren Höhepunkt. Die emotional geführte Debatte vor und nach diesem Buch ist ausführlicher Gegenstand meiner Arbeit. Die Juli-Krise erscheint vor dem Hintergrund einer breit angelegten historischen Untermauerung: Der Weg in den Krieg begann latent mit Bismarcks Rücktritt. Wer war Schuld am Weg in das Massensterben? Die Antwort kann nur multiperspektivisch sein.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Untersuchungsziele der Arbeit
2 Das Problem der Kontroversen in der Zeitgeschichte
3 Nationalismus, Imperialismus, Kolonialismus - Die Herausbildung zweier Blöcke in Europa
3.1 Vorbemerkungen
3.2 Charakteristika der europäischen Großmächte um 1900
3.3 Die politische Großwetterlage bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges
3.3.1 Die Ära bismarckscher Außenpolitik
3.3.2 Kurswechsel in der Außenpolitik durch Wilhelm II.
4 Die antiliberalen „Ideen von 1914“ – ideologische Grundlagenbildung für Deutschlands „Platz an der Sonne“
4.1 Wegbereiter des Krieges I: Vorurteile – Feindbilder – Stereotypen
4.1.1 Feindbild Großbritannien
4.1.2 Feindbild Frankreich
4.1.3 Feindbild Russland
4.2 Geschichte als Argument? Orientierungen bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges
4.2.1 Vorbemerkungen
4.2.2 Kriegsgrund Geschichte?
4.3 Wegbereiter des Krieges II: Mögliche Kriegsziele, mögliche Weltkriegsursachen
4.3.1 Herausbildung des Radikalnationalismus in Deutschland
4.3.2 Nationalismus – Krisen – Weltkriegsursachen
5 Der „Sprung ins Dunkle“ oder Fischers „Griff nach der Weltmacht“? Die Julikrise 1914
5.1 Vorbemerkungen
5.2 Darstellung: Die Julikrise 1914
5.3 Die historische Kontroverse um die Verantwortung am Ausbruch des Ersten Weltkrieges
5.3.1 Fritz Fischer: „Deutschland und der Ausbruch des Weltkrieges - Präventivkrieg und die Inszenierung der Überfallthese“
5.3.2 Gerhard Ritter: „Eine neue Kriegsschuldthese?“
5.3.3 Zum Ausbruch des Krieges – Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollwegs „Betrachtungen zum Weltkriege“
6 Die Schuldfrage des Ersten Weltkrieges im Fokus der Zeit 1919 bis 1960
6.1 Vorbemerkungen
6.2 Im Zeichen des Versailler Vertrages
6.2.1 Die Kriegsschulddebatte in der Weimarer Republik
6.2.2 In Kontinuität: Der Nationalsozialismus
6.3 Kriegsursachenforschung in der Deutschen Demokratischen Republik
6.4 Umgang mit der Vergangenheit in der jungen Bundesrepublik bis 1960
7 „Ein Buch wie ein Sprengsatz“
7.1 Vorbemerkungen
7.2 Die Kontroverse und Fritz Fischers Verdienst
7.3 Unterstützung für Fischer
7.3.1 John Röhls Dokumentation
7.3.2 Der Fischer-Schüler Imanuel Geiss
7.4 Widerspruch gegen Fischer und Annäherungen
7.4.1 Karl-Dietrich Erdmann: Wer wollte den Frieden erhalten?
7.4.2 Egmont Zechlin: Der Krieg als deutsche Präventivaktion?
7.4.3 Andreas Hillgruber: Der Weltkrieg als kalkuliertes Risiko?
7.5 Wer trägt nun die Schuld am Kriegsausbruch?
8 Auf Schuldsuche mit Tatsachen und Fakten: Gibt es eine geschichtliche Wahrheit?
8.1 Vorbemerkungen
8.2 Jede Epoche lässt ihre Historiker die Geschichte neu schreiben
8.2.1 „Neid auf die Naturwissenschaften“
8.2.2 Objektivität und Werturteile im Geschichtsunterricht
8.3 Lehrbuchvergleich
9 Was können wir aus der „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts, dem Ersten Weltkrieg, heute lernen?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Kontroverse um die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges, insbesondere im Kontext von Fritz Fischers Thesen, und analysiert, wie diese Debatte als Grundlage für multiperspektivisches Geschichtsverstehen und -unterricht dienen kann.
- Die Rolle von Nationalismus, Imperialismus und Bündnissystemen bei der Kriegsentstehung.
- Die ideologischen Grundlagen der „Ideen von 1914“ und die Ausbildung von Feindbildern.
- Die wissenschaftliche Debatte um Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“ und die verschiedenen Historiker-Positionen.
- Die Aufarbeitung der Kriegsschuldfrage im Spiegel der deutschen Geschichte von 1919 bis 1960.
- Methodische Ansätze für den Geschichtsunterricht im Umgang mit kontroversen historischen Sachverhalten.
Auszug aus dem Buch
Die historische Kontroverse um die Verantwortung am Ausbruch des Ersten Weltkrieges
1961 erschien Fritz Fischers Buch „Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18“ und verletzte, so Geiss 40 Jahre später resümierend, das große Nationaltabu der Deutschen, die relative Unschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Aber der Krieg kam nicht von ungefähr. „Schließlich hat das Deutsche Reich eine Politik geführt, die eine Überschätzung und eine Überspannung seiner Kräfte darstellte und zu seinem eigenen und Europas Niedergang führte.“ „Solche Erscheinungen aufzuweisen“, schob Fischer im Begleitwort seines Buches argumentativ nach, „gehört zu den legitimen und zentralen Aufgaben des Historikers.“
Die folgende Untersuchung widmet sich nun den wesentlichen Strömungen in der Kriegsschuldfrage. Insbesondere in Punkt 7 wird den Hauptpersonen, die sich über Fischers Werk äußerten, es unterstützten, kritisierten und ihre Sicht der Dinge niederschrieben, Raum gegeben. Trotzdem sollte auch immer auf abweichende Meinungen (Franz-Willing, Kind, Woche u.a.) eingegangen werden, da sie ein noch facettenreicheres Bild liefern. Solche Positionen, die sich auf einen Schuldigen festlegen, müssen immer besonders genau geprüft und abgewogen werden.
Dies geschah schließlich auch mit Fritz Fischers Thesen und sollte genauso heute in der Auseinandersetzung mit ihm und seinen Thesen konstruktiv geschehen. Mit dem zentralen zweiten Abschnitt von Fischers Buch möchte ich an dieser Stelle einsteigen und seinen Schilderungen der Julikrise Platz geben, bevor dann, um den Gegensatz herzustellen, ein Sprung in die Zeit vor Fischers Aufsehen erregendem Buch erfolgt (Punkt 6). Die Hintergründe der Ereignisse im Juli 1914 sollen und müssen nämlich, trotz mancher Exkurse, im Mittelpunkt stehen. Denn im Streit der frühen 1960er Jahre stand genau dieser problematische Zeitraum wiederum im Mittelpunkt der Betrachtungen wie ehedem in der Weimarer Republik. Wie kam es also zum Krieg? Ist Europa in diese Katastrophe nur unabsichtlich „hineingeschlittert“?
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung und Untersuchungsziele der Arbeit: Einführung in die Thematik der Kriegsschulddebatte und die Relevanz der Multiperspektivität für den Geschichtsunterricht.
2 Das Problem der Kontroversen in der Zeitgeschichte: Erörterung der Schwierigkeiten bei der Erforschung zeitgeschichtlicher Sachverhalte aufgrund ihrer perspektivischen Natur.
3 Nationalismus, Imperialismus, Kolonialismus - Die Herausbildung zweier Blöcke in Europa: Analyse der gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, die zur Verfestigung der Machtblöcke vor 1914 führten.
4 Die antiliberalen „Ideen von 1914“ – ideologische Grundlagenbildung für Deutschlands „Platz an der Sonne“: Untersuchung der ideologischen Strömungen und Feindbilder, die eine Mobilisierung für den Krieg ermöglichten.
5 Der „Sprung ins Dunkle“ oder Fischers „Griff nach der Weltmacht“? Die Julikrise 1914: Darstellung der Julikrise und der gegensätzlichen Interpretationsansätze zur Verantwortung am Kriegsausbruch.
6 Die Schuldfrage des Ersten Weltkrieges im Fokus der Zeit 1919 bis 1960: Untersuchung der Kriegsschulddiskussion in verschiedenen deutschen Epochen von der Weimarer Republik bis zur frühen Bundesrepublik.
7 „Ein Buch wie ein Sprengsatz“: Analyse der durch Fritz Fischers Thesen ausgelösten Historikerkontroverse und der verschiedenen wissenschaftlichen Positionen dazu.
8 Auf Schuldsuche mit Tatsachen und Fakten: Gibt es eine geschichtliche Wahrheit?: Reflexion über die methodischen Grundlagen der Geschichtswissenschaft und die Rolle des Historikers.
9 Was können wir aus der „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts, dem Ersten Weltkrieg, heute lernen?: Gegenwartsbezogene Schlussfolgerung aus der historischen Katastrophe für die heutige Zeit.
Schlüsselwörter
Erster Weltkrieg, Kriegsschuldfrage, Fritz Fischer, Julikrise 1914, Imperialismus, Nationalismus, Historikerkontroverse, Geschichtsunterricht, Multiperspektivität, Septemberprogramm, Bündnissystem, Versailles, Bethmann Hollweg, Gerhard Ritter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Hausarbeit im Kern?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage nach der Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges und analysiert, wie sich die historische Bewertung dieser Ereignisse im Laufe der Zeit verändert hat, insbesondere im Kontext von Fritz Fischers Thesen.
Welche Themenfelder werden in der Arbeit behandelt?
Zentrale Themen sind Imperialismus und Nationalismus vor 1914, die ideologischen Grundlagen der Kriegsbereitschaft, die Julikrise, die Kriegsschulddebatte in der Zwischenkriegs- und Nachkriegszeit sowie methodische Überlegungen zum Geschichtsunterricht.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Komplexität der Kriegsschuldfrage aufzuzeigen und einen multiperspektivischen Ansatz für das historische Verständnis und den Unterricht zu entwickeln, anstatt vereinfachte oder einseitige Antworten zu suchen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Verfasser nutzt eine Analyse historischer Literatur, Kontroversen und Dokumente (z.B. Fischers „Griff nach der Weltmacht“, Quellen aus Schulbüchern), um verschiedene Perspektiven auf die Ereignisse gegenüberzustellen.
Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die politische Großwetterlage vor dem Krieg, die ideologische Vorbereitung, die detaillierte Untersuchung der Julikrise und die anschließende wissenschaftliche Kontroverse sowie deren Spiegelung in deutschen Lehrbüchern.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Kriegsschuldfrage, Multiperspektivität, Fischer-Kontroverse, Imperialismus, historische Objektivität und die Rolle des Historikers in der Gesellschaft.
Welche Rolle spielt Fritz Fischer für die vorliegende Arbeit?
Fritz Fischer steht im Mittelpunkt, da sein Werk „Griff nach der Weltmacht“ die historische Debatte massiv beeinflusste und die Grundlage für die hier diskutierte Kontroverse zwischen verschiedenen Historikerpositionen bildet.
Wie bewertet der Autor die Rolle der Geschichtsbücher im Unterricht?
Er sieht sie als wichtige erste Impulse, mahnt jedoch an, dass sie nicht unkritisch übernommen werden sollten, sondern als Grundlage für eine multiperspektivische Erarbeitung durch die Schüler dienen müssen.
Was ist die Schlussfolgerung des Autors in Bezug auf den Ersten Weltkrieg?
Der Autor zieht eine gegenwartsbezogene Lehre aus der „Urkatastrophe“ und betont die Notwendigkeit, Kriege aktiv zu verhindern, Feindbilder abzubauen und Geschichte nicht als Schicksal, sondern als von Menschen gestaltetes Produkt zu begreifen.
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- Daniel Fischer (Author), 2007, Die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges und Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“. Die historische Kontroverse als Grundlage multiperspektivischen Geschichtsunterrichts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73274