„Der Wurm muß dem Fisch schmecken und nicht dem Angler!”
Diese Aussage des ehemaligen RTL-Geschäftsführers Dr. Helmut Thoma fasst dessen Verständnis von Privatfernsehen zusammen und kann symptomatisch für die ganze Riege der privaten Fernsehsender in Deutschland gelten. Denn die privaten Fernsehsender sind abhängig von Werbeeinnahmen und die können wiederum nur durch den Verkauf von möglichst quotenstarker Werbezeit erzielt werden. Es wird also vor allem das gesendet, wovon vermutet wird, dass es bestimmte Zielgruppen mit bestimmbaren Konsumgewohnheiten zu bestimmten Zeiten sehen wollen.
Offiziell geben die Sender selbst jedoch andere Motive für die Ausstrahlung bestimmter Formate an. Laut RTL.de ist das Ziel der Sendung „Die Super Nanny“, um die es in dieser Arbeit geht, eine fundierte Analyse von Erziehungssituationen, eine Besprechung der konkreten Erziehungssituation und eine individuelle pädagogische Beratung für die Eltern zu leisten. Denn RTL will nach eigener Aussage „mit diesem Format einerseits den betroffenen Familien eine Hilfestellung bieten, andererseits aber auch dem Zuschauer anhand von unterschiedlichen Fällen Lösungsansätze für Probleme in der eigenen Familie aufzeigen.“
Von diesem Selbstanspruch der Sendung ist der Titel dieser Arbeit abgeleitet. „Reality-TV als Lebenshilfe?“ ist die Frage, der hier nachgegangen werden soll. Wenn hier stellvertretend für das „Reality-TV“ die „Super Nanny“ auf eine mögliche Funktion als „Lebenshilfe“ untersucht wird, dann wird danach gefragt, ob eine mediale Vermittlung von Lösungsansätzen für bestimmte alltägliche Problemsituationen geleistet wird. Vor diesem Hintergrund interessiert es nicht so sehr, wie genau die „Super Nanny“ bei der Therapie der Familien vorgeht und wie oder ob sie deren Lebenssituation langfristig verbessert. Im Vordergrund steht vielmehr die Frage, ob der Rezipient von dem Format eine „Lebenshilfe“ erhalten kann. Also ob eine Beratung über das Medium Fernsehen stattfindet und wie diese konkret aussieht.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Allgemeine Vorüberlegungen
1. Aufbau und Vorgehensweise
2. Die Geschichte der Darbietung des privaten Lebens im Fernsehen
2.1 Die Lebensweltliche Orientierung des Fernsehens
III. Theoretische Vorüberlegungen
1. „Reality-TV“
1.1 Exkurs – zum Begriff Realität
1.2 „Reality TV“ - Begriffsklärung
1.3 Die Entwicklung des „Reality-TV“
1.4 Hybridisierung
2. Die Dokusoap
IV. Eine Einführung in die „Super Nanny“
1. Rahmenbedingungen
2. Typischer Ablauf der Sendung
V. Analyse der theatralen Eigenschaften
1. Zum Begriff der Theatralität
2. Die Inszenierung
2.1 Die Dramaturgie
2.2 Die Montage
2.3 Die Emotionalisierung
2.4 Die Stereotypisierung
2.4.1 Katharina Saalfrank – die strenge Erzieherin
2.4.2 Soziale Milieus
2.4.3 Geschlechterrollen
3. Performance
4. Korporalität
5. Zwischenfazit
VI. Das Erziehungsprogramm und dessen mediale Umsetzung
1. Das Erziehungskonzept der „Super Nanny“
1.1 Triple P – Positiv Parenting Program
1.2 Die Ziele von „Triple P“
1.3 Grundlagen und Prinzipien
2. Triple P im „Reality TV“ – die mediale Umsetzung
2.1 Die „stille Treppe“.
2.2 Die „Familienregeln“
VII. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Reality-TV-Format „Die Super Nanny“ im Hinblick auf dessen medienwissenschaftliche Einordnung und die Frage, ob das Format tatsächlich als „Lebenshilfe“ fungieren kann oder primär unterhaltenden Zwecken dient.
- Analyse der theoretischen Einordnung von Reality-TV und Dokusoaps.
- Untersuchung der theatralen Eigenschaften und inszenatorischen Mittel der Sendung.
- Gegenüberstellung des pädagogischen Programms „Triple P“ mit der medialen Umsetzung.
- Reflektion über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsfunktion und beratendem Anspruch.
- Diskussion über die mediale Vermittlung von Alltagslösungen.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Dramaturgie
„In Filmen und Fernsehsendungen geht es offensichtlich um Geschichten“, (vgl. Hickethier 1993: 123) beziehungsweise um das Erzählen von Geschichten. Beim Prozess des Erzählens, also dem Verlauf vom Anfang zum Ende, werden Elemente der Geschichte in eine bestimmte Anordnung gebracht. Diese Ordnung der Elemente einer Geschichte bezeichnet man als Dramaturgie. Das Hauptanliegen jeder Dramaturgie besteht darin, das gezeigte Geschehen, bzw. die Geschichte, für den Rezipienten möglichst interessant und spannend aufzubereiten. Da die Realität selbst sich nur schwer nach dramaturgischen Gesichtspunkten genau planen lässt, besteht das dramaturgische Konzept der „Super Nanny“ darin, die Aufnahmen beim Schnitt nach dramaturgischen Gesichtspunkten zu strukturieren. Es kann also von einer dramaturgischen Umgestaltung6 gesprochen werden.
Im Folgenden soll die Dramaturgie in der „Super Nanny“ näher untersucht werden.
Die einzelnen Episoden der „Super Nanny“ folgen dem traditionellen Muster des dramatischen Geschehens. Sie sind in einen klaren Anfang, ein Ende und einen dramaturgisch gestalteten Zeitraum dazwischen unterteilbar. (vgl. Hickethier 1991: 9f.) Eine Folge lässt sich demnach wie folgt unterteilen:
1. Anfang: Einführung in die Familie und passive Beobachtung durch die „Super Nanny“
2. Mitte: Aktives Eingreifen der „Super Nanny“ und Coaching
3. Ende: Rückkehr der „Super Nanny“ in die Familie zur Kontrolle und Verabschiedung
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Darstellung der Problemstellung und der Forschungsfrage zur Funktion von Reality-TV als Lebenshilfe.
II. Allgemeine Vorüberlegungen: Einführung in die Methodik der Arbeit und historischer Abriss der Darbietung privater Lebenswelten im Fernsehen.
III. Theoretische Vorüberlegungen: Definition von Reality-TV als Gattung sowie die Eingrenzung der Dokusoap als spezifisches Genre.
IV. Eine Einführung in die „Super Nanny“: Beschreibung der Produktionsbedingungen und des typischen Ablaufs einer Sendung.
V. Analyse der theatralen Eigenschaften: Untersuchung von Dramaturgie, Montage, Emotionalisierung und Stereotypisierung als Mittel der Inszenierung.
VI. Das Erziehungsprogramm und dessen mediale Umsetzung: Analyse der Anwendung pädagogischer Triple-P-Methoden und deren mediale Aufbereitung in der Sendung.
VII. Schlussbetrachtung: Zusammenführende Diskussion über das Spannungsverhältnis zwischen Unterhaltungsanspruch und Lebenshilfe-Funktion.
Schlüsselwörter
Reality-TV, Super Nanny, Dokusoap, Inszenierung, Theatralität, Lebenshilfe, Triple P, Erziehungsberatung, Montage, Dramaturgie, Unterhaltungsfernsehen, Medienwissenschaft, Authentizität, Fernsehunterhaltung, Soziale Milieus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Reality-Format „Die Super Nanny“ unter medienwissenschaftlichen Gesichtspunkten, um zu klären, ob es sich dabei um echte Lebenshilfe oder primär um Unterhaltung handelt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Medialisierung des Privaten, die theatralen Inszenierungsmittel in Dokusoaps sowie die Wirksamkeit pädagogischer Konzepte in der TV-Unterhaltung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es herauszufinden, ob die Sendung dem selbst auferlegten Anspruch gerecht wird, Eltern bei Erziehungsproblemen zu unterstützen, oder ob dieser Anspruch lediglich als Alibi für Unterhaltungszwecke dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine medienwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die sich primär auf das Konzept der Theatralität von Erika Fischer-Lichte sowie filmtheoretische Grundlagen der Montage und Dramaturgie stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theatralen Inszenierungsmittel wie Montage und Dramaturgie sowie die mediale Umsetzung konkreter pädagogischer Methoden aus dem Triple-P-Programm.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Reality-TV, Super Nanny, Inszenierung, Lebenshilfe, Triple P, Theatralität und Unterhaltungsfernsehen.
Wie wichtig ist die "stille Treppe" für das Sendekonzept?
Die "stille Treppe" fungiert als zentraler, inszenierter Höhepunkt der Sendung, der vor allem dazu dient, Spannung zu erzeugen und die erzieherische Kompetenz der Nanny dramaturigisch zuzuspitzen.
Warum wird in der "Super Nanny" ein traditionelles Geschlechterrollenbild vermittelt?
Die Analyse zeigt, dass Väter in der Sendung oft passiv bleiben, während die Mutter als Hauptbezugsperson für erzieherische Anweisungen fungiert, was den Eindruck erweckt, Erziehung sei primär Frauenarbeit.
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- Marius Rausch (Author), 2007, „Familienprobleme? Die Super Nanny hilft!“ Reality-TV als Lebenshilfe?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73281