Hans Steinger bezeichnete 1935 den Orendel als „eine Dichtung ohne Grundsatz“, die „jeder künstlerischen Zielstrebigkeit Hohn“ spräche. Die gesamte ältere literaturwissenschaftliche Forschung reproduzierte diese Auffassung der planlosen, lediglich additiven Konzeption des Orendel. Als so genanntes Spielmannsepos – und somit als Sammelsurium heterogener Motive - wurde ihm jegliche Kohärenz sowohl des Inhalts als auch der Form abgesprochen.
Erst in den letzten 5 bis 15 Jahren fragt die Forschung nach der sinnkonstituierenden Funktion der verschiedenen narrativen Traditionen und den damit verbundenen vermeintlichen Gattungsbrüchen. Durch die nunmehr stärkere Betonung der integrierenden Kraft des Orendel erscheint die Überschreitung der klassischen Gattungsgrenzen nicht länger als willkürliche. Man hat erkannt, dass starres Gattungs- und Schemadenken den Blick für die Geschlossenheit des Werks, über die in jüngster Zeit Konsens herrscht, verstellte.
Obwohl die Verschmelzung von weltlichen und geistlichen Erzähltraditionen im Orendel als ästhetisch anspruchsvolles Stilisationsprinzip nicht länger in Frage gestellt wird, bestehen dennoch diverse Meinungen zum Stellenwert der einzelnen Motive innerhalb des übergreifenden Sinnzusammenhangs. Nach einer allgemeinen Betrachtung zur Problematik der Gattungsmischung oder Hybridität sollen die verschiedenen, teilweise antagonistischen Deutungsperspektiven in der Forschung zum Orendel anhand einer eingehenderen strukturellen Textanalyse kritisch geprüft und das Verhältnis der profanen und sakralen Erzählmomente herausgestellt werden. Die anschließende Untersuchung der Funktionen der Gattungsschemata soll die Interpretation des Orendel als organische sowie dynamische Hybride stützen.
Inhaltsverzeichnis
- Orendel
- Zur Hybridität der Orendeldichtung
- Eine Dichtung ohne Grundsatz?
- Gattungsbruch vs. Gattungsmischung
- Zur generellen Problematik der Hybridität
- Orendel im Spannungsfeld profanen und sakralen Erzählens
- Strukturelle Analyse des Verhältnisses von legendarischen und brautwerberischen Motiven
- Funktion und Funktionalisierung der heterogenen Motive
- Ästhetik und Kohärenz der Gattungsmischung
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Gattungsmischung im mittelhochdeutschen Epos „Orendel“ und analysiert, wie die Verschmelzung von weltlichen und geistlichen Erzähltraditionen zu einer kohärenten und dynamischen Hybride führt. Die Arbeit befasst sich mit der Problematik der Hybridität in der Literatur und beleuchtet, wie die Integration verschiedener narrative Elemente zu einer neuen, komplexen Form führt.
- Gattungsmischung und Hybridität im Orendel
- Spannungsfeld zwischen profanem und sakralem Erzählen
- Funktion und Bedeutung der verschiedenen Gattungsmotive
- Ästhetik und Kohärenz der Gattungsmischung
- Die Integration von Legende und Brautwerbung
Zusammenfassung der Kapitel
Das erste Kapitel beleuchtet die historische Rezeption des Orendel und die Kritik an seiner vermeintlichen „planlosen“ und „additiven“ Konzeption. Es zeigt, wie die jüngere Forschung die integrierende Kraft des Orendel erkannt hat und die Überschreitung von Gattungsgrenzen nicht länger als willkürlich betrachtet.
Kapitel 2 analysiert die generelle Problematik der Hybridität in der Literatur und zeigt, wie die Mischung von verschiedenen Gattungen zu einer neuen, komplexen Form führen kann. Der Begriff der „hybriden Konstruktion“ wird im Kontext der Redevielfalt des Romans erläutert.
Das dritte Kapitel konzentriert sich auf die strukturelle Analyse des Orendel, wobei die Beziehung zwischen legendarischen und brautwerberischen Motiven im Mittelpunkt steht. Es wird gezeigt, wie die Genealogie des Grauen Rockes Christi die narrative Grundlage des Epos bildet und wie die verschiedenen Motive miteinander verbunden sind.
Schlüsselwörter
Die Arbeit konzentriert sich auf die Schlüsselbegriffe Gattungsmischung, Hybridität, Legende, Brautwerbung, profanes Erzählen, sakrales Erzählen, Orendel, mittelalterliche Literatur, Gattungsgeschichte, Strukturanalyse, Funktion und Kohärenz.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Thema der Analyse des mittelhochdeutschen „Orendel“?
Die Arbeit untersucht die Gattungsmischung (Hybridität) zwischen geistlichen Legenden und weltlichen Brautwerbungserzählungen im Epos Orendel.
Warum wurde der Orendel früher als „Dichtung ohne Grundsatz“ kritisiert?
Die ältere Forschung sah im Orendel ein planloses Sammelsurium heterogener Motive, dem jegliche künstlerische Kohärenz fehlte.
Wie bewertet die moderne Forschung die Gattungsbrüche im Orendel?
Neuere Untersuchungen sehen die Mischung als ästhetisch anspruchsvolles Stilisationsprinzip und betonen die integrierende Kraft und Geschlossenheit des Werks.
Welche Rolle spielt der „Graue Rock Christi“ in der Erzählung?
Die Genealogie des Grauen Rockes bildet die sakrale narrative Grundlage, die mit den profanen Elementen der Brautwerbung verknüpft wird.
Was versteht man unter „Hybridität“ in diesem literarischen Kontext?
Hybridität bezeichnet die Verschmelzung unterschiedlicher Gattungsschemata zu einer neuen, organischen und dynamischen Erzählform.
Welche methodische Herangehensweise nutzt die Arbeit?
Die Arbeit nutzt eine strukturelle Textanalyse, um das Verhältnis zwischen sakralen und profanen Erzählmomenten kritisch zu prüfen.
- Arbeit zitieren
- Anne-Katrin Otto (Autor:in), 2007, Gattungsmischung im Orendel - Eine Hybride zwischen Legende und Brautwerbung , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73292