Gräuelzeichnungen und Karikaturen im 1. Weltkrieg

Am Beispiel der französischen Bildpropaganda im ersten Weltkrieg


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

28 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Karikatur und Feindbild
2.1. Die Karikatur
2.2. Die verschiedenen Formen der Karikatur
2.3. Das Feindbild und seine Formen

3. Französische Bildpropaganda im ersten Weltkrieg
3.1. Gräuelpropaganda und Hetzbild in Frankreich
3.2. Wirkung und Wirkungsfaktoren
3.3. Verbreitung und Zensur
3.4. Inhalte, Ideen und Wertung

4. Karikatur, Propaganda und Krieg
4.1. Gräuelpropaganda an der Front
4.2. Inhalt und Wirkung
4.3. Abwehr und Gegenmaßnahmen

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

7. Verzeichnis erläuternder Abbildungen [Abbildungen nicht enthalten!]

1. Einleitung

„Im Frieden ist der Karikaturist ein Darsteller, im Kriege ist er zumal für die Waffen ein Hypnotiseur.“[1] so beschreibt Ferdinand Avenarius in seinem Buch „Das Bild als Narr“ die Rolle des Künstlers. Schulte-Strathaus meint, die Karikaturzeichner unterscheiden sich von den Soldaten an der Front nur durch die Art ihrer Waffen. Angelika Plum beschreibt in ihrer Dissertation, welche Wertschätzung die Karikaturisten erhalten, wenn sie als offizielle Kriegskünstler ernannt und von den Regierungen sogar finanziell unterstützt werden. Demnach hat die Karikatur eine enorme Bedeutung für die Politik, die Gesellschaft und die Menschen.

Die Zeichner schaffen es in kürzester Zeit, aktuelle Sachverhalte einfach darzustellen und mit Witz, Komik oder Satire zu bereichern. Die kurzfristige Aktualität lässt ganz speziell im Krieg keine lange Planung zu. Den Karikaturisten bleibt kaum Zeit zum Entwerfen, die flüchtigen Ideen werden meist mit Bleistift zu Papier gebracht und mit einem Kommentar für das Geschehen des Tages vervielfältigt. Darüber hinaus muss der Künstler das seelische Gefüge des Volkes kennen, denn nur so ist es ihm möglich, mit Hilfe der publizistischen Darbietung Propagandabild, die Masse der Menschen zu beeinflussen.

In der folgenden Ausarbeitung soll die Wichtigkeit und die Bedeutung der Karikatur dargestellt werden. Besonderes Augenmerk soll dabei auf den Einsatz der Karikatur im ersten Weltkrieg gelegt werden. Darüber hinaus werden die Gräuelbilder – vor allem die der Franzosen – genauer hinsichtlich ihrer Wirkung, Verbreitung und Wertung untersucht. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf dem Kapitel 3, welches sich mit der Bildpropaganda von Frankreich gegen Deutschland beschäftigt. Satirische Kritik braucht Ansatzpunkte. Welche das für die Gräuel- und Kriegsbilder der Französischen Künstler waren, soll ebenfalls in diesem Kapitel erläutert werden.

Anhand von zahlreichen Bildbeispielen soll die Vielfältigkeit der Bilder und Karikaturen verdeutlicht werden. Im Vordergrund steht dabei die politische Karikatur, aber auch einzelne Beispiele aus der Wirtschaft und Industrie werden angeführt.

2. Karikatur und Feindbild

2.1. Die Karikatur

Die Karikatur ist eine komisch übertreibende Zeichnung oder ähnliches, die eine Person, eine Sache oder ein Ereignis durch humoristische oder satirische Hervorhebung und Überbetonung bestimmter charakteristischer Merkmale der Lächerlichkeit preisgibt[2]. Der Begriff „caricare“ stammt aus dem Italienischen gleichbedeutend mit „beladen, übertrieben komisch darstellen“. Ludwig Schulte-Strathaus greift auf eine ausführliche Definition von Heinrich Arimond zurück: „Karikatur ist die gewollte Abweichung von einer bekannten originalen Form, in der die Absicht begründet liegt, dass man sie zunächst als die originale Form selbst, dann aber als die Abweichung von dieser erfasse, mit dem Zwecke, an dieser Stelle der Vorstellung der originalen Form die Abweichung von dieser zu setzen mit dem Bewusstsein, dass die Vorstellung der Abweichung noch die Vorstellung des Originalen sei.“[3]

Bei der Gestaltung von Karikaturen werden Stilmittel wie Verfremdung, Komik oder auch die Anspielung von Assoziationen verwendet. Die Stereotype in der Karikatur werden zur Kategorisierung benötigt. Sie stellen eine starre, schematisierte und überdauernde Einstellung dar, die nur eine dem Vorurteil ähnliche, schablonenhafte Sichtweise zulassen. Ein weiterer wichtiger Begriff für die Karikatur ist die Allegorie. Sie wird als Sinnbild oder Gleichnis verstanden und tritt oft in Form der Personifikation eines abstrakten Begriffs oder Vorgangs auf.

Die Verwendung von Symbolik macht die Karikatur lebendig. So wird der Starke oft übermäßig groß dargestellt. Der Schwache hingegen wird meist als Winzling in den Bildern gezeichnet. Um Personen in der Karikatur als dumm oder unsympathisch erscheinen zu lassen, werden beispielsweise die Ohren stark verlängert, die Augen schielend dargestellt und spezielle Körpermerkmale besonders groß hervorgehoben (Abb. 1 und 2). Gefahr und Tod werden entweder als Gevatter Tod, als Sarg, als Gerippe oder Totenkopf gezeichnet (Abb. 3 und 4). Das Regierungsoberhaupt, die Kriegstreiber oder Heerführer werden von Tieren, Fabelwesen oder Monstern mit spitzen Zähnen und großen Mäulern symbolisiert (Abb. 5).

Die Karikatur ordnet die verschiedenen Eindrücke, unterstützt die Wahrnehmung und ermöglicht auf diese Weise eine Kategorisierung der Welt. Sie bietet förmlich eine Systematik zur Aufnahme von Informationen über die Welt. Ein Merkmal der Karikatur ist die schnelle und unmissverständliche Orientierungshilfe, die sie dem Betrachter gibt. Wenn sie nicht schon im Bild an sich deutlich wird, dann spätestens in der Bildunterschrift. Die Eindeutigkeit ist ein weiter Gesichtspunkt der Karikatur. Sie ist entweder dafür oder dagegen, richtig oder falsch – dazwischen gibt es nichts. Um schnelle Erfassbarkeit und Eindeutigkeit zu gewährleisten, greifen die Künstler auf stark vereinfachte Schwarz-Weiß-Klischees zurück.

2.2. Die verschiedenen Formen der Karikatur

Ferdinand Avenarius unterteilt die Karikaturen in Spottbilder, Hassbilder, Hetzbilder, Speibilder und Zerrbilder. Beim typenbezogenen Spottbild steht die Komik im Vordergrund und entsprechend wird die Ironie betont (Abb. 6). Die Witz- und Hohnbilder wurden oft in den Blättern der Entente veröffentlicht und zeigten Misshandlung und Verhöhnung (Abb. 7). Avenarius verurteilt diese Hohnbilder über die Deutschen aufs schärfste und kritisiert die Künstler „welche den wehrlosen deutschen Gefangenen als erniedrigt, verspottet, misshandelt auf Bildern darstellen, als sei das in schönster Ordnung.“[4] Laut Avenarius fehlen in Deutschland solche Bilder und er führt dies auf Zensur und die Menschlichkeit der Deutschen zurück, obwohl diese Meinung durchaus kritisch gesehen werden muss.

Das Hassbild setzt die Karikatur als Mittel der Hassmythenbildung ein. Hierfür gibt es zahllose französische Beispiele. Ein immer wieder kehrendes Motiv sind die abgeschnittenen Kinderhände, die bereits im „Kongogreul“ ihren Ursprung hatten. Es zeigt den niederträchtigen Deutschen, wie er Kinderhände abschneidet und als Trophäe mitnimmt. Das Kind jedoch bewahrt seine Haltung. Weitere Motive der Hassbilder sind der erschossene Knabe (Abb. 8) und das aufgespießt getragene Kind (Abb. 9). „Das Hassbild in seiner reinsten Form ist hemmungslose Entladung“, so Avenarius, „ ... jede Selbstbeherrschung, jede Benommenheit fehlt, der Zeichner gibt sich halt- und würdelos als Knecht seiner Wut.“[5] Die Grenze zum Wut- oder Hetzbild ist fließend. Deren Zweck ist es in erster Linie aufzuhetzen und es trägt die Aufforderung: „ich hasse, hasst mit!“[6] (Abb. 2). Das Hetzbild entwickelt sich aus dem Einzelfall von einer verallgemeinernden Übertreibung bis ins halluzinierend Unsinnige (Abb. 10). Dabei wird das Hetzbild auch im wirtschaftlichen oder industriellen Kontext eingesetzt (Abb. 11 und 12).

Das Speibild oder auch Ekelbild genannt, will den gehassten Gegner beschmutzen, da man ihn physisch nicht verwunden kann. Avenarius beschreibt die Motive der französischen Speibilder gegen die Deutschen wie folgt: „Ebenso gern, wie etwas vom Schwein, nimmt man auch etwas vom Affen oder äffischen Vormenschen in den Mund, wenn man auf Deutsche speien will.“[7] Eine Karikatur mit dem Titel „Erster Weltkrieg“ zeigt einen Affen mit Pickelhaube, welcher das ganze Land verschlingt (Abb. 13). Eine belgische Karikatur stellt den Reichsadler mit zwei Köpfen dar, wie er Not, Elend und Tod über das Land bringt (Abb. 14).

Ein anderes Speibild zeigt Deutschland als Schlächter (Abb. 15) oder ein speiendes Monster auf drei Füssen, mit einem Dolch bewaffnet und einem Kind auf den Rücken geschnallt (Abb. 5). Das Zerrbild unterscheidet sich von den anderen genannten durch seine Botschaft: „Vorsicht, nimm mich nicht wörtlich!“ Es stellt Extreme dar, die vom Betrachter auch als solche interpretiert werden. Das Zerrbild ist ein absichtlich verzerrtes Spiegelbild, welches Individual-Charakter trägt.

2.3. Das Feindbild und seine Formen

Als eine häufige Form der Karikatur tritt das Feindbild auf. Die Skala reicht vom Lächerlich machen über den Feind (Abb. 1) bis hin zur Darstellung des Feindes als Bestie (Abb. 5). Die Gräuelbilder, auf die in Kapitel 3 genauer eingegangen wird, gelten als spezielle Form von Feindbildern. Generell basieren Feindbilder auf den Bedrohungsvorstellungen des Betrachters. Das Gefühl der Bedrohung definiert dabei den Feind. Oberstes Ziel dieser Bilder ist es, Enthemmung in der Bevölkerung zu erreichen und zur Aufrüstung oder militärischen Handlung aufzufordern. Ulrich Beck beschreibt die Feindbilder in der Karikatur als „... intellektuelle Waffen, Meta-Waffen: Worte, in deren Horizont Gewalt selbstverständlich wird. Sie ermöglichen auf ein Außen abzuwälzen, was im Innern wenigstens miterzeugt wird. Der Andere, der Fremde, der Feind ist schuld, wo ansonsten alle Externa – Gott, Natur – entgleiten.“[8].

Im Gegensatz zur klassischen Karikatur stützen sich Feindbilder auf bereits existente Vorstellungen der Rezipienten. Sie haben damit in erster Linie bestätigende Wirkung. Die

Meinung soll verstärkt werden und unter Umständen sogar die Meinungsbildung gelenkt werden (Abb. 2). Vorgefasste Einstellungen und Vorurteile spielen dabei eine große Rolle. Lilli[9] erklärt den Grund für die Beständigkeit der Urteile sehr anschaulich. Der Mensch neigt dazu, „seine Urteile so auszurichten, dass sie ein geschlossenes Bild abgeben. Es gilt die Annahme, dass zu einem bestehenden Bild in aller Regel passende, dieses Bild bestätigende, es abrundende Informationen bevorzugt werden. Dieses Streben nach Konsistenz ist ein Schutz-Mechanismus, der verhindert, dass wir die Bilder, die wir uns machen, angesichts widersprechender Informationen fortwährend ändern müssten, was sehr großen und deshalb gerne vermiedenen Aufwand erfordern würde. Je extremer diese Bilder sind – und beim Feindbild haben wir es mit einer extremen Form zu tun – , desto stärker ist ihre Stabilität oder ihre Resistenz gegen Änderung.“.

Die Nähe zur Propaganda ist ein wichtiges Kriterium der Feindbilder, welches vor allem im ersten Weltkrieg erkannt wurde und im Nationalsozialismus ausgefeilt eingesetzt wurde. Die Rolle der Karikatur im ersten Weltkrieg gibt das folgende Zitat wider: „Die Karikatur ist wegen ihrer Suggestionskraft und mithin ihres Einflusses auf die Menge, die ja in der Mehrzahl aus schwachen Köpfen besteht, eins der Hauptmittel unserer Gegner, die Stimmung der eigenen Völker zu heben und die Neutralen zu gewinnen.“[10] Die Karikatur wird zum „kriegerischen Nebenschauplatz“[11]. Avenarius geht in seinem Buch „Das Bild als Narr“ sogar noch einen Schritt weiter. Er bezeichnet die Karikaturen der Entente als politisch wichtige Erscheinungen und schätzt deren Wirkungskraft als kriegsentscheidend ein. In diesem Zusammenhang verweist Avenarius auch auf die Gefahr der Überschätzung der Karikaturwirkung. Gerade nach dem ersten Weltkrieg versuchten die Deutschen darin einen Grund für ihre Niederlage zu sehen.

[...]


[1] Avenarius, Ferdinand: Das Bild als Narr, 1918, S. 249

[2] Hrsg.: Drosdowski, Günther: Schülerduden Fremdwörterbuch, 1997, S. 245

[3] Schulte-Strathaus, Ludwig: Das Bild als Waffe, 1938, S. 4

[4] Avenarius, Ferdinand: Das Bild als Narr, 1918, S. 116

[5] Avenarius, Ferdinand: Das Bild als Narr, 1918, S. 172

[6] Avenarius, Ferdinand: Das Bild als Narr, 1918, S. 172

[7] Avenarius, Ferdinand: Das Bild als Narr, 1918, S. 195

[8] Beck, Ulrich: Der feindlose Staat, 1993, S. 111

[9] Lilli, Waldemar: Feindbilder im Dienste der Aufrüstung, 1987, S. 21

[10] Ohne Verfasserangabe: Die Karikatur im Kriege. In Kreuzzeitung, Nr.380 vom 28.07.1918

[11] Plum, Angelika: Die Karikatur im Spannungsfeld von Kunstgeschichte und Politikwissen­schaft, 1998, S. 123

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Gräuelzeichnungen und Karikaturen im 1. Weltkrieg
Untertitel
Am Beispiel der französischen Bildpropaganda im ersten Weltkrieg
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Politische Karikatur im 20. Jahrhundert
Note
2
Autor
Jahr
2001
Seiten
28
Katalognummer
V7334
ISBN (eBook)
9783638146258
ISBN (Buch)
9783638676236
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gräuelzeichnungen, Karikaturen, Weltkrieg, Politische, Karikatur, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Antje Visser (Autor), 2001, Gräuelzeichnungen und Karikaturen im 1. Weltkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7334

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