Der 17. Juni 1953 - Forschung und Deutungsmuster


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Überblick über Ursachen, Verlauf und Folgen
2.1 Der „Aufbau des Sozialismus“
2.2 Der „Neue Kurs“
2.3 Auslöser

3. Reaktionen und Deutung
3.1 Reaktion der SED
3.2 Bundesdeutsche Spiegelung

4. Gegenwärtiger Erkenntnisstand
4.1 Arbeitererhebung
4.2 Volksaufstand
4.3 Revolution

5. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit hat den 17. Juni 1953 in der Deutschen Demokratischen Republik zum Thema.

Eine Emnid-Umfrage im Juni 2001 über den Wissenstand der historischen Vorgänge von 1953 hat ergeben, dass lediglich 43 % aller Deutschen das Datum richtig einordnen konnte.[1] Erst mit dem 50. Jahrestag 2003 gerieten die Ereignisse wieder ins öffentliche Bewusstsein, und wurden zu einem bedeutenden Thema der zeithistorischen Forschung.[2] So gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Literatur, die sich umfassend mit dem Auslöser, dem Verlauf und den Folgen, mit Problemen, Kontroversen und Ähnlichem befasst.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit soll nun auf dem derzeitigen Forschungs- und Erkenntnisstand und den damit einhergehenden Deutungsmustern liegen.

Dafür ist eine theoretisch - historische Rekonstruktion unabdingbar, so dass zunächst ein Überblick über Ursachen und Verlauf der Ereignisse gegeben wird.

Der zweite Abschnitt befasst sich mit der Verarbeitung der Ereignisse und der Entwicklung der Forschung sowohl in der DDR, als auch in der Bundesrepublik.

Anschließend wird durch die Darstellung der vorhandenen Interpretationsmuster der Frage nachgegangen, inwiefern die Definition der Ereignisse als Volksaufstand gerechtfertigt sind.

2. Überblick über Ursachen, Verlauf und Folgen

2.1 Der „Aufbau des Sozialismus“

Die unmittelbaren Wurzeln des Aufstandes lagen im Sommer 1952. In diesem Jahr wurde auf der 2. Parteikonferenz der SED in Absprache mit der Moskauer Führung der „Aufbau der Grundlagen des Sozialismus proklamierte“.[3]

Das provozierte ein Ursachenbündel, das sich auf alle gesellschaftlichen Bereiche auswirkte und mit Schlagworten wie Industriereform, Kollektivierung der Landwirtschaft, Versorgungsprobleme und Fluchtbewegung umschreiben lässt, worauf im Folgenden kurz eingegangen werden soll.

Der Fünfjahresplan hatte für die DDR eine beschleunigte Entwicklung der Wirtschaft vorgesehen. Dabei wurde der Schwerpunkt auf die Förderung der Schwerindustrie gelegt, die mit einer Normerhöhung, mit dem vorrangigen Ziel die Arbeitsproduktivität bei gleicher Lohnauszahlung zu steigern, verbunden war.[4] Dieser intensive Auf- und Ausbau der Schwermaschinen- und Stahlindustrie ging unmittelbar einher mit einer starken Vernachlässigung der Verbrauchsgüterindustrie. Dazu kamen Preis- und Steuererhöhungen und der Entzug der Lebensmittelkarten für etwa zwei Millionen Menschen[5]. Dies führte zu erheblichen Problemen und Engpässen in der ohnehin unzureichenden und schlechten Versorgung der Bevölkerung.[6]

Neben der Orientierung der Wirtschaft auf die Schwerindustrie, lag der Schwerpunkt auf der Kollektivierung in der Landwirtschaft. Die Großbauern sollten im Sinne des Aufbaus des Sozialismus als soziale Gruppe beseitigt, und die Klein- und Mittelbauern kollektiviert werden. Mit bewusst überzogenen Steuererhebungen und politisch bewusst kalkulierten Ablieferungssollvorgaben wurden Tausende Bauern in den Ruin getrieben, deren Höfe von der SED enteignet und zwangskollektiviert wurden.[7] So verließen zahlreiche Bauern ihre Höfe und hinterließen ernste Versorgungslücken, die von den Genossenschaften nicht getragen werden konnten.[8]

Diese unzureichende Versorgung und nicht zuletzt die erheblichen Einschränkungen der demokratischen Rechte, durch die Drosslung des Reiseverkehrs,[9] und die harte Verschärfung der Unterdrückung durch das SED-Regime[10] trugen dazu bei, dass das niedrige Lebensniveau sich weiter absenkte und die allgemeine Unzufriedenheit in der Bevölkerung stieg.[11]

Das Land stand 1952/53 in einer tiefen ökonomischen Krise und drohte bei der Fortführung der bisherigen Politik zu kollabieren.

2.2 Der „Neue Kurs“

Das Ansteigen der Fluchtbewegung veranlasste die Sowjetische Führung schließlich zum Eingreifen, und beorderte Anfang Juni 1953 eine dreiköpfige Delegation nach Moskau.[12] Daraufhin verkündete die SED am 9. Juni ein Bündel von Änderungen zur Überwindung der Krise, manifestiert im Kommuniqué des Politbüros.[13] Diese politische Kurskorrektur sollte die fehlerhaften Entscheidungen der SED, zur Beschleunigung der wirtschaftlichen Entwicklung, beseitigen. Sie beinhaltete im Wesentlichen die Revidierung der einseitigen Wirtschaftspolitik, die Senkung der Preise und Steuern und die Zurücknahme einiger Zwangsmaßnahmen. Finanziert wurde dieser Neue Kurs aber von der weiterhin praktizierten Normerhöhung für die Arbeiter. Die Verordnung zur Erhöhung der Normen galt also nach wie vor.[14]

2.3 Auslöser

Die Mehrheit der Bevölkerung verstand den Neuen Kurs als Bankrotterklärung der bisherigen Politik und somit des Systems. Die Beibehaltung der Normerhöhung, bei gleichzeitigem neuem sozialem Kurs steigerte den Unmut und die Unzufriedenheit, gerade bei den Arbeitern. Mobilisiert durch einen Artikel in der Gewerkschaftszeitung Tribüne am 16. Juni, in dem unmissverständlich erklärt wurde, dass die Erhöhung der Arbeitsnormen bis zum 30. Juni 1953 mit aller Kraft durchgeführt werden würden, kam es schließlich am 17. Juni 1953 überall im Land zu spontanen Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen.[15]

[...]


[1] Vgl. Kowalczuk, Ilko-Sascha: 17. Juni 1953 - Arbeiteraufstand, Volksaufstand, Revolution. Aufstandsgeschichte, Forschungskontroversen und Erinnerungskultur. In: IWK, 2003, H. 1, S. 1.

[2] Vermutlich wird dem 17. Juni auch deshalb soviel Aufmerksam zuteil, weil das Thema aufgrund der Unzufriedenheit in Deutschland mit den sozialen Bedingungen besonders aktuell ist.

[3] Ebd. S. 17; Eisenfeld, Bernd / Kowalczuk, Ilko-Sascha / Neubert, Ehrhart: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni 1953 in der deutschen Geschichte, Bremen 2004, S.31. Die Parteikonferenz fand vom 9. - 12. Juni 1952 in Berlin statt. Die SED-Spitze war sich einig den bisherigen politischen Kurs zu korrigieren, um dem Ziel der Erhöhung der Arbeitsproduktivität auch auf politischer Ebene gerecht zu werden. Vgl. Baring, Arnulf: Der 17. Juni 1953, Stuttgart 1983, S. 19ff.

[4] Diese einseitige wirtschaftliche Entwicklung war im großen Maße der zunehmenden heimlichen Aufrüstung und dem Aufbau eines Sicherheitsapparates geschuldet. Vgl. Kowalczuk, Ilko-Sascha: 17.6.1953 Volksaufstand in der DDR. Ursachen – Abläufe – Folgen, Bremen, 2003, S.41ff. Dazu kommt, dass die Norm- und Lohnfrage in dem rohstoffarmen und zudem durch Demontage geschwächten Land bereits vor der Gründung der DDR ein sozialer und politischer Konfliktstoff zwischen der Arbeiterschaft und der SED-Führung war. Die Einführung der technisch begründeten Arbeitsnorm TAN, die aus dem Mittelwert der durchschnittlichen Normerfüllung und der Leistung der Aktivisten ermittelt wurde, trug somit zur Verschlechterung und Zuspitzung der Situation bei. Vgl. Kowalczuk, Ilko-Sascha, 2003, S. 61ff.

[5] Dies geschah meistens aus politischen und soziale Gründen. Für die Betroffenen bedeutete dies, dass sie in den überteuerten HO-Läden einkaufen mussten. Vgl. Kowalczuk, Ilko-Sascha, In: IWK, 2003, S.5.

[6] Durch schlechte Ernten hatte sich die Lebenssituation für viele Menschen seit Herbst 1952 drastisch verschlechtert. Vgl. Baring, Arnulf, 1983, S.34.

[7] Bis zum Juli 1952 kam es nur zu vereinzelten Gründungen von landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften LPG. Dies erfolgte jedoch in dieser Phase weitgehende auf freiwilliger Basis. Nach der 2. Parteikonferenz bis zum Juni 1953 wurden dann Tausende Höfe enteignet und zwangskollektiviert, da sich viele Bauern dem Druck der Zwangskollektivierung nicht beugen wollten und konnten und das Land verließen. Vgl. Kowalczuk, Ilko-Sascha, Bremen, 2003, S.55f.

[8] Ende 1952 waren dreizehn Prozent der Anbaufläche in der DDR aufgrund fehlender Arbeitskräfte nicht bewirtschaftet. Vgl. Baring, Arnulf, 1983, S.34.

[9] Die Zonengrenze wurde zur Staatsgrenze erklärt als Antwort auf die Unterzeichnung des Vertrages über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft. Vgl. Baring, Arnulf: Der 17. Juni 1953, Stuttgart 1983, S 20f.

[10] So stieg die Zahl der Inhaftierten innerhalb eines Jahres von 35.000 auf 67.000. Vgl. Kowalczuk, Ilko-Sascha, Bremen, 2003, S.33f, 59.

[11] Für viele kam als letzter Ausweg nur die Flucht in Frage, und so nahm die Fluchtbewegung zu und erreichte im Frühjahr 1953 ein bislang nicht bekanntes Ausmaß. Vgl. Kowalczuk, Ilko-Sascha, Bremen, 2003, S.49ff; Baring, Arnulf, 1983, S.23.

[12] Bereits am 15. April legte die neue sowjetische Führung, seit dem Tod Stalins am 5. März, den deutschen Genossen nahe den harten Kurs zu mildern. Vgl. Baring, Arnulf, 1983, S.37f. Die Delegation bestehend aus dem Ministerpräsidenten Otto Grotewohl, dem SED-Generalsekretär Walter Ulbricht und dem ZK-Sekretär für Propaganda Fred Oelßner waren vom 2. - 4. Juni in Moskau, um den Neuen Kurs in Empfang zu nehmen. Vgl. Kowalczuk, Ilko-Sascha, Bremen, 2003, S. 84.

[13] Vgl. Kowalczuk, Ilko-Sascha, Bremen, 2003, S.89; Baring, Arnulf, 1983, S.43f.

[14] Vgl. Kowalczuk, Ilko-Sascha, In: IWK, 2003, S.5; Kowalczuk, Ilko-Sascha, Bremen, 2003, S. 93.

[15] Dieser Artikel steigerte die Verbitterung und Enttäuschung der Ostberliner Arbeiter und bestärkte sie in ihrer Absicht, gegen die Normerhöhung zu protestieren. So starteten einige hundert Bauarbeiter im Viertel Friedrichshain am 16. Juni 1953 eine spontane Demonstration, der sich immer mehr Arbeiter anderer Baustellen anschlossen. Der Demonstrationszug wuchs bis zu 10.000 Arbeitern an, als dieser am Haus der Ministerien ankam. Bei der allmählichen Auflösung der Demonstration am Abend gelang es den Streikenden über einen Lautsprecherwagen die Bevölkerung Ostberlins zu einem Generalstreik am folgenden Tag, dem 17. Juni 1953, aufzurufen. Dieser Aufruf erreichte bis zum späten Nachmittag große Teile der Bevölkerung.

So wird der Artikel und die Rolle des RIAS, der von den Vorgängen berichtete und wichtige Informationsquelle für viele DDR Bürger war, oft als Auslöser für die Demonstrationen gesehen. Vgl. Baring, Arnulf, 1983, S.83f. Diese These ist jedoch umstritten. Der Artikel mag den Anstoß gegeben, und die Rundfunkmeldungen mobilisierend und verstärkt gewirkt haben, jedoch sollte dies nicht überschätzt und als alleiniger Auslöser gesehen werden.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der 17. Juni 1953 - Forschung und Deutungsmuster
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Das Politische und Soziale System der DDR
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
16
Katalognummer
V73366
ISBN (eBook)
9783638741286
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Juni, Forschung, Deutungsmuster, Politische, Soziale, System
Arbeit zitieren
Britta Held (Autor), 2003, Der 17. Juni 1953 - Forschung und Deutungsmuster , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73366

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