Kampf der Kulturen? Huntingtons These in der Diskussion


Hausarbeit, 2007

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problemstellung und Literaturbericht

2. Huntingtons These vom „Clash of Civilizations“
2.1 Zivilisationsbegriff und Einteilung der Welt in Kulturkreise
2.2 Kampf der Kulturen: Ursachen und Ausprägungen

3. Huntingtons Fallbeispiel: Der Bosnienkrieg 1992-1995
3.1 Kriegsverlauf und Akteure
3.2 Erklärungsansatz nach Huntington

4. Kritik an Huntingtons Erklärungsansatz und deren Untersuchung am Fallbeispiel
4.1 Fragwürdige Kulturkreiseinteilung und –Abgrenzung
4.2 Reduzierung des Kulturbegriffs auf Religion
4.3 Annahme absolut homogener Kulturkreise
4.4. Unterbewertung der Nationalstaaten als Akteure der internationalen Politik
4.5 Fragwürdigkeit des Kin-Country Syndroms und der Kernstaatenkonflikte

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Problemstellung und Literaturbericht

Im Dezember 1991 leitete der Zusammenbruch der Sowjetunion das Ende des Kalten Krieges und der daraus resultierenden bipolaren Machtordnung ein. In Folge dessen diskutiert die politikwissenschaftliche Fachwelt seit den neunziger Jahren verstärkt darüber, wie sich die internationale Politik nach dem Ende des Ost-West-Konflikts entwickeln wird. Die wohl bekanntesten Abhandlungen zu dieser Thematik stellen John Mearsheimers Publikation „Back to the Furture – Instability in Europe after the Cold war“ und die Ausführungen Samuel P. Huntingtons zum Kampf der Kulturen dar. Letztere veröffentlichte der Harvard-Professor im Jahre 1993 als Aufsatz mit dem Titel „The Clash of Civilizations?“ in der Zeitschrift Foreign Affairs. Huntington erläutert darin seine These, dass Konflikte in Zukunft primär zwischen Kulturkreisen bzw. zwischen Angehörigen verschiedener Kulturkreise entlang kultureller Bruchlinien und nicht mehr – aus ideologischen oder wirtschaftlichen Gründen - zwischen einzelnen Nationalstaaten entstehen und ausgetragen werden.[1] Diese Prognose eines Kampfes der Kulturen löste in den letzten Jahren eine sehr kontroverse und weltweit geführte Diskussion aus. Huntington sah und sieht sich neben sehr viel Zuspruch auch enormer Kritik ausgesetzt[2], was ihn u.a. dazu bewegte, im Jahre 1996 die These vom Kampf der Kulturen in einem eigenständigen Buch „The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order“ zu verteidigen bzw. zu präzisieren.

Die vorliegende Arbeit stellt Huntingtons Kampf der Kulturen zur Diskussion und geht mit Blick auf den Bosnienkrieg (1992-1995), den Huntington als eines der Paradebeispiele für seine These nennt, gezielt der Frage nach, ob Huntingtons Konzept vom „Clash of Civilizations“ tatsächlich haltbar ist. Zu diesem Zweck wird Huntingtons These in einem ersten Schritt erläutert. Um diese bewerten zu können, wird in einem zweiten Schritt der Bosnienkrieg als Fallbeispiel untersucht. Einer Einführung in Verlauf und Hintergründe des Bosnienkonflikts folgt der detaillierte Erklärungsansatz des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers. Im Folgenden sollen Kritikpunkte an Huntingtons Theorie dargelegt und am Beispiel des Bosnienkrieges auf ihre Berechtigung untersucht werden. Abschließend werden die bei der Untersuchung des Fallbeispiels gewonnen Erkenntnisse generalisiert, um zu allgemeinen Erkenntnissen über die Richtigkeit bzw. Falschheit der These Huntingtons zu gelangen.

Für die Analyse der Huntington’schen These vom Kampf der Kulturen bzw. für die Erklärung des Bosnienkrieges aus Sicht Huntingtons wurden die Arbeiten des Politikwissenschaftlers selbst, d.h. der Artikel „The Clash of Civilizations?“ aus Foreign Affairs, sowie spätere Monographien Huntingtons verwendet. Die Ausführungen zum Bosnienkrieg bzw. dessen Entstehung aus geschichtswissenschaftlicher Sicht sind im Wesentlichen dem Werk „Der Krieg in Bosnien-Hercegovina“ von Marie-Janine Calic entnommen. Schließlich wurden für die kritische Auseinandersetzung mit Huntingtons These Monographien bzw. Aufsätze von Gazi Calgar, Giacomo Chiozza, Ajami Fouad, Harald Müller, Dieter Senghaas, Amartya Sen und Bassam Tibi herangezogen.

2. Huntingtons These vom „Clash of Civilizations“

In seinem Aufsatz „The Clash of Civilizations?“ geht Samuel P. Huntington der Frage nach, welche Konflikte bzw. Konfliktlinien die Welt nach dem Ende des Ost-West-Konflikts beherrschen werden und worin die Gründe hierfür zu suchen sind. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass zukünftige Konflikte zumeist entlang kultureller Konfliktlinien auftreten werden, anstatt wie früher aufgrund ideologischer und ökonomischer Unterschiede bzw. Abgrenzungen. Diese interkulturellen Konflikte würden laut Huntington häufig auch von den jeweiligen Kulturgenossen gemeinsam ausgetragen. Obwohl Nationalstaaten ihre Rolle als mächtigste weltpolitische Akteure auch in Zukunft behaupteten, träten Konflikte also hauptsächlich zwischen Nationen oder Gruppen aus verschiedenen Kulturkreisen auf. Zwar gäbe es auch weiterhin Konflikte zwischen Staaten und Gruppen aus einer Zivilisation, doch seien diese weniger intensiv und breiteten sich weniger stark aus.[3]

2.1 Zivilisationsbegriff und Einteilung der Welt in Kulturkreise

Da Huntington kulturelle Unterschiede als Konfliktquelle der Zukunft ausgemacht hat, gruppiert er bei der Analyse künftiger Konfliktlinien Staaten nicht – wie bislang üblich – anhand gleicher bzw. ähnlicher ökonomischer und politischer Systeme oder äquivalentem wirtschaftlichem Entwicklungsstand, sondern anhand kultureller Gemeinsamkeiten.[4]. Dementsprechend betrachtet Huntington Kulturkreise („civilizations“[5] ) als

„[…] the highest cultural grouping of people and broadest level of cultural identity

people have short of that which distinguishes humans from other species.”[6]

Solche Zivilisationen definieren sich „sowohl durch gemeinsame objektive Elemente wie Sprache, Geschichte, Religion, Sitten, Institutionen als auch durch subjektive Identifikationen der Menschen mit ihr.“[7] Derartige Faktoren sind dazu geeignet, einerseits Angehörige verschiedener Kulturkeise in Konflikte zu treiben, andererseits aber auch Kulturgenossen zu einen.

Huntington zeigt zudem auf, dass Zivilisationen sowohl aus lediglich einem Nationalstaat, als auch aus mehreren Staaten bestehen können.[8] Zudem erkennt er in manchen Kulturkreisen jeweils einen so genannten Kernstaat, der sich von den anderen Ländern aufgrund eines höheren - meist militärischen - Machtpotentials absetzt. Solche Kernstaaten haben eine Ordnungs- und Stabilisierungsfunktion, da sich weniger potente Staaten innerhalb des Kulturkreises diesen mächtigeren Ländern unterordnen, um militärischen Beistand zu erhalten und die Durchsetzung eigener Interessen sicherzustellen. An die Stelle der einstigen bipolaren Ordnung tritt bei Huntington also die Vorstellung einer multipolaren Welt.

Entsprechend ihrer kulturprägenden Religionen unterteilt Huntington die Erde in sieben bzw. acht Kulturkreise[9], wobei dem Judentum und dem Buddhismus wenig Bedeutung beigemessen wird: den westlichen-christlichen (Kernstaat USA), den slawisch-orthodoxen (Kernstaat Rußland), den konfuzianischen[10] (Kernstaat China), den japanischen (Kulturkreis und Kernstaat identisch), den hinduistischen (ohne Kernstaat), den islamischen (ohne Kernstaat) und den lateinamerikanischen Kulturkreis (ohne Kernstaat), sowie einen mehr oder weniger homogenen afrikanische Kulturkreis (ohne Kernstaat). Letzterer ist seiner Ansicht nach zwar bislang kulturell und religiös äußerst heterogen, jedoch entwickelt sich zunehmend eine eigenständige afrikanische Identität[11].

Obwohl Huntington die von ihm ausgemachten Kulturkreise geographisch relativ deutlich voneinander abgrenzt, nimmt er dennoch eine wichtige Einschränkung vor:

„Civilizations are dynamic; they rise and fall; they divide and merge. And, as any student of history knows, civilizations disappear and are buried in the sands of time.[12]

Kulturkreise sind also keine politischen Einheiten, deren Grenzen eindeutig gezogen werden können, und die für alle Ewigkeit starr und unveränderlich sein müssen. Für Huntington sind Kulturräume zwar äußerst langlebig, aber dennoch einem gewissen Entwicklungsprozess unterworfen, da sie sich überlappen und aufeinander einwirken können.[13]

2.2 Kampf der Kulturen: Ursachen und Ausprägungen

Wie bereits festgestellt wurde, sieht Huntington zukünftige Trennlinien der Menschheit sowie die Konfliktquellen der Zukunft im kulturellen Bereich. In diesem Sinne wird der Kampf der Kulturen die Weltpolitik dominieren und die Bruchlinien zwischen den Kulturen werden die Kampflinien der Zukunft sein.[14] Hierfür nennt er sechs Ursachen: Zunächst sind die Unterschiede zwischen den Kulturen zum einen real und zum anderen zu fundamental um Kompromisse zuzulassen. Die einzelnen Kulturkreise unterscheiden sich bezüglich ihrer Tradition, Sprache, Geschichte, Kultur und – was für Huntington am entscheidendsten und kulturprägendsten ist[15] – bezüglich ihrer Religion. Diese Werte münden in verschiedenen, oft gegensätzlichen Lebensanschauungen.[16] Huntington bemerkt an dieser Stelle, dass kulturelle Unterschiede wegen ihrer hohen Stabilität schwieriger ausgeglichen bzw. überwunden werden können als politische oder ideologische:

„ […] Communists can become democrats […], but Russians cannot become Estonians […].“[17]

Zudem führt das Fortschreiten der Globalisierung seiner Meinung nach zu einer immer höheren Anzahl an Interaktionen zwischen Kulturen, und damit in zunehmendem Maße zu Konflikten. Das Zivilisationsbewusstsein wird dabei gestärkt, weil Unterschiede zwischen den Zivilisationen und Gemeinsamkeiten innerhalb der Kulturkreise in einer globalisierten Welt immer augenscheinlicher zu Tage treten.[18] Des Weiteren werden Nationalstaaten, aufgrund des sozialen Wandels und der ökonomischen Modernisierung, immer weniger in der Lage sein, den Menschen als lokale Bezugseinheiten zu dienen, weshalb sich Individuen zwangsläufig mit dauerhaften, überstaatlichen Zivilisationen identifizieren werden. Solche Traditionsverluste werden nach Huntington zumeist mit einer „revanche de dieu“[19] – also mit einer weltweiten Renaissance der Religion - ausgeglichen. Die Religion - oftmals auch in Form fundamentalistischer Strömungen - tritt somit beispielsweise an die Stelle einstiger Ideologien. Darüber hinaus konstatiert Huntington, dass die breite Masse in den nicht-westlichen Kulturen zwar ein immer größeres Interesse an westlicher Kultur und westlichen Gewohnheiten hat, gleichzeitig aber im Bereich der jeweiligen Eliten eine Rückbesinnung auf eigene, ursprüngliche Werte stattfindet.[20] Schließlich gewinne auch ein ökonomischer Regionalismus immer stärker an Bedeutung, was sich nach Huntington anhand der Entstehung von regionalen Wirtschafsblöcken wie der EU sowie einem zunehmendem Handelsvolumen der Zivilisationen zeigen lässt.[21]

[...]


[1] Vgl. Huntington, 1996: S. 410f.

[2] Vgl. Ebd.: S. 11.

[3] Vgl. Huntington 1993: S. 38.

[4] Vgl. Ebd.: S. 24.

[5] Die inhaltlich korrekte deutsche Übersetzung des Wortes „civilization“ lautet „Kulturkreis“. Eine Gleichsetzung mit dem deutschen Wort „Zivilisation“ ist unter Sprachwissenschaftlern umstritten. Im Folgenden werden – aus Gründen der einfacheren Handhabbarkeit - allerdings beide Übersetzungen gleichbedeutend verwendet.

[6] Huntington 1993: S. 24.

[7] Huntington 2002: S. 54.

[8] Vgl. Huntington 1993: S. 24.

[9] Vgl. Ebd.: S. 25.

[10] In seinem Aufsatz von 1993 spricht Huntington vom konfuzianischen Kulturkreis. Dies präzisiert er in seinen späteren Werken, indem er fortan den Begriff des sinischen Kulturkreises gebraucht.

[11] Vgl. Huntington 2002: S. 61.

[12] Huntington 1993: S. 24.

[13] Vgl. Huntington 2002: S. 53ff.

[14] Vgl. Huntington 1993: S. 23.

[15] Vgl. Müller 2003: S. 559

[16] Vgl. Huntington 1993: S. 25.

[17] Huntington 1993: S. 27.

[18] Vgl. Huntington 1993: S. 25.

[19] Huntington 1993: S. 26.

[20] Vgl. Huntington 1993: S. 26f.

[21] Vgl. Ebd.: S. 27.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Kampf der Kulturen? Huntingtons These in der Diskussion
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Grundkurs Einführung in die Internationale Politik (BM 4)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V73419
ISBN (eBook)
9783638632980
ISBN (Buch)
9783638675802
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kampf, Kulturen, Huntingtons, These, Diskussion, Grundkurs, Einführung, Internationale, Politik
Arbeit zitieren
Michael Adam (Autor), 2007, Kampf der Kulturen? Huntingtons These in der Diskussion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73419

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kampf der Kulturen? Huntingtons These in der Diskussion



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden