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Bockiger Schwellgesang oder Beitrag zu einer deutschen Debatte? Bemerkungen zur Argumentation in Botho Strauß' Essay "Anschwellender Bocksgesang"

Title: Bockiger Schwellgesang oder Beitrag zu einer deutschen Debatte? Bemerkungen zur Argumentation in Botho Strauß' Essay "Anschwellender Bocksgesang"

Seminar Paper , 2001 , 23 Pages , Grade: 1.0

Autor:in: Thorsten Mundi (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Botho Strauß, Jahrgang 1944, zählt zu den meistbeachteten Schriftstellern der Gegenwart - und zu ihren meistgespielten Theaterautoren. Den Menschen Botho Strauß aber umgibt die Aura des Unberührbaren, die des einsamen Gelehrten in seinem Elfenbeinturm, der - mal milde lächelnd, mal wütend Blitze schleudernd - auf die Erde hinuntersieht. Den Begehrlichkeiten des Kulturbetriebs nämlich bleibt der Autor verschlossen: Keinen einzigen Fernsehauftritt gab er in nun beinahe 30-jährigem Schriftstellerdasein, bis heute meidet er Symposien und Preisverleihungen, selbst Interviews sind spärlich gesät. Diese mediale Ruhe um den Autor, Essayisten und Dramaturgen Botho Strauß fand im Frühling 1993 mit der Publikation des Essays vom "Anschwellenden Bocksgesang" im Wochenblatt "Der Spiegel" ein jähes Ende. Am 07. Februar des Jahres holte der Denker aus zum Rundumschlag gegen die "Totalherrschaft der Gegenwart", und das Land erbebte im Donner. Vom "Rechten" schrieb Strauß, der als Vertreter der Gegenaufklärung Widerpart sei der eiligen Zeit, Hüter des Tabus und der Scheu, der Anschluss suche an das Hergebrachte und Unbewegte im Bewusstsein, dass "der Mensch nicht einfach nur von heute ist" und die alten Dinge nicht fort und überlebt wären.
Es erscheint beinahe müßig, heute noch etwas zum "Anschwellenden Bocksgesang" sagen zu wollen - die ihn behandelnden Publikationen zählen kaum mehr nach Dutzenden. Der Essay - so dröhnten die Exegeten - liefere die intellektuelle Legitimation für "rechte" Tendenzen in der deutschen Gesellschaft, mache gar den rechten Terror hoffähig und leiste so letztlich einem neuen Faschismus Vorschub. Brigitta Huhnke glaubte, im gesamten Werk des Autors "faschistoide Phantasmen" ausmachen zu können und noch im Theater-Fachblatt "theater heute" nahm Peter von Becker die in seinen Augen nicht ausreichend deutliche Distanzierung Botho Strauß´ von den "ordinären und manchmal obszönen", in jedem Falle aber "schändlichen [...] Auslassungen seiner Bewunderer und Benutzer" zum Anlass, dem Essay mittels handwerklich fragwürdiger Zitatmontage den Aufruf zu "Lynchmord" und "Blutopfer" zu unterstellen.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Der Dichter vor der „Totalherrschaft der Gegenwart“

2. Das „Rechte“ und das „Linke“

3. Im Zentrum der deutschen Polis: Auschwitz

3.1 Mit der Geschichte gegen die Geschichte

3.2 Das Konzept des Tragischen

3.3. Die „Verbrecher-Dialektik des linken Terrors“

4. Das Gleichgewicht

4.1 Mediale und außer-mediale Wirklichkeit.

4.2. Das Gleichgewicht und die Ökonomie der Gewalt

5. Das Große Ganze

6. Bibliographie

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Diese Arbeit analysiert die Argumentationsstruktur in Botho Strauß’ Essay „Anschwellender Bocksgesang“. Ziel ist es, die häufig als „rechts“ diskreditierte Kritik des Autors als fundierte geschichtsphilosophische Auseinandersetzung mit der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu entlarven und dabei aufzuzeigen, wie Strauß das Konzept des Tragischen nutzt, um gesellschaftliche Verwerfungen zu deuten.

  • Die Auseinandersetzung mit der Shoah und die „Tragödie zweiter Potenz“.
  • Das Verhältnis zwischen linker Ideologie (RAF) und gesellschaftlicher Normalisierung.
  • Die medienkritische Analyse des „Gleichgewichts“ und der „telekratischen Öffentlichkeit“.
  • Die intertextuelle Bezugnahme auf Rene Girards Opfertheorie im deutschen Kontext.

Auszug aus dem Buch

3.2 Das Konzept des Tragischen

Wie oben bereits gesagt, nimmt Botho Strauß im „Anschwellenden Bocksgesang“ ein tragisches Verhältnis der deutschen Nachkriegsgesellschaft im Allgemeinen und der Generation der Nachgeborenen im Besonderen zu der historischen Realität der Shoah an. Mit den unter Abschnitt 3.1 angestellten Überlegungen lässt sich nun diese Strauß´sche These präzisieren. Hierfür sollen zunächst die grundlegenden Wesensmerkmale einer Tragödie – eines tragischen Vorgangs – erinnert werden.

Im Zentrum einer Tragödie steht die Handlung. Diese zeichnet nicht in erster Linie einen Menschen mit seinen charakterlichen Eigenschaften, sondern Handlungen und Lebensweisen, die Glück oder Unglück zur Folge haben. Menschen qualifizierten sich durch ihren Charakter – glücklich oder unglücklich jedoch würden sie durch ihre Handlungen, in welchen sich der Charakter des Handelnden artikuliere – so Aristoteles in seiner „Poetik“.

Tragödie soll nicht „jeden beliebigen Genuß verschaffen“, sondern im Publikum „Furcht und Mitleid“ auslösen. Tatsächlich gab die Tragödie ein Maß, „das Unheil ertragen zu lernen.“: Durch die Beteiligung des Publikums am Geschehen auf der Bühne, durch die Erfahrung von „Furcht und Mitleid“ sollte es von „ebensolchen Affekten befreit werden.“

Hierfür geeignet sind Schilderungen von Ereignissen, die erschreckend oder bemitleidenswert erscheinen und sich – um in diesem Sinne das beste Resultat zu erzielen – zwischen Freunden oder Verwandten abspielen. Aristoteles hebt im Folgenden ein besonders geeignetes Handlungsmuster hervor, das für diese Betrachtungen von Bedeutung ist: Eine unwissend vorgenommene Handlung, deren Konsequenzen der Protagonist erst nach der Tat erkennt, schließe das Banale aus und rufe Schrecken hervor. Ein Musterbeispiel für einen tragischen Vorgang nach diesem Schema ist die bereits von Bernhard Greiner mit dem „Anschwellenden Bocksgesang“ in Verbindung gebrachte Geschichte des Ödipus: König Laios und Königin Iokaste erhielten die Prophezeiung, ihr Sohn Ödipus werde einmal den König töten. Ödipus wurde daraufhin in der Wildnis ausgesetzt und sollte das Leben lassen.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Der Dichter vor der „Totalherrschaft der Gegenwart“: Einführung in die mediale Rezeption des Autors Botho Strauß und die Auslöser der Debatte um seinen Essay.

2. Das „Rechte“ und das „Linke“: Klärung etymologischer und politischer Missverständnisse der im Essay verwendeten Begriffe.

3. Im Zentrum der deutschen Polis: Auschwitz: Analyse des tragischen Verhältnisses der Nachgeborenen zur Shoah und der Rolle der „Abmäßigung“ in der deutschen Erinnerungskultur.

4. Das Gleichgewicht: Untersuchung der medialen Wirklichkeit und der intertextuellen Bezüge zu Girard, um den Zustand der heutigen Gesellschaft als „Gleichgewicht“ zu beschreiben.

5. Das Große Ganze: Zusammenfassende Synthese der Analyseergebnisse und Einordnung der anhaltenden Debatte.

6. Bibliographie: Verzeichnis der herangezogenen Quellen und Sekundärliteratur.

Schlüsselwörter

Botho Strauß, Anschwellender Bocksgesang, Geschichtsphilosophie, Shoah, Tragödie, Aristoteles, Rene Girard, Opfertheorie, Medienkritik, deutsche Nachkriegsgeschichte, linke Ideologie, RAF, deutsche Identität, Zeitgeist, Gegenaufklärung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit untersucht den Essay „Anschwellender Bocksgesang“ von Botho Strauß. Sie analysiert die darin enthaltene Kritik an der deutschen Nachkriegsgesellschaft und weist nach, dass Strauß’ Thesen keine bloße intellektuelle Legitimation rechter Tendenzen sind, sondern ein tieferes geschichtsphilosophisches Erklärungsmodell bieten.

Welche Themenfelder stehen im Fokus der Untersuchung?

Im Zentrum stehen die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, die Rolle der Medien bei der Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeit, der Begriff des Tragischen im aristotelischen Sinne sowie die Theorie der „Opferökonomie“ nach Rene Girard.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Ziel ist es, das häufig missverstandene Werk von Botho Strauß durch eine textnahe Analyse neu zu bewerten und aufzuzeigen, wie der Autor die moderne deutsche Identität als ein „Gleichgewicht“ darstellt, das aus der Verdrängung historischer Tragik resultiert.

Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?

Der Verfasser nutzt eine literaturwissenschaftliche und geistesgeschichtliche Methode, kombiniert mit einer kritischen Diskursanalyse, um die rhetorischen Strategien und intertextuellen Bezüge in Strauß’ Essay methodisch freizulegen.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des tragischen Bezugs zur Geschichte (Auschwitz), die Analyse der gesellschaftlichen „Gleichgewichts“-Struktur sowie die Kritik an der medialen Inszenierung der Gegenwart und dem Einfluss linker Ideologien auf die politische Kultur.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?

Die Untersuchung wird durch Begriffe wie Botho Strauß, Tragödie, Geschichtsphilosophie, Opfertheorie, Medienkritik, deutsche Identität und Shoah-Erinnerungskultur charakterisiert.

Inwiefern beeinflusste Rene Girards Theorie die Interpretation von Botho Strauß?

Die Arbeit zeigt, dass Strauß Girards Theorie nutzt, um zu erklären, wie Gesellschaften durch die Projektion von Gewalt auf „Opfer“ Stabilität gewinnen. Strauß argumentiert jedoch, dass dies in der heutigen, „differenzlosen“ Gesellschaft nicht mehr funktioniert und somit zu neuen Verwerfungen führt.

Warum wird der Begriff des „linken Terrors“ im Kontext der Arbeit kritisch hinterfragt?

Der Verfasser nutzt Strauß’ Argumentation, um aufzuzeigen, dass der linke Terror der RAF paradoxerweise Versatzstücke der deutschen Geschichte übernahm, die er eigentlich bekämpfen wollte, und somit unfreiwillig zur Bestätigung bestehender gesellschaftlicher Strukturen beitrug.

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Details

Title
Bockiger Schwellgesang oder Beitrag zu einer deutschen Debatte? Bemerkungen zur Argumentation in Botho Strauß' Essay "Anschwellender Bocksgesang"
College
University of Regensburg  (Neuere Deutsche Literatur II)
Course
Proseminar II NDL: Botho Strauß
Grade
1.0
Author
Thorsten Mundi (Author)
Publication Year
2001
Pages
23
Catalog Number
V7342
ISBN (eBook)
9783638146326
Language
German
Tags
Botho Strauß / Anschwellender Bocksgesang / Schweigekonsens
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Thorsten Mundi (Author), 2001, Bockiger Schwellgesang oder Beitrag zu einer deutschen Debatte? Bemerkungen zur Argumentation in Botho Strauß' Essay "Anschwellender Bocksgesang", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7342
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