Außenhandel der Volksrepublik Polen 1945 bis 1956


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
41 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Außenhandel Polens in der Vorkriegszeit

3. Die Entwicklung des polnischen Außenhandels nach 1945

4. Staatsmonopol Außenhandel

5. Zentrale Planung

6. Der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe RGW

7. Sowjetische Dominanz

8. Demontagen

9. Reparationen

10. Verkehr

11. Schluß

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Als wichtigstes ökonomisches Ergebnis des zweiten Weltkrieges und seiner wirtschaftlichen Folgen muss der Zerfall des einheitlichen, allumfassenden Weltmarktes betrachtet werden. [...] Das ökonomische Ergebnis der Existenz der zwei gegensätzlichen Lager ist, dass der einheitliche, allumfassende Weltmarkt zerfallen ist und wir infolgedessen jetzt zwei parallele Weltmärkte haben, die ebenfalls einander gegenüberstehen.[1]

Mit diesen Worten umschrieb der Generalissimus der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken in seinem letzten Werk die Entwicklung des Welthandels seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Doch die Verhältnisse waren weniger eindeutig, als sie gerne dargestellt wurden, es gab Unterschiede innerhalb der Sowjetunion und zwischen den einzelnen sozialistischen Ländern in ihrem Machtbereich. Wie entwickelte sich der Außenhandel der Volksrepublik Polen in der Zeit von 1945 bis 1956?

Der Zeitraum wurde gewählt, da mit Kriegsende die zukünftige Zugehörigkeit Polens zum sowjetischen Machtbereich feststand und sich nach den Ereignissen in Polen und Ungarn 1956 die Beziehungen zwischen Polen und der Sowjetunion änderten. Wo es zur Klärung der Zusammenhänge und Entwicklungen sinnvoll und notwendig erscheint, wird über diesen Zeitraum hinausgegriffen, so bereits im folgenden Kapitel, damit die Unterschiede und Gemeinsamkeiten im polnischen Außenhandel vor und nach dem Kriege gezeigt werden können. Die eigentliche Kriegszeit von 1939 bis 1945 wird nicht behandelt, da für diese Zeit von einem polnischen Außenhandel kaum gesprochen werden kann.

Neben der allgemeinen Entwicklung des polnischen Außenhandels und Themen wie Staatsmonopol Außenhandel, Zentrale Planung und Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe soll besonders gezeigt werden, wie die Sowjetunion aus ihrer Vorherrschaft wirtschaftliche Vorteile ziehen konnte. Einem im allgemeinen Bewußtsein nicht besonders fest verankerten Themenbereich sind die beiden dann folgenden Kapitel gewidmet, denn sowjetische Demontagen in Polen[2] und Reparationsforderungen an Polen hatten großen Einfluß auf die Entwicklung der polnischen Wirtschaft und damit auf die außenhandelspolitischen Möglichkeiten Polens.

In einem letzten Kapitel wird schließlich auf die Verkehrssituation in Polen allgemein und, für den Außenhandel besonders wichtig, exemplarisch auf die Entwicklung und Bedeutung des polnischen Seehandels eingegangen.

Jan Wszelaki[3] geht in seinen beiden Beiträgen in der Breite auf die wirtschaftliche und industrielle Entwicklung Polens vor und nach dem Kriege ein, von besonderem Interesse war hier der Abschnitt über kommunistische Handelspolitik. Nicolas Spulber[4] faßt den Blick noch weiter und vergleicht jeweils die Länder Tschechoslowakei, Polen, Jugoslawien, Ungarn, Rumänien und Bulgarien, nachdem er zum jeweiligen Themenbereich wie Verstaatlichung oder Außenhandel einen allgemeinen Überblick gegeben hat. Er bietet eine Fülle von statistischen Angaben. In seinem letzten Kapitel geht er schließlich ausführlich auf die Schlüsselposition Sowjetrußlands in den osteuropäischen Handelstrukturen ein. Norman Davies[5] gibt in seinen beiden hier verwendeten Werken einen breiten Überblick und geht für die Zwecke dieser Arbeit meist zu wenig ins Detail. In seiner wirtschaftswissenschaftlichen Dissertation betont Peter Unger[6] vor allem die Nachteile, die Polens Einbindung in das sozialistische Wirtschaftssystem für das Land mit sich brachte. Theodor Zotschew[7] geht ebenfalls intensiv auf die Verflechtungen der Volkswirtschaften Polens und der Sowjetunion ein und bietet umfangreiches statistisches Material. Georg Strobel[8] gibt eine genaue Analyse der Seewirtschaft Polens bis 1956 unter Berücksichtig der Vorkriegsverhältnisse und geht in einem zweiten Teil im einzelnen auf die polnische Hafenpolitik ein. Ben Slay[9] beschäftigt sich hauptsächlich mit der Transformation der polnischen Wirtschaft nach der Wende, gibt jedoch eine Einführung in die polnische Wirtschaftsgeschichte seit der Zeit Polen-Litauens. Er wagt als einziger den Vergleich der NS-Besatzung mit der Besetzung des Landes durch sowjetische Truppen und stellt diese, was das Ausmaß der Belastungen und Zerstörung Polens angeht, auf eine Stufe. Dies hat vermutlich faktisch seine Berechtigung, wird jedoch so von anderen Autoren nicht dargestellt. Bei Artur Bodnar,[10] Wiesław Rydygier[11] und Mieczyslaw Tomala[12] ist an Diktion und Inhalt ihrer Ausführungen deutlich zu erkennen, daß diese sich in Übereinstimmung mit den regierungsamtlichen Darstellungen aus Warschau befinden. Es findet sich viel Lob für die und keine Kritik an den Errungenschaften des Sozialismus’ oder der Sowjetunion, entsprechend sind die präsentierten Fakten mit Vorsicht aufzunehmen.

Vereinzelt sind aus der Literatur Ressentiments des Ost-West-Gegensatzes herauszuhören, wenn etwa bei Spulber oder Dolina[13] der Ausdruck „die Russen“ pauschalierend-abfällig für die Rote Armee, die sowjetische Verwaltung oder die gesamte Sowjetunion verwendet wird. Interessantes ist über die Art der Informationsgewinnung des Westens über die Verhältnisse in Osteuropa zu erfahren, so teilt Dolina in einem Nebensatz mit, von unvorteilhaften Handelsbedingungen für Polen sei durch polnische Überläufer berichtet worden.[14] Ein auffälliger Gegensatz zeigt sich, was die Verwendung des Begriffes Ostdeutschland angeht: Die Autoren der hier verwendeten deutschsprachigen Literatur verwenden diese Bezeichnung konsequent für die verlorenen deutschen Ostgebiete, während die angelsächsischen Autoren diese Bezeichnung für das Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise Deutschen Demokratischen Republik verwenden. In der deutschen Literatur findet sich hierfür noch der Begriff Mitteldeutschland.

Die neuere Forschung zur wirtschaftlichen Entwicklung, und damit zum Außenhandel Polens, beschäftigt sich einzig mit der Transformation Polens nach dem Niedergang der sozialistischen Systeme, und, wie im Falle Slays, allenfalls am Rande mit der historischen Entwicklung, so daß in dieser Arbeit hauptsächlich ältere Literatur Verwertung findet. Eine breite Auswertung auch der umfänglich vorhandenen polnisch- und russischsprachigen Literatur war aufgrund des zu erwartenden hohen (Übersetzung-) Aufwandes im Rahmen dieser Arbeit nicht zu leisten.

2. Der Außenhandel Polens in der Vorkriegszeit

Polen spielte in der Zwischenkriegszeit nur eine begrenzte Rolle im osteuropäischen Handel. 1920 nahmen die anderen Länder, die nach dem Zweiten Weltkrieg im sowjetischen Machtbereich liegen sollten, nur 10% seiner Exporte auf, 1938 waren es 6,6%. Die Einfuhren fielen von 15% auf 6,5%.[15] Die Vorkriegshandelsumsätze Polens mit der Sowjetunion waren sehr gering, 1938 machten sie nur 8% des polnischen Außenhandels aus.[16] Sie hatten sich vor Kriegsbeginn auf die Hälfte verringert, entsprechend dem allgemeinen Trend des weltweiten Handels mit der Sowjetunion. Die sowjetischen Ausfuhren nach Polen bestanden aus Getreide, Fisch, Ölkuchen, Holz, Fellen und Eisenerz. Die Haupteinfuhr der Sowjetunion aus Polen bestand aus Eisenmetallen.[17]

Die Güterstruktur der polnischen Einfuhr in den beiden Jahren vor Kriegsbeginn läßt sich in drei Bereiche zusammenfassen: 1. Industrielle Rohstoffe wie Baumwolle, Erze und Gummi mit einem Anteil von 40,8%, 2. Produktions- und Konsumgüter wie Maschinen und Ausrüstungen, Fahrzeuge und Kleidung mit 25,6%, sowie 3. Genuß- und Lebensmittel mit 12,5%. Die Ausfuhr zerfiel in vier Bereiche: 1. Agrarprodukte mit einem Anteil von 26,7%, 2. Kohle mit 16,8%, 3. Holz und Holzprodukte mit ebenfalls 16,8%, 4. Eisen, Stahl und Zink 8,9 %. Bereits in diesem Zeitraum war die polnische Handelsbilanz unausgeglichen, die Einfuhren überstiegen die Ausfuhren. Insgesamt war die Güterstruktur des Außenhandels die eines Agrarlandes,[18] das sich allenfalls im Übergang zum Industriestaat befand.[19] Die nach dem Ersten Weltkrieg einsetzenden Bemühungen, eine eigene Industrie aufzubauen und wirtschaftlich möglichst autark zu werden,[20] waren also noch nicht erfolgreich gewesen. Dies hing unter anderem mit der Entwicklung des polnisch-deutschen Außenhandels nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zusammen, der unter dem Verhalten Polens litt: Während das Deutsche Reich durch den Versailler Vertrag verpflichtet worden war, die zollfreie Einfuhr aller Erzeugnisse aus den ehemals deutschen Landesteilen für drei Jahre zu gestatten, experimentierte Polen ohne Rücksicht auf seinen wichtigsten Handelspartner mit restriktiven Zollbestimmungen und Importverboten gegen deutsche Waren.

Der bereits verlängerte Vertrag lief 1925 aus, neue Verhandlungen scheiterten und es kam zu einem vertragslosen Zustand. Um sich gegen die polnischen Importverbote zu wehren, griff das Deutsche Reich zu „kampfzöllnerischen Maßnahmen“ und es kam zu einem regelrechten Wirtschaftskrieg bis 1934. Dieser führte zu einer beträchtlichen Schrumpfung des Warenverkehrs und brachte Polen in eine kritische Lage, da sein Hauptabsatzmarkt vor allem für Kohle wegbrach. Dies auszugleichen gelang Polen teilweise, indem es die aufgrund eines langanhaltenden Bergarbeiterstreiks freigewordene Rolle Großbritanniens als Kohlelieferant für Skandinavien und Südosteuropa übernahm. Erst am 7. März 1934 kam es zum sogenannten deutsch-polnischen Protokoll, einem Handelsvertrag, der zu einer Aufwärtsentwicklung des polnischen Außenhandels führte. Dennoch wurden im Handel mit Deutschland 1938 nur 2/5 des Höchststandes von 1929 erreicht.[21] Nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland mit einem Anteil von 30% Polens größter Handelspartner gewesen. Durch Weltwirtschaftskrise und Zollkrieg sank das Handelsvolumen bis 1939 auf 15%, nun war Großbritannien der wichtigste Handelspartner Polens, Deutschland sank auf den zweiten Platz herab.[22]

Zusammenfassung:

Der polnische Außenhandel war in der Zwischenkriegszeit eher nach Westen gerichtet, der Handel mit Osteuropa und der Sowjetunion hatte nur einen geringen Anteil. Die Güterstruktur war die eines Agrarlandes. Wegen der politischen Verwerfungen nach dem Ende des Ersten Weltkrieges rückte Großbritannien vor Deutschland auf den ersten Platz der Außenhandelspartner Polens.

3. Die Entwicklung des polnischen Außenhandels nach 1945

Nach dem Kriege stabilisierte sich der Außenhandelsanteil beider Hälften des nun geteilten Deutschlands gemeinsam wieder auf 15%, dies entsprach wieder dem zweiten Platz, jedoch nun hinter der Sowjetunion.[23] Die Handelsverbindungen mit der westlichen Welt wurden gelöst und nach Osten umgelenkt, so daß 1945 der Handel mit dem sowjetischen Machtbereich 92% des polnischen Außenhandels ausmachte. Der Westhandel wurde jedoch rasch wieder aufgenommen, daher lag der östliche Anteil zwei Jahre später bereits nur noch bei 31%. Die erneute Wende trat ein mit der erzwungenen Ablehnung der Beteiligung Polens am Marshallplan, und dem darauffolgenden Aufbau des östlichen Wirtschaftsblockes. 1948 erreichte dieser bereits 45,5% der polnischen Außenhandelsumsätze, 1950 sogar 70%.[24] In demselben Jahr betrug der Anteil der Sowjetunion 40%. Polen bezog in den ersten Nachkriegsjahren aus der Sowjetunion vornehmlich Gebrauchsgüter und Rohstoffe für den Eigenbedarf. Später kamen Produktionsmittel wie Maschinen und ganze Fabrikeinrichtungen hinzu, jedoch auch Rohstoffe, „die im Rahmen der Wirtschaftspläne für die Sowjetunion verarbeitet und reexportiert wurden.“[25] Die nach dem Kriege vergrößerten Produktionskapazitäten waren in hohem Maße von sowjetischen Rohstofflieferungen abhängig, dafür erhielt die Sowjetunion mehr als die Hälfte der polnischen Exporte, einschließlich der Reparationskohle.[26] In absoluten Zahlen betrug Polens Außenhandelsumsatz mit der Sowjetunion und den Ostblockstaaten 1951 eine Milliarde US-Dollar, das entsprach 60% des gesamten Außenhandels Polens. Die Eingliederung Polens in den östlichen Wirtschaftsblock war die unmittelbare Folge der politischen Bindung an den Osten, die im April 1950 durch den Anschluß des Złotys an den Rubel (Eingliederung in den Rubel-Block) weiter verstärkt und vorläufig abgeschlossen wurde.[27] Nur der Handel mit der Tschechoslowakei, Jugoslawien und der Sowjetischen Besatzungszone bzw. DDR nahm in dieser Zeit einen starken Aufschwung, diese Länder erhielten Rohstoffe wie Kohle und Stahl, Ausrüstungen und Lebensmittel und lieferten dafür Maschinen und Ausrüstungen sowie Rohstoffe. Der Handel mit den anderen osteuropäischen Ländern entwickelte sich weniger stark, sie erhielten neben Kohle und Stahl Eisenbahnfahrzeuge, Chemikalien und Ausrüstungen im Austausch gegen industrielle Rohstoffe und Fertigprodukte, diese hauptsächlich aus Ungarn. Nach China führte Polen in den Jahren von 1948 bis 1955 Maschinen und Metalle aus.[28] China lieferte im Gegenzug Rohstoffe.[29]

In den Jahren zwischen 1947 und 1950 begann ein „Kampf für den Export“ mit dem Ziel, Devisen zu erwirtschaften. Exportiert wurden auch Lebensmittel, was von kommunistischen Theoretikern stets kritisiert wurde, da diese dann auf dem Heimatmarkt fehlten. Die Nahrungsmittelversorgung war deutlich schlechter als vor dem Kriege. Erst 1954 und 1955 wurde größerer Wert auf die Versorgung der Bevölkerung gelegt, die Lebensmittelexporte wurden reduziert, dafür nahm die Ausfuhr von Holz zu, obwohl dieses ebenfalls knapp war.[30] In seinem Umfang nahm der Außenhandel weniger stark zu als die Wirtschaft; während das Bruttoinlandsprodukt von 1950 bis 1955 durchschnittlich um 9,7% jährlich wuchs, nahm der Außenhandel jährlich nur um 6,1% zu. Die Gründe hierfür liegen einerseits in einer Politik der wirtschaftlichen Entwicklung, die darauf gerichtet war, eine heimische Industrie aufzubauen, und im zunehmenden Binnenkonsum. Andererseits gab es außenpolitische Gründe wie den Koreakrieg und das westliche Embargo,[31] das nach dem Staatsstreich in der Tschechoslowakei im Februar 1948 seitens der Vereinigten Staaten und einiger der westlichen Mächte verhängt worden war. Es umfaßte Waffen und zur Waffenproduktion geeignete Maschinen, Werkzeugmaschinen, Transportausrüstung und anderes. Die Ausfuhr von zivilen Gütern, die leicht militärisch nutzbar gemacht werden können, wurde quantitativ beschränkt, und die Ausfuhr bestimmter strategisch wichtiger Güter wie Gummi wurde überwacht. Der Schwerpunkt lag von Anfang an auf der Zusammensetzung und nicht auf dem Umfang des Handels.[32] Dennoch führte dieses Embargo in Verbindung mit der wie schon vor dem Kriege unausgeglichenen Zahlungsbilanz dazu, daß der Handel mit den westlichen Ländern verringert wurde und durch den Handel mit den osteuropäischen Ländern nicht entsprechend kompensiert werden konnte.[33] Dennoch ging der Handel Polens mit den westlichen Ländern nicht so schnell und so stark zurück, wie es „mit der wirtschaftlichen Eingliederung Polens in den Ostblock“ angestrebt worden war. Der Anteil der nicht-sozialistischen Länder am polnischen Außenhandel betrug 1949 immer noch mehr als die Hälfte, 1954 betrug er immer noch 30%. Da die Sowjetunion und die anderen Länder des Ostblocks nicht in der Lage waren, den „stark gestiegenen Importbedarf Polens an Maschinen und Ausrüstung, Erzen und Metallen, Textilrohstoffen, Kautschuk und vielen anderen Rohstoffen zu decken,“ mußte Polen diese Güter zum Teil aus westlichen Ländern beziehen. Dies verschärfte für Polen das Problem der unausgeglichenen Handelsbilanz, da es Polen schwer fiel, geeignete Exportgüter zu finden.[34]

Die Ausfuhren der im Westen beliebten polnischen Kohle beispielsweise gingen zwischen 1950 und 1955 von 10,9 auf 5,4 Millionen Tonnen zurück, was seine Ursachen im gestiegenen Eigenverbrauch und den Exportverpflichtungen in die anderen sozialistischen Länder hatte.[35] Überhaupt war „das Übergewicht von Rohstoffen in der Ausfuhr und eine große Belastung der Einfuhr mit Investitionsgerät“ kennzeichnend für den Außenhandel Polens in den Jahren 1950 bis 1955. „1955 übertraf der Import von Maschinen und Ausrüstungen (einschl. Verkehrsmittel) den Export um das 2,4fache.“[36]

1956 und 1957 nahm die Einfuhr von Konsumgütern deutlich zu, während die Ausfuhr solcher Güter beschränkt wurde. Dies geschah, um die aufgeschobene Konsumentennachfrage der vorangegangenen Jahre zu befriedigen.[37] Mit Bezug auf die Warenstruktur seit 1945 läßt sich daher insofern eine Veränderung feststellen, als daß Polen 1956 nicht mehr in erster Linie Rohprodukte einführte und schwerindustrielle Erzeugnisse an die Sowjetunion lieferte, sondern auch Fertigwaren des Konsumgütersektors auf Kreditbasis erhielt.[38]

Bereits seit 1953 war Polen gezwungen, Nahrungsmittel in großem Stil einzuführen, allein die Einfuhr an Getreide stieg 1954 auf 1,21 Millionen Tonnen, was 11% der eigenen Ernte entsprach! Polen war andauernd abhängig von der Einfuhr von Grundnahrungsmitteln.[39]

Die nach innen gerichtete Entwicklungsstrategie Polens zeigt sich nicht nur an der oben dargestellten Abkopplung des Wachstumes des Außenhandels vom polnischen Wirtschaftswachstum, sondern auch an den Veränderungen des Anteils des polnischen Außenhandels am Bruttoinlandsprodukt: 1950 lagen Ein- und Ausfuhr bei je etwa 15%, dieser Anteil ging bis 1955 auf je 10% zurück. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Entwicklung des Anteiles des polnischen Außenhandels am Welthandel im Vergleich der Entwicklung der polnischen Wirtschaftskraft im Verhältnis zur restlichen Welt wider: 1950 betrug der polnische Anteil an der weltweiten industriellen Produktion 1,0%, der am Welthandel ebenfalls. Bis 1957 war der polnische Anteil an der weltweiten industriellen Produktion auf 1,8% gestiegen, der Anteil am Welthandel verharrte jedoch bei 1,0%.[40] Absolut betrachtet haben sich Ein- und Ausfuhren bis 1957 allerdings „gegenüber der Vorkriegszeit mehr als vervierfacht. Nimmt man eine ungefähre Verdoppelung der Preise innerhalb dieses Zeitraumes an - wie dies im allgemeinen für den Welthandel gilt -, so dürfte sich der Außenhandel seit 1938 volumenmäßig mehr als verdoppelt haben.“[41]

[...]


[1] Stalin, Iosif Vissarionovič: Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR. An die Teilnehmer der ökonomischen Diskussion. Bemerkungen zu ökonomischen Fragen, die mit der Novemberdiskussion 1951 zusammenhängen, in: Stalin, J. W.: Werke. Mai 1945 – Dezember 1952, nach der Ausgabe J.W. Stalin Werke, Dortmund 1979, Band XV, in: stalinwerke.de/band15/band15.pdf, Seite 209, Zugriff am 21. März 2007, 10.43 Uhr.

[2] Der Begriff Polen wird im folgenden für die Volksrepublik Polen und die deutschen Ostgebiete verwendet, die bis 1990 völkerrechtlich nur unter polnischer Verwaltung standen.

[3] Wszelaki, Jan: Economic Background, in: Halecki, Oscar (Hrsg.): Poland, New York, London 1957 (=Byrnes, Robert (Hrsg.): East Central Europe under the Communists, Band V), Seiten 250 bis 269 und Ders.: Industry, in: ebd., Seiten 350 bis 383.

[4] Spulber, Nicolas: The Economics of communist eastern Europe, New York und London 1957.

[5] Davies, Norman: God’s Playground. A History of Poland in two Volumes. Volume II. 1795 to the Present, Oxford 1981 und Ders.: Im Herzen Europas. Geschichte Polens, München 22001.

[6] Unger, Peter: Die Ursachen der politischen Unruhen in Polen im Winter 1970/71. Eine ökonomische und politische Analyse, Bern, Frankfurt 1975 (= Europäische Hochschulschriften, Reihe XXIX Sozialökonomie, Band III).

[7] Zotschew, Theodor: Der Außenhandel Polens, in: Markert, Werner (Hrsg.): Osteuropa-Handbuch Polen, Köln, Graz 1959, Seiten 487 bis 504

[8] Strobel, Georg: Die Seewirtschaft Polens, in: Osteuropa-Wirtschaft, Band II,1 1957, Seiten 26 bis 35.

[9] Slay, Ben: The Polish Economy. Crisis, Reform, and Transformation, Princeton 1994.

[10] Bodnar, Artur: Volkswirtschaft, in: Polnischer Verlag der Wissenschaften (Hrsg.): Polen. Geschichte, Wirtschaft, Kultur, Warschau 1966, Seiten 126 bis 185.

[11] Rydygier, Wiesław: Development of Foreign Trade, in: Polish Perspectives, Band XVII,6 1974, Seiten 46 bis 50.

[12] Tomala, Mieczyslaw: Polen nach 1945, Stuttgart u. a. 1973.

[13] Dolina, Joseph: Foreign Trade, in: Halecki, Oscar (Hrsg.): Poland, New York, London 1957 (=Byrnes, Robert (Hrsg.): East Central Europe under the Communists, Band V), Seiten 444 bis 466.

[14] Vgl. ebd. Seite 463.

[15] Vgl. Spulber: Economics, Seite 422.

[16] Vgl. Birke, Ernst und Neumann, Rudolf: Die Sowjetisierung Ost-Mitteleuropas. Untersuchung zu ihrem Ablauf in den einzelnen Ländern, Band I, Frankfurt 1959, Seite 92. An anderer Stelle auf derselben Seite wird der sowjetische Anteil am polnischen Außenhandel mit 0,4% angegeben, dies scheint jedoch ein Fehler zu sein. Selbst für den polnischen Anteil am sowjetischen Außenhandel scheint dieser Wert zu gering.

[17] Vgl. Spulber, Economics, Seiten 412 und 414.

[18] Vgl. Dolina, Foreign Trade, Seiten 444 und 446.

[19] Vgl. Poralla, Curt: Die Wirtschaft zwischen den beiden Kriegen, in: Markert, Werner (Hrsg.): Osteuropa-Handbuch Polen, Köln, Graz 1959, Seiten 69 bis 97, hier Seite 97.

[20] Vgl. Lemberg, Eugen: Osteuropa und die Sowjetunion, Stuttgart, 1950, Seite 240.

[21] Vgl. Poralla, Wirtschaft, Seiten 94 bis 97.

[22] Vgl. Zotschew, Außenhandel, Seiten 499f.

[23] Vgl. Zotschew, Außenhandel, Seite 500.

[24] Vgl. Birke und Neumann, Sowjetisierung, Seite 92. Statt „1954“ ist „1945“ angegeben, hierbei handelt es sich vermutlich um einen Druckfehler. Tomala betont, daß bereits 1945 erste Handelsabkommen nicht nur mit der Sowjetunion, sondern auch mit Schweden und Dänemark geschlossen worden seien, vgl. Tomala, Polen, Seite 25.

[25] Birke und Neumann, Sowjetisierung, Seite 92.

[26] Vgl. Dolina, Foreign Trade, Seite 458.

[27] Vgl. ebd.

[28] Vgl. Spulber, Economics, Seite 422.

[29] Vgl. Wszelaki, Economic Background, Seite 261.

[30] Vgl. Dolina, Foreign Trade, Seiten 458f.

[31] Vgl. Rydygier, Development, Seite 48.

[32] Vgl. Spulber, Economics, Seite 446

[33] Vgl. Bodnar, Volkswirtschaft, Seite 136.

[34] Vgl. Zotschew, Außenhandel, Seite 497. Im Gegensatz zu den anderen Autoren spricht als einziger Dolina von polnischen Exportüberschüssen in Höhe von einer halben Milliarde US-Dollar, die Polen zwischen 1947 und 1954 im nicht-kommunistischen Europa erworben habe, vgl. Foreign Trade, 465. Diese seien unter anderem dazu verwendet worden, Schulden für verstaatlichtes ausländisches Eigentum zu begleichen, vgl. ebd. und vgl. Seite 449.

[35] Vgl. Zotschew, Außenhandel, Seite 497.

[36] Bodnar, Volkswirtschaft, Seite 136.

[37] Vgl. Rydygier, Development, Seiten 48f. Daß der Anstoß zur plötzlichen Bereitschaft, auf die Wünsche der Konsumenten einzugehen, in den Ereignissen des Jahres 1956 liegen könnte, erwähnt Rydygier wohlweislich nicht, genauso wenig wie die Tatsache, daß die Verbrauchsgüterproduktion radikal gesenkt worden war zu Gunsten des Auf- und Ausbaus der Schwerindustrie, vgl. Neumann, Rudolf: Soziale und wirtschaftliche Strukturwandlungen in Ostmitteleuropa nach 1945, Marburg 1951, Seite 18. Vgl. auch Zotschew, Außenhandel, Seite 504. Auf den geringen Anteil der Konsumgüter an der Einfuhr weist Unger hin, der gerade ausreiche, die Bedürfnisse der herrschenden Bürokratie zu befriedigen, was sich sogar im Straßenbild zeige, vgl. Unger, Ursachen, Seite 90.

[38] Vgl. Bräker, Wirtschaftsbeziehungen, Seite 38.

[39] Vgl. Zotschew, Außenhandel, Seiten 488 bis 490 und 504.

[40] Vgl. Trzeciakowski, Witold: Polish Foreign Trade: A Retrospective View, in: Canadian Slavonic Papers, Band XV,1 -2 1973, Seiten 71 bis 89, hier Seiten 72f.

[41] Zotschew, Außenhandel, Seite 490.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Außenhandel der Volksrepublik Polen 1945 bis 1956
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Abteilung für Osteuropäische Geschichte)
Veranstaltung
Das Jahr 1956 und Osteuropa
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
41
Katalognummer
V73445
ISBN (eBook)
9783638634908
ISBN (Buch)
9783638675833
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Insgesamt ein schöner, materialreicher Überblick, der die wesentlichen Dinge enthält" (Der Dozent). Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges standen die beiden politischen Lager einander auch als parallele Weltmärkte gegenüber, die Volksrepublik Polen fand sich entgegen ihrer wirtschaftlichen Vorkriegsposition nun jedoch im östlichen Lager wieder. Die Auswirkungen auf den Außenhandel und damit auch auf die Binnenwirtschaft werden in der vorliegenden Arbeit betrachtet.
Schlagworte
Außenhandel, Volksrepublik, Polen, Jahr, Osteuropa
Arbeit zitieren
Eike-Christian Kersten (Autor), 2007, Außenhandel der Volksrepublik Polen 1945 bis 1956, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73445

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