Prädestination und freier Wille. Die Charaktere des Eneasromans zwischen göttlichem Einfluss und eigenständigem Handeln.


Seminararbeit, 2000

17 Seiten, Note: 2.3


Leseprobe

Inhalt

1. Prädestination und freier Wille

2. Das Götterbebot zur Italienfahrt

3. Eneas Aufenthalt in Karthago
3.1 Der Kampf um Troja
3.2 Die Bearbeitung des Mythos in Vergils „Aenaeis“
3.3. Die Bearbeitung in Veldeckes „Eneasroman“
3.4. Die Dido – Episode als Spiegel des mittelalterlichen minne – und ere Begriffs

4. Eneas und Lavinia
4.1 Die Prophezeihung des Anchises
4.2 Der Untergang des Turnus
4.3 Die Entstehung der minne zwischen Eneas und Lavinia
4.4 Die Auswirkungen der minne auf den Ausgang des Kampfes um Italien

5. Bewertung der Ergebnisse

6. Bibliographie

1. Prädestination und freier Wille

[1] Diese Arbeit befasst sich mit dem Einfuß des Götterwillens auf das Handeln der Protagonisten in Heinrichs von Veldecke „Eneasroman“. Auf eine Analyse der Bruchstellen, welche Heinrichs Roman im Vergleich zu den beiden Vorgängerromanen, Vergils „Aenaeis“ und dem französischen „Roman d ´Eneas“ sicherlich aufweist, wird dabei verzichtet.[2] Es soll vielmehr darum gehen, den Zusammenhang von höfischem Ehrenkodex und christlichem Weltbild des Mittelalters einerseits und dem Handeln der Charaktere des „Eneasromans“ andererseits Offenzulegen. Es soll bewiesen werden, das es Heinrich gelungen ist, aus einer an das Antike Weltbild - dessen Merkmal der Glaube an eine Unzahl von Göttern und ihr Schicksalhaftes Einwirken auf den Lebensweg der Menschen ist - angepassten Vorlage eine Handlungsführung und Charaktere zu formen, deren Handeln für die höfische Welt durchaus Vorbildcharakter hat.

Diese Arbeit befasst sich demnach mit den Handlungsmotivationen der Figuren Eneas, Dido, Lavinia und Turnus. Da eine Untersuchung der Figur der Königin darüber hinaus keine neuen Erkenntnisse liefert, wird ihre Rolle keine Beachtung finden.

Für diese Betrachtung kommt der Untersuchung der Minnehandlung zwischen Eneas und Dido und ihrem zustande kommen während Eneas´ Aufenthalt in Karthago besondere Bedeutung zu, da diese in ihrem Ablauf im Gegensatz zu anderen Handlungstragenden Ereignissen des „Eneasromans“ beinahe ausschließlich göttlichem Einfluss unterliegt.

Die Abschnitte 3.1-3.3 versuchen daher, das komplexe Zusammenspiel göttlichen Willens einerseits und der Fähigkeit des Individuums zur selbstbestimmten Entscheidung andererseits in Heinrichs „Eneasroman“ zu beleuchten. Der Blick auf die mythologischen Grundlagen des Romans und ihrer Bearbeitung durch Vergil werden beweisen, das es Heinrich hier mit einem Widerspruch seiner antiken Vorlage zum mittelalterlichen Weltbild seiner Zeit zu tun hatte, dessen vollständige Auflösung ihm unmöglich bleiben musste. Der Anschließende Abschnitt 3.4 versucht dann, die Gründe hierfür Offenzulegen.

Die Untersuchung der für die Handlung des „Eneasromans“ so zentralen Göttergebote und ihrer Bewertung durch Eneas und seine getreuen sowie die Betrachtung der Figur des Turnus und der Minnehandlung zwischen Eneas und Lavinia werden zeigen, das Heinrichs Charaktere keineswegs Spielbälle der Götter sind, sondern vielmehr als eigenständig handelnde Individuen die Erfüllung ihres Schicksals besorgen.

2. Das Götterbebot zur Italienfahrt

Heinrichs von Veldecke Eneide beginnt am Schauplatz Troja, unmittelbar vor der Vernichtung der Stadt durch die vor den Toren stehende Armee der Griechen unter König Menelaus. Die militärische Lage wird als vollkommen aussichtslos geschildert, den Verteidigern bleibt nur die Wahl zwischen der unehrenhaften Flucht vor dem Feind oder dem - immerhin ruhmvollen – Tod im Kampf um die Stadt.[3] In dieser Lage nun erhält Eneas das zunächst recht unklare Gebot der Götter, sein Leben und das seiner Getreuen zu retten um zu fahren ze Italjen in daz lant. Dieses Gebot nun erfährt Eneas nicht in Form einer Vision oder einer der Erscheinung eines Gottes, der Urheber bleibt vielmehr im dunklen und Veldecke widmet dem Befehl ganze vier Verse: ...

daz er dannen solde komen

unde lib vor in bewaren

und uber mere solde varen

ze Italjen in daz lant.

Obwohl dieser Befehl eine sichere Legitimation der Flucht bietet, bleibt er nicht unreflektiert: Eneas beruft einen ersten Rat aus seinen mage und sin man ein, berichtet das Erfahrene und bittet um gemeinschaftliche Entscheidung, was zu tun sei.[4] Der Rat entscheidet sich für die Flucht – nicht aber, um dem Willen der Götter genüge zu tun, sondern, um das eigene Leben zu retten.[5] Einzig Eneas unterwirft seine Entscheidung dem Gebot; er bedauert zwar, der Vernichtung der Stadt zusehen zu müssen, ohne Rache nehmen zu können, stellt die Flucht aber keinesfalls in Frage.

Für die Interpretation der Szene ergibt sich also folgendes: Zwar treten die gote als Urheber der Entscheidung des Eneas und seiner Gefolgschaft zur Flucht in Erscheinung, zwingend ist diese jedoch nicht. Seitens der Götter werden keine weitergehenden Sanktionen für den Fall des Ungehorsams angedroht, die Möglichkeit, im Kampf um die Troja ehrenvoll zu fallen, ist nicht von vorneherein ausgeschlossen. In diesem Sinne ist auch die geschilderte erste Ratsszene zu betrachten, diese beschreibt einen ernsthaften Entscheidungsprozeß. Das Individuum wird also bereits zu Beginn des Werks als eigenständiges evoziert, es steht im Dialog mit den goten, ist aber keinesfalls vollständig ihrem Willen unterworfen.

Veldecke nutzt dieses Motiv zur Darstellung innerer Konflikte seiner Protagonisten und formt so glaubwürdige Charaktere. Als erster Beleg hierfür mag die Wiederbegnung des Eneas mit seinen ehemaligen und nun erschlagenen trojanischen Kampfgefährten im Hades dienen: selbigen gegenüberstehend, dünkt ihn seine Flucht aus der fallenden Stadt unehrenhaft - gar schamete sich sere.[6] An späterer Stelle wird hierauf noch weiter einzugehen sein.

3. Eneas Aufenthalt in Karthago

Im Unterschied zu den bisher beschriebenen Geschehnissen und dem weiteren Verlauf der Romanhandlung nach Eneas´ Abreise aus Karthago sind zustande kommen der Zwischenlandung und Ablauf der Dido – Episode in wesentlichen Teilen durch göttlichen Einfluß prädestiniert; die Freiheit, eigene Entscheidungen treffen zu können, ist für die Protagonisten stark eingeschränkt.

Eneas` Aufenthalt in Karthago resultiert aus offensichtlicher Uneinigkeit der Götter. Während der göttliche Urheber des Gebots zur Italienfahrt nicht personalisiert wird, ist für die siebenjährige Irrfahrt der reisenden eindeutig die Göttin Juno verantwortlich. Zum Verständnis der Episode ist ein Blick auf die mythologische Grundlagen des „Eneasromans“ und ihrer Bearbeitung durch Vergil notwendig.

3.1 Der Kampf um Troja

Die Sage legt den Keim des Untergangs Trojas in die Zeit des Königs Priamos. Dieser führt ein prächtiges Haus, besitzt viele Frauen und kann 50 Söhne und eben so viele Töchter sein eigen nennen. Seine rechtmäßige Gattin Hektate gebar ihm 10 Söhne und vier Töchter, darunter Hector, Paris, Alexandros sowie den Seher Helenos und eben Kreusa, die Gattin des Eneas. Da Priamos ein Orakel erhalten hatte, nachdem Paris eines Tages Troja in den Untergang führen würde, ließ Priamos diesen unmittelbar nach dessen Geburt im Idagebirge aussetzen, wo er zunächst von einer Bärin ernährt wird und später unter Hirten aufwächst. Zur Hochzeitsfeier der Eltern des bekannten Helden Achilleus, des Peleus und der Thetis, wurden alle Unsterblichen geladen – mit Ausnahme der von Eris, der Göttin der Zwietracht. Diese sinnt nun – persönlich gekränkt - auf Rache und wirft einen goldenen Apfel mit der Aufschrift „der schönsten“ unter die Anwesenden. Es entbrennt ein heftiger Streit unter den Göttinnen Hera[7], Athene und Aphrodite. Zeus schlichtet den Streit nicht selbst, sondern sendet die Damen zum verstoßenen Paris, von dem er sich ein neutrales Urteil erhofft. Paris anerkennt Aphrodite als die schönste der Göttinnen. Diese bietet ihm als Preis die schönste Frau auf Erden, und fortan ist Paris Aphrodites Liebling. Athene und Hera aber hassen von nun an Paris und Troja und ruhen nicht, ehe sie beide in den Untergang geführt haben.

[...]


[1] Diese Arbeit wurde in der neuen Rechtschreibung verfasst

[2] Eine ausführliche Quellenkritische Arbeit wurde vorgelegt von: Marie- Luise Dittrich. Die Eneide Heinrichs von Veldecke. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1966.

[3] 17, V25 – 29: ez muste da also wesen / da ne mohte nieman genesen / der gesunden noch der siechen / sint das die criechen / in die borch quamen.

[4] Vgl.: 19 V10 – 20 V3

[5] 20, V 1 - 4

[6] 100, V 24 - 33

[7] Die griechische Göttin Hera ist gleichzusetzen mit der römischen Juno.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Prädestination und freier Wille. Die Charaktere des Eneasromans zwischen göttlichem Einfluss und eigenständigem Handeln.
Hochschule
Universität Regensburg  (Ältere Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Heinrichs von Veldecke - Eneasroman
Note
2.3
Autor
Jahr
2000
Seiten
17
Katalognummer
V7347
ISBN (eBook)
9783638146357
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eneas / Vergil / Veldecke / Mythos
Arbeit zitieren
Thorsten Mundi (Autor), 2000, Prädestination und freier Wille. Die Charaktere des Eneasromans zwischen göttlichem Einfluss und eigenständigem Handeln., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7347

Kommentare

  • Gast am 29.9.2004

    Kritik.

    Sehr geehrter Herr Mundi, Ihre Arbeit ist m.E. nicht gut. Komparatistisch gesehen ist schon das Konzept nicht haltbar. Ferner lassen Sie die sexuell-erotische Komponente des Werkes außer acht. Mit herzlichen Grüßen Sachers, Master in spe.

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