Der Völkerbund: Zentrale Ziele und Arbeitsweisen am Beispiel von Deutschland


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
31 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Literaturangabe

3. Geistige und philosophische Grundlagen des Völkerbundes

4. Der Völkerbund
4.1. Gründung und Zielsetzung des Völkerbundes
4.2. Aufbau und Struktur des Völkerbundes

5. Die Stellung Deutschlands zum Völkerbund
5.1. Deutschland und der Versailler Vertrag
5.2. Deutschlands Rolle im Völkerbund und ihre gegenseitige Zusammenarbeit
5.3. Deutschlands Austritt aus dem Völkerbund und die Konsequenzen

6. Fazit und Zusammenfassung (mögl. Hinweise auf die Gründe des Scheitern)

7. Literaturangaben

1. Einleitung

Der Krieg ist ein ständiger Begleiter in der menschlichen Geschichte. Er ist einer der Beweggründe, der die Menschen dazu veranlaßte, ihre historischen Erlebnisse niederzuschreiben. Sie wollten, daß ihre Kinder und Nachkommen zu einem späteren Zeitpunkt an dem Ruhm der gewonnenen Schlachten und Kriege teilhaben. Durch das Errichten von Siegessäulen und Triumphbögen wurden Befehlshaber glorifiziert und die Siege in Stein gebannt, um für die Ewigkeit erhalten zu bleiben. Durch den Bau von Mahnmälern schufen die Menschen auch Orte des Gedenkens, um an vergangene Schrecken und Grausamkeiten zu erinnern.

Der Krieg integrierte sich im Laufe der Jahrhunderte fest in das Leben der Menschen. Historiker errechneten, daß in den Jahren von 3616 v. Chr. bis 1984 über 14.500 Kriege geführt wurden. In dem aufgeführten Zeitabschnitt gab es lediglich 300 Jahre ohne eine militärische Auseinandersetzung.[1] Diese Tatsache verdeutlicht, welche enorme Bedeutung dem Krieg zur Durchsetzung der politischen Interessen und Ziele der Politik der Staaten beigemessen werden muß.

Es haben sich im Verlaufe der Geschichte zwischen den Staaten stufenweise Reglements herausgebildet, um die Grausamkeiten der Kriege bzw. ihr Auftreten zu vermindern.[2] Dennoch sind die Menschen bis zum heutigen Tage nicht in der Lage, Kriege erfolgreich und dauerhaft zu unterbinden. Das Recht zur militärischen Auseinandersetzung fand selbst im Völkerrecht seine Bestätigung. Jedem Staat wurde das ius ad bellum (Kriegsrecht) zuerkannt.

Der Ausbruch des 1. Weltkrieges und der damit verbundene Tod von Millionen Menschen und die Verwüstung großer Teile Europas und der Welt öffnete den Diplomaten und Staatschefs die Augen. Sie wollten eine Institution schaffen, die im Stande war, das erneute Entstehen eines derartigen Ereignisses zu verhindern – den Völkerbund. Der Frieden zwischen den Völkern sollte nicht erneut bedroht werden.

Diese Arbeit analisiert den Aufbau des Völkerbundes. Sie gibt einen Einblick auf die philosophischen Ursprünge. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt in der Betrachtung eines Mitgliedslandes, Deutschland. Dieses Land hatte spezielle Bürden zu tragen und Vorgaben zu erfüllen, daher wird auf Deutschland ein besonderes Augenmerk gerichtet. Bei der Betrachtung wurde von verschiedenen Fragen ausgegangen: Wie war die zu schaffende Organisation strukturiert? Was waren die Ziele des Völkerbundes und welche Nation oder Persönlichkeit prägte den Gründungsprozeß am intensivsten? Nach dem 1. Weltkrieg muß auch beachtet werden, daß die Spannungen zwischen den Völkern, den ehemaligen Gegnern, immer noch sehr hoch waren. Unter welchen Voraussetzungen trat Deutschland in den Völkerbund ein? Wie wurde das Deutsche Reich vom Völkerbund betrachtet bzw. wie sah und nutzte es die neu geschaffene Institution mittels Kopperation?

2. Literaturangabe

Die vorliegende Arbeit basiert hausächlich auf den nachfolgenden Werken:

Das Buch von F. P. Walters „A History of the League of Nations” bildet hierfür eine wichtige Grundlage, da es ihm in seiner Studie gelang, eine tiefgreifende Studie der Gründung der des Völkerbundes, seiner Schaffensperiode und die Gründe seines Scheitern detailliert offenzulegen.

Das zweite Buch, „Germany and the League of Nation” wurde von Christopher M. Kimmich verfaßt. Er focusiert sich bei seinen Betrachtungen komplett auf die das Verhältnis des Deutschen Reiches zum Völkerbund. Kimmich stellt in seinem Buch die Entwicklung der Beziehungen der Deutschen zum vom Völkerbund in allen Fasteten für dar.

Christine Fraser wählte einen anderen Schwerpunkt ihre Forschungen. Sie orientierten sich bei ihren Untersuchungen auf den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund aus der Genfer Organisation. Christine Fraser schloß dennoch die philosophischen Ursprünge des Völkerbundes sowie die historischen und die diplomatischen Entwicklung in ihre Betrachtungen ein.

Birgit Nickel hat sich bei ihrer Arbeit ebenfalls den Austritt Deutschland aus dem Völkerbund als Schwerpunkt gesetzt („Austritt Deutschland aus dem Völkerbund und seine internationale Resonanz“). Sie bezieht sich stärker auf das Thema, so daß kaum Informationen zur Vorgeschichte des Völkerbundes genannt werden. Die Diplomarbeit muß außerdem mit Vorsicht gelesen werden, da die ’kommunistische’ Geschichtsschreibung deutlich erkennbar ist. Einige Wertungen sind daher ungewiß.

Das letzte Buch wurde von Walter Poeggell verfaßt. Seine Darstellung und Beschreibung des Völkerbundes erleichtern das Verständnis für das Funktionieren der Organisation. Durch das zur Bereitstellen der Völkerbundsatzung und des Briand-Kellogg-Vertrages wurde die Analyse wesentlich vereinfacht.

3. Geistige und philosophische Grundlagen des Völkerbundes

Einer der vielen allgegenwärtigen Faktoren in der Geschichte der Menschheit ist - der Krieg und die mit ihm in Verbindung stehenden Begleiterscheinungen, Hunger, Tod, Krankheit und Zerstörung.

Der Krieg wurde konstant als Mittel eingesetzt, um politische Ziele und Machtinteressen der Staaten, Könige und Fürsten zu erreichen. Wie integriert das Mittel des Krieges bereits in den Anfängen der ersten Hochkulturen war, zeigt der Ausspruch des griechischen Philosophen Heraklit, welcher sagte, daß der Krieg, „der Vater aller Dinge“ sei.[3] Bereits die Griechen unternahmen jedoch Versuche, den Frieden zwischen den Stadtstaaten und Königreichen auf verschiedenen Wegen zu sichern. In ihrem Glauben und Vorstellungen sahen sie den Kosmos als Abbild des Friedens. Folglich waren sie bestrebt, ein Gleichgewicht zwischen den einzelnen Staaten zu schaffen, um die Ursachen für kommende Konflikte zu vermeiden. Diese Idee integrierte sich in das zukünftige Denken. Ein zweiter Versuch militärische Streitigkeiten zu unterbinden, war die Festlegung von zeitlich begrenzten Friedensperioden, z. B. während der Olympischen Spiele. Solange diese Wettkämpfe stattfanden, war es allen kriegführenden Parteien untersagt, Sportler zu den Spielen zu entsenden.[4]

Im Mittelalter spaltete sich die Hoffnung nach Frieden auf die beiden Mächte, die über die politische Kontrolle verfügten. Man suchte Schutz bei der geistlichen Macht des Papstes oder den weltlichen Rechten des Kaisers. Aber beide Pole konkurrierten miteinander, welche die Herrschaft über den Anderen besitze.

An der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit wurden in Europa Überlegungen zur Schaffung und Organisation des Friedens entwickelt. Mit jedem Krieg begriffen die Menschen erneut, wie notwendig die Schaffung einer machtvollen Institution ist, die befähigt wäre, den Frieden zu erhalten. Während des dreißigjährigen Krieges und den damit verbundenen Verwüstungen innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und Europas gewann die Forderung zu einer Struktur, mit deren Hilfe man den Frieden organisieren könnte, an Bedeutung. Mit dem nachfolgenden Westfälischen Frieden wurde eine Vielzahl von kleinen souveränen Fürstentümern geschaffen. Insgesamt fand eine Neuordnung Europas statt. Die Folge war jedoch, daß die dezentral organisierten Fürsten bestrebt waren, ihre Landesgrenzen und neugewonnenen Rechte zu verteidigen. Daher kam es in den darauffolgenden Jahrzehnten häufig zu Kriegen, um die Neuordnung der Plätze im hierarchischen Prinzip der Fürsten entsprechend der Herrscher zu gestallten. Diese Entwicklung verlief parallel zur Diskussion und unterstütze den Diskussionsverlauf, so daß er somit nie an Aktualität verlor.

Der französische Herzog von Sulley, der einen Ministerposten unter Heinrich IV. ausübte, entwarf den Plan (Grand Dessein), einer Förderation bestehend aus allen christlichen Staaten Europas. Diese Union sollte jedoch von Frankreich als Hegemonialmacht geleitet werden.[5] Die Überlegungen wurden erweitert durch zusätzliche Schriften, die in Frankreich veröffentlich wurden. Emeric Crucé und Abbé de Saint-Pierre versuchten, in ihren Werken Vorschläge für die Herstellung und Sicherung des Friedens zu unterbreiten. Ihre Modelle begrenzten sich schon nicht mehr auf Europa. William Penn verfaßte eine Schrift mit dem Titel „Ein Entwurf zum gegenwärtigen und zukünftigen Frieden von Europa durch die Schaffung eines Reichstages, Parlamentes oder von Reichsständen“.[6] Die Veröffentlichung erfolgte anonym. Bereits aus dem Titel werden die Ziele von Penn ersichtlich. Er orientierte sich mit seinen Entwürfen am britischen Unterhaus. Bereits bei Penn werden spätere Merkmale des Völkerbundes deutlich. Jeder Abgeordnete vertritt ein Mitgliedsland. Auf diesem Staatenkongreß („Society of Nations“) sollten die Konflikte und Probleme auf friedlichem Wege gelöst werden. Er müßte über zusätzliche Rechte verfügen, um gegen Mitglieder, die gegen die Regeln des Staatenbundes verstießen, vorgehen zu können.

Den umfassensten Beitrag zu diesem Thema lieferte Emanuel Kant mit seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“. Auch er fordert den Zusammenschluß der souveränen Staaten zu einem Staatenbund oder einer Föderation, um Differenzen und Konflikte friedlich auf der Basis eines Konsenses lösen zu können. Anders als Sulley empfiehlt Kant, daß der Bund von keinem Staat geleitet werden sollte. Als zweite Bedingung nennt er, daß „alle Staaten ihrer inneren Verfassung nach entsprechen, was man heute als liberale Demokratie bezeichnet.“[7] Es ist anzunehmen, daß Kant meinte, in demokratisch strukturierten Staaten, wäre die Bevölkerung in der Lage, die militärischen Auseinandersetzungen zu unterbinden, weil sie die politische Macht besitzt und die größten Opfer dieser Konflikte zu tragen habe.

Den dritten Schwerpunkt legt Kant auf die Entstehung eines Völkerrechtes. Aus diesem soll sich u. a. ein ausgeglichener Handel mit respektablen und erfüllbaren Forderungen für die Nachbarstaaten entwickeln. Aufgrund des Handels sollen sich die Länder stärker miteinander vernetzten, so daß eine gegenseitige Abhängigkeit entsteht, die das Führen von Kriegen für längere Zeiträume quasi unmöglich macht.[8] Wegen des Handels und der somit ermöglichten, beginnenden Globalisierung ist das Führen von autarken Staaten ebenfalls unrentabel.

Nach den Jahrzehnten der Kriege, die Europa unter der Herrschaft Napoleons gelitten hatte, sammelten sich die europäischen Mächte zum Wiener Kongreß, um die Territorien und Bündnisse zwischen den Staaten neu zugestalten. Der Wiener Kongreß gilt als ein Vorläufer einer internationalen Organisation. Die europäischen Großmächte und Fürsten waren bestrebt, den unter großem Aufwand errungenen Frieden für einen längeren Zeitraum mittels verschiedener Koalitionssysteme zu sichern. Weiterhin wurden u. a. Absprachen über „die Unterbindung des Sklavenhandels [in Europa], Bekämpfung der Piraterie, Verbesserung der Flußschiffahrt“[9] getroffen. Zusätzlich wurde begonnen, wechselseitig Konsulate in den Fürstentümern zu errichten, um mögliche Konflikte auf diplomatischem Wege verhandeln zu können.[10]

Im 19. Jahrhundert bildeten sich vor allem in Großbritannien und den USA Nichtregierungsorganisationen, die sich für das Ziel einsetzten, intensiv für die Wahrung und Umsetzung des Frieden einzutreten. Die Verwirklichung ihres Vorhabens wurde auf internationalen Kongressen besprochen. Die Nichtregierungsorganisationen stellten sich unterschiedliche Aufgaben, z. B. „Abrüstung, Kodifizierung des Völkerrechtes oder der inneren Schiedsgerichtsbarkeit“.[11] Aufgrund des zeitgenössischen Militarismus, der die Stimmung und die Entwicklung der Epoche prägte, wurde diese „Bewegung“ belächelt. Sie gewannen an Bedeutung, als Zar Nikolaus II. sich für ihre Ideen einsetzte und ihnen Unterstützung zukommen ließ. Die Bemühungen endeten in den Haager Konferenzen, die in den Jahren 1899 und 1907 stattfanden. Auf ihnen wurde „die erste umfassende Kodifizierung des humanitären Kriegsvölkerrechts (Haager Landkriegsordnung)“[12] beschlossen. Sie schuf weiterhin einen ständigen Gerichtshof, an den sich alle Parteien wenden konnten. Die Anrufung des Gerichtes und die Umsetzung des Urteils waren jedoch abhängig vom Willen der einzelnen Parteien bzw. vom Ausgang des Konfliktes.[13]

Die Haager Konferenzen führten zu einer Zivilisierung der internationalen Kriegsführung, welche man den Offizieren und Soldaten bei ihrer Ausbildung nur sehr unpräzise beschrieben hatte. Jetzt war das Handeln des einzelnen Soldaten nach einem allgemein gültigen Maßstab für beide Seiten bewert- und einklagbar geworden. Ein Mangel innerhalb dieses Systems blieb die fehlende Institution, die ermächtigt war, das Urteil neutral umzusetzen.

4. Der Völkerbund

4.1. Gründung und Zielsetzung des Völkerbundes

Die Ideen des Völkerbundes wurden bereits während des 1. Weltkrieges vom amerikanischen

Präsidenten, Woodrow Wilson, entwickelt. Er präsentierte seinen Vorschlag am 8. Januar 1918 vor dem amerikanischen Kongreß in Form des 14-Punkte-Programms. Großbritannien wurde am 20. März 1918 über die Planungen und Vorschläge in Kenntnis gesetzt. Wilsons Ideen basierten u. a. auf den Vorstellungen von Kant und stimmten mit dessen Überlegungen überein Auch Kant fordert in seinen Schriften (Zum ewigen Frieden), den Krieg als Weg der Rechtsfindung auszuschließen.[14]

Woodrow Wilson war bestrebt, einen „Völkerbund“ zu schaffen, um eine friedliche Schlichtung von Problemen zu gewährleisten. Zu seinen vier Gründungsbedingungen für den Aufbau eines Völkerbundes zählten: „Recht, Gleichberechtigung aller, Frieden ohne Sieg und die Garantie des Friedensschlusses.“[15]

Der Völkerbund sollte zudem mit einer Gerichtsbarkeit ausgestattet sein, die auf Friedensverträge beruht.[16] Damit der Völkerbund erfolgreich agieren könne, verlangte Wilson bereits vorausschauend, einen ’Frieden ohne Sieg’. Er war bemüht, die existierenden Konfliktpotentiale zwischen den europäischen Völkern zu glätten. Weiterhin sollte der Normalitätszustand schnell wieder zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern einkehren, um die Wunden des Krieges unter den Staaten zu heilen.[17]

Erst der Eintritt der USA in den 1. Weltkrieg führte zu dessen militärischer Entscheidung. Die Vereinigten Staaten stellten sich auf die Seite der Tripel-Entente. Sie gaben an, daß sie dem Krieg beitraten, um für die Ideale der Demokratie einzutreten. Es muß jedoch auch berücksichtigt werden, daß das Deutsche Reich mit den Bolschewisten den Siegfrieden von Bresk-Litowsk geschlossen hatte und nun einen Großteil seiner Streitkräfte nach Westen wandte.[18] Die USA sahen sich aufgrund der an Frankreich und Großbritannien vergebenen Kredite wirtschaftlich gefährdet.

Mit dem Kriegsverlauf und der eingenommenen Rolle als Entscheidungsbringer stieg das Ansehen der USA. Sie rückten in den Kreis der Weltmächte auf.[19] Die Entwicklung eines neuen, funktionierenden Staatenbundes blieb folglich, so meint Hermann Weber, den USA vorbehalten. Wilsons Forderungen orientieren sich an den notwendigen Neuerungen der internationalen Politik.

Wilson wollte „die Einrichtung eines Rechtszustandes in den internationalen Beziehungen“.[20] Die USA erhofften sich auf diesem Wege, die Konflikte und Streitigkeiten mittels eines friedlichen Konsenses zu lösen. Die militärischen Auseinandersetzungen würden in diesem Rahmen erheblich eingegrenzt. Die Politik Wilsons war angesichts der Ereignisse des 1. Weltkrieges auf eine friedliche Neugestaltung ausgerichtet.

Wilson erwog, die Geheimdiplomatie abzuschaffen.[21] Auf diesem Wege beabsichtigte er, Geheimverträge und nachfolgende „Komplott- und Verschwörerdiplomatien“[22] zu umgehen bzw. ganz abzuschaffen. Er strebte danach, die internationale Diplomatie auf Kongressen umzusetzen, um das Bedrohungspotential erheblich zu senken.

Ein zweites Ziel, das Wilson vertrat, war die Umsetzung und Gewährleistung politischer Autonomie und territorialer Freiheiten aller Staaten. Die anvisierten Ziele werden u. a. am Beispiel von Polen deutlich. Wilson gewährte Polen einen eigenständigen Zugang zur Ostsee, um sich von der deutschen Abhängigkeit zu lösen und gleichberechtigter mit den anderen europäischen Staaten verhandeln zu können.

Diese Zielsetzung verbindet sich mit dem Streben nach Selbstbestimmung, die das Handeln der Menschen prägt. Nur wenn der Staatsbürger mit den Entscheidungen seiner Regierung einverstanden ist, so schlußfolgerte auch Kant, ist auch das Handeln der Regierung moralisch.[23] Diese Überlegungen waren jedoch nicht immer umsetzbar, da z. B. alle beteiligten Völker des 1. Weltkrieges mit Begeisterung in den Krieg zogen. Die Stimmen der Mahner und Skeptiker waren gering und blieben ungehört.

Die USA versuchten, bei der Neuordnung und Neugestaltung ein Gleichgewicht zwischen den Staaten zu bilden. Dieses Gleichgewicht sollte sowohl wirtschaftliche als auch politische Aspekte umfassen. Wilson war deshalb bestrebt, daß diese Neuordnung auf dem „Frieden ohne Sieg“ beruhen sollte. Es war beabsichtigt, den Mittelmächten und dem ehemaligem Rußland den sofortigen Beitritt zum Bündnis zu gewähren. Die USA waren vorausschauend, da ihr Konzept auf einen Ausgleich zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern gerichtet war. Sie erkannten, daß ein „Siegfrieden“ nur das Rachepotential für kommende Konflikte legen würde.

Als logische Konsequenz des 1. Weltkrieges schlug Wilson die Abrüstung der Einzelstaaten vor. Es war ebenfalls geplant, auf diesem Wege der Militarisierung der vergangenen Jahrzehnte ein striktes Ende zu setzen. Zum anderen war es vorgesehen, die Kriegsrüstung zu verbieten.[24] Der Völkerbund sollte auch, die Aufgabe der Grenzsicherung wahrnehmen. Bei Anbahnung von militärischen Auseinandersetzungen oder Konflikten sollte der Völkerbund versuchen, mit Hilfe von Boykottmaßnahmen seiner Mitglieder eine friedliche Lösung auf Konsensbasis zu erzielen.[25]

Außerdem sollte entsprechend Wilsons Vorschlag zum Versicht auf die Geheimdiplomatie, eine neue Art der Diplomatie eingeführt werden. Die gesetzten Ziele sollten auf künftigen Konferenzen diskutiert, verhandelt und auf Konsensbasis verabschiedet werden.[26]

Verschiedene Ziele und Forderungen konnten die USA in die Satzung des Völkerbundes integrieren. Der Völkerbund setzte sich das Ziel, „die Zusammenarbeit unter den Nationen zu fördern sowie Frieden und Sicherheit zu gewährleisten“[27]. Dieses Primärziel konnte jedoch nur verwirklicht werden, wenn alle Mitgliedsstaaten sich an die nachfolgenden Auflagen und Optionen hielten. Diese Ziele sollten mit Hilfe gegenseitiger Verträge und Garantieerklärungen erreicht werden. Die Mitglieder schworen beim Betritt, daß keine Kriege zu führen. Sie bekannten sich außerdem dazu, das internationale Recht und Völkerrecht einzuhalten. Um die Stabilität des Friedens zu gewährleisten, verpflichteten sie ihre internationalen Kontrakte vertragsgerecht auszuführen und einzuhalten.[28]

4.2. Aufbau und Struktur des Völkerbundes

Die Satzung des Völkerbundes basierte auf den Vorschlägen der USA. Sie wurde auf der Ver- sailler Konferenz ausgearbeitet und in die Pariser Vorortsverträge integriert und unterzeichnet. Die Völkerbund-Akte trat am 20. Januar 1920 in Kraft.[29]

[...]


[1] Vgl. Poeggel, Walter: Der Völkerbund. Als zwischenstaatlichen Organisation für den Weltfrieden und die Haltung Deutschlands, Leipzig 1995, S. 5. (Texte zur polischen Bildung, Heft 20)

[2] Auf die Entwicklung und Inhalte wird im nachfolgenden Kapitel näher eingegangen.

[3] Vgl. Unser, Günther: Die UNO. Aufgaben und Struktur der Vereinten Nationen, 6. Aufl., München 1997, S. 2.

[4] Vgl. ebenda.

[5] Vgl. Unser, Günther, 1997, 6 S. 3.

[6] Ebenda.

[7] Blätte, Andreas: Geschichte, Struktur und Gegenwart der Vereinten Nationen. In: Die Vereinten Nationen. Entwicklung Aktivitäten Perspektiven, Herz, Dietmar/Jetzlsprenger, Christian/Schattenmann, Marc (Hrsg.), Frankfurt a. M. 2002, S. 14.

[8] Vgl. Blätte, Andreas, S. 14.

[9] Ritterberger, Volker/Zangl, Bernhard: Internationale Organisationen – Politik und Geschichte. Europäische und weltweite internationale Zusammenschlüsse, 3. überarbeitete Aufl., Opladen 2003, S. 50 f.

[10] Vgl. ebenda.

[11] Blätte, Andreas, S. 14.

[12] Ritterberger, Volker/Zangl, Bernhard, 3 S. 52.

[13] Vgl. ebenda.

[14] Vgl. Kant, Immanuel: Zum ewigen Frieden. Berlin 1984, S. 7 ff.

[15] Fraser, Christine, Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund, seine Vorgeschichte und sein Nachwirken. Bonn 1969. S. 17.

[16] Vgl. Poeggel, Walter, S.13.

[17] Vgl. Winkler, Heinrich August: Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte 1806-1933, Bonn 2002, S. 360 f.

[18] Vgl. Moess, Walter: Organisierter Friede. Vom Völkerbund zu den Vereinten Nationen, Ein didaktischer Entwurf, Osnabrück 1971, S. 39.

[19] Vgl. Weber, Hermann: Vom Völkerbund zu den Vereinten Nationen. Bonn 1987, S. 17.

[20] Beestermöller, Gerhard: Die Völkerbundidee. Leistungsfähigkeit und Grenzen der Kriegsächtung durch Staatensolidarität, Stuttgart/Berlin/Köln 1995, S. 112.

[21] s.h Punkt 1 des 14 Punkte Programms

[22] Weber, Hermann, S. 17.

[23] Vgl. Beestermöller, Gerhard, S. 13.

[24] Dies ist einer der Faktoren, die bei der Analyse der deutschen Blitzkriege miteinbezogen werden muß. Alle Mitgliedsstaaten des Völkerbundes rüsteten ab. Nur das Deutsche Reich unter Hitler rüstete heimlich auf.

[25] Vgl. Weber, Hermann, S. 17 f.

[26] Vgl. Art. 8 der Völkerbundsatzung.

[27] Präambel der Völkerbundsatzung

[28] Vgl. Präambel der Völkerbundsatzung

[29] Vgl. Nickel, Birgit: Austritt Deutschland aus dem Völkerbund und seine internationale Resonanz. Rostock 1985, S. 5.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Der Völkerbund: Zentrale Ziele und Arbeitsweisen am Beispiel von Deutschland
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
31
Katalognummer
V73477
ISBN (eBook)
9783638783675
ISBN (Buch)
9783638794336
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Völkerbund, Zentrale, Ziele, Arbeitsweisen, Beispiel, Deutschland
Arbeit zitieren
B. A. Daniel Kötzing (Autor), 2005, Der Völkerbund: Zentrale Ziele und Arbeitsweisen am Beispiel von Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73477

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