Bei der Lektüre von Erich Kästners Fabian begegnen dem Leser bemerkenswert häufig Texte im Text. Fabian und Labude als ausgebildete Literaturwissenschaftler sind schon erste Indizien dafür, dass dieses Phänomen eine nicht unerhebliche Funktion in der Diegese einnimmt. Dadurch stellt sich die Frage, auf was diese Texte und insbesondere die Briefe verweisen. Die Fragestellung, die in dieser Arbeit untersucht werden soll, bezieht sich auf diesen Verweis. Es soll erörtert werden, inwieweit diese Binnentexte die Konzeptionen der Neuen Sachlichkeit unterlaufen und ob sie einen Gegenpol zu der Welt bilden, in welcher Fabian sich bewegt. Während der Bedeutung des Mediums Zeitung und der Werbung im Hinblick auf die Neue Sachlichkeit in der Fabianforschung etwa von Volker Klotz, Britta Jürgs oder Egon Schwarz durchaus Beachtung geschenkt wird, werden die Briefe als Binnentexte kaum auf ihre Wirkung und Funktion in diesem Roman untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Kaltes Wasser, warme Texte
2. Das Dilemma
2.1 Neusachliche Elemente
2.2 Der Flaneur in traumhafter Realität
3. Text im Text
3.1 Zeitung, Werbung, Benjamin
3.2 Obsolete Briefe
3.3 Lessing auf dem Obduktionstisch
4. Evasion der Binnentexte
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktion und Wirkung von Binnentexten, insbesondere von Briefen, in Erich Kästners Roman „Fabian“. Dabei wird analysiert, inwiefern diese Texte die Konzeptionen der Neuen Sachlichkeit unterlaufen und einen bewussten Gegenpol zur amoralischen Welt des Protagonisten Fabian bilden, indem sie auf Diskurse der Aufklärung und Romantik verweisen.
- Analyse der neusachlichen Stilelemente im Roman
- Untersuchung der Rolle von Briefen als anachronistische Binnentexte
- Konfliktanalyse zwischen Fabians Moralismus und der Realität der 30er Jahre
- Diskursanalyse zu Zeitungsmedien und Werbepraxis
- Intertextuelle Bezüge zur Aufklärung und zum Künstlerroman
Auszug aus dem Buch
3.2 Obsolete Briefe
An zentralen Stellen des Romans begleiten Briefe den Handlungsverlauf. Wie schon in der Einleitung erwähnt, wirkt diese Tatsache vor dem Hintergrund des Verfalls der Briefform zu dieser Zeit zunächst seltsam. Allerdings verweist der Brief für sich in ähnlicher Weise auf das achtzehnte Jahrhundert wie das Stilmittel der Groteske auf die Romantik. Vor allem die Briefe von Frauen waren für die Entwicklung des Romans zu dieser Zeit wichtig. Wenn also im Text Briefe von Fabians Mutter oder Cornelia Blattenberg auftauchen, eröffnen sie immer auch den Konnotationshorizont zur Zeit der Aufklärung, in der das Briefschreiben die einzige schriftliche Aktivität war, die Frauen zugestanden wurde. Zunächst soll der Brief von Frau Fabian im vierten Kapitel betrachtet werden. Er ist, wie alle Briefe in Fabian, im dramatischen Modus als Binnentext in den Roman eingebunden.
Kurz vorher evoziert der Text ein äußerst kaltes Bild der Großstadtrealität. „Der Straßenlärm trommelte wie ein Regenguß an die Scheiben. In der dritten Etage übte jemand Klavier. Nebenan schrie […]“ Dadurch wirkt die Anrede „Mein lieber, guter Junge!“ dieser Realität diametral entgegengesetzt. Der Brief erhält den Gestus der Invasion. Wenn man bei der neusachlichen Bipolarität der Begriffe Warm und Kalt bleibt, kann man sagen, dass mit dieser mütterlichen Anrede eine Art warme Gegenwelt in den Text einbricht. So scheint es auch kein Zufall zu sein, dass gerade mit diesem Brief auch Fabians Freund Labude in den Roman eingeführt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Kaltes Wasser, warme Texte: Einleitung in die Fragestellung, wie Binnentexte und Briefe als literarisches Phänomen in Kästners Roman fungieren und Fabians moralische Dilemmata spiegeln.
2. Das Dilemma: Erörterung der Spannung zwischen Fabians moralischer Haltung und der modernen, neusachlichen Welt, wobei Labude als komplementäre Figur analysiert wird.
2.1 Neusachliche Elemente: Analyse der gesellschaftlichen Entfremdung, des Verkehrsdiskurses und des Ökonomiediskurses als typische Motive der Neuen Sachlichkeit im Roman.
2.2 Der Flaneur in traumhafter Realität: Untersuchung der Figur Fabians als moderner Flaneur, der sich im Kontrast zur Realität an überlieferten moralischen Werten orientiert und dabei anachronistisch wirkt.
3. Text im Text: Untersuchung der Medien von Text im Roman vor dem Hintergrund des zeitgenössischen Textdiskurses der 20er und 30er Jahre.
3.1 Zeitung, Werbung, Benjamin: Analyse der Funktion von Zeitungen und Werbung, die im Roman einerseits als Wirklichkeitsmedium dienen, andererseits aber kritisch hinterfragt werden.
3.2 Obsolete Briefe: Untersuchung der Briefe von Fabians Mutter und Cornelia als Mittel zur Erzeugung einer Gegenwelt und als Rückbezug auf die aufklärerische Briefkultur.
3.3 Lessing auf dem Obduktionstisch: Analyse von Labudes Suizid in Bezug auf sein wissenschaftliches Scheitern bei der Untersuchung von Gotthold Ephraim Lessing.
4. Evasion der Binnentexte: Fazit, dass die Briefe als Evasionsmechanismus in die Vergangenheit fungieren und den zentralen Konflikt des Romans zwischen Realität und Moral konstituieren.
Schlüsselwörter
Erich Kästner, Fabian, Neue Sachlichkeit, Binnentexte, Aufklärung, Briefkultur, Moralismus, Technikdiskurs, Ökonomiediskurs, Moderne, Entfremdung, Intertextualität, Zeitroman, Groteske, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Funktion von Binnentexten, primär Briefen, in Erich Kästners Roman „Fabian“ und deren Rolle bei der Konstruktion des Konflikts zwischen individueller Moral und gesellschaftlicher Realität.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Dilemma zwischen moralischer Haltung und neusachlicher Realität, die Bedeutung der Medien Zeitung und Werbung sowie die intertextuellen Bezüge zur Aufklärung und Romantik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Briefe als anachronistische Binnentexte den Roman strukturieren und eine kritische Gegenposition zum neusachlichen Diskurs einnehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die auf einer Textdiskursanalyse basiert und den Roman in den Kontext zeitgenössischer gesellschaftlicher und literarischer Diskurse stellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die neusachlichen Elemente (Verkehr, Ökonomie), die Figur des Flaneurs, den Diskurs über Zeitungen und Werbung sowie eine detaillierte Auswertung der Briefmotive und der intertextuellen Bezüge zu Gotthold Ephraim Lessing.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Neue Sachlichkeit, Fabian, Moralismus, Binnentexte, Briefkultur, Aufklärung und Entfremdung.
Wie unterscheidet sich der Brief der Mutter von Fabians Kündigungsschreiben?
Der Brief der Mutter vermittelt Intimität und eine „warme Gegenwelt“ im Sinne der traditionellen Briefkultur, während das Kündigungsschreiben durch unpersönliche Floskeln als Instrument der Rationalisierung der modernen Sachlichkeit erscheint.
Warum spielt der Bezug zu Lessing eine zentrale Rolle für die Figur Labude?
Der Bezug zu Lessing verdeutlicht Labudes intellektuelles Scheitern, da er versucht, den klassischen Vertreter der Aufklärung mit den Methoden der Moderne zu dekonstruieren, was ihn als „fragilen Intellektuellen“ entlarvt.
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- Jan-Henning Sommer (Author), 2007, Warme Texte. Textdiskurs in Erich Kästners "Fabian", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73550