Der Jahreskreis - Heidnische Aspekte und Symbolik in zwischen Christentum und Heidentum gelagerten bäuerlichen Ritualen auf ehemals germanischem und heute deutschem Gebiet


Seminararbeit, 2006
14 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Winterbräuche

3. Frühjahrsbräuche

4. Sommerbräuche

5. Herbstbräuche

6. Fazit

7. Literatur- und Quellennachweis

1. Einleitung

„In unserer heidnischen Mythologie treten Vorstellungen, deren das menschliche Herz hauptsächlich bedarf, an denen es sich aufrecht erhält, stark und rein hervor.“

(Jacob Grimm, Deutsche Mythologie, Bd. I, Wiesbaden 1992, S. XXXVI)

Das (ur-)alte wie neuere Bauerntum hat und hatte stets berufsbedingt einen starken Bezug zur Natur, von der und mit der es lebt und sich nährt. Es verehrt dahingehend aus sich heraus auch stets die „Grosse Mutter Erde“, wie es allen heidnischen Völkern gleich ist, und wie selbst Tacitus bemerkte[1], der in seiner „germania“ die subjektive Betrachtung der heidnischen Völker nicht nur als Kritik an Rom nutzte[2], sondern der „die schlimmste Gefahr nicht so sehr in deren [der Germanen, Anm. d. V.] Leibeskraft und Tapferkeit, als in deren Freiheitsliebe, Sittenreinheit und Glaubensstärke“[3] sah. Nach Grimm setzt sich diese Verehrung der All-Mutter bis heute in den Marienkult der katholischen Kirche hin fort[4], ebenso wie in der heutigen katholischen Heiligenverehrung noch der polytheistische Heidenglaube erkennbar ist.[5]

Verallgemeinernd lässt sich sagen, dass der germanischstämmige Bauer eher der (Heils-)Kraft der Natur, im engeren Sinne aber dem naturnahen, nicht strafenden Göttergeschlechte der Wanen, die in der Edda[6] als von älterem Ursprung, als volkstümlicher und bäuerlicher beschrieben werden, vertraute, im Gegensatz zu den germanischen Kriegern, die den Asenglauben hervorhoben: „alle helden gehen in Woutans [Odin, Gott des Wissens, Suchens und Wanderns, des Krieges, des Todes und der Runen, Anm. d. V.[7] ] himmel, das volk kehrt zu Donar [Thor, Gott der Bauern, Beschützer der gemeinschaft und des Landes, Gott des Donners, Anm. d. V[8] ] ein: dem edlen, feinen Woutan gegenüber gibt Donar etwas volksmässiges, bäurisches, ungeschlachtes kund. er scheint die uralte, im verlauf der zeit von einer andern, nahverwandten aber umfassenderen, doch nicht überall zurückgedrängte gottheit.“[9]

Die Christianisierung, mit welcher im heutigen Deutschland das Mittelalter vom 4. bis zum 11. Jahrhundert begann[10] und welche Grimm als unvolksmässig beschreibt, als fremd, als althergebrachte, geliebte Götter, welche geehrt und geliebt wurden, verdrängend[11], brach mit unglaublicher Grausamkeit, „mit feuer und schwert“[12] aus Rom herein und das germanische Volk erfuhr mit ihm die „erschütterndste umwälzung“[13], doch: „in festen des volkes liegt ein so zäher stof, sie sind mit seiner lebensart so eng verwachsen, dass sie sich fremden zusatz gefallen lassen, um doch ein stück der bewährten und geliebten feier zu sichern“[14].

Zwar wandelte das Christentum die Götter in Teufel[15], baute auf heidnischen Plätzen Kirchen, fällte die heiligen Eichen (wie Bonifatius die heilige Donareiche[16] ) und tastete die heiligen Quellen an[17], aber eine Verschmelzung mit dem Heidnischen gelang ihm doch[18].

Die Quellen, die uns Auskunft geben über den heidnischen Glauben, sind trotz römischer und christlicher Schriftsteller, welche „ausser Stande [sind, Anm. d. V.] objektiv, zuverlässig und erschöpfend zu berichten“[19], wenige, es bleiben uns die Sprache und die Mythen[20], die Pflanzen-, Orts- und Monatsnamen[21] und nicht zuletzt die Feste, welche die Missionare entweder „ins Gegenteil verkehrten, oder aber sie übernahmen zunächst einen Brauch scheinbar und werteten ihn dann langsam um“[22]

Jedoch sind bis heute heidnische Aspekte und Symbolik im scheinbar christlichen Jahreskreis festzustellen, und die im Jahreskreis integrierten Rituale kann man daher durchaus für eine äusserst wichtige und lebendige Quelle heidnischen Glaubens halten.[23]

2. Winterbräuche

Nach Golther beginnen die Winterbräuche vor der Herbstgleiche mit einer Totenfeier, und zwar am 1. Oktober: „Widukind weiss von einem Feste der Sachsen am 1. Oktober. Drei Tage lang währte die Feier, die auch dem Andenken der Toten galt. [...] Aber man erkennt leicht, dass es um ein ständiges, auch in christlicher Form fortlebendes Fest sich handelt, das keineswegs aus einem einzelnen Ereigniss (sic) hervorging.“[24]

Auf diese heidnische Festzeit wurde am 9. Juni 813, auf dem von Karl des Grossen veranlassten Konzil, das „Kirchweihfest des Heiligen Michael“ gelegt, im 9. Jahrhundert wurde eine Schutzengelfeier auf diesen Tag verlegt, während sich bis zum 17. Jahrhundert allmählich Allerseelen – zum 2. Oktober – herausbildete.[25]

Es glich sich die zeitnah gelegte christliche der heidnischen Feier dahingehend an, dass bestimmte Speise-, Trank- und Blumenopfer dargebracht werden auf das Wohl der Toten[26], gleichwohl wird mit dem ersten künstlichen Licht dem Ende des natürlichen Lichtes gedacht; brennende Sonnenräder werden am Niederrhein den Berg hinunterollt.[27] St. Michael, Allerheiligen und Allerseelen entspringen ergo eindeutig dem heidnischen Glauben, die Seelen wanderten in diesen Tagen auf der Erde unter den Lebenden und müssten wohl gestimmt werden.[28]

Vom christlichen St. Martin, dem 11. November an über den Heiligen Nikolaus am 6. Dezember, bis hin zur christlichen Weihnacht und den zwischen der Wintersonnenwende und dem Dreikönigstag gelegenen Zwölf Nächten zieht sich der heidnische Glaube der Wilden Jagd, vor allem aber der Glaube um den „Schimmelreiter“, der Wotan symbolisiert.[29] Zu St. Martin gehören die Attribute des Pferdes, Mantels und Bettlers, die wir auch bei Wotan wiederfinden[30], der, von seinem blauen Mantel umhüllt, nicht nur sein achtfüssiges Pferd Sleipnir reitet, sondern der auch ab und an als einäugiger Wanderer unter den Sterblichen wandelt. Die Gans, ein dem Heiligen Martin zugeschriebenes Tier, finden wir hingegen erst spät an seiner Seite: „Das früheste Zeugnis einer Beziehung des Heiligen zu ihr [der Gans, Anm. d. V.] steht aber erst in den „Annales Corbeienses“, nach denen im Jahre 1177 Othelricus de Swalenberg der Abtei Corvey an seinem Feste eine silberne Gans geschenkt hat.“[31]

[...]


[1] vgl. Grimm, Jacob, Deutsche Mythologie, Bd. I, Wiesbaden 1992, S. 329

[2] vgl. Meyer, Elard Hugo, Mythologie der Germanen, Strassburg 1903, S. 7

[3] ebd., S. 7

[4] vgl. Grimm, Jacob (Anm. 1), S. XXVIII f.

[5] vgl. ebd., S. XXXIX

[6] vgl. Genzmer, Felix (Übertr.), Die Edda, Düsseldorf / Köln, 1933

[7] vgl. Grimm, Jacob (Anm. 1), S. 109 ff

[8] vgl. ebd., S. 138 ff

[9] ebd. S. XV

[10] vgl. ebd., S. 7

[11] vgl. ebd., S. 3

[12] ebd., S. 4

[13] ebd., S. XIX

[14] ebd., S. XXVI

[15] vgl. ebd., S. XXVIII

[16] vgl. Damböck, Michael, Das deutsche Jahr in Brauchtum, Sage und Mythologie: Feste und Feiern im Jahreslauf, Ardagger 1990, S. 27

[17] vgl. Grimm, Jacob (Anm. 1), S. 5

[18] vgl. ebd., S. 6, ebenso Damböck, Michael (Anm. 16), S. 2 ff

[19] Golther, Wolfgang, Handbuch der Germanischen Mythologie, Stuttgart 1908

[20] vgl. Grimm, Jacob (Anm. 1), S. XI, S. XXXVIII

[21] vgl. Damböck, Michael (Anm. 16), S. 106

[22] ebd., S. 27

[23] vgl. ebd., S. 27, auch Grimm, Jacob (Anm. 1), S. 35

[24] Golther, Wolfgang (Anm. 19), S. 586 f.

[25] vgl. Damböck, Michael (Anm. 16), S. 55 f.

[26] vgl. ebd., S. 55 f.

[27] vgl. ebd., S. 56

[28] vgl. ebd., S. 56, auch Meyer, Elard Hugo (Anm. 2), S. 120 f.,

[29] vgl. Grimm, Jacob (Anm. 1), S. 129

[30] vgl. ebd., S. 121 ff

[31] Damböck, Michael (Anm. 16), S. 72

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Jahreskreis - Heidnische Aspekte und Symbolik in zwischen Christentum und Heidentum gelagerten bäuerlichen Ritualen auf ehemals germanischem und heute deutschem Gebiet
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Mittelalterliche Geschichte)
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V73560
ISBN (eBook)
9783638636032
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jahreskreis, Heidnische, Aspekte, Symbolik, Christentum, Heidentum, Ritualen, Gebiet
Arbeit zitieren
Anne S. Respondek (Autor), 2006, Der Jahreskreis - Heidnische Aspekte und Symbolik in zwischen Christentum und Heidentum gelagerten bäuerlichen Ritualen auf ehemals germanischem und heute deutschem Gebiet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73560

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